Ätna - der Feuerberg, der gibt und nimmt

Feuerberg, der gibt und nimmt

Peter Donatsch, Mastrils GR

Sonnenuntergang am aktiven Krater über dem Val delle Bove Die zwei Gesichter Siziliens Sie hassen ihn und wollen doch nicht weg. Er schenkt ihnen das Paradies, um es ihnen im nächsten Moment wieder zu zerstören. Sein Charakter ist Hoffnung und Enttäuschung zugleich. Sie brauchen ihn zum Leben und doch schickt er ihnen mitunter den Tod. Die Beziehung der Menschen rund um den Ätna, den aktivsten Vulkan Europas, ist von Hass und Liebe geprägt - jener eigenartigen Kombination, die so unsinnig scheint und doch logisch ist.

nennen die Sizilianer den Berg: Das Wort drückt Ehrfurcht aus, handelt es sich doch um eine Verbindung des lateinischen und des arabischen . Und beides bedeutet Berg. Der Berg der Berge also. Solche Mischformen haben in Sizilien Tradition. Fast alle grossen Völker der Vergangenheit haben einmal mehr oder weniger lang auf dieser grössten Mittelmeerinsel geherrscht: Griechen, Römer, Vandalen, Byzantiner, Araber, Normannen, Staufer, Franzosen, Spanier und Österreicher. Und alle Messen ihre Spuren zurück, die sich jeweils rasch mit den bereits bestehenden Kulturen verbanden. Allerdings machte sich kaum einer der Eroberer Gedanken über jene, die schon da waren oder noch da sein würden, wenn er längst wieder - frei- willig oder gezwungenermassen - sein Schiff bestieg. Das liess die Sizilianer kritisch werden gegenüber allem Auswärtigen und Fremden.

Sizilien kann dem Besucher, Wanderer und Bergsteiger auf den ersten Blick deshalb noch heute als verschlossenes, vielleicht sogar unsicheres Reiseziel erscheinen. Ein durchaus zutreffendes Vorurteil, das aber nur zur Hochsommersaison Gültigkeit hat. Denn in dieser Zeit haben die Sizilianer von den Touristenscharen natürlich ebenso die Nase voll, wie die Bewohner anderer schöner Flecken dieser Erde. Doch wenn die Insel in der Zwischensaison besucht wird, wenn an der Küste von Messina die Fensterläden der Pensionen und Hotels geschlossen, an den Glastüren der noblen Geschäfte von Taormina die Ketten vorgehängt und die Sizilianer auf den Märkten von Catania oder Syra-cusa unter sich sind, ist alles ganz anders. Jener Fremde, der sich in dieser Zeit hierhin verirrt, wird trotz heruntergelassener Rolladen ein Zimmer für die Nacht finden. Und vielleicht kann er sogar die Pizza mit der Famiglia am selben Tisch essen, und die Aus- flugstips, die er bei dieser Gelegenheit bekommt, stehen nicht im Reiseführer.

Der sizilianische Edelmann Don Fabrizio charakterisiert in Giuseppe Tornasi di Lam-pedusas Roman II Gattopardo Landschaft und Menschen aufs treffendste: Gleich wie der Fürst seine Geschichte beschreibt, ist das Land noch heute: geheimnisvoll und wirklich nur von denen zu verstehen, deren Vorfahren seine Vergangenheit selbst miterlebt haben.

Im unsichtbaren Schatten des Ätna Altjahrabend 1991. Nach zwei Regentagen geben die Wolken den Ätna wieder frei. Frisch verschneit und kalt beherrscht er seine Umgebung, gekrönt von einer mächtigen Rauchwolke - die heisse Botschaft aus dem Erdinnern ist eindeutig. So wie wir jetzt, müssen früher die jeweiligen Herrscher auf der Zinne von Castelmola gestanden und zum Ätna hinübergeschaut haben, ein Bild wie von Botticelli: Der Berg nur als grosser, schwarzer, ebenförmiger Kegel sichtbar. Im Meer spiegelt sich einzig seine schwache Andeutung. Hier auf dieser bevorzugten Anhöhe haben wir ihn nicht zu fürchten. Jene allerdings, die in seinem Schatten leben...

