Alpiner Nachtvagant
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Alpiner Nachtvagant

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von H. Nyffenegger

Mit 1 Bild ( 17Bern ) An einem schönen Sommertag malte ich bei der Stierenhütte oben. Eigentlich habe ich mich in der Hauptsache mit Brämenwehren beschäftigt. Die Stierenhütte am Seelibühl oben — im Gantrischgebiet — liegt an einem der schönsten Aussichtspunkte der Gurnigelstrasse; kein Wunder! Postautos, Cars und andere Vehikel halten hier an; an einem schönen Sonntag wird hier oben die Bergeinsamkeit zu Tode getreten. Über die « Wasserscheide » hinüber geht man in wenigen Minuten zum Fuss der Gantrischberge, der « Berge unserer Jugend ». Wohl den meisten Berner-SAC-Mannen waren diese Berge die Lehr-plätze ihrer alpinen Laufbahn.

Es ist noch ruhig am frühen Morgen, die Invasion beginnt erst so um 9 Uhr. Ein Windstoss fliegt heran — eine riesige Windhose entsteht — mein begonnenes Kunstwerk wird gehoben und landet drüben beim Brunnen. Schon war ich drauf und dran zu fluchen. Doch wonnevoll betrachte ich nun diesen Zornausbruch der Natur. Tausende von Butterbrot- und Wurstpapieren werden hinauf geblasen — weit her —, spiralförmig fliegen sie erst dem Boden entlang bis zum Wirbel und dann los, hinauf in Münsterhöhe. Noch eine halbe Stunde lang segeln die vermeintlichen Möwen in dieser Höhe, um dann in den Wäldern zu verschwinden. Leider blieben die Flaschenscherben und die Konservenbüchsen.

Nun geht 's los, die Picknicker kommen. Auto um Auto fährt heran, Leute steigen aus. Ein Gedränge zur Aussicht. Doch nein! Man hat mich entdeckt. Womit die Aussicht Ruhe hat — und ich das Gegenteil. Längst schon habe ich die spazierengehende Menschheit im Verdacht, dass sie sich langweilt bei dieser Beschäftigung. Wenn sie mich malen sehen, dann sehe ich, wie sich ihre Züge erhellen, wie sie galoppierend sich zu mir heranstürzen. « Endlich etwas los! Endlich eine Unterhaltung! » Und dann darf ich ja keine Farbe aus den Tuben drücken. Sonst bleibt die Menge stundenlang da, immer hoffend, dieses Ereignis wiederhole sich.

Genug Leute, genug Brämen! Ich ziehe aus! Kunst und Werkzeug verschwinden in meinem erprobten Materialienversteck im nahen Urwald, und neu ausgerüstet, als Bergsteiger, ziehe ich der Bürglen zu, einem Nachbar des Gantrisch ( ca. 2100 m und etwas mehr ). Als sich grad die Sonne von der besseren Erdhälfte verabschiedete, erreichte ich den westlichen Gipfel, « Gems-fluh » geheissen. In üblicher Wehmut und Lust genoss ich den Sonnenuntergang, mit dem Feldstecher bewaffnet sass ich noch lange auf dem Gipfelgrat und guckte ins Land hinunter, bis die vielen Lichter der Dörfer und Städte mir meldeten: « Es ist nun Nacht geworden. » Wenige Meter vom Gipfel befindet sich ein ebenes Mätteli, und dort legte ich nun meinen Schlafsack in das kühle Gras und schlüpfte hinein. Dank dem warmen Sommer gab es keinen Tau. Dann schob ich den Rucksack unter den Kopf und wartete auf die Romantik. Wenn es mir nicht mehr langt zu Nord- und Südwänden, zum « Grépon bei Nacht », so muss ich mir halt auf diese Art solche beschaffen, um den Alltag zu würzen.

Vorläufig geschieht nichts. Es ist sehr dunkel. Doch! Da oben funkelt es — der Himmel. Himmelsgewölbe, sagte ich. Denn noch nie empfand ich so deutlich diese unermessliche Kuppel. Wie ich so mit meinen Augen in der Sternenwelt herumfliege, blitzt es auf. Ich erschrecke. DortEin Blitz fährt davon, ins weite Simmental hinaus. Es war ein Scheinwerfer. Schon tauchte ein zweiter Blitz auf — drüben aus dem Kandertal schien es mir. Bald fuchtelten ihrer sieben im Weltenraum herum — ein Konzert von Lichtstrahlen. Sicher war das eine militärische Übung, mir aber, in meinem Logenplatz, schien das eine Extravorstellung zu sein für mich. Als das Stück zu Ende war, machte ich Pause. Genau wie im Theater. Ich erkämpfte mir eine Erfrischung. Es war wirklich ein Kampf, über den Kopf hinweg mit Lederriemen und abgründigen Taschen, bei seitenverkehrter Geographie meines Rucksackes.

