50 Jahre Erstbesteigung: K2 und Cho Oyu. Grosse Gipfel mit unterschiedlicher Geschichte

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Grosse Gipfel mit unterschiedlicher Geschichte

50 Jahre Erstbesteigung: K2 und Cho Oyu

2004 jährt sich an zwei Achttausendern zum fünfzigsten Mal das Jahr ihrer Erstbesteigung: Am 31. Juli 1954 wurde der K2, 8611 m, erstmals bestiegen, und am 19. Oktober folgte der Cho Oyu, 8201 m. Ein Blick auf die Geschichte des zweit- bzw. sechsthöchsten Berges der Welt zeigt grosse Unterschiede.

« Chogori », Grosser Berg, heisst der K2 in der Sprache der einheimischen Balti, ein treffender Name für den Giganten im Karakorum an der Grenze zwischen Pakistan und China. Fernab von besiedelten Gebieten, umgeben von riesigen Gletschern und reissenden Flüssen, ragt die makellose Pyramide des zweithöchsten Bergs der Welt auf. Sein Name geht auf die Vermesser Britisch-Indiens zurück: Captain T.G. Montgomery vermass 1856 eine Reihe von Berggipfeln aus 200 km Entfernung. Dabei nummerierte er sie fortlaufend und gab jedem das Präfix « K » für Karakorum.

Frühe Expeditionen am K2 1892 gelangte erstmals der Bergsteiger und Forscher Martin Conway, wieder ein Brite, zum Fuss des K2. Zehn Jahre später kam der exzentrische Oskar Eckenstein, bekannter Alpinist deutsch-eng-lischer Herkunft. Mit ihm unterwegs waren eine Gruppe britischer und österreichischer Bergsteiger sowie der Schweizer Arzt Dr. Jacot-Guillarmod. Man wusste damals wenig über die Schwierigkeiten einer Achttausenderbesteigung. Ausser 1895, als sich der Brite Alfred Frederick Mummery an den Nanga Parbat gewagt und dabei ums Leben gekommen war, hatte es noch keine nennenswerten Versuche an Achttausendern gegeben. Eckenstein und seine Begleiter blitzten denn auch bald ab.

Ringen zwischen Italien und Amerika Im Jahr 1909 machte sich ein italienisches Team unter der Leitung von Luigi Amedeo di Savoia, dem Herzog der Abruzzen, an den K2 auf. Der Herzog erkannte den Südostgrat, der seither als Abruzzi-Grat oder -Sporn bezeichnet wird, als direktesten Weg. Seine Reise weckte zudem den Nationalstolz Italiens, das bis zur Erstbesteigung eine Art « Ei-gentümerschaft » auf den Gipfel erhob und in den Zwanzigerjahren eine weitere K2-Expedition organisierte. Umso enttäuschter waren die Italiener, als 1938 ein amerikanisches Team die Bewilligung erhielt. Dieses löste die Probleme im unteren Abschnitt des Abruzzi-Grats, wo Bill House den nach ihm benannten Kamin durchstieg – die wohl härteste Seillänge, die damals im Himalaya und Karakorum geklettert worden war. Ein Jahr später kamen die Amerikaner erneut; ihr Leiter war der gebürtige Sachse Fritz Wiessner. Er gelangte mit dem Sherpa Pasang Dawa Lama – auf den wir am Cho Oyu wieder treffen werden – auf 8400 m. Aus Angst vor den Göttern wollte Pasang umkehren, und Wiessner respektierte seinen Willen. Bei den Wirrnissen des Abstiegs starben erstmals Menschen am K2. Fritz Wiessner, der um ein Haar den schwierigen K2 als ersten Achttausender überhaupt bestiegen hätte, wäre der Mann dieser Leistung gewesen. Der Krieg stoppte dann für viele Jahre alle Versuche. Erst 1953 kamen die Amerikaner zurück. Bei dieser Expedition starb wieder ein Teilnehmer, zugleich ebnete sie jedoch den italienischen Erstbesteigern ein Jahr später den Weg zum Erfolg.

