Adieu, neuer Nationalpark Die Angst vor Überreglementierung führte zur Ablehnung an der Urne.

Die beiden gescheiterten Projekte in der Region Locarno und im Adula-Gebiet zeigen: Ein zweiter Nationalpark wird wohl noch lange nicht Wirklichkeit. Chancen haben eher Regionalparks.

Die Natur schützen und nachhaltige Wirtschaftsentwicklung fördern: Basierend auf diesen Zielen setzt sich der Bund seit über zehn Jahren für die Schaffung verschiedener Parktypen von nationaler Bedeutung ein. Regionale Naturparks sowie Naturerlebnisparks erlegen der Bevölkerung in der betreffenden Region wenige Beschränkungen auf. Im Vergleich dazu sind in der Kernzone eines Nationalparks etliche Restriktionen zugunsten des Naturschutzes vorgesehen.

Zu grosse Zweifel

In den letzten zwei Jahrzehnten war viel von der Notwendigkeit die Rede, nebst dem 1914 gegründeten Nationalpark im Engadin einen zweiten zu ­errichten. Jedoch reiften von sechs ­Projekten im Laufe von eineinhalb Jahrzehnten nur zwei so weit heran, dass über sie eine konsultative Abstimmung in den betreffenden Gemeinden stattfinden konnte. In beiden Fällen sagte das Stimmvolk Nein. Mitte Juni haben sechs von acht Tessiner Gemeinden den Parco Nazionale del Locarnese abgelehnt. Zuvor hatten im November 2016 acht von siebzehn Gemeinden im Grenzgebiet der Kantone Graubünden und Tessin den geplanten Parc Adula abgelehnt – mindestens dreizehn Gemeinden hätten zustimmen müssen.

Die Dimensionen der beiden gescheiterten Nationalparkprojekte sind verschieden. Während der Parc Adula 1250 Quadratkilometer umfasst hätte, sollten es in der Region Locarno nur 220 Quadratkilometer sein, was mehr Akzeptanz in der Bevölkerung hatte erwarten lassen. Ähnlich sind aber die Umstände der Ablehnung. Im Fall des Parks im Locarnese gaben 109 Neinstimmen den Ausschlag, punkto Parc Adula waren es etwa 200. Offenbar waren bei vielen Stimmenden in der Adula-Region die Angst vor Überreglementierung sowie die Zweifel an der nachhaltigen Wirtschaftlichkeit zu gross.

Dasselbe gilt für den Locarnese-Na­tionalpark. Dieser hätte von den Brissago-Inseln über Ascona, Losone, die Centovalli und das Onsernone-Tal bis zur «Exklave» Bosco/Gurin reichen und Investitionsgelder von 5,2 Millionen Franken pro Jahr erhalten sollen – beim Parc Adula wäre es der gleiche Betrag gewesen. Laut Sandro Rusconi, einem der Wortführer der gegnerischen Gruppe Associazione No al Parco, hat die Projektleitung den Puls der Bevölkerung nicht ausreichend gefühlt. Einige Verbote, wie jenes, die markierten Wege in der Kernzone nicht verlassen zu dürfen, hätten die Einheimischen als Zumutung empfunden. Zudem hätten die Agglomerationen am Rande des Parks wirtschaftlich mehr profitiert als die Bergtäler selbst.

Nachteile in den Tälern

Eigentlich hätten banale Gründe die Ablehnung bewirkt, urteilt Tiziana Zaninelli, die Präsidentin des Komitees Nationalpark Locarnese. Dazu gehörte die Angst der Jäger, der Pilz- und Heidelbeersammler sowie der Hundehalter vor zu eingeschränkter Bewegungsfreiheit – aber auch eine Neinkampagne, bei der man nicht vor Fake News zurückgeschreckt sei und die Stimmberechtigten verunsichert habe. Dem hält Rusconi entgegen, die Projektleitung sei nicht darauf vorbereitet gewesen, die Fragen der Parkgegner zu beantworten, was bei der Abstimmung stark ins Gewicht gefallen sei.

Sieht Komiteepräsidentin Zaninelli eine Alternative, um die betroffene Bergregion nachhaltig zu fördern? Laut ihren Aussagen steuert der Bund nur dann Geld bei, wenn ein Projekt für eine ganze Region gute Aussichten auf eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung bietet. Beim Parc Adula ist nun von einem regionalen Naturpark die Rede. Eine solche Möglichkeit sieht Zaninelli für das Locarnese nicht: Just die Gemeinden Centovalli und Onsernone, die am meisten vom Nationalpark profitiert hätten, seien dagegen.

