Am Fusse grosser Berge

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BERÜHMTE BEROSTE I GE RO RTE IN DEN ALPEN VON KARL LUKAN, WIEN

Fast jeder junge Bergsteiger träumt einmal den Traum von einer Welt, in der es immer Urlaub gibt und in der er nach Herzenslust tagelang, wochenlang, monatelang in den Bergen herum-zigeunern kann. Doch die Wirklichkeit meint es besser mit ihm: sie macht die Urlaubstage rar und gibt ihm dafür Sehnsucht und Erfüllung - und mit dem Älterwerden das Wissen, dass gerade in den Kontrasten ein gutes Stück vom Glück dieser Welt liegt.

Diese Kontraste bestimmen auch den Charakter jener Orte, die an den grossen Bergen der Alpen liegen. Aus ihrer Zivilisation brechen die Menschen voll Ungeduld zu den Bergen auf, zu ihrer Zivilisation kehren sie gerne wieder zurück, wenn der Tag sich neigt. Es sind Orte, über denen nicht die Ruhe idyllischer Urlaubsseligkeit liegt, sondern ständig die Unruhe des Aufbruches und der Wiederkehr. Und das gibt diesen Orten ihren eigenen Reiz.

Berchtesgaden liegt am Fusse des Watzmanns und des Hohen Gölls, es ist einer der südlichsten Orte Deutschlands. Hier verbringen viele Deutsche, die im Lande bleiben wollen, ihren Bergurlaub. Meist sind es Leute aus dem Flachland; manche der Jüngeren haben überhaupt noch nie einen richtigen Berg gesehen, aber auch die Älteren haben nur einmal im Urlaub Gelegenheit, einen Berg zu sehen oder gar zu besteigen. Diese Menschen aus dem Flachland erleben die Berge noch so, wie sie unsere alpinen Vorfahren erlebt haben: es wirkt unheimlich auf sie, wenn die Bergspitzen in schweren Wolken verschwinden, und sie freuen sich wie kleine Kinder, wenn die untergehende Sonne die Bergspitzen rot färbt; die Kraft eines Wildbaches ist ein Elementarereignis für sie, und dass es auch im August in den Bergen schneien kann, das empfinden sie fast schon als ein kleines Wunder. Einmal habe ich auf dem Bahnhof von Berchtesgaden eine Gruppe von norddeutschen Bergsteigern aus dem Zug treten sehen, es war eine lustige und laute Gesellschaft. Doch als diese Gesellschaft dann aus dem Bahnhof trat und die Berge sah, da wurde sie mit einem Male still. Man schaute und war still. So betritt der christliche Pilger Rom und der Mohammedaner Mekka - so betreten Menschen eine Stätte, nach der sie sich lange gesehnt haben...

Trotzdem ist der Hochtourist aus dem Flachland schon seit Jahrzehnten ein dankbares Objekt für die Witzblätter. Und als wir Herrn Knorke vom Kopf bis zu den Zehen in funkelnagelneuer Gipfelstürmerkleidung durch die Strassen von Berchtesgaden stolzieren sahen, da haben auch wir gegrinst. Dabei gab sich Herr Knorke ( den Namen hatte er natürlich von uns bekommen ) ohnedies alle Mühe, einen zünftigen Berglereindruck zu machen. Er bemühte sich um ein grimmiges Nord-wandgesicht ( wobei allerdings seine feisten, apfelroten Backen nicht so recht mitmachen wollten !), und er stapfte mit dem typischen weitausgreifenden Schritt des Gebirglers dahin ( wobei ihm freilich die massiven Ansätze seines Bauches etwas hinderlich waien !).

Zwei Tage später trafen wir Herrn Knorke im Wimbachkar. Wir kamen vom Watzmann, Herr Knorke wollte anscheinend auf den Watzmann gehen. Der Weg durch das Wimbachkar auf den Watzmann ist eine etwa siebenstündige elende Schinderei. Wir trafen Herrn Knorke noch ganz unten, etwa eine Stunde oberhalb der Strasse nach Berchtesgaden...

« Kommen Sie vom Watzmann? Jetzt kann es doch nicht mehr weit bis zum Gipfel sein? » fragte Herr Knorke.

Von hier sollte es nicht mehr weit zur Watzmannspitze sein? Lebten jetzt wir auf dem Mond oder Herr Knorke? Wir fragten Herrn Knorke, warum er glaube, dass es nicht mehr weit zur Watzmannspitze sein könne...

