Als ich dem Herrgott ins Handwerk pfuschte

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Mein erstes Bergmodell glich dem verwetterten Filzhut eines alten Maurers, es hätte aber ein verkleinertes Ebenbild des Grossen Spannorts sein sollen. Ich war damals vierzehn Jahre alt und kannte mich weder in Fels- noch in Gipsklötzen aus. Schliesslich warf ich den formlosen Klumpen hinter eine Brombeerhecke.

Elf Jahre später schaute ich oft dem Modellbauer Hans Hürlimann auf die Finger, als er im Auftrag des « alten Heim » an einem Modell des Rheinfalles herumbastelte. Solches zu sehen war lehrreich und lockte zur Nachahmung.

Professor Becker hatte einige Jahre vor seiner Erkrankung den Mürtschenstock im Glarnerland topographisch neu aufnehmen lassen. Als ich dann im Herbst 1919 an der Hochschule seine Stellvertretung antrat, fand ich dieses Aufnahmematerial unfertig vor. So machte ich mich an die weitere Bearbeitung. Die Beschäftigung mit dem Berg weckte in mir den brennenden Wunsch, ihn auch noch in die Form eines Modelles zu bringen. Ich konstruierte zuvor einen Höhenkurvenplan r: i o 000, sägte die Kurven aus Laubsäge-Holz- platten heraus, fügte die Platten zu einem Treppenstufenmodell zusammen und überarbeitete dieses mit der Modelliermasse « Plastillin ». Hierauf erstellte ich einen Gipsabguss und verfeinerte die Oberflächenformen. Die ausgeprägte Felsfalte am Ruchen—Mürtschen, alle Wandfluchten, Bänder, Rinnen und Risse, aber auch Geröllhalden und Karren boten interessante Lehrobjekte. Dieses Mürtschenrelief im recht grossen Massstab I: i o ooo diente später an der Hochschule und bei der Landestopographie als Anschauungsobjekt für Übungen im kartographischen Felszeichnen.

Nachdem mir dieses « Gesellenstück » einigermassen gelungen war, hatten meine Modellierwerkzeuge für lange Jahre Ruhe; denn als junger Hochschullehrer hatte ich auch ohne solche Ba-steleien alle Hände voll zu tun.

Indessen war durch die Landestopographie die neue grösstenteils photogrammetrische Aufnahme der Schweiz in Schwung gekommen. Sie lieferte bereits da und dort sehr genaue Höhenkurvenpläne auch für felsige Gebiete. Ich erbat mir solches Planmaterial der Regionen Sunnig Wichel im Etzlital und Windgällen-Ruchen im Maderanertal. Die genauen Aufnahmen verlockten mich dazu, nun Modelle von relativ kleinen Gebieten in grossen Massstäben zu planen. Die Berge sollen auch im Modell gross und herrlich vor uns stehen. Bergmodelle als Monumente, nicht solche als Eierkuchenfladen, dies schwebte mir vor. Somit solche mindestens im Massstab i :2ooo.

Rekognoszierend stieg ich einst, es war im Sommer 1936, durchs Schächentaler Brunnital hinauf zum Seewligrat, unmittelbar vor der Nordwand der Gross Windgällen.

« Feindselig, wildzerrissen steigt die Felswand. Das Auge schrickt zurück. Dann irrt es.unstet daran herum. Bang sucht es, wo es hafte. » F. Meyer Wohl zwei, drei Stunden starrte ich in die ungeheuerliche Wand hinauf. Wird mir solches überhaupt je gelingen? Ist es überhaupt möglich, sol- che Wirrnis im Modell naturgetreu nachzuformen? Kann ich das? Ich werde während Jahren jede freie Minute, Nachtstunden, Sonntage, Ferien, opfern müssen. Ich rang mit dem Berg, wie einst Jakob mit dem Engel!

Dennoch! Der Entschluss stand fest. Der Berg wird gemacht. So stieg ich denn immer wieder, allein oder in Begleitung guter Freunde, hinauf in mein neues Himmelreich.