Rotbrauner Lavastaub hängt in der Luft, der gleichzeitig das Licht der untergehenden Sonne reflektiert und absorbiert und so eine ganz besondere Stimmung schafft. Weltuntergang und Neugeburt in einem. Ein starker Höhenwind bläst die Rauchwolke vom Gipfel waagrecht weg ins Land, so dass auch die weitere Umgebung des Vulkans ihren Teil vom Ausbruch abbekommt.

tet in Mailand und wird nach den Neujahrsta-gen so schnell, wie es sich machen lässt, wieder dorthin zurückfahren.

Im Reich der Titanen Unheimlich ist vor allem das dumpfe Grollen. An die Rauchwolke am Gipfel haben wir uns mittlerweile gewöhnt, doch das Grollen spüren wir bis in die Haarwurzeln. Der Boden unter den Fussen scheint uns nicht mehr sicher. Immer wieder müssen wir hinaufblicken zum Hauptkrater: Steht ein Ausbruch 19 Der Ätna ist aktiv. Aus seinem Gipfelkrater raucht es fast ständig.

kurz bevor? Die neue Ätna-Seilbahn bringt uns auf 2600 m. Die Bergstation steht inmitten erstarrter Lava, gleich einem Weltraum-laboratorium auf einem fernen Planeten, rundherum liegt der Müli der letzten Katastrophe: Wie Streichhölzer bog und knickte glühende Lava die Seilbahnmasten beim letzten Ausbruch, nun recken sich ihre Gerippe makaber in den Himmel. Von den Gebäuden ist nichts mehr zu sehen, sie sind weggefegt worden, zugedeckt, verbrannt oder geschmolzen.

Ein eisiger Wind weht über die kahlen Flächen. Vereinzelt liegt feiner Pulverschnee, es ist Winter hier oben. Wie auf einer breiten, gegen oben spitz zulaufenden Treppe gewinnen wir langsam an Höhe. Den Hängen entlang wabert ein Wolkenmeer, durch einige Lücken funkelt, gleisst und glitzert das Meer unter den Strahlen der flachen Wintersonne herauf. Hinter dem Observatorium, auf rund 2900 m, wird es plötzlich wärmer. Vereinzelte Dampfwolken tauchen gespenstisch zwischen den Lavabrocken hervor. Der typische Geruch von Schwefel steigt ätzend in die Nase. Der erste Gruss des Titanen an die Zwerge, die es wagen, ihn hier oben zu besuchen. Doch der Wind ist günstig, er treibt die gigantische weisse Dampfwolke von uns weg. Ein paar Schritte noch, dann stehen wir am abschüssigen Kraterrand und blicken unsicher hinab. Zwei-, dreihundert Meter tiefer beginnt die Hölle: Am Grund des Kraters, einer ebenen Fläche von der Grösse mehrerer Fussballplätze, klaffen verstreut einige Löcher - bis zum Rand angefüllt mit flüssigem Feuer. Rauch qualmt und es stinkt. Das Grollen ist hier oben nicht mehr weit entfernt und trotzdem lässt sich seine Herkunft nicht eruieren. Allmählich können wir die Töne jedoch unterscheiden: Hell gurgelnd, wenn das brodelnde flüssige Dunkelrot bis zum Rand des Loches hochschwappt, dumpf rollend, wenn sich der Spiegel der feurigen Flüssigkeit etwas absenkt. Ununterbrochen scheint sich die Erde zu bewegen.

( Achtet auf diese Löcher im Krater ), hatte uns ein sizilianischer Bergführer erzählt. ( Wenn sie bis oben mit Lava angefüllt sind, steht ein Ausbruch bevor. Ist keine glühende Flüssigkeit zu erkennen, ist das Reservoir des Ätna noch nicht voll und die Gefahr weniger gross. ) Von Vulkanologen hört man gleichzeitig auch Beruhigendes: Selbst wenn er als einer der aktivsten Vulkane der Welt gilt, gehört der Ätna nach ihren Aussagen nicht zu jenen Vulkanen, die explosionsartig ausbrechen und in Sekundenschnelle Tod und Verderben in den Himmel schleudern. Charakteristisch für ihn sind die Hunderte von Nebenkratern, Spalten und Rissen, die alle für einen Ausbruch in Frage kommen. Solche Spalten reichen bis zu zwanzig Kilometer ins Erdinnere - und wer weiss schon, was dort unten vorgeht? Die Warnung des bergerfahrenen Sizilianers bezog sich aber ebenso auf die alpine Seite einer Atna-Besteigung: Man hat hier schon lange die Nase voll von leichtsinnigen Touristen, die, alle Mahnungen in den Wind schlagend, aus einer misslichen Lage gerettet werden mussten, weil ein Unwetter hereinbrach oder Nebel die Sicht raubte.

