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Im Leben von uns Alpinisten gibt es definitiv angenehmeren Gesprächsstoff als die Bergtoten. Aber ist wegschauen und ignorieren eine Alternative? 18 Personen kamen in den vergangen zwei Wochen in den Schweizer und französischen Alpen ums Leben. Alleine im Mont-Blanc-Massiv fielen neun Personen einem Schneebrett zum Opfer, zwei weitere Personen erfroren in 4400 Meter Höhe. Ein paar Fakten, Zitate, Gedanken, Fragen:
Auf den Mont Blanc wie zum Gummihüpfen?
Als höchster Berg der Alpen strahlt der Mont Blanc eine magische Anziehung auf Menschen aus. Jedes Jahr versuchen 20’000 Personen, den 4810 Meter hohen Gipfel zu erreichen. In der Hochsaison bis zu 500 pro Tag. «Heute machen sich viele an den Mont-Blanc-Aufstieg à la carte, als ob sie zum Gummihüpfen gingen», kritisiert etwa der französische Bergsteigerverband. Einen fünftägigen Schnupperkurs mit anschliessender Mont-Blanc-Besteigung gebe es schon für um die 1000 Euro. Als Voraussetzung werde in der Regel nur eine gute körperliche Verfassung gefordert, schrieb die Zeitung «Le Parisien».
«Restrisiko» am Mont Blanc
Um dem Massentourismus entlang der Normalroute auszuweichen, versuchen viele Alpinisten ihr Gipfelglück über andere Wege. Sehr beliebt ist die Besteigung via Mont Blanc du Tacul und Mont-Maudit, an dem es vergangenen Donnerstag zum Unglück kam. Die Lawine riss in einer Breite und Länge von 100 Metern alles weg. Als mögliche Ursache gilt eine 40 Zentimeter dicke Eisplatte, die gebrochen ist und das Schneebrett ausgelöst hat. Unklar ist, ob sie von einem Alpinisten losgetreten worden war. Fahrlässiges Handeln schliessen die Experten aus. Sie sprechen vom «Restrisiko» beim Bergsteigen. Diese Route werde in der Regel von routinierteren Alpinisten begangen, unter den Verschütteten befanden sich auch namhafte Bergsteiger.
Keiner sah das Restrisiko
In den Tagen vor dem Unglück wehte im Mont-Blanc-Massiv starker Wind von bis zu hundert Stundenkilometern, dieser könnte die Schneedecke instabil gemacht haben. Da es keine Gesetzmässigkeiten gebe, seien solche Schneeverfrachtungen auch für erfahrene Bergsteiger nicht vorauszusehen, heisst es. Trotzdem: Bergsteiger hatten bereits in den vergangenen Tagen von Schneebrettern berichtet. Der französische Wetterdienst gab aber keine Lawinenwarnung. 28 Personen sind am Unglücksmorgen vergangene Woche von der Hütte auf dieser Route aufgebrochen, keiner sah das Restrisiko, neun haben nicht überlebt. Es war nicht die erste Lawine am Mont Blanc, die im Sommer mehrere Menschen in den Tod riss.
Risiko Massentourismus?
Der stellvertretende Bürgermeister von Chamonix sagte: «Natürlich gibt es höhere Risiken, wenn viele Menschen im Berg sind.» Und auf die Frage, ob der Massentourismus eine Mitschuld am Drama habe, auch wenn es zum fraglichen Zeitpunkt kein Gedränge gegeben habe: «Na klar: Wäre da niemand gewesen, wäre auch nicht die Eisplatte gebrochen. Die ist von den vielen Leuten strapaziert worden.» Beim zweiten Unglück am Mont Blanc vergangene Woche war eine Achter-Gruppe beteiligt, die in 4400 Meter Höhe von einem Sturm «überrascht» wurde. Zwei von ihnen starben in der Folge an Kälte und Erschöpfung.
Bagatellisieren von Gefahren?
Die Risiken würden oft klein geredet, sagte der Deutsche Abenteurer Arved Fuchs im ZDF-Morgenmagazin. Es sei eine Tendenz, dass sich Abenteuerlustige mit Touren schmücken wollen und dabei ihre eigenen Fähigkeiten nicht ehrlich einschätzen. «Kein Mensch muss auf den Mont Blanc.» Es sei eine bedenkliche Entwicklung zu einer Art Wettbewerb, das Bagatellisieren von Gefahren sei völlig unangebracht. «Die Natur wird degradiert zu einer Art Freizeitpark.»
Der Helikopter landete inmitten von Fäkalien
Ob der Massenalpinismus am Mont Blanc eingegrenzt werden soll, wird in Chamonix und Umgebung seit Jahren diskutiert. Nicht nur wegen der tödlichen Unglücke, sondern vor allem wegen der Verschmutzung, welche die vielen Tausend Personen am «Weissen Berg» zurück lassen. Vor einigen Jahren äusserte sich dazu Jean-Marc Peillex, Bürgermeister der französischen Gemeinde Saint-Gervais. Er schilderte in einem Interview, was er während eines Aufsichtsrundflugs gesehen hatte: «Der Helikopter landete inmitten von Fäkalien. Der Gletscher war vom Urin der Touristen gelb gefärbt.» Die beschränkten Übernachtungsplätze in den wenigen Hütten animieren viele zum wilden Campieren.
Wird die neue, hochmoderne Hütte die Situation entlasten?
Anfang September 2012 soll auf 3835 Meter die neu gebaute «Refuge de Goûter» eröffnet werden – ein futuristisch anmutendes und hochmodernes Bauwerk, das 120 Personen einen warmen Schlafplatz bietet. «Une exception en montagne.» Diese Hütte wird – so darf man annehmen – die Besteigung des Mont Blancs noch attraktiver machen.
Text von Natascha Knecht - Tages Anzeiger am Mittwoch den 18. Juli 2012