Zur Modellierung im Massstab I :2000 genügen Karten und Pläne nicht. Ihre Höhenkurven wursteln sich an zerrissenen Steilwänden in unentwirrbaren Knäueln durcheinander ( Abbildung 108 ). Da muss man selber hinauf und in jeden Winkel hineingucken. Man photographiert, man macht sich die Felsformen und Felsstrukturen auch zeichnerisch zu eigen. Man muss das Gestein mit Händen und Füssen greifen. Solche Stunden, oben auf den Kämmen, in den Wänden oder auch unten im Geröll und auf blumigen Matten bleiben mir unvergesslich. Einmal hätte es freilich leicht schief gehen können: Es war an einem schönen Spätsommertag. In Begleitung eines bergtüchtigen Studenten wollte ich, zum wievielten Male schon, die Gross Windgällen besteigen, um noch einiges zu photographieren. Auf der unschwierigen Normalroute über den ostseitigen Firnhang rückten wir rasch vor. In den höheren Lagen aber war der Firn bereits herbstlich vereist. Leider hatten wir es unterlassen, uns mit Steigeisen auszurüsten. So hackten wir im obersten Anstieg durch Pickelschläge notdürftige Treppenstufen. Da, etwa siebzig Meter unter dem Gipfel, splitterte bei einem harten Schlag mein Pickelstock entzwei, dicht unter der Hacke. Ich konnte gerade noch das abspringende Eisen erhaschen, liess aber dabei den Stock in die Tiefe fahren. So waren wir genötigt, auf den Gipfel zu verzichten und einen recht heiklen Rückweg über den vereisten Steilhang anzutreten. Wie guckten dann unten auf Golzeren die Hirtenbuben, als ich mit einer Kurzstielhacke, statt eines Eispickels, anrückte.

Ein andermal sass ich bei schönstem Sonnen- schein auf dem Seewligrat und schaute, wie so oft schon, in die hoch zum Himmel ragende Wand meines Berges. Da kamen schräg von links, vom « Zinggen » her, drei Männer und zwei Frauen, setzten sich ganz in meiner Nähe ins Gras und begannen auf reichsdeutsch über die schweizerischen topographischen Karten zu wettern. Solches liess mich natürlich nicht kalt. « Was ist denn da nicht in Ordnung? » fragte ich. « Ja, sehen 's », erklärte das Haupt der Gruppe, « dort drüben, zwischen Windgällen und Höhlenstock, ist in der Karte ein Weg durch die Wand eingezeichnet; dort wollten wir hinauf; doch diese lausige Karte! Weit und breit kein Weg! Nur senkrechter Fels! » - « Na, so zeigen 's mal her, Eure Karten », erwiderte ich. Und wirklich, es war ein Blatt aus unserem schönen Siegfriedatlas, und da war an der fraglichen Stelle säuberlich eingetragen eine dichte Reihe schwarzer Pünktlein. « Ho, ho, das ist ja ein Stück der Gemeindegrenze von Unterschächen », lachte ich. Die enttäuschten Germanen liessen noch ein Knurren vernehmen und rauschten ab. Die Ehre der schweizerischen Karten aber war offenbar gerettet.

Unter Wolken von Gipsstaub, unter Strömen von Schweiss begann nun im Winter 1936/37 in meinem Atelier in Erlenbach das Basteln. Ein Angestellter sägte Höhenkurven aus Holzplatten. Die Platten fügten sich zu Treppenstufenbergen. Von diesen stellten wir Gipsabgüsse her, einen Block des Sunnig Wicheis, zwölf Teilblöcke des Riesenmodelles der Windgällen-Ruchen-Kette. Diese nicht ganz einfachen handwerklichen Arbeiten seien hier nicht weiter erläutert. Wir werden im nächsten Kapitel auf sie zurückkommen.

Endlich standen die Rohformen unserer Felsberge als Gipsblöcke auf meinen Tischen. Die Hauptarbeit, das feine Ausmodellieren der Oberflächenformen, konnte beginnen.

Diese Prozedur musste sich nun zuerst der Sunnig Wichel gefallen lassen; denn dieser kleine Zackige sollte mir als Versuchsstück dienen.