Trotz aller alpinen Erfahrung fühlen wir uns jedoch nicht mehr so ganz wohl. Wir verlassen den Kraterrand und queren über blanke Eisplatten zu dem mit rund 3350 m ü. M. gegenwärtig höchsten Punkt des Ätna. Ein Blick auf die Nordseite des Berges zeigt, dass dort Winter herrscht. Die scharfkantigen, mit feinen gelben Kristallen erstarrten Schwefels behängten Lavabrocken sind von einer Pulverschneeschicht überzuckert. Wir klettern dem Kraterrand der Bocca Nueva, eines der aktivsten Kraters des Ätna, entlang. Da wir damit auf die Leeseite des rauchenden Kraters kommen, müssen wir uns Taschentücher vor Mund und Nase binden. Schon nur die kleinste Dosis dieses aggressiven Rauches einzuatmen schmerzt teuflisch und lässt uns qualvoll husten. Alle paar Meter entweichen kleine Qualm- und Dampfwolken dem Boden, es ist kaum mehr zum Aushalten. Vorsichtig setzen wir Tritt vor Tritt, bereit, jederzeit zurückzuweichen, sollte sich plötzlich ein Schlund vor uns öffnen. An einer vereisten und überhängenden Stelle des Grates drehen wir schliesslich um. Im Laufschritt hetzen wir die Flanke hinunter, ohne auf die scharfkantige Lava zu achten, die unsere Schuhe aufreisst als wären sie Papier. Nur weg von diesem verdammten, ätzenden Rauch. Im Sattel reissen wir uns die Tücher vom Gesicht und atmen tief durch. Aber noch stundenlang werden unsere Atemwege durch den scharfen Geruch gereizt, der in den Kleidern und überall sitzt. ( Nun haben wir unsere fünfjährige Dosis Ruhrgebiet intus>, meint einer ironisch.

Am Herzen des Berges Gespenstisch geht die Sonne im Meer hinter der Stadt Catania, gleichermassen Geschenk und Opfer des Ätna, unter. Die Abendstimmung taucht die Höhen des Vulkans in ein merkwürdiges Licht, wie ich es noch nie gesehen habe: Intensivste Rot- und Purpurtöne überziehen auch nach dem Verschwinden des Sonnenballs äusserst hell den Himmel, so, als ob die ganze Welt ein einziges Flammenmeer wäre. Und unter uns faucht, knallt und speit der aktive Krater. Wir haben einen Logenplatz direkt über der Feuerhölle, manchmal, wenn der Ausbruch ganz besonders heftig ausfällt, fliegen glühende Gesteinsbrocken bis zu uns herauf. Wir denken an die Worte des Bergführers: ( Wenn der Schlund bis obenhin mit flüssigem Feuer aufgefüllt ist, dann muss es heraus. Irgendwo. Du weisst aber nie ganz genau wann und wo. ) Jetzt knallt es wieder, wie bei tausendfachem Schiessen, und ku-bikmeterweise wirbelt glühendes Gestein, als wäre es gewichtslos, durch die Luft. Dann herrscht für einige Sekunden gespenstische Ruhe, bis einem Nebenkrater zischend und fauchend eine stinkende graue Rauchwolke entweicht. Aus dem speienden und spuckenden Krater tritt pausenlos flüssiges Magma aus, zwei riesige Ströme fliessen unaufhörlich und unaufhaltsam tiefer, trennen sich, um sich einige hundert Meter weiter unten wieder zu vereinen. Ein schauriges Schauspiel, das nur wenige Kilometer weiter zum tödlichen Ernst für die Bewohner des Dorfes Zafferana wird, vorausgesetzt der Feuerstrom versiegt nicht vorher. Ein Tourist neben uns verbreitet Optimismus. ( Wenn die Ausbrüche im Val delle Bove stattfinden, sind sie meist nicht so ergiebig. Ausserdem ist dieses Tal so gross, dass es jede Menge Lava aufnehmen kann. ) Er verrät uns nicht, woher er seine Weisheit nimmt. Aber wie es so ist, wenn irgendwo eine Katastrophe eintritt, finden sich sofort berufene Propheten.

Der Ausbruch - ein Schauspiel?

