«Ab 30 Grad wird es heikel». Freeride-Wochenende «Snowdays»

« Ab 30 Grad wird es heikel »

Sicher und respektvoll freeriden – die Grundlagen dazu lernen Jugendliche beim Schweizer Alpen-Club innerhalb von zwei Tagen.

An diesem Wochenende herrscht perfektes Freeride-Wetter: Es schneit nur einmal – und zwar in dicken Flocken. Auf der Schwarzwaldalp im romantischen Reichenbachtal nahe dem berühmten Hotel Rosenlaui im Berner Oberland liegt der Schnee tief. Die sanften Hänge von Wildgärst und die steilen Waldlichtungen am Grindelgrat sind noch frei von jeglichen Spuren. Doch bevor die Jugendlichen zwischen 16 und 24 Jahren mit ihren Snowboards über die Kanten der Wechten surfen und den Schnee wie Gischt meterweit aus ihren Turns stieben lassen, gibt es noch einiges zu tun. Denn hinter dem Snowdays-Motto des Schweizer Alpen-Clubs « Ride Hard, Ride Free, Respect Nature » verbirgt sich weit mehr als das wilde Abfahren steilster Tiefschneehänge. Geboten wird nämlich zusätzlich eine solide, klassische Lawinenausbildung, vermittelt von zwei diplomierten Bergführern. Andrea Fankhauser, die Fachleiterin Jugend des SAC, sagt: « Freeriden ist unter Jugendlichen so populär wie noch nie. Dank den Snowboards und modernen, breiten Ski ist das Tiefschneefahren auch viel einfacher als früher. Aber zum kompletten, verantwortungsvollen Freerider gehört weit mehr als tolle Ski und trendige Kleider. » Der SAC wirbt darum in Schulen und den Medien, um möglichst vielen Jugendlichen die Grundlagen des sicheren Freeriden zu vermitteln. An einem Snowdays-Wochenende können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die modernste Sicherheitsausrüstung ausprobieren und sie anschliessend auch zu sehr günstigen Konditionen kaufen. Zur Verfügung stehen Lawinenverschütte-ten-Suchgeräte von Tracker, Lawinenschaufeln und Teleskopstöcke von Black Diamond, Rucksäcke von Dakine und MSR-Schneeschuhe.

Wann löst sich ein Schneebrett?

Der Schnee häuft sich auf Kapuzen und Wollmützen. Dres Abegglen, der junge Bergführer aus dem nahen Grindelwald, fragt in die Runde: « Was sind die Voraussetzungen dafür, dass ein Schneebrett abgeht ?» Verlegenes, ratloses Schweigen. Man hört, wie sich die Flocken knisternd auf die Snowdays-Merkblätter setzen, die die jungen Männer und Frauen studieren. « Es braucht Schnee », antwortet ein 16-Jähriger schliesslich. Er besucht bereits seinen vierten Lawinenkurs. Ein zustimmendes Nicken der anderen. Bergführer Dres schmunzelt und ergänzt die etwas dürftige Aussage: « Lawinen gibt es nur, wenn der Schnee gebunden ist, der Hang auf dem er liegt, über 30 Grad steil ist und eine potenzielle Gleitschicht in der Schneedecke verborgen liegt. » Sein Kollege Dominik Suntiger hat derweil ein Schneeprofil in den Hang gegraben. Dort erforschen Fotos: Bernhar d van Dier endonck die Freeride-Neulinge die Schneedecke und spüren potenzielle Gleitschichten auf.

Auf Wildschutzzonen achten

Im Gänsemarsch stapft die Gruppe weiter, vorbei an vereinzelten Ahornbäumen und später durch lichten Nadelwald. Hier hinten im Reichenbachtal gibt es keine Skilifte. Jeder Meter, den man abfahren möchte, wird aufgestiegen. Dieses Eins-zu-eins-Verhältnis von Aufstieg zu Abfahrt steht zwar im Widerspruch zum Freeriden, scheint aber keinen der Teilnehmenden zu stören. « Für diese Freeride-Grundausbil-dung sind Touren ideal. Das gibt Zeit, sich während des Laufens mit dem Gelernten auseinanderzusetzen und die Natur zu beobachten », sagt Andrea Fankhauser, Fachleiterin SAC-Jugend, « denn nicht nur die Lawinen sind ein Thema, sondern auch der Schutz der Alpentiere und ihres Lebensraums ist zentral. Nichts schadet dem Image des Freeriden mehr, als wenn munter durch Wildschutzzonen gefahren wird. » Beim nächsten Halt unter dem Vordach eines zugeschneiten Stalls verteilen die Bergführer Merkblätter zu Auerhuhn, Steinbock, Gämse und Schneehuhn. Wer wusste schon, dass ein während der Brunftzeit aufgeschreckter Auerhahn das Paaren für ein Jahr vergessen kann? Oder Gämsen von Störung zu Störung immer nervöser werden und der kumulierte Stress die Tiere schliesslich zu Tode erschöpft?

Die Wolken hängen tief, die Schneeflocken tanzen im Wind, und wenn das Gelände nicht flacher geworden wäre, hätte niemand bemerkt, dass man nun zuoberst auf dem Grindelgrat steht. Während die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Aufstieg, beim Aufbinden des Snowboards oder in den Lektionen noch etwas unbeholfen wirkten, sind sie jetzt in ihrem Element. Schneeschuhe und Stöcke werden verstaut, Helme aufgesetzt, die verspiegelten Sturmbrillen zurechtgerückt. Leicht säuselnd gleiten die Laufflächen der Boards über den samtenen Schnee, schneiden tiefe Kerben in die weisse Fläche. Andy zieht einen « Backside Grab » über eine Schneeverwehung, Anita legt sich so tief in die Kurve, dass ihre Schultern den Schnee berühren und die meterhohe Staubfahne noch lange im grauen Himmel hängen bleibt. Andreas bremst kurz vor der urchigen Unterkunft auf der Schwarzwaldalp ab und ruft seiner Freundin Anita begeistert zu: « So eine Tour ist ja voll easy! Das machen wir bald wieder – gäll Schatz. » Und was hat der junge, blondlockige Mann an diesem Wochenende gelernt? « So ab 30 Grad Steilheit wird es heikel, und irgendwo kann man noch anrufen und weiss dann, wie lawinengefährlich es ist – die Nummer habe ich nun auf meinem Handy gespeichert. » Wenn die Abfahrtseuphorie abgeklungen ist, erinnert er sich hoffentlich auch noch an das SAC-Snowdays-Merkblatt in seiner Jackentasche und die darin festgehaltenen Verhaltensregeln im winterlichen Gebirge. Seine Äusserung zeigt aber auch, wie notwendig die Aus-bildungsinitiative des SAC ist und dass ein Wochenendkurs fürs sichere Freeriden noch lange nicht genügt. a Bernhard van Dierendonck, Zürich Ride Hard, Ride Free – das Motto des Kurses wird eingelöst. Suchen und Finden mit dem LVS. Das Leihmaterial wie LVS, Schaufel, Sonde oder Snowboardrucksäcke kann nach dem Kurs gekauft werden.

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