Bereits war die Südwestwand mit ihren granitenen Strebepfeilern zurechtgeformt, da meldeten'39 sich, wie fernes Wetterleuchten, die Vorboten der Schweizerischen Landesausstellung 1939 in Zürich. Mein Windgällenmodell könnte dort in der Halle der Vermessungstechnik die Präzisionslei-stungen moderner topographischer Aufnahmen demonstrieren. Ich liess mich durch meine Fachkollegen nicht lange bitten; denn eine bessere Gelegenheit, mein Relief öffentlich zu zeigen, würde sich nie wieder finden. Nun durften wir keine Minute verlieren, die Feinarbeit am Windgällenmodell setzte ein. Damit aber wurde der kleine, zierliche Sunnig Wichel vom Windgällenkoloss gleichsam überfahren und aus der Sonne in einen schattigen Winkel meines Kellers gedrängt. Von solchem Schock erholte er sich nicht mehr, er starb und wurde begraben.

Die Windgällen—Ruchen-Nordwand ist in ihrer Höhen- und Breitenausdehnung wohl eine der grössten ununterbrochenen Wandfluchten der Alpen. In der Natur 6 Kilometer lang und etwa 800 bis 1400 Meter hoch, in unserem Modell 1: 2000 somit etwa 3 Meter lang und 40-70 Zentimeter hoch. Der Höhenunterschied von der Brunni-Alp bis zum Windgällengipfel beträgt i 800 Meter, im Modell go Zentimeter. Aber auch die Südwände sind recht respektabel. Das Modell als Ganzes beansprucht eine rechteckige Grundfläche von etwa 1,6 auf 3 Meter.

Solche Dimensionen erlauben es nicht, das Modellieren an einem Gesamtblock durchzuführen. Das Ganze wurde daher aufgeteilt auf zunächst 12 Teilblöcke.Vor der feinen Oberflächenbearbeitung wurden dann je zwei solche Teilblöcke zu Doppelblöcken zusammengefügt. Um genaues Passen entsprechender Anschlüsse zu erreichen, mussten vorerst alle diese Gipskolosse auf einer grossen Tischplatte dicht, fast nahtlos, zusammengestellt werden. Das zusammengefügte Ungetüm füllte meinen Atelierraum derart, dass man von der einen zur anderen Seite des Zimmers nur gelangen konnte, indem man unter Berg und Tisch hindurchkroch. Die höchsten Kammregio-nen des Modelles waren für meine Hände und Werkzeuge unerreichbar. Daher wurde vor und 90 Joseph Martin Baumann: Relief des Rigi 1: 2ß000, 1816. Mit Darstellung des Goldauer Bergsturzes von 1806 Glelschergartenmuseum Luzern. Photo E. Imhof 91Karl August Scholl: Relief des Alpsteins ( Säntisgebirge ), etwa 1:66000,184.6 Historisches Museum St. Gallen. Photo E. Imhof 92 Albert Heim: Alpiner Gletscher. Beispiel eines erdachten Typenreliefs, etwa 1:18000 Dieses Relief ist in verschiedenen Museen vorhanden. Photo Gletschergartenmuseum, Luzern hinter dem Berg eine Bockleiter aufgestellt und mit einem Brett quer über den Felsenkamm eine Brücke errichtet. Auf dieser liegend, gelang es mir, die Felsen auch von oben her zu beklopfen und zu bekratzen.

Nun das Modellieren: im exakten Heraus- und Hineinarbeiten aller, selbst der feinsten Oberflä-chenknitterungen liegt die langwierigste, anspruchsvollste und entscheidende Arbeit der Reliefherstellung. Vom Gelingen solchen Tuns hängen Naturtreue und Schönheit des Modelles ab. In solcher Modellierkunst liegt auch aller Zauber des Gestaltens.

Als Vorlagen dienten mir, ausser den topographischen Höhenkurvenplänen und eigenen photographischen Aufnahmen und zeichnerischen Studien, vor allem auch 300 Luftbild-Stereo-Pho-tobildpaare. Sie waren für meinen Zweck durch den Flugdienst der Schweizerischen Grundbuchvermessung aus nächster Nähe der Wände aufgenommen worden ( Abbildung 107 ).

Ergänzend gesellten sich zu solchen Dokumenten einige terrestrische ( von Geländepunkten aus aufgenommene ) Stereo-Photopaare der Eidgenössischen Landestopographie.

