Chronik von Barbara Geiser 27. Juli 2019

Pfad Musenalp-Express 27. Juli 2019. Geführt von Gian Rupf. Sein Gast Fränggi Gehrig, Akkordeonist.

Chronik zum Pfad von Barbara Geiser

Vom Pfad: Niederrickenbach NW – Talboden – Haldigrat – Morschfeld - Musenalp. 27. Juli 2019

Von der Seilbahn emporgetragen nach Niederrickenbach. Maria-Rickenbach im Volksmund. 34 Einwohnerinnen und Einwohner, 15 davon Benediktinerinnen im Kloster. Eine Energiezentrale, ein Kraftort sei der Weiler, ist zu lesen, er biete Stille und Natur.

Kurz vor neun Uhr findet sich das Grüpplein. Verortet sich am voralpinen Hang, auf dem Plätzchen vor der Wallfahrtskirche an diesem sonntäglichen Samstag mit Grau vor Blau und einer unsicheren Prognose. Blicke sind möglich zum Brisen, zum Stanserhorn, zum See in der Ferne. Und hoch zu den Felsen der Musenalp. Wieder ist es der grosse Mann mit Bart und Grammophontrichter, der den Weg weist auf dem Pfad. Zum Grüpplein hat sich ein weiterer Mann gesellt, ein junger, der in seinem schweren Rucksack noch verborgen luftige Klänge in die Berge trägt.

In der Kirche die Muttergottes, die hier einem hohlen Bergahorn anvertraut wurde der Sage nach und nicht mehr wegwollte. Kraftort. An den Wänden wird gelobt und gedankt dicht an dicht. Ex voto, ex voto, ex voto. Amen. Das Akkordeon verklingt sanft in Dur.

Dann zieht das Grüpplein sonnig weg von der Schwere in den Hang hinein. Wird, kaum im eigenen Rhythmus angekommen, gestoppt vom Ruf nach Franz. Der grosse Mann träumt sich mit Kafka einen Ausflug herbei, mit lauter Niemanden will er ins Gebirge. Doch als er anhebt zu Lueget, singen Menschen vo Bärge und Tal, nicht Niemande, lueget vo, bis die Stimmen der Melodie untreu werden und zurück ins Schwatzen fallen und das Grüpplein ins Gehen. Plaudernd zieht es der versprochenen Sesselbahn zu durch die stille Natur, die Augen am Gegenüber oder den dicht über den Blumenwiesen jagenden Mehlschwalben, im Rücken das Stanserhorn schon nebelumkragt. Und wird bald noch einmal angehalten. Von Klängen nun, die der junge Mann aus seinem Akkordeon zieht und stösst, wehmütigen Melodien, die abdriften wie Träume, auf die schiefe Bahn geraten und sicher zurückfinden zur Sehnsucht nach irgendwo, fern von hier. Und sein weisses Akkordeon im Bild, das er schafft, wie er da sitzt zwischen zwei mächtigen Ahornen, findet ein Echo in einem Auto, das weit weg am gegenüberliegenden Hang kurz zwischen Bäumen aufblitzt.

Und wieder ist das Grüpplein in Bewegung. Aus seinen Mündern strömen kraftvoll Wörter, die nichts mit dem zu tun haben, was die Augen sehen oder die Füsse ergehen: Alltag, Maschinengewehre und Kunst am Bau. Bis dass ein geübter Bergsteiger von einem Fels am Wegrand hinab Worte wirft von Ödon von Horvath, der die Leiche eines abgestürzten Ungeübten Postkarten verschicken lässt. Und der Geist des Abgestürzten dringt ein in die Finger des Akkordeonisten, weckt dort einen Blues.

Dann lässt eine ungewohnt spärlich bestückte Sesselbahn das Grüpplein über stotzige Matten, Alpenrosen, Arnika und Kühe schweben auf den Haldigrat, wo der Körper zurückweicht, bevor der Blick auf der anderen Seite des Grats auf dem Talgrund aufschlägt. Dem Brisen zu geht es dann aufwärts. Puls und Atem werden rascher, das Grüpplein zieht sich in die Länge. Von oben tröpfeln Wörter, bringen die ganze Welt auf den Berg. Blick und Füsse halten sich am schmalen Pfad; die Blumen in den Planggen, die Berge am Horizont zeigen sich einzig im Stehenbleiben, der Himmel erst recht. Weisse Schleier schmiegen sich an die Hänge, fransen aus im Höhersteigen. Nordwärts ein Blick zur Musenalp, die Muse war für Othmar Beerlis Express als Sehnsuchtsraum für jugendliche Befindlichkeiten. Weit weg von den Bergen.

Am Lauwistock zeichnet das Akkordeon einen Segen in unsere Ohren, über gehaltenen Bässen tanzt eine Melodie, die erst nicht gehört werden will; wichtiger scheint dem Grüpplein der Austausch von Wörtern, die Bedeutung und Welt tragen oder Alltag. Jüpelidü und Zötteli dra grüsst Uri in Moll; und jetzt wird es stiller. Nur Peter Handke darf noch sinnieren, wie das Kind noch Kind war. Als es auf jedem Berg die Sehnsucht nach dem noch höheren Berg ergriff. Die erwachenden Bilder vom eigenen Kindsein, von selbst erklommenen, verwehrten oder verweigerten Gipfeln grundiert das Akkordeon mit Klängen, die alles in sich tragen. Nebel ziehen hoch aus dem Tal, verbergen, was geschaut werden könnte.

