Neues immaterielles Kulturerbe Unesco setzt Umgang mit Lawinengefahr auf die Liste

Die Unesco hat entschieden: Neu gilt der „Umgang mit der Lawinengefahr“ als immaterielles Kulturerbe der Menschheit – der SAC hatte sich dafür eingesetzt. Lawinen führten im Alpenraum zu neuen Formen des kollektiven Umgangs mit Risiken, begründet das Bundesamt für Kultur (BAK) den Entscheid. Ein kurzer Abriss über das jahrhundertealte Wissen und wie es auf die Liste der Unesco kommt.

Was haben eine Lawine im hintersten Winkel Patagoniens und eine Lawine oberhalb von Davos gemeinsam? Die Antwort ist: wenig. Ausser der Lawine selber. Denn während Patagonien sehr dünn besiedelt ist und eine Lawine selten grossen Schaden anrichtet, ist die Situation in der Schweiz anders. Im Verhältnis zu vielen anderen Ländern sind die Bergtäler hierzulande sehr dicht besiedelt.  

Seit Menschen die Alpen durchqueren, sich dort niederlassen oder sich als Touristen darin bewegen – Lawinen sind seit jeher eine allgegenwärtige Gefahr für sie. Der Umgang mit ihr ist eine jahrhundertealte Tradition. Die Schweiz muss sich bis heute damit auseinandersetzen, wie sie ihre Bewohner vor dieser Gefahr schützen kann. Keine Überraschung also, hat sich kaum ein Land mit dem Umgang mit Lawinen so intensiv auseinandergesetzt und den Lawinenschutz so rasch vorangetrieben und so weit entwickelt wie die Schweiz. Doch auch neuste Technologien zum Schutz vor Lawinen sind nur dank der überlieferten Erfahrung und dem reichen Wissensschatz, der hierzulande über Jahrhunderte gesammelt wurde, wirksam. Diese Verbindung würdigt die Unesco nun mit ihrem Entscheid, den Umgang mit der Lawinengefahr auf die Liste der immateriellen Kulturgüter aufzunehmen. 

Die Schweiz hatte zusammen mit Österreich bei der Unesco die Kandidatur „Umgang mit der Lawinengefahr“ eingereicht. Sie entstand aus einer Zusammenarbeit des SAC mit dem Bundesamt für Kultur (BAK), des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF), des Schweizer Bergführerverbands (SBV), des Bundesamtes für Umwelt (BAFU), der Fondation Barry und des Kanton Wallis. 

SLF-Lawinenexperte Stephan Harvey nimmt dich mit auf Tour: Lerne von ihm.

Gut zu wissen

Was ist das immaterielle Kulturerbe?

Eine lebendige, über Generationen weitergegebene Traditionen, die einer Gemeinschaft ein Gefühl der Identität und der Kontinuität vermitteln. Es widerspiegelt die kulturelle Vielfalt – beispielsweise Musik, Tanz, Brauchtum, Feste oder traditionelle Handwerkstechniken. Das immaterielle Kulturerbe ist äusserst vielfältig, im Unterschied zum materiellen Kulturerbe (z.B. UNESCO-Welterbe Altstadt von Bern) verändert es sich stetig.

Situation in der Schweiz

Die Schweiz hat das UNESCO-Übereinkommen von 2003 zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes im Jahr 2008 ratifiziert. Diese Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz wurde 2012 veröffentlicht und umfasst 167 Traditionen. Auf der Grundlage dieses Inventars kann die Schweiz nun jedes Jahr eine Kandidatur für die UNESCO-Listen des immateriellen Kulturerbes einreichen. Neben dem Umgang mit der Lawinengefahr wurden etwa der Jodel, das Uhrmacherhandwerk oder die Basler Fastnacht vorgeschlagen.

Was bringt die Aufnahme auf die Liste?

Traditionen, die auf die Listen der UNESCO aufgenommen und mit dem UNESCO-Label ausgezeichnet sind, erlangen Sichtbarkeit in der Schweiz und im Ausland. Die Aufnahme kann auch dazu beitragen, die Aufmerksamkeit auf das immaterielle Kulturerbe in der Schweiz zu lenken, die Diskussion zu diesem Thema anzuregen und anhand der Schweizer Traditionen die ausserordentliche Vielfalt des Weltkulturerbes zu unterstreichen.

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Wie die Menschen in der Schweiz der Bedrohung durch Lawinen seit Generationen begegnen. Eine Ausstellung über Tradition und Technik, Barryvox und Bauchgefühl. Vom 24.11.-21.04.2019