Nun schabte und kratzte ich in jeder freien Minute mit feinsten, selbsthergestellten Sticheln an den Felsen herum. Hierbei leisteten mir zwei Assistenten vorzügliche Hilfe, der Architekt Pierre Favre und der Bauzeichner Hans Fachmann. Das fertige Modell soll so treu dem Natureindruck entsprechen, dass seine photographischen Bilder entsprechende Naturaufnahmen vortäuschen. Solche Modellierkunst setzt ein geschultes und geübtes Auge, visuelle Begabung, geologische und geomorphologische Kenntnisse und jahrelanges Abtasten von Felsen in der Natur voraus, und zwar sowohl mit den eigenen Bergschuhen als auch mit dem Zeichenstift. Ein geschultes Auge, vereint mit geologischem Wissen, erfasst jede Eigenart der Geländeformen. Man beachtet Ver-wandschaften oder Typen, und innerhalb derselben jede individuelle Eigenart. Bergkämme, Hänge und Felsen weisen, je nach Art, Alter, 93 Albert Heim, um igoo Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Wissenschaftshistorische Sammlung 94 Xaver Imfeid, um 1890 Aus: Schweizerische Portrait-Galerie, Bd.3, Blatt 262. Reproduktion: Zentralbibliothek Zürich 95 Fridolin Becker, um igoo Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Wissenschaftshistorische Lage und Lagerung des Gesteins, die mannigfaltigsten Aspekte auf.

Unter analogen Umständen zeigen sich oft verblüffende Ähnlichkeiten. Ein lokales Detailphoto irgendeines Bergwinkels am Pilatus könnte, kaum unterscheidbar, im Säntisgebiet aufgenommen sein, ein solches einer Rutschung in einem Prättigauer Schiefertobel in völliger Ähnlichkeit auch im Lugnez. Selbst der geologisch Blinde aber sieht von weitem, dass das Bietschhorn ein kristalliner, die Windgällen ein Kalkalpenberg ist. Manchenorts auch sieht man, wie Schicht- oder auch Schie-ferungsflächen sich mit Systemen junger Bruchspalten schief- oder rechtwinklig kreuzen, so dass dann eigenartig-komplexe Oberflächenstrukturen resultieren. Ein geübtes Auge sieht noch viel anderes, so z.B. den Unterschied der Oberflächenformen zwischen abgetragenem ( erodiertem ) und aufgeschüttetem Boden. Oder den ungleichen Aspekt von einst nasser, bzw. einst trockener Geröll- oder Geschiebeablagerung. Oder die formale Eigenart von Spaltwänden und Eisschollen in Gletscherbrüchen als Ergebnisse sukzessiven, oft treppenartigen Absackens des Eisstromes. Weniger beachtet sind die Abschmelzformen und Umrisse sommerlicher Überreste des winterlichen Lawinenschnees. Sie passen sich Jahr für Jahr in stets fast gleichen Umrissen den Geländeformen an. « Solches ist nun wirklich nebensächlich », mag mein lieber Leser denken. Aber gerade auch im genauesten Erfassen solch nebensächlicher Merkmale liegt der Reiz der Rc-liefgestaltung. Nichtbeachtung verdirbt die Qualität, das Bergrelief wäre nichts weiter als ein Sandhaufen von Gassenjungen.

Durch Worte allein, durch in Worte gefasste wissenschaftliche Klassifikationen und Deutungen, durch Aufstellung von Typen usw. lässt sich solch unbegrenzter Formenreichtum nicht ausreichend schildern. Ähnlich ist es ja auch bei näherliegenden Dingen: Im Schweizerlande, beispielsweise, gibt es Hunderttausende von Häusern, keines aber ist genau gleich wie das andere. In der sprachlichen Schilderung helfen wir uns mit dem 96 S. Simon und J. Reichlin: Relief des Berner Oberlandes i: io ooo, fertiggestellt 1914- Teilstück Schweizerisches Alpines Museum Bern. Photo Markus Liechti, Liebefeld 97Xaver Imfeid: Relief des Matterhorns 1:5000, i8g6. Von Nordosten gesehen Schweizerisches Alpines Museum und andere Sammlungen. Photo Markus Liechti, Liebefeld 98 Xaver Imfeid: Relief des Matterhorns 1 :jooo, i8g6. Von Süden gesehen Schweizerisches Alpines Museum und andere Sammlungen. Photo Markus Liechti, Liebefeld generellen, symbolhaften Ausdruck « Haus ». Und notgedrungen nehmen wir auch bei der Schilderung von Bergformen Zuflucht zu uns vertrauten stellvertretenden Symbolwörtern wie Turm, Dach, First, Schulter, Band, Gesims, Fuss, Kamin, Pyramide, Nadel ( Aiguille ), Zahn, Horn, Rippe usw., ohne aber damit an den individuellen Variationsreichtum heranzukommen.