Nationale Expedition Italiens Der italienischen Expedition von 1954 ging im Jahr davor eine Erkundung durch Riccardo Cassin und Ardito Desio voraus. Cassin galt als grösster Bergsteiger Italiens, und nichts wäre logischer gewesen, als dass er Leiter der Expedition von 1954 geworden wäre. Doch der Wissenschaftler Desio schaffte es, Cassin erst als Leiter und dann – durch fragwürdige medizinische Tests – auch als Teilnehmer auszuschliessen. Das Team von Desio bestand schliesslich aus elf

Der K2, 8611 m, von der Südseite, wo die Normalroute des Abruzzi-Sporns hochführt. Eine makellose Pyramide im Karakorum, erstbestiegen vor 50 Jahren Achille Compagnoni, der eine der zwei Erstbesteiger, die am 31. Juli 1954 um 18 Uhr als Erste den Gipfel des K2 erreichten Lino Lacedelli, der andere der zwei Erstbesteiger am K2 im Jahr 1954 Fo to :S epp von Ro tz Fo to :A rc hi v Kopp DIE ALPEN 7/2004 Historische Aufnahme des Aufstiegs der Italiener am K2 im Jahr 1954 Die italienische Expedition hatte 1954 unglaubliche Mengen an Material an den K2 mitgebracht.

Ardito Desio, der Expeditionsleiter der Erst-besteigungsexpedition am K2 vor 50 Jahren Die italienische Mannschaft am K2 im Jahr 1954 Fo to :A rc hi v Kopp Fo to :A rc hi v Kopp Fo to :A rc hi v Kopp Fo to :A rc hi v Kopp hi v Kopp DIE ALPEN 7/2004

Bergsteigern, einem Arzt, einem Kameramann und vier Wissenschaftlern. Die Expedition wurde generalstabsmässig geplant, und zu den 13 TonnenMate-rial gehörten Dutzende von Sauerstoff-flaschen.

Mitte Mai erreichten die Italiener den Berg und kamen anfangs sehr gut voran. Ihr Vormarsch wurde gestoppt, als Mario Puchoz am 21. Juni – vermutlich an einem Lungenödem – starb und schlechtes Wetter eintraf. Es war bereits Juli, als man Lager 8 auf 7820 m einrichten konnte. Lediglich sechs Bergsteiger waren noch zum Aufstieg fähig. Walter Bonatti, der Jüngste und mittlerweile Stärkste, fiel vorübergehend wegen Magenbeschwerden aus. Desio gab Compagnoni, dem zweitältesten und ihm genehmsten Team-mitglied, den Auftrag für den Gipfelversuch. Compagnoni wählte als Begleiter für den Gipfelgang Lacedelli aus. Die zwei entschieden, Sauerstoffflaschen vom obersten Lager an ( Lager 9 ) zu verwenden – aber der Nachschub war erst bei Lager 7 angelangt. Während das Gipfelteam aufstieg, um Lager 9 aufzubauen, stiegen Bonatti und die anderen von Lager 8 zu Lager 7 ab, um Sauerstoff und Ausrüstung hinaufzubringen. Was dann folgte, war jahrelang Thema erbitterter Streitereien.

Der Gipfel – und das Nachspiel Nachdem der Sauerstoff bis zu Lager 8 gebracht worden war, hatten nur Bonatti und der Hunza Mahdi die Kraft, weiterzugehen. Es war schon später Nachmittag, und es wurde Nacht, bevor Bonatti und Mahdi mit dem Sauerstoff unterhalb von Lager 9 anlangten. Bonatti rief nach Compagnoni und Lacedelli, doch lange Zeit antwortete niemand, und als er endlich Stimmen hörte, war es bereits dunkel. Die Vermutung, das Gipfelteam habe bewusst versucht, Bonatti « auszu-tricksen », um den Gipfel in jedem Fall für sich zu reservieren, lag und liegt nahe. Unfähig, in der Nacht abzusteigen, mussten Bonatti und Mahdi ohne Biwakausrüstung auf über 8000 m den Morgen abwarten. Bonatti überlebte unversehrt, doch Mahdi verlor Zehen und Finger. Beim ersten Licht stieg Bonatti mit Mahdi fluchtartig ab, um sein Leben und jenes seines Begleiters zu retten.. " " .Auch Lacedelli und Compagnoni mussten erst absteigen, um den zurückgelassenen Sauerstoff zu holen, danach brachen sie zum Gipfel auf, den sie am 31. Juli um 18 Uhr erreichten. Die Nachricht vom Erfolg ging in alle Welt. Zurück in Italien war Bonatti entsetzt über die Art, wie sein und Mahdis Biwak in der Öffentlichkeit heruntergespielt wurde, Streit und Prozesse waren die Folge, die bis heute ihre Spuren hinterlassen.