Auto drängt sich an Auto. Auf der Strasse vom Berg hinab nach Giarre ein einziger Stau, nur im Schrittempo kommen wir vorwärts. Zu Tausenden sind sie gekommen. Sie fahren oder stehen am Strassenrand, schauen hinauf, zeigen, winken, gestikulieren, diskutieren. Der Polizist an der Strassensperre bei Zafferana ist nicht mehr zum Scherzen aufgelegt: ( Jedesmal dasselbe ), schimpft er, ( der Vulkan bricht aus, und die Leute wissen nichts Gescheiteres als hierhin zu fahren und die Strassen zu verstopfen. Das ist eine Tragödie, keine Touristenattraktion !) Er hat natürlich recht. Aber wir verstehen auch jene, die sich von der Urgewalt des Naturereignisses angezogen fühlen. Wir werden das Dilemma rund um den Berg noch in einigen weiteren Varianten kennenlernen.

Am Abend dann, den Naturgewalten und der Verkehrslawine entronnen, läuft die grausige Fortsetzungs-Show in der Stube am TV weiter: Lava wälzt sich rot- bis gelb-glühend zäh und klebrig talwärts. Armeebag-ger stossen Erdwälle auf, um den heissen Strom ins natürliche Bachbett und somit am Dorf vorbei zu leiten. Mit emotionsloser Stimme kommentiert der Nachrichtenspre-cher aus Rom, wie schnell die Massen sich talwärts bewegen, wie weit sie nun noch von den ersten Häusern entfernt sind und was der Beamte X und der General Y dazu meinen.

Auch die Zeitungen sind voll davon: ( Zafferana vor der Evakuation ?) verkündet die Schlagzeile unheilschwanger, und der aus Rom angereiste Zivilschutzminister lässt verlauten: ( Wir sind auf alles gefasst. ) Zwei Tage später eine Art Entwarnung: ( Ihr könnt beruhigt sein ), zitiert La Sicilia den Experten Franco Barberi. Begründung: ( Die Lava fliesst langsamer ). Doch nur für einen Tag, denn nur 24 Stunden später schreit der Zei-tungstitel in sechs Zentimeter grossen Lettern: ( Ätna, neue Gefahr ).

Leben mit dem Berg, der nimmt und gibt Man ist beunruhigt, hat Angst um Hab und Gut, ja um die ganze Existenz. Viele finden sich zu öffentlichen Informationsabenden im Gemeindehaus von Zafferana ein, andere gehen in die Kirche. Die Behörden verbergen ihre Nervosität hinter hektischer Betriebsamkeit. Soldaten aus dem Norden Italiens kämpfen mit schwerem Gerät gegen die Naturgewalten; der Ausgang der Schlacht ist ungewiss. ( Früher war das hier ein fruchtbares Tal, voll von Apfel-, Kirsch- und Birnbäumen ), sagt ein Gemeinderat von Zafferana, ( nun ist alles hin>. Abends dann, mit Einbruch der Dunkelheit, wird das Ereignis vollends zum Spektakel. Zu Tausenden pilgern die Menschen hinauf gegen den Monte Zoccolaro, um von oben herab, aus sicherer Entfernung, einen Blick zu erhaschen auf den rot- glühenden Lindwurm, der sich unaufhaltsam talwärts wälzt. .

Tödliche Chronik Tot war hier alles, irgendeinmal. 1928, in einem der katastrophalsten Ausbrüche der Geschichte, verwüstete die Lava fast achthundert Hektar Wald- und Obstplantagen und verschüttete beinahe die gesamte Gemeinde Mascali. Der Magmafluss stoppte nach 10 Tagen, nur 1,2 Kilometer vom Meer entfernt. 1971 wurden in einem 69tägigen Ausbruch die vulkanologische Warte, die Seilbahnstation sowie weitere tiefergelegene Häuser auf der Südseite zerstört, und die Lava bedrohte die Siedlungen Fornazzo und S. Alfio auf der Ostseite. 1981 floss ein Lavastrom auf Randazzo zu, unterbrach die Circumetnea-Eisenbahnlinie und stoppte nur 50 Meter vor der Strasse. Er bedrohte auch die Stadt Randazzo auf der Nordwestseite des Berges. 1983 ergossen sich an der Südseite mehrere Lavaströme, und 100 Millionen Kubikmeter Lava begruben erneut die Seilbahn, weitere Gebäude und sechs Quadratkilometer Agrarland. Rauchwolken schleuderten Asche siebeneinhalb Kilometer hoch und trugen sie 150 Kilometer weit durch die Luft. An diesen Tagen wurde sogar die Wäsche der Hausfrauen von Kalabrien schmutzig.

