100 Jahre Samivel. Ausstellung im Schloss Saint-Maurice (VS)

100 Jahre Samivel

Die Dents du Midi im Hintergrund, das Schloss Saint-Maurice als Ausstellungsort: Samivel hätte sicher nichts gegen den Rahmen einzuwenden gehabt, den seine Bewunderer für die Feier seines 10O. Geburtstags gewählt haben. Eine Hommage an den Maler, Zeichner, Filmemacher und Aquarellisten aus Frankreich, der die Berge in den Mittelpunkt seines Lebens und seines Werks gerückt hat.

Paul Gayet Tancrède, besser bekannt unter dem Namen Samivel, wurde am 11. Juli 1907 in Paris geboren. Die Ausstellung « Il y a 100 ans naissait Samivel, illustrateur, écrivain, cinéaste », die ihm im Schloss Saint-Maurice gewidmet ist, zeichnet das Leben dieses vielseitig talentierten Mannes nach, der die Berge geliebt und die Natur mit aller Leidenschaft verteidigt hat. Seine Fans sind zahlreich, aber viele von ihnen kennen nur einen kleinen Teil seines Schaffens. Das in alle Winde zerstreute und in keinem Katalog erfasste Werk wurde seit seinem Tod am 18. Februar 1992 erst zweimal ausgestellt – und auch da nur auszugsweise. Saint-Maurice am Ufer der Rhone bietet jetzt die seltene Gelegenheit, die Vielseitigkeit von Samivels Werk zu entdecken: seine zahlreichen Aquarelle, Holzschnitte und Zeichnungen, von den ersten Karikaturen bis zu den letzten Aquarellen, die er 1991 als Illustration für Tartarin sur les Alpes von Alphonse Daudet gemalt hat, und seine Filme. Auch dies ein Teil des Schaffens, der praktisch unbekannt ist.

« Man kann gar nicht aufhören, in Samivels Werk herumzuklettern » 1

Von Samivel, der nichts so sehr wie den Medienrummel hasste, sind nicht viele biografische Details bekannt. Einige Fotos von seinem Vater, der vier Monate vor der Geburt starb, von seiner Mutter und seiner Tante, ihrem Wohnort in Paris oder von seiner Erstkommunion bilden die wenigen Einblicke in das Privatleben Samivels. Statt Enthüllungen aus seinem Leben enthält die Ausstellung deshalb zwei Tuschzeichnungen von 1921, die Samivels Frühreife zeigen und bereits seine Vorliebe zur Zeichnung und zur Karikatur andeuten. Sein Strich ist bereits fest, sein Blick spöttisch. 1928 publizierte er die ersten humoristischen Zeichnungen in La Vie alpine.

In Paris geboren, deutet zunächst nichts darauf hin, dass die Berge dereinst Samivel während der Dreharbeiten zur zweiten Fassung von Cimes et merveilles, 1973 Das Château de Saint-Maurice, in welchem die Ausstellung stattfindet Complet! ( Besetzt !), Aquarell von 1980 im Besitz des Musée d' ethnographie de Genève Foto: Jean-Pierre Coutaz/zvg Fotos: Nor ande im Leben und Werk des Künstlers einen derart zentralen Platz einnehmen werden. Sein Pseudonym hatte er als Referenz an Sam Weller gewählt, eine Figur in Charles Dickens'Roman Mister Pick-wick. Doch bereits im Alter von sieben Jahren entdeckt er Savoyen und wird vom Gipfelfieber gepackt. Den ersten Dreitausender besteigt er im Alter von 12, den Montblanc mit 16 Jahren. Ab 1922/23 führt er ein Heft mit dem Titel: « Ma montagne... Mes impressions et mes notes de skieur et d' alpiniste»meine Berge, meine Eindrücke und meine Notizen als Skifahrer und Alpinist. Er listet dabei seine diversen Besteigungen auf und vergisst nicht, Rubriken wie « Unfälle » und « Einkäufe » zu führen.

Ein Grüner vor der Zeit

Als leidenschaftlicher Bergfan engagiert sich Samivel immer mehr für den Erhalt und den Schutz der Natur. Der Visionär und « engagierter Wegbereiter des Umweltschutzes » 2 ist die treibende geistige Kraft hinter dem Nationalpark La Vanoise. Er zeichnet ein Plakat für den Park und redigiert 1963 dessen Regeln. Er prangert schon damals den « Vandalismus an den Errungenschaften und Schönheiten, die allen gehören » an und appelliert an das Verantwortungsgefühl der Besucher angesichts des Erbes, das sie künftigen Generationen erhalten sollten: « Ein intelligenter Besucher hinterlässt keine Spur seiner Anwesenheit, keine Inschriften, Zerstörungen, Unordnung oder Abfälle.. " " .Verschmutztes Papier ist die Visitenkarte von Lümmeln. Sammeln Sie schöne Erinnerungen, aber pflücken Sie keine Blumen. Ein schlechter Bürger ist ein Schädling im Wald. Wer ein Nest zerstört, räumt den Himmel aus und macht die Erde leblos. Lassen Sie scheue Tiere in Frieden, sodass sich Ihre Kinder auch in Zukunft am Frühling erfreuen können. » Dieses ansonsten mit viel Humor behandelte Thema taucht in seinem ganzen Werk auf. Das Aquarell Complet! ( siehe Abbildung ) illustriert in wunderbarer Weise, wie Samivel gegen das Benehmen des Menschen in den Bergen Stellung bezieht. Der versierte Alpinist und Autor von zahlreichen Erstbegehungen war auch gegenüber seinen Kollegen sehr kritisch und warf immer wieder einen scharfen, spöttischen Blick auf sie.