Cho Oyu, die Göttin des Türkis Die Besteigungsgeschichte des Cho Oyu steht in grossem Kontrast zu jener des K2: Fast alles war und ist an der 8201 m hohen « Göttin des Türkis » an der Grenze zwischen Tibet und Nepal anders. Das begann schon mit der Erforschung. Vor 1921 wurde von diesem Gipfel, dem die Landvermesser Britisch-Indiens erst keine, später die Bezeichnungen T45 und dann M1 zuwiesen, kaum Notiz genommen. In jenem Jahr erreichte eine britische Expedition, die eigentlich die Erkundung des Everest zum Ziel hatte, den Nangpa La, den hohen Pass westlich des Cho Oyu, und brachte erstmals gute Aufnahmen vom Berg zurück. Da aber Nepals Grenzen bis Anfang der Fünfzigerjahre verschlossen waren, wurde der Zugang erst ab 1951 erforscht, und zwar von einer britischen Expedition, darunter auch Edmund Hillary, unter der Leitung des berühmten Eric Shipton. Die Bergsteiger konnten von der nepalesischen Seite aus keine leichte Route ausmachen. 1952 kehrte Shipton zurück mit dem Ziel, den Cho Oyu zu erkunden – als Ausweichziel zum Everest, für den die Bewilligungen in jenem Jahr an die Schweizer vergeben worden waren. Ship-

Das K2-Basislager Fo to s: Ka ri Ko ble r DIE ALPEN 7/2004

tons Mannschaft erreichte den Nangpa La und entdeckte von dort aus die spätere Normalroute. Trotz Angst vor chinesischen Repressalien – das Gebiet jenseits des Nangpa La liegt auf chinesischem Boden – gelangten Hillary und George Lowe bis auf 6800 m, wo die Eisbarriere, der schwierigste Abschnitt der Normalroute, ihren Aufstieg stoppte.

Tichy organisiert Kleinstexpedition Zwei Jahre später wurde der Cho Oyu von einer Kleinstexpedition erstbestiegen. Ihr Drahtzieher war der 1912 geborene Österreicher Herbert Tichy, ein wortkarger Einzelgänger. Im Rahmen seiner Doktorarbeit über die Geologie im Himalaya war er 1936 in Tibet gewesen. Im Winter 1953/54 unternahm er eine Expedition nach Westnepal mit den Sherpas Pasang Dawa Lama – der 1939 am K2 unterwegs gewesen war –, Pemba, Adjiba und Gyalsen und bestieg dabei verschiedene Sechstausender. Auf Anregung Pasangs beantragte Tichy nach seiner Rückkehr nach Österreich im Januar 1954 die Genehmigung für den Cho Oyu – und erhielt sie im April für dasselbe Jahr!

Tichy blieben also nur ein paar Monate Zeit, um seine Expedition zu organisieren. Die Ausrüstung kaufte er von der Stange, zwei Sauerstoffflaschen für den Notfall mussten genügen, und die medizinische Ausrüstung beschränkte sich auf ein Minimum, ein Arzt im Team fehlte. Im späten August reiste Tichy mit zwei Freunden, Helmut Heuberger und Sepp Jöchler, sowie sieben Sherpas – darunter Pasang Dawa Lama als Sirdar, Adjiba und Gyalsen – an den Cho Oyu. Erstbesteigung im « Minimalstil » Vom Basislager in etwa 5500 m Höhe gelangte das Team bald zur Eisbarriere, die Tichy, Pasang und Adjiba überwanden, um auf rund 7200 m Höhe Lager 4 zu errichten. Während des gewaltigen Höhensturms am nächsten Morgen warf sich Tichy mit blossen Händen auf ein davonfliegendes Zelt und holte sich dabei Erfrierungen an den Händen. Das Team stieg ab. Im Basislager begegneten sie dann der Französin Claude Kogan und dem Schweizer Raymond Lambert, die nach Schwierigkeiten am Gaurishankar nun ebenfalls den Cho Oyu besteigen wollten. Es kam zu erbitterten Diskussionen, bei denen die Österreicher auf ihrem Vorrecht bestanden und sich schliesslich für den Aufstieg etwas Vorsprung aushandelten.