Ein sehr viel näheres Heranrücken an das Beobachtete, an die natürliche Erscheinungsform, erlebt der Reliefkünstler bei seiner Modellierarbeit. In solch näherem Heranrücken an das Vorbild liegt ein eigenartiger, ein geradezu faszinierender Reiz, eine Spannung, die Glück bedeutet und höchste Befriedigung schafft. Das ist es, was den Sinn des Reliefkünstlers erregt und seinen Modellierstichel rastlos von Felsbuckel zu Felsbuckel treibt.

Freilich, und dies ist die andere Seite: Solches Abbilden zeigt nur, es erklärt nicht. Gutes Abbilden jedoch erleichtert auch das Erklären und Verstehen.

Wir kamen mit der Arbeit an unserer Windgällen gut voran, da meldete sich eines Tages im Frühjahr 1938 ein einstiger Zentralpräsident des Schweizer Alpen-Clubs, Herr Emil Erb aus Zürich: « Sie, mier müend en Berg ha; dr Alpe-Club macht i dr Landi au en Uschtellig, und drum müemer en Berg ha. Sie müend öis en Berg mache, es grosses Bergmodäll! » - « So, so! » antwortete ich, « Ihr kommt nun reichlich spät, ich bin so überlastet, dass ich Euch leider keinen Berg machen kann. » - Der Herr Alt-Zentralpräsident gab aber nicht so leicht nach. Immer wieder kam er, stupfte und forderte: « Sie müend öis en Berg mache! » All die Monate hindurch erwiderte ich: « Nein, ich bedaure. » Meine Vernunft sagte « nein ». Von Woche zu Woche aber stieg die Unruhe in meinem Herzen und flüsterte erst leise, dann immer heftiger « mach es ». Nur zu gern hätte ich der Windgälle, diesem typischen Beispiel eines alpinen Kalkklotzes ( Malm ), als Gegenbeispiel einen typischen kristallinen Gipfel in gleichem Mass- 1 |i 99 Charles Perron: Relief der Schweiz i'100000, Gesamtansicht, i8g6-igoo Photo Bundesamt für Landestopographie, Wabern bei Bern 100 Charles Perron: Relief der Schweiz 1:100000. Teilstück: Südwestliche Landesteile und Savoyen Photo Bundesamt für Landestopographie, Wabern bei Bern 101 Xaver Imfeid: Relief der Berner Alpen r :25000, igo8. Teüstück Schweizerisches Alpines Museum und andere Sammlungen. Photo Markus Liechti. Liebefeld stab zur Seite gestellt. Im geheimen forschte ich nach einer Möglichkeit. Aber woher die Kraft? Woher das Aufnahmematerial? Die Landestopographie besass damals noch keine Neuaufnahmen grosser, schöner Granit- oder Gneissgipfel im erforderlichen Massstab. Ich besprach mich mit Professor Max Zeller vom Institut für Photogrammetrie an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Mein liebenswürdiger Kollege biss an. Wir einigten uns, und zwar auf einen der schönsten kristallinen Gipfel, das Bietschhorn im Wallis. Mit Hilfe einiger Studenten wird er in den kommenden Hochschulferien eine photogrammetrische Aufnahme im Massstab i :5000 mit Auswertung von Höhenkurven mit to Metern Äquidistanz durchführen. Eine Gruppe von sechs anderen Topographie-Studenten wird mir im darauffolgenden Wintersemester helfen, auf Grund dieser Aufnahmen den Rohbau eines Reliefs im Massstab i: 2000 zu errichten.