« Nu hören se mal! » rief da ganz empört Herr Knorke aus, « Wo ich nun schon fast fünf Stunden gegangen bin - da kann es doch nicht mehr weit zum Gipfel sein! » und fuhr sich mit dem Taschentuch über das schweissnasse Gesicht und stöhnte, weil ihn die neuen Bergschuhe drückten.

Wir klärten also Herrn Knorke auf, dass er, der aus der ersten Gehstunde gleich fünf gemacht hatte, bis auf den Watzmanngipfel fünfunddreissig Stunden brauchen würde. Worauf sich dann Herr Knorke mit einem stillen Seufzer resigniert zur Umkehr entschloss...

Das wäre also auch eine solcher Flachland-Hochtouristen-Geschichten. Eine lustige Geschichte? Ja, es könnte vielleicht eine lustige Geschichte sein, wenn Herr Knorke dann nicht noch folgendes zu uns gesagt hätte: « Jetzt werden Sie, meine Herren, wohl denken, der Olle da ist bekloppt... will auf den Watzmann gehen. Aber als ich in diesem Urlaub nach vielen Jahren wiederum den Watzmann gesehen habe, da habe ich zu mir gesagt: da musste ruff, Eugen! Als ob Eugen noch ein Knabe wäre! Ist er nicht mehr! Und darum muss der altgewordene Knabe wiederum zurück! Aber wissen Sie: die Tage, in denen ich in Berchtesgaden auf ein gutes Wetter gewartet und in denen ich mich auf den Watzmann gefreut und vorbereitet habe - diese Tage waren auch schön! Und ob Sie es mir glauben oder nicht, meine Herren: da habe ich mich wirklich noch einmal als Knabe gefühlt! » Innsbruck liegt am Fusse des Karwendeis, des Wettersteins, des Wilden Kaisers, der Ötztaler-, Stubaier und Zillertaler Alpen... kurz: am Fusse aller Tiroler Berge. Das stimmt zwar geographisch nicht, doch man glaubt gerne, dass es so ist, wenn man über Innsbrucks Maria-Theresien-Strasse bummelt und dort den vielen Bergsteigern begegnet, die aus all diesen Gebieten kommen und hier ihren Urlaub ausklingen lassen. Denn ein Bummel über die Maria-Theresien-Strasse gehört zum Urlaub in Tirol. Aus der Welt, in der man viel von Erbswurstsuppe lebt und Löcher im Hosenboden mit fünf oder sechs Stichen zusammenzieht, ist man wieder in die Zivilisation zurückgekehrt. Man ist es fast nicht mehr gewohnt, auf ebenem Asphalt dahinzuspazieren. Und man schaut mit einem Staunen in die Auslagen der Geschäfte, als ob gestreifte Krawatten und Leberkäse erst in diesen vierzehn Tagen erfunden worden wären, die man der Zivilisation fern war.

« Innsbruck - die Bergsteigerstadt. » Diesen Namen hat Innsbruck wohl auch darum bekommen, weil fast jeder Innsbrucker auch ein Bergsteiger ist. Das muss wohl so sein, wenn man die Berge vor der Haustüre stehen hat.

Einmal sind wir mit der Seilbahn von Innsbruck auf die Hafelekarspitze hinaufgefahren. Wir hatten nicht das dringende Bedürfnis, auf der Hafelekarspitze zu stehen, dieser Zapfen war uns als Berg sogar höchst gleichgültig. Aber wir wollten nur einmal auf einen Berg hinauffahren! Wochenlang waren wir über Wände hinauf- und hinuntergeklettert, hatten uns beim Hinabrennen durch steile Schotterkare die Zehen verbogen und beim Bergaufgehen von den schweren Rucksäcken Striemen ins Fleisch schneiden lassen - jetzt wollten wir einmal ganz gemütlich auf einen Berg hinauffahren!

Auf dem Gipfel der Hafelekarspitze stand ein grosses Fernrohr, und neben dem Fernrohr stand ein echter Tiroler ( zumindest sah dieser so aus, wie sich ein Fremder einen echten Tiroler vorstellt ). An dem Fernrohr hing eine Tafel, und auf der Tafel stand geschrieben: Gemsen zu sehen! Pro Person 50 Groschen.

Herrschaftsseiten, das hat uns gefallen! Aber der echte Tiroler hat uns ganz wild angeschaut...

« Da kimm her, Dirndl! » hat der echte Tiroler als echter Sohn der Berge in echter Urwüchsigkeit zu einer gut fünfzigjährigen Dame gesagt. Und weil es der Dame gefallen hat, dass sie von einem echten Sohn der Berge Dirndl genannt wurde, ist sie hergekommen und hat durch das Fernrohr geschaut...