Wegen dieses Wettlaufs konnten die schweren Erfrierungen Tichys nicht aus-kuriert und die Rückkehr Pasangs, der zum Einkaufen nach Namche Bazar abgestiegen war, nicht abgewartet werden. Die Österreicher stiegen zu einer Schneehöhle neben ihrem alten Lager 3 auf, gefolgt von den Schweizern. Ein Sturm blockierte sie hier drei Nächte und zwei Tage. Am dritten Tag holte Pasang, gezeichnet von einem langen, schnellen Aufstieg, sein Team ein. Man stieg weiter zu Lager 4 hoch, wobei Tichy seine Hände nicht benutzen konnte. Aus Angst vor einem Wettersturz und den Schweizern wagten die Österreicher eine gewaltige Gipfeletappe ohne weiteres

K2: auf dem Abruzzi-Sporn, zwischen Lager 1 und Lager 2 Bergsteiger im legendären House-Kamin am Abruzzi-Sporn DIE ALPEN 7/2004

Zwischenlager: Am 19. Oktober brachen Jöchler, Pasang und Tichy um 6 Uhr morgens direkt zum 1200 Höhenmeter entfernten Gipfel auf. Um 15 Uhr erreichten sie ihn – Arm in Arm! Ein grossartiger Erfolg: der erste im windigen Nachmonsun, ausgeführt von einem kleinen, freundschaftlich verbundenen Team, in dem die Nepali eine wichtige Rolle spielten, und in einem minimalen Stil.

Bemerkenswert auch Pasang Dawa Lamas Leistung: Er stieg innerhalb von drei Tagen von 4250 m zum Gipfel auf. Beim Abstieg wurde einer der Gründe für seine Eile klar: Pasang war in Lukla ein Tauschgeschäft eingegangen, bei dem er mit dem Vater seiner zweiten Frau einig geworden war, dass er keinen Brautpreis bezahlen müsse, wenn er den Cho Oyu besteigen würde. Bei einem Scheitern hingegen wären es horrende 1000 Rupien gewesen! Das letzte Kapitel in Tichys ausserordentlichem, weder heldentümlerischem noch pathetischem Expeditionsbericht handelt von Pasangs Hochzeit, wonach das Team nach der Rückkehr vom Gipfel während mehrerer Wochen beschwipst oder betrunken gewesen sei. Die Verursacher des Wettlaufs, Lambert und Kogan, mussten dagegen umkehren. Sie scheiterten wegen der Jet-Stream-Stürme auf 7500 m.

K2 und Cho Oyu: Unterschiede bis heute Inzwischen sind fünfzig Jahre vergangen. An beiden Gipfeln sind je rund zehn weitere Routen von Teams aller Art begangen worden. Doch die Unterschiede zwischen K2 und Cho Oyu sind geblieben: Während der Cho Oyu sich dank der moderaten Schwierigkeiten der Normalroute zum beliebtesten Achttausender für kommerzielle Expeditionen wurde, hat der K2 seinen Ruf als schwieriger Berg mit grossen Gefahren behalten. Abgesehen von der Annapurna ist er jener

Cho Oyu, Basislager von 1954 Ausblick von Lager 4 am Cho Oyu, 7400 m, auf den Achttausender Shisha Pangma und die umliegenden Gipfel. Aufnahme 1991 Der Cho Oyu vom Lager 2 aus, ca. 6200 m Fo to :C hr ist ine Kopp Fo to: z vg /A rc hi v He ub er ge r Fo to :C hr ist ine Kopp DIE ALPEN 7/2004

Achttausender mit den wenigsten Besteigungen – rund 200 – und weist im Verhältnis zu den geglückten Besteigungen die höchste Todesrate auf. Doch das tut seiner einzigartigen Aura keinen Ab-bruch. a

Christine Kopp, Unterseen

Literatur

Sale/Cleare: On Top of the World. Die 14 Achttausender, blv Verlag, München 2001.

Bonatti: Berge meines Lebens, AS Verlag, Zürich 2000.

Diemberger: K2 – Traum und Schicksal, Bruckmann Verlag, München 2001.

Tichy: Cho Oyu – Gnade der Götter, erweiterte Neuauflage, Edition Sonnenaufgang, Wien 2002.

Der Cho Oyu, 8201 m, von der Tibetseite, über die die Normalroute von 1954 führt. Neben den beiden Österreichern Jöchler und Tichy war auch Sherpa Pasang dabei. Aufnahme 1993 Chogori oder K2. Topografische Studie nach den Karten und den Fotos der Expedition von Eckenstein/Knowles/Pfannl/ Jacot-Guillarmod sowie der italienischen Expedition des Herzogs der Abruzzen, gezeichnet 1914 von Charles Jacot-Guillarmod. Originalzeichnung im Massstab 1:50 000, Äquidistanz 100 m ( Privatbesitz )

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