Im Nachklang wünscht sich der grosse Mann Stille. Steil schneidet der Weg durch den Hang abwärts, ein Munggengellen verhallt. Gesehenes und Gehörtes bleibt im Innen. Der Stein unter dem Fuss, der hell an einen anderen schlägt, die sattgelbe Gämswurz auf weissem Fels, die schroffen Kalkflühe, das Grau, das sich nun immer dunkler über den Grat schiebt – was um uns ist, erhält einen Echoraum. Dann gesellen sich Worte hinzu; Worte eines Liebenden: Es ist, was es ist. Erich Fried mitten im Geröll. Und wir: Berge-, Männer- und Frauenliebende.

Jetzt ist Gestein und Gras.
Hier sind Erdkrume und Blüten und Farben.
Kühle Luft ist da, streicht zärtlich über Glieder.
Ein Rhythmus
und manchmal ein Stolpern
über das, was fehlt.
Sind wir jetzt, wo wir sind?

Weiter setzen wir Fuss vor Fuss auf den schmalen Weg, der die Aufmerksamkeit wegzwingt von den Bergen um uns. Akkordeonklänge streichen aus einer Mulde über Felsbrocken, einen letzten Schneefleck. Schmiegen sich an die Berge, beheimaten sich. Die Töne, an den Berg gezeichnet, erhalten immer mehr Nachdruck, das Brummen einer Fliege schiebt eine Dissonanz zwischen Natur und Mensch. Das Grüpplein zieht schweigend vorbei, lauscht berückt den Klängen, die Menschliches ins Unwirtliche tragen.

Gerastet wird nur kurz. Ein Handy hält Kontakt zu den Wettergöttern, die sagen, dass der Regen naht. Und Gewitter wohl über der Energiezentrale. Nur Silvio Huonders Adalina will das Unwetter aussitzen, will nicht weichen von ihrem Johannes. Doch im Grüpplein weiss man um die Gefahren im Gebirge. Will davonkommen. Wenn möglich trocken. Die Wolken sinken schwer über die Musenalp, das Ziel gerät aus dem Blick, während Käsereste und Papiertüten in Rucksäcken verschwinden. Der Abstieg windet sich zwischen hellen Kalkwänden. Wo sich ein kleiner Unterstand auftut, sitzt der junge Mann und atmet mit seinem Akkordeon ein Wälzerchen. Es nimmt unerwartete Cheerli durch die Tonarten. Doch im Grüpplein tanzt niemand aus der Reihe. Es zieht spurtreu talwärts, den bewirtschafteten Alpen zu, der menschgeprägten Landschaft. Galoppierende Rinder hinter Elektrozaun, ein Bagger nagt am Berg. Stille? Natur?

Schwatzend lässt sich die Schar um das Kreuz auf Morschfeld nieder und verstummt vor der Sage des krummen Männleins, das die Menschen nicht mochte, aber die Gämsen sehr. Ein Bauer tritt aus seinem Stall, lehnt am Zaun, lauscht. Und wirft nach dem Totengesang des Akkordeons Wörter in die Stille. Wer wir seien. Wer er ist. Wie die Menschen und das Wetter nicht mehr tun, was sie jahrhundertelang taten. Wie die ganze Welt in die Berge gerät und seine Welt aus den Fugen. Offene Ohren werden mit Wortfetzen gefüllt, mit Muhen und Bimmeln. Bis einer drängt; der Regen.

Der Weg nun solide am Hang. Erdbeeren fallen ins Auge, eine Kabelrolle unter einem Wurzelstock. Der Alltag bleibt bei uns und die Welt. Die Berge liegen hinter uns. Und dann erstes Donnern. Vor uns in der Tiefe besonnt der See, der Blick zurück verliert sich im Dunkelgrau. Tropfen zaubern Pelerinen und Schirme hervor und beschleunigen die Schritte, nun wieder aufwärts. Ein Gädeli nimmt alle auf in seinem dunklen, bergduftenden Schutz. Doch nur kurz, das Ziel ist nah. Im Nachlassen steigt das Grüpplein die letzten Meter auf zur Musenalp, fädelt sich ein um grosse Tische im Beizli, bestellt Bier und Kuchen, schwatzt, geniesst.

Hört dann noch, wie der Musenalp-Express die Schweiz eroberte, und was vor mehr als 20 Jahren aus Nicole, 17, Kantischülerin, oder Pesch, 15, Stift, hinauswollte, hinausmusste aufs Papier. Welchen Schmerz sie hinausschrieben aus ihren jungen Seelen, nach Niederrickenbach schickten zu Beerli per Post, wo er gedruckt wurde hundertausendfach zwischen Anzeigen für Texas-Taschenrechner und Schallplatten. Und dann die Schweizer Jugend tränkte wie der Regen grad die Alp.

Wie sparsam mit Worten dagegen der gestandene Mann, die gestandene Frau im Prättigau, die nach einem langen Leben nebeneinander das Miteinander beschliessen, wie uns der grosse Mann in einer letzten Geschichte erzählt. Die Bergler eben, die müssen nicht viel reden, um viel zu sagen.

 

Das Grüpplein hörte folgende Texte:
Franz Kafka: Der Ausflug ins Gebirge 
Ödön von Horvath: Begegnung in der Wand
Peter Handke: Lied vom Kindsein
Erich Fried: Liebesgedichte
Silvio Huonder, aus Adalina: Es regnet bald
Silvio Hosang: Goldschürferei am Rothorn
Schülertexte aus dem Musenalp-Express 1985–1995
Eine Sage aus dem Prättigau in Dialekt

Was Frauen zu sagen haben zu Bergen, Liebe und Leben, blieb auf den vier Pfaden ohne Echo.

Feedback