Kayak- und Kletterexpeditions-Team durchsteigt gewaltige, bislang unbekannte Wand in Südgrönland

25.08.2016

Silvan Schüpbach, Christian Ledergerber, Fabio Lupo (CH) sowie Jerôme Sullivan und Antoine Moineville (F) verbindet Abenteuerlust und die Bereitschaft, für ein grosses Ziel alles zu geben. Als die fünf Freunde am 21. Juli den Hafen von Aapilatooq in Südgrönland verlassen, haben sie nur geringe Kenntnisse über das, was sie erwarten wird. Das einzige Foto des Berges offenbart nur die obersten 300 Meter und eine Karte Grönlands zeigt das Fehlen jeglicher Zivilisation auf einem Küstenabschnitt von 1500 Kilometern. In sieben Tagen paddelt das Team 170 Kilometer durch Fjorde und über das offene Meer. Starke Strömungen, Wind und grosse Wellen gestalten das Kayaken extrem anspruchsvoll. Die fehlende Kayakerfahrung kompensieren die fünf Abenteurer mit Willen, Besonnenheit und etwas Glück.

Am 27. Juli erreichen sie den Fuss des Berges. Eine lange Zeit der Ungewissheit geht zu Ende, als sich die Westwand des Apostel Tommelfinger in ihrer
ganzen Grösse offenbart. Mit dem Höhenmesser registrieren sie den Wandfuss auf 300 Meter über Meer. Der Gipfel ist gemäss Vermessung 2300 Meter über Meer. Diese Dimensionen übersteigen die Erwartungen deutlich. Als das Team am 29. Juli einsteigt, sind die Säcke mit Essen und Ausrüstung für neun Tage gepackt. Über einen hochziehenden Gletscherarm werden die ersten 300
Meter umgangen. Der Einstieg in die Wand gelingt über einen 120 Meter hohen Hängegletscher. Überhängendes und teilweise loses Eis stellen physisch und psychisch eine grosse Belastungsprobe dar. Da das Team nicht mit so hohen Eisschwierigkeiten gerechnet hat, stehen nur vier Eisschrauben zur Verfügung. Als die Kletterer am Abend endlich den Beginn des Felsteils erreichen, sind sie
erleichtert. Ab dort sind sie nicht mehr durch Stein- und Eisschlag bedroht. In der Folge klettern die fünf weiter im sogenannten Capsule-Stil, d.h. sie bleiben stets in der Wand, nutzen jedoch bis zu 200 Meter Seil, um Seillängen oberhalb der Biwakplätze zu fixieren.

Als das nervenstarke und gut funktionierende Team am 3. Juli den Gipfel erreicht, liegen viele anstrengende Seillängen in Kaminen und teilweise schlechtem Fels, sowie einige durchfrorene Nächte in Hängematten hinter
ihnen. Kurz nach dem Gipfelerfolg beginnt es stark zu schneien und die Riesenwand wird mit einem Eispanzer überzogen. Eine weitere Nacht in nassen Schlafsäcken überstehen die Kletterer, bevor sie nach einem langen Abseiltag endlich wieder ihre Füsse auf ebenen Boden setzen können.

Neben vielen Abseilschlingen und nur einem Bohrhaken hinterlässt das Team 100 Meter Seil, um über den gefährlichen Hängegletscher möglichst schnell abseilen zu können. Die Rückreise mit dem Kayak verlangt den fünf noch einmal alles ab. An einem Tag auf offener See kentert ein Teammitglied dreimal und kann glücklicherweise, wenn auch unterkühlt, von den anderen an die
Küste gebracht werden. Am 13. August erreichen die fünf ihren Ausgangspunkt Aapilatooq.
Diese Expedition ist eine Hommage an die Wildnis und das Abenteuer, welches auch heutzutage gefunden werden kann, wenn man gewillt ist, aus eigener Kraft aufzubrechen.
Fakten zur Route: „Metrophobia“ Apostel Tommelfinger (2300m) Westwand
1700 Höhenmeter, Eis 120°, A2+,7a
Der Routenname Metrophobia hat zwei Bedeutungen. Einserseits erinnerte der Lärm der ständig niederdonnernden Lawinen an das Geräusch einer Metro, andererseits bedarf es für eine solche Expedition einen Zivilisationsüberdruss, welcher das Team in dieses Wort interpretiert.


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