Inzwischen meldete sich bereits die nächste Programmnummer. Mit Lichtsignal wurde der Mond angesagt. Bereits guckte er zwischen zwei Bergzacken hervor. Rasch wurde er grösser. Ich staunte; ist das möglich! Was da an Mond hinter den Bergen hervorkam! Eine riesenhafte, glühendrote Kugel. Der Hitzedunst, der über der Erde lagerte, gab ihm diese rote und mystische Erscheinung. Plastisch war er auch — wo er doch gewöhnlich als silberne Scheibe glänzt. Die Kugelform kam drastisch zum Ausdruck, und es schien mir nicht fassbar, dass dieses Schwergewicht im Weltenraum frei schweben kann: das ist ja wirklich gar nicht so selbstverständlich. Die Vorstellung wurde nachhaltig bewundert: mit Feldstecher — ohne Feldstecher —, und zwischenhinein blätterte ich gedanklich im Physikbuch und fand so meine Sicherheit wieder: « Er hält. » Komme nun diese Nacht Blitz und Donner oder grosse Kälte, ich will gerne mit Schlottern abverdienen; dieses Pro-grammstück war alles wert. Inzwischen stieg Herr Mond hinaus aus der Glut ans Tageslicht. Damit wurde er zur flachen Scheibe: Durchschnittsmond kurz nach der Völle. Somit war es Zeit für mich, nach Hause zu gehen, um zu schlafen. Ich tauchte also nun auch mit der Nase in die warme Schlafsackluft hinunter, und bald trug ich meinerseits etwas bei zum nächtlichen Programm: grosse Nachtmusik, fortissimo.

Frühzeitig liess ich mich wecken, durchs Unterbewusstsein. Tageserwachen: schon ordentlich hell. Rasch stellte ich fest — Berge blau in weiter Ferne. Aber draussen war es kalt — Romantik hin oder her, im Schlafsack war es schön warm. Hie und da spionierte ich nach der Sonne. Die heutige Fortsetzung des Naturtheaters misslang. Mein Logenplatz war zweitklassig geworden. Herr Gantrisch vor mir, mit dickem Bauch und Riesenglatze, versperrte mir die Sicht. So sah ich Frau Sonne erst glänzen, als sie schon ordentlich über den Bergen strahlte. Doch dafür gab sie mit ihrer Wärme mir den Mut zum Aussteigen. Währenddem der Kaffee mit Kalorien beladen wurde, lag ich auf dem Bauch und nahm mit dem Feldstecher das Inventar auf. Es waren alle da; vom Pilatus bis zum Mont Blanc. Besonders der letztere, diese weisse Kathedrale, glänzte im Morgenlicht. Klar und deutlich konnte ich all die bekannten Stellen sehen, die mir aus der alpinen Literatur bekannt waren. Rasch machte ich einige Touren. Links drüben einmal den Peuterey hinauf. Abstieg auf der normalen Route. Doch, was sehe ich da. Riesige Spalten, und vom Dôme du Goûter her stürzt eine Wolke in die Tiefe. Später sah ich, dass dort sich ein riesenhafter Eisbruch gelöst hat und auf die Grand-Mulet-Route gestürzt sein muss. Mir schauderte es. Nichts für Alleingänger. Wie heimelig und tröstend wirkte in diesem Moment das Sieden in meinem Kocher. Die Mont-Blanc-Tour wurde also abgeblasen, und ich fühlte mich wohl auf der harmlosen Bürglen, im warmen Sonnenschein und bei Kaffee. Drüben am Ochsen hörte ich ein Juhuu — es ist doch schön, zu Hause zu sein.

Eine innere Stimme mahnte mich nun, dass es nicht Sonntag sei. Der Alltag, heute einmal abwärts beginnend. Unten auf dem Morgetengrat begegnete ich den ersten Touristen. Sie sahen mich fragend an, ich sie mit überlegenem Lächeln. Ich kam mir als Held und Sieger vor. Stolz schritt ich abwärts — am gewöhnlichen Volk vorbei. Ein kleiner Stein drückte mich zwischen den Zehen — aber ich verbiss den Schmerz.B.is ich um die Ecke war.

Bald umhüllten mich die Wolken — Wolken von Brämen. Auf was bin ich wohl gesessen? Der Hosenboden war schwarz von diesem Volk. Zum Glück begegnete ich bald einem Bergsteiger — dem ich die Hälfte meiner Plaggeister anhängte. Um 9 Uhr widmete ich mich bereits wieder der Kunst — übervoll von einem glückseligen Gefühl. In meinem Versteck bei den Mal-utensilien lagen nämlich auch zwei Flaschen Bier. Jetzt leer. Und hinter mir wimmelte es bereits wieder von Massenautomenschen, die wie üblich rieten, was das Gemälde wohl darstelle.

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