In Zaninellis Augen wird die Ablehnung des Nationalparkprojekts den Gemeinden am Langensee keine grös­seren Nachteile bescheren – Bosco/Gurin oder dem Onsernone-Tal hingegen schon. In diesen Mikroregionen werde sich der Einwohnerschwund weiter fortsetzen: Vom wirtschaftlichen Standpunkt her haben sie ausser einer intakten Natur kaum etwas zu bieten. Der Tessiner Raumplaner und Architekt Fabio Giacomazzi sieht dies ähnlich und fügt hinzu, für den Anbau von Nutzpflanzen oder Nutzhölzern sowie die Produktion lokaler Produkte setze die Topografie zu enge Grenzen.

Rusconi hingegen ortet im Rahmen der ­neuen Regionalpolitik gute Chancen für eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung. Auch erscheint ihm die Idee eines Regionalparks vernünftiger, weil dabei der Mensch und die Wirtschaft im Vordergrund stünden. Wenn man ein solches Modell erarbeite, machten bestimmt alle Täler mit grosser Begeisterung mit, so Rusconi. Auch Raumplaner Giacomazzi geht von positiven Effekten aus – doch ohne das Label Nationalpark blieben solche Gebiete bloss alpine Randregionen mit geringem Entwicklungspotenzial und wenig Sichtbarkeit.

Nationale Abstimmung?

Hat nach den beiden gescheiterten Projekten ein neuer Nationalpark anderswo in der Schweiz eine Chance? Nach Ansicht von Giacomazzi hätte eine konsultative Abstimmung in keiner Region zu einem anderen Ergebnis geführt. Der Tessiner Raumplaner fragt sich zudem, ob es nicht demokratischer wäre, wenn die Stimmberechtigten der ganzen Schweiz über Nationalparkprojekte befänden, da es sich ja um nationale Vorhaben handle.

Giacomazzi ist zudem der Auffassung, der Bund sollte die bestehenden Nationalparkbestimmungen flexibler und differenzierter gestalten. So sollte beispielsweise die Vorschrift, in der Kernzone eines Nationalparks die markierten Pfade nicht zu verlassen, an den Gefahrengrad der jeweiligen Topologie angepasst werden.

Der Geschäftsführer des Netzwerks Schweizer Pärke, Christian Stauffer, hält dem entgegen, eine Abschwächung der bestehenden Anforderungen brächte nichts. Sie hätte auch dem Locarnese-Projekt nicht geholfen. Am Ansatz, dass ein Nationalpark auf Initiative einer Region entstehen und dort verankert sein muss, ist aus seiner Sicht ebenso nicht zu rütteln. Hingegen kann sich Stauffer Modifikationen in den regionalen Entscheidungsverfahren vorstellen. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) bestätigt, dass derzeit keine Initiativen zur Einrichtung eines weiteren Nationalparks bekannt seien. Es gebe in der Schweiz nur wenige Regionen, die dafür geeignet wären, sagt Sprecherin Rebekka Reichlin. Bei dieser Einschätzung und der Konzeption der Parkkategorien stützt sich die Schweiz auf internationale Standards und Erfahrungen. Auch in den Nachbarländern entstünden auf dieser Basis neue Nationalparks. Dies belege, dass solche Parks nach besagten Standards geschaffen und erfolgreich betrieben werden könnten.

Grösseren Zuspruchs erfreuen sich indes Regionalparks. In den letzten zehn Jahren haben 15 Regionen in der Schweiz entschieden, einen regionalen Naturpark einzurichten. Sie sind überzeugt, so eine nachhaltige Entwicklung ihres Gebietes vorantreiben zu können.

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Dieser Artikel ist bereits am 30. Juni 2018 in der Neuen Zürcher Zeitung<br/>erschienen.

Sechs Nationalparkprojekte

Im Jahr 2000 lancierte Pro Natura die Kampagne «Gründen wir einen neuen Nationalpark». Pro Natura bot an, Vorstudien für gewillte Gemeinden zu ­finanzieren, und versprach gar eine Million Schweizer Franken für den ersten neuen Nationalpark. Ein Jahr später existierten bereits sechs Nationalparkprojekte: Locarnese/TI, Adula/GR/TI, Haut Val de Bagnes/VS, Les Muverans/VD/VS, Matterhorn/VS und Maderanertal/UR. Die Gemeinde Bagnes zog das Projekt Haut Val de Bagnes 2002 aus dem Wettbewerb zurück, weil sie die Anforderungen des Bundesamtes für Umwelt, Wald und Landschaft (Buwal) nicht erfüllen könne. Insbesondere fürchtete die Region um die Erneuerung der Konzession für das Mauvoisin-Wasserkraftwerk. An der Ablehnung der Bevölkerung scheiterten die Projekte Maderanertal und Les Muverans bereits in einem frühen Stadium. Die Idee eines Nationalparks ums Matterhorn schliesslich verschwand spurlos wieder.