« Iazt zoag i dir an wirklichen Gamsbock! » hat dann der echte Tiroler gesagt, und die Dame hat « Oooh » und « Aaah » gesagt, wie sie den wirklichen Gamsbock gesehen hat.

« Wenn die Herrschaften ein paar Sekunden warten wollen, dann zoag i eana ein paar Gamsen in der Wand, wölchene weder vor noch zurück können », sagte der Tiroler wiederum.

Herrschaftsseiten, uns gefiel dieser Gemsenzirkus immer besser! Unserem echten Sohn der Berge allerdings war dieses Wohlgefallen gar nicht recht. Plötzlich explodierte er: « Ihr jungen Lotter lacht und wisst nicht einmal, was eine Gams ischt! Keine Ahnung habt ihr von einer Gams. Und Bergsteiger seid ihr auch keine! Sonst wärt ihr nicht mit der Seilbahn da heraufgefahren! Koa echter Bergsteiger fahrt mit der Seilbahn da herauf! » So zünftig ist also die Innsbrucker Volksmeinung vom echten Bergsteiger. Wir sind nie mehr mit der Seilbahn aufs Hafelekar gefahren. Denn wenn man nun schon einmal ein Bergsteiger ist, dann möchte man doch auch in der « Stadt der Bergsteiger » als ein solcher gelten!

Cortina d' Ampezzo hat nur einen winzig kleinen Hauptplatz, auf dem sich zur Sommerszeit die grossen Reiseautobusse unbeholfen herumdrängen, so wie Elefanten in der Zirkusmanege. Den Hintergrund dieses Hauptplatzes bildet die Kirche von Cortina, und vor dieser Kirche sind einige Bänke aufgestellt. Auf diesen Bänken haben wir schon oft gesessen und auf den Autobus gewartet, der uns zu der Civetta, zum Pelmo oder zur Marmolata bringen sollte. Wir sind hinter unseren Rucksackbergen gehockt und haben an die Civetta, an den Pelmo oder an die Marmolata gedacht. Wir haben unsere Fusse mit den derben Bergschuhen weit ausgestreckt und sind uns gegen die eleganten und fröhlich schwätzen-den Sommerfrische-Italiener schwerfällig wie Bauern vorgekommen. Und wenn dann der Autobus mit uns losfuhr, waren wir immer recht froh, dass Cortina hinter uns lag: es war uns zu laut, zu bunt, zu grell...

Vor einiger Zeit war ich nun wieder einmal in Cortina. Das war im Dezember, und ich dürfte zu dieser Zeit so ziemlich der einzige Fremde in diesem Ort gewesen sein. Die Hotels waren geschlossen, ebenso die Restaurants, die Bars und die meisten Geschäfte... Cortina war eine tote Stadt. Und durch die Strassen dieser toten Stadt bewegte sich ein Leichenzug zur Kirche...

In langer Reihe gingen die Bewohner von Cortina hinter dem Totenwagen her und beteten laut in ihrer ladinischen Sprache - in jener seltsamen Sprache, die kein Italienisch ist und kein Latein, die viel älter ist als Italienisch und Latein und sogar noch prähistorische Ausdrucksformen enthält. Ich sah viele bekannte Gesichter: ich sah Gesichter, die ich aus den späten Grabkammern der Etrusker und von den Porträtköpfen der frühen Römerzeit kannte - herbe und ernste Gesichter, die auch an guten Tagen nur selten von einem Lächeln erhellt wurden; Gesichter, von denen Leo Bruhns schreibt, dass sie in ihre Züge zerlegt seien wie in Rechnungen und Rechtsparagraphen...

Und wiederum musste ich daran denken, wie sehr doch in diesem Volk der Ladiner das Altertum bis in unsere Zeit weiterlebt. Ich fand es nur seltsam, dass gerade dieses ernste Volk Cortina zu einem modernen Weltkurort gemacht hatte, zu einem Ort, der uns noch jedesmal zu laut, zu bunt und zu grell erschienen war, sooft wir zur Sommerszeit dort waren...