Gegensätze im Leben am Berg Wenn ein starker Nordwind beissenden, schwefligen Rauch über die Südseite des Vulkans hinabtreibt und die Ausflügler oben bei der Cantoniera d' Etna husten müssen, dass es ihnen die Tränen in die Augen treibt, müssen die Menschen im rund zehn Kilometer weit entfernten Ort Nicolosi ihre Fenster schliessen. Aber auf der anderen Bergseite, am Skilift oberhalb von Randazzo frönen die Skihasen unbeschwert ihrem Vergnügen. Der Schnee ist zwar schwarz vom Aschenfall der vergangenen Nacht, als der Wind aus dem Süden kam, doch gleiten tut 's trotzdem.

Wenn die feuchte Luft vom Meer her sich zu Wolken kondensiert, verwandelt sich der Ätna in eine Mondlandschaft.

Und was kümmern die Schickeria von Messina die Sorgen der Bauern in Nicolosi? Aber die Zeit heilt viele Wunden. Als unscheinbares Moos zuerst, dann als trockener, feingel-ber Ätnaginster kehrt das Leben an den Berg zurück. Innerhalb eines Jahres ist ein erstarrter Lavastrom kaum mehr zu erkennen: Schnee und Regen nivellieren das Gelände, grosse Brocken zerfallen, kleine werden zu Krümeln. Mit Hacke und Schweiss erobern sich die Bauern der Umgebung ihren Teil zurück.

Phantastische Aussichten für eine sorgenfreie Zukunft kennt man hier nicht. Immer bleibt den Leuten im Schatten des Ätna jene herbe Gewissheit, die schon ihre Ahnen und Urahnen kannten: Der Berg gibt und der Berg nimmt, aber immer ist es zu wenig zum Leben und zuviel zum Sterben. Und Rom ist weit entfernt. Einziger Trost bleibt die Kraft der eigenen Hände, die das Land fruchtbar machen.

Und trotzdem, wer es irgendwie machen kann, bleibt. Wer hier aufgewachsen ist, der ist geprägt vom Berg, der Berg lässt ihn nicht los.

Nachtrag Der Ausbruch, von dem hier die Rede ist, begann am 14. Dezember 1991. Ende Januar schien der Krater im Val delle Bove zur Ruhe zu kommen, der Magmastrom zu versiegen. Es schien, als ob die Dämme hoch genug und die Auffanggruben tief genug gemacht wurden. Die Menschen konnten wieder ruhiger schlafen. Aber zehn Tage vor Ostern, im April 1992, aktivierte sich derselbe Krater, mehrere neue Lavaströme flössen über die alten hinweg, füllten die Täler auf und brachten Zerstörung über das Kulturland der umliegenden Dörfer. Am Gründonnerstag stand der glühende Magmastrom 800 Meter vor dem Ort Zafferana. Unsicherheit und Unmut machten sich breit: Die Auffangbecken und Dämme seien ungenügend, viel zu klein gebaut worden, diktierten Einwohnerden Re- Einem Gletscher ähnlich wälzt sich die feurig-zäh-flüssige Lava aus dem Krater bergab und teilt sich in verschiedene Arme, die sich weiter unten erneut vereinigen.

portern in die Mikrophone. Jetzt werde man selber neue Gräben ausheben. Man werde sich von keinem auswärtigen General mehr etwas befehlen lassen, sagte ein Mann mit fester Stimme. Und trotzig hat einer

Das Militär blieb natürlich trotzdem, warf von grossen Hubschraubern Sprengminen ab, die den riesigen Lavafluss in mehrere kleine zerteilen sollten, die rascher erkalten. Grosse Betonblöcke sollten den Krater verstopfen. Die Einwohner von Zafferana aber holten ihre Madonna aus der Kirche, gingen damit auf die Strasse und taten, was sie in der Vergangenheit immer getan hatten, wenn die Lava ihre Häuser bedroht hatte: sie beteten.

Und die Lava hielt an. Man mag darüber denken, wie man will: Es seien die Minen gewesen oder die Muttergottes, aber die Lava hielt an.

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