Nun, bevor es soweit war, meldete sich wieder der Herr Alt-Zentralpräsident: « Sie müend öis doch no en Berg mache! » - « Vielleicht » antwortete ich nun, verriet aber mit keiner Silbe meine Vereinbarung mit Professor Zeller und den Studenten. Ich lud den Herrn Alt-Zentralpräsiden-ten mit seinem Ausstellungskomitee zu mir nach Hause ein zu erneuter Beratung. « Vielleicht kann ich Euch doch noch etwas Passendes machen. » Die Herren erschienen, leicht beschwingt durch Hoffnung in den Herzen. Ich hatte zuvor meine Ateliertüre verriegelt und führte nun meine Besucher in den Keller, wo zu jener Zeit immer noch das kleine, unfertige Sunnig-Wichel-Modell-chen in einer dunkeln Ecke lag. « Sehen Sie, diesen Berg könnte ich Euch für die Ausstellung noch fertig machen, falls Ihr damit zufrieden seid. » Die vier Herren hüstelten, schauten sich verlegen an. « Nun, ja, denn in Gottes Namen, wenn nichts anderes mehr möglich ist. » - Enttäuschung stand auf allen Gesichtern. Ich unterdrückte mein boshaftes Lächeln und sagte harmlos: « Kommen Sie da nach vorn in mein Atelier, um die Sache zu besprechen. » Ich öffnete eine Türe, und da stand gross und hoch das Windgällenrelief. Die vier vom Komitee standen starr, und der Herr Alt-Zentralpräsident sprach, nach Atem ringend, langsam und mit Nachdruck: « Sie sind en fräche Siech! Da hätt er so'nen Grosse, und öis git er so-'nen Chline. » Nun konnte ich das Lachen nicht länger unterdrücken, ich heuchelte: « Den Grossen kann ich Euch nicht geben, weil er bereits für eine andere Ausstellungsgruppe bestimmt ist, aber ich werde Euch, trotz Zeitnot, doch auch noch einen grossen Berg machen. Wie wär 's mit dem Bietschhorn, so im gleichen Massstab wie hier die Windgälle? » Nun fielen mir alle vier Komitee-Herren plötzlich um den Hals.

Mit Aufbietung aller Kräfte wurde nun weiter an unseren Gipsklötzen geschabt, gekratzt und gegipst. Schliesslich standen die « Original- oder Urmodelle », sechs grosse Blöcke Windgällen und drei grosse Blöcke Bietschhorn, blendend weiss und schön vor uns. In einer Stukkatur-Werkstatt wurden hierauf Gipsabgüsse hergestellt, je drei der sechs Windgällenblöcke und je vier der drei Bietschhornblöcke, zusammengestellt ein weiss-schimmerndes Blocklabyrinth von dreissig Blöcken. Eine Blockgruppe Windgällen und eine solche des Bietschhorns wurden nun schleunigst ins Landesausstellungsareal an die ihnen zukommenden Standorte gebracht. Dort wurden die Blöcke zusammengefügt, indem ich die Fugen zwischen benachbarten Stücken mit Gips ausgoss, dann an den Oberflächen alles nochmals zurechtschabte.

Nun aber waren meine Berge noch zu bemalen. Der Ausstellungsdirektor, der berühmte Architekt und spätere Nationalrat Armin Meili, kam, bewunderte pflichtgemäss die Dinger, bat mich aber: « Lassen Sie sie so, unbemalt, einfarbig hell, wie Marmor. Sie sind so viel schöner, viel plastischer als wenn sie mit Farbe voll geschmiert würden. Die Marmorgötter der alten Griechen sind ja auch nicht bemalt. » Ich überlegte lange. Meili hatte recht. Die feine plastische Gliederung in den Felswänden würde durch buntes Bemalen stark beeinträchtigt und ider abstrakte Charakter des Monumentes vielleicht gefährlich verkitscht. Das sensible Künstlerauge bedarf hier der Farbe nicht, für den Topographen aber ist ein weisser Marmorklotz leider kein Berg. Naturähnlichkeit gibt es ohne naturähnliche Farbe nicht. Und der Laie könnte ja Geröll und Firn und Alpweide kaum voneinander unterscheiden. Ich wählte den Kompromiss: Ich malte, doch malte ich alles äusserst hell, nur mit einem Hauch von Farbe. Der Erfolg hat mir dann wohl recht gegeben. Weraber Weiteres überdieBe-malung wissen möchte, lese das nächste Kapitel.

