Als Kletterer zu Diplomaten wurden Die IG Klettern Basler Jura

Kaum hatte das Sportklettern im Basler Jura Fuss gefasst, folgten die ersten Konflikte mit den Behörden. 1995 gründeten Kletterer deshalb die IG Klettern Basler Jura und suchten den Dialog. Ohne sie gäbe es das Klettern in der Region vielleicht nicht mehr.

Eigentlich hat sich Patrik Müller mit seinen Vorstandskollegen zum abendlichen Klettern an der Schauenburgflue verabredet. Doch pünktlich zum Feierabend prasselt über der Nordwestschweiz der Regen. Und so trifft man sich im kleinen IG-Büro in einem Basler Hinterhof zum Gespräch: ein Holztisch, ein paar Regale mit Akten. Nichts deutet auf das Thema Klettern hin. Mitbegründerin Gabriele Fendrich ist ebenfalls zugegen, und als mit Simon Birkenstock ein weiteres Vorstandsmitglied das kleine Büro betritt, sind alle Altersgruppen vertreten, die im Basler Jura klettern. «Wir verjüngen uns», stellt Präsident Müller zufrieden fest. Das zeige, dass sich auch die junge Klettergeneration der Notwendigkeit ­einer IG bewusst sei, die den Klettersport in der Region vertrete. Im Basler Jura muss man tatsächlich festhalten: Wäre die IG vor 22 Jahren nicht gegründet worden, gäbe es hier wohl kein Klettern mehr. Nicht weil niemand die Routen einbohren oder sanieren wür­de. Im Gegenteil: Sondern weil man es nicht mehr dürfte.

Zuerst war der grosse Hype: Die Erschliessungswelle zwischen 1980 und 2000 bescherte den lokalen Felsen Hunderte Routen und Boulder aller Schwierigkeitsgrade in über 60 Gebieten. Dann kamen Fragen auf.

Kurz vor dem Verbot

Mit dem Kletterboom wurden die Kantone und Gemeinden auf das Getümmel an den Felsen aufmerksam – und damit die Grundbesitzer. Plötzlich führten Trampelpfade zu den Felsen, Feuerstellen entstanden, und manch eine Bergbeiz sah ihren Parkplatz gefüllt mit Autos von Kletterern, die selten einkehrten. Und überhaupt: Stellen die Kletterer am Ende eine Bedrohung für Flora und Fauna dar? Die juristische Situation war heikel. Zwar gilt im Wald das freie Betretungsrecht, doch bedeutet das auch, dass man fixe Haken in den Fels treiben darf?

1995 war der Klettersport in der Region so weit gewachsen, dass sich das Konfliktpotenzial im Wald aufstaute: Kletterer, die am liebsten alles «befreiten», trafen auf Waldbesitzer, die dafür wenig Verständnis hatten. Aus dem nahen Deutschland kamen Hiobsbotschaften: Im Badischen wurden ganze Gebiete gesperrt, aus der Schwäbischen Alb wurde von handgreiflichen Auseinandersetzungen und angesägten Bohr­haken berichtet. Die Autoren des legendären Kletterführers «Fluebible», die auch einen Grossteil der Routen eingerichtet hatten, beschlossen, aktiv zu werden: Sie initiierten eine unabhängige, mehrjährige Untersuchung – das sogenannte Felsinventar Basler Jura und Schutzkonzept. Und sie suchten den Dialog mit den Behörden. Konfliktpunkte wurden festgehalten, Lösungsansätze aufgezeigt. Diese sollten von der neu gegründeten IG umgesetzt werden. «Es war uns klar, dass wir fürs Klettern kämpfen müssen, weil es sonst schlicht verboten würde», erinnern sich Müller und Fendrich, die von Anfang an den Lead übernahmen.

Eine hilfreiche Niederlage

Nun war es nicht so, dass sie in ihrem Berufsleben zu wenig zu tun gehabt hätten. Müller besitzt ein Malergeschäft, und Fendrich arbeitete damals als Laborleiterin bei einem Basler Pharmakonzern. Dennoch nahmen sie sich der zähen IG-Arbeit an: runde Tische, Naturverträglichkeitsstudien, Fels­inven­tare, Vernehmlassungen, Gerichtsbeschlüsse. Diese Begriffe umschreiben beispielhaft das bürokratische und bald auch politische Milieu, in das der IG-Vorstand zwangsläufig eintauchte.