Kinder: sein bevorzugtes Publikum

Samivel wurde auch ein gefeierter Illustrator von Jugendbüchern und war in seinen Werken immer bemüht, den Kindern zu gefallen. Ein Ausstellungsraum im Schloss ist speziell dem jungen Publikum gewidmet. Ein Sofa und kleine Stühle stehen ihnen zur Verfügung, damit sie in aller Ruhe in den von Samivel illustrierten Büchern Goupil und Brun l' ours blättern können. Ausserdem sind 1 Yves Frémion, « Le perpétuel ébloui », S. 90, in Samivel, L' âme du monde, Ed. Hoëbeke Paris 2007 2 Die erste grüne Partei in Frankreich wurde erst 1974 gegründet!

L' envie – der Neid, Aquarellzeichnung aus dem Sammelwerk L' Opéra de pics ( 1944 ) Le site de Tyangboche et l' Ama Dablam: ein Kloster in der Everestregion Nepals vor dem Berg Ama Dablam, Aquarell die Bilder aus Merlin Merlot, Samovar et Baculot, Joueur de flûte du Hamelin sowie Gargantua und Pantagruel von Rabelais speziell mit Rücksicht auf die kleinen Besucher tief gehängt. Den Kindern zu gefallen, ist keine leichte Aufgabe, aber es wird deutlich, dass Samivel dabei Erfolg hatte. Sein Geheimnis? « Wenn man sich darauf einlässt, für Kinder zu zeichnen, darf man sich nicht zu weit von seiner eigenen Kindheit entfernen, sodass man sich die Fähigkeit zum Staunen bewahrt und einen Blick auf die Welt behält, der zugleich reich und naiv ist. » 3

Reisender Filmer

Die Ausstellung in Saint-Maurice gibt ausserdem Gelegenheit, einen wenig bekannten und schlecht zugänglichen Teil von Samivels Werk kennen zu lernen: Samivel als Filmemacher. Er hat mehrere Filme gedreht, darunter: Cimes et merveilles, Les Trésors de l' Egypte und L' or de l' Islande, aus denen in einem separaten Saal Ausschnitte zu sehen sind. Doch Samivel war nicht nur Bergsteiger, Künstler, Zeichner und Filmer, sondern auch Abenteurer. 1948 beteiligt er sich als Filmer und Sonderkorrespon-dent der Zeitschrift Nouvelles littéraires an der ersten französischen Expedition nach Grönland, der Mission Emile Victor. Er bringt von der Reise drei Dokumentarfilme zurück, wunderbare Aquarelle ( von denen zwei ausgestellt sind ) und Zeichnungen sowie die Eskimo-geschichte Ayorpok et Ayounghila für Kinder.

Faszinierende Leere des Meers

Die Berge nehmen zwar in Samivels Werk den grössten Raum ein, aber eine ganze Serie von Illustrationen – Com-plainte de la baleine et de monsieur Jonas ( 1944 ), Voyages de Gulliver ( 1945 ), Ayorpok und Ayounghila ( 1950 ), Histoire du naufragé volontaire ( 1953haben das Meer und das Wasser zum Thema. « Samivel fand in der endlosen Weite des Praktische Informationen Die Ausstellung ist bis 3O.9.2007, Di–So, 13–18 Uhr, geöffnet. Weitere Infos gibt es unter Tel. 024 485 24 58 oder www.expo-chateau.ch. Zur Ausstellung ist ein Buch erschienen: Samivel, L' âme du monde, Ed. Hoëbeke, Paris 2007. Auch wenn der Bildband nur auf Französisch verfasst ist, bietet er auch für Deutschsprachige einen phänomenalen Überblick über Samivels Schaffen. Die Stiftung Schloss Saint-Maurice zeigt im Rahmen der Ausstellung erstmals einen grossen Teil der weltweit einzigen öffentlichen Samivel-Sammlung. Die Stiftung Samivel, ein Legat des Künstlers, das vom Musée d' ethnographie in Genf betreut wird, ist aber lückenhaft. « Viele Werke sind in der Familie geblieben oder wurden von Museen, vor allem aber von vielen Liebhabern und privaten Sammlern erworben », so die Stiftung.

Duo, Tuschzeichnung aus L' Opéra de pics ( 1944 ) Houille blanche ou le polytechni-cien touché par la grâce: Wasserkraft oder ein Ingenieur berührt von der Schönheit der Natur, nannte Samivel diese Tuschzeichnung aus L' Opéra de pics

Sicherheit, Medizin, Rettungswesen

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Wassers die gleiche Einsamkeit und die gleiche Grösse wie in der Natur; die gleiche visuelle Wüste, die er brauchte, um Abstand zu gewinnen von der Zivilisation. » 4 In dieses Thema gehört auch L' île bleue ( 1936/37 ), das aus vier unvollendeten und bislang nicht veröffentlichten Farbzeichnungen besteht. Es gibt keine Zweifel: Die Gelegenheit, so viele Werke von Samivel an einem einzigen Ort anzutreffen, ist so einmalig, dass sich die weite Reise nach Saint-Maurice lohnt. a Karine Begey, Bern ( ü ) 3 Samivel in einem Interview 4 Yves Frémion, « Le perpétuel ébloui », S. 74, in Samivel, L' âme du monde, Ed. Hoëbeke Paris 2007 Eine der Illustrationen aus dem Album Bon voyage Monsieur Dumollet Fotos: Nor ande

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