Das Windgällenrelief stand nun in der Ausstellungshalle für Vermessung und Karte der « Landi ». Hoch über dem Felsenkamm war eine Tages-Sonnenbahn mit kugelförmigen Lampen installiert. So konnten junge und alte Kinder an einer Schalttafel die Richtungen der künstlichen Sonnenstrahlen beliebig oder nach der Uhr verändern. Das war eine sehr sinnvolle Einrichtung. Sie zeigte, wie das Antlitz des Berges, je nach Sonnenstand, völlig verschieden ist. Der ganze Formenreichtum des Modelles gelangte damit zu deutlicher Anschauung.

Unerwartet, aber herzerquickend, war die Freude einer Gruppe von Blinden, die eines Tages die Landesausstellung zwar nicht besichtigten, wohl aber betasteten. Für diese Gäste hatte ich vor dem Windgällenrelief einen Holzsteg aufrichten lassen, um ihnen das Betasten des Berges zu ermöglichen. Nun geleitete ich einen nach dem anderen auf diesen Steg, führte die Hand des Blinden von der Alpweide über Geröll, Schnee und einen Felsenkamm hinauf bis zum Gipfel. Die Freude war unbeschreiblich. Einer der Blinden brach dabei in jubelnde Schreie aus: « Jetzt bin ich oben, jetzt bin ich oben, ganz oben! » Hoffentlich aber hatten nicht nur die Blinden Freude an meinen Bergmodellen.

Das Bietschhorn prunkte indessen an zentraler Stelle in der Ausstellungshalle des Schweizer AlpenClubs. Abguss und Bemalung waren erst kurz vor Eröffnung der Ausstellung fertig geworden. Aus Zeitnot hatte die Bemalung ( sie geschah mit wasserlöslichen, deckenden Gouachefarben ) erfolgen müssen, bevor die Gipsabgüsse völlig durch-getrocknet waren. Daher wuchs dann während der ersten Ausstellungswochen ein heller Flaum von Schimmelpilz aus allen Gletscherspalten. Ich sah mich genötigt, jeden zweiten Tag hinzureisen, um solch unerwünschtes Gestrüpp zu entfernen.

Nach Schluss der Ausstellung fanden meine beiden Gipsberge den Weg hinauf in die Eidgenössische Technische Hochschule. Sie bildeten während langer Jahre willkommene Demonstra-tionsobjekte im dortigen Institut für Kartographie. Infolge Raummangels musste dann die breitklotzige Windgällen weichen. Sie wurde hierauf bald da, bald dort im Hause in irgendeinen Winkel geschoben und drohte langsam der Kulturerosion zum Opfer zu fallen. Als dann im Jahre 1976 auf dem Hönggerberg bei Zürich zusätzliche neue Gebäude der Hochschule bezogen waren, unterzog ich mein Sorgenkind einer gründlichen Reinigung und Auffrischung. Es wurde nun im dortigen « Baugebäude HIL », geschützt durch ein Glaspalästchen und angestrahlt durch künstliches Licht, öffentlich und wohl für dauernd aufgestellt. Im gleichen Gebäude, vor den Lokalen des Instituts für Kartographie, steht auch ein Exemplar des Bietschhorns.

Weitere Exemplare, ihre Teilblöcke ebenfalls zusammengefügt, hatten schon längst ihre gute endgültige und öffentliche Aufstellung an folgenden Orten gefunden:

Schweizerisches Alpines Museum in Bern:

Sowohl Windgällen als auch Bietschhorn. Beide bemalt und gut geschützt unter Glas, ausgestattet mit zweckmässig gerichteter künstlicher Beleuchtung. Auch ein Exemplar des Mürtschen-stockmodelles befindet sich dort.

Stadtmuseum Winterthur, naturhistorische Abteilung:

Windgällen und Bietschhorn, beide ebenfalls bemalt und gut aufgestellt.

Naturhistorisches Museum Solothurn:

Bietschhorn, bemalt. Aufgestellt unter einer leider etwas engen Glashaube.

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