Der Aufwand war von Anfang an enorm. «Die Behörden wussten wohl, dass irgendwo geklettert wurde. Aber sie kannten die Felsen nicht wirklich. Wir zeigten sie ihnen, erklärten, was wir genau machen», erinnert sich Müller, dem es immer um die Verhältnismässigkeit ging. Es galt, ein pauschales Kletterverbot abzuwenden.

Die Natur steht im Vordergrund

Langsam entspann sich ein Dialog. Verhärtete Fronten wurden aufgeweicht. Nicht ohne dass hart verhandelt wurde. «Am Anfang war das für uns alle neu. Wir waren Kletterer und keine Politiker oder Juristen», sagt Müller und erzählt vom Lehrgeld, das man bezahlen musste, damals, als man die Schliessung eines kleinen und eigentlich unbedeutenden Klettergebiets vor Gericht anfocht: «Alle haben uns abgeraten. Und wir haben schliesslich auch Kletterrouten verloren. Doch die Niederlage hatte ebenfalls gute Seiten. Wir betrachteten das als Übung für den Fall, dass wir eines Tages eines der grossen und wichtigen Klettergebiete vor Gericht vertreten müssten – was bis heute zum Glück nicht eingetreten ist.»

Noch etwas durften die Kletterer am Ende als Sieg feiern: Das Gericht hatte erkannt, dass ein Kletterer, der nicht auch der Grundbesitzer ist, faktisch gar nicht gegen ein Verbot klagen konnte. Das Gericht befand dies als Unrecht, worauf das Unterschutzstellungsverfahren entsprechend geändert wurde. Die Episode ist symbolisch dafür, wie schwierig es ist, die Realität einer Outdoorsportart in Gesetzesparagrafen zu übertragen.

Ein grosses Anliegen ist es, den Klettersport umweltverträglich zu gestalten. Als bekannt wurde, dass die reiche Biodiversität auf den Fluhköpfen durch aussteigende Kletterer gefährdet ist, ergriff man sofort Massnahmen: Umlenkungen wurden unterhalb der Felskante in die Wand gesetzt. Damit waren die Zeiten vorbei, in denen der Vorsteiger auf der Fluh an einem Baum Stand machte und den Nachsteiger von oben sicherte.

Auch an wissenschaftlichen Studien ist die IG mittlerweile beteiligt. So läuft seit 2014 ein kantonales Felsmonitoring, das untersuchen soll, ob und wie sich die Artenvielfalt entlang von Kletterrouten verändert. In aufwendiger Kleinarbeit beobachten die IG-Mitglieder zusammen mit Biologen Pflanzen und Schnecken an zehn festgelegten Routen. 2024 sollen die Daten ausgewertet werden.

Immer wichtiger werde die Zusammenarbeit mit dem SAC, sagt Müller. Der SAC unterzieht etwa seine neuen Kletterführer einer sogenannten «Prüfung auf Naturverträglichkeit». Das heisst, dass alle im Kletterführer beschriebenen Klettereien auf keinen Fall im Widerspruch zu kantonalen Naturschutzregelungen stehen. Das Wissen einer lokalen IG ist dabei von grossem Wert.

Die Frage nach dem Antrieb wird von den drei anwesenden Vorstandsmitgliedern einstimmig beantwortet: Die Liebe zum hiesigen Klettern sei zu gross, um tatenlos zuzusehen, wenn Verbote drohen. Und so steht die IG Klettern Basler Jura für zwei Jahrzehnte Pionierarbeit im Dialog mit den Behörden.

Saisonale Sperrungen im Basler Jura

Auf der Website der IG Klettern, www.igklettern-basel.ch, findet sich eine Karte aller Basler Klettergebiete. Darauf ist jeweils sehr einfach erkennbar, ob ein Gebiet saisonal gesperrt oder freigegeben ist. Kletternde können auch einen RSS-Feed abonnieren, um sich über die aktuelle Situation informieren zu lassen.

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