Zermatt wird auch in hundert Jahren noch immer das Dorf sein, von dem Whymper zu der Erstersteigung des Matterhorns auszog! Die Erstersteigung des Matterhorns ist das dramatischste Kapitel der alpinen Geschichte; und so wie über den Strassen von Pompeji noch immer der Schatten der Katastrophe liegt und auf den Plätzen von Rom der Atem von Weltbeherrschern spürbar wird - so wirken die alten Häuser von Zermatt wie die stehengebliebenen Kulissen vom letzten Akt des Dramas « Kampf ums Matterhorn ». Daran ändert auch nichts der ganze Komfort eines internationalen Kurortes, zu dem Zermatt inzwischen geworden ist. Zermatt gehört noch immer dem Bergsteiger.

Zermatt gehört hauptsächlich den Bergsteigern, welche ihren Rasttag halten. Die Geschäftsleute von Zermatt haben sich schon damit abgefunden, dass plötzlich die Türe aufgeht und ein Dutzend verwegen aussehender Gestalten sich in ihren Laden drängt und dann erst nach langem, gewissen-haftem Gustieren und nach lebhaften Volksabstimmungsdebatten den Grosseinkauf eines Paketes Haferflocken und eines Bechers Marmelade abschliesst. Und die Achsen der drehbaren Ansichts-kartenständer laufen heiss, wenn diese einmal von Bergsteigern in Bewegung gesetzt werden - denn der Gipfelsieg vom Vortag muss natürlich allen Freunden, Bräuten und Reservebräuten mitgeteilt werden, solange er noch frisch ist, und zwar auf der schönsten Ansichtskarte, die überhaupt aufzutreiben ist! Diese Gruppen der durch Zermatt bummelnden Rasttagsbergsteiger verbreiten eine Atmosphäre des Wohlbefindens. Ein Wohlbefinden, das seine Ursache nicht einer dicken Brieftasche verdankt, sondern nur dem Gefühl, etwas geleistet zu haben - und vielleicht auch noch diesen kleinen Dingen der Zivilisation: einer erfrischenden Waschung nach einer gut durchschlafenen Nacht, einem anständigen Frühstück, einem neuen, sauberen Hemd...

Für die Bergsteiger, welche am frühen Nachmittag zum Ausgangsort für ihre Bergfahrt des nächsten Tages losziehen, ist Zermatt die letzte Station der Zivilisation. Sie schreiten mit ernsten Gesichtern durch seine Gassen. Stunden später werden sie dann allerdings noch in einem Hüttchen für ein paar Stunden Unterkunft finden. Aber in diesen kleinen Hütten am Fusse grosser Berge pulsiert das Leben nicht mehr laut. Man unterhält sich dort nur mehr mit leiser Stimme. Und man geht mit den Hühnern schlafen, nicht ohne zuvor noch den blanken Himmel kritisch gemustert zu haben. In Zermatt beginnt das Nachtleben...

Doch in dieses Nachtleben tappen sehr oft die Schritte müder Bergsteiger, welche von einer Tour zurückkommen. Diese Bergsteiger kommen aus einer ganz anderen Welt, aus einer Welt, in der man oft nur zögernd einen Fuss vor den anderen setzen kann. Und fast zögernd betreten sie nun auch wieder die Zivilisation. Um die Mittagszeit hatte es in Zermatt ein wenig geregnet, und in den kleinen Pfützen spiegeln sich die Lichter. Dieser Regen war in viertausend Meter Höhe ein ganz zünftiger Schneesturm gewesen, der hart an die Augenlider geschlagen hatte. Blinzelnd und mit verkniffenen Augen schauen die Bergsteiger daher noch jetzt in die grellen Lichter. Sie können es nicht begreifen, dass man sich nach solch einem Tag bei Tanzmusik amüsieren kann.

Denn wer einmal in Zermatt ist, der muss entweder das Matterhorn besteigen oder zumindest bewundern. Das Matterhorn ist ein Berg, der nichts anderes unter sich duldet. Man kann nicht nach Zermatt fahren, nur um in Zermatt gewesen zu sein. Jedes Ding dieser Welt erschliesst sich nur dem, der es zu schätzen weiss. Die Bergsteiger, welche von Zermatt auf eine Bergfahrt losziehen oder von einer Bergfahrt nach Zermatt heimkehren, wissen das Geborgensein in diesem kleinen Ort zu schätzen. Und darum wird Zermatt immer den Bergsteigern gehören!

Chamonix hat durch die Erbauung der Seilbahn auf die Aiguille du Midi eine neue Fremdenverkehrssensation erhalten. Von Chamonix, das rund tausend Meter hoch gelegen ist, kann man in einer halben Stunde in einer Gondel auf die 3842 m hohe Aiguille du Midi fahren - das sind zweitausendachthundert Meter Höhenunterschied! Von der Aiguille du Midi kann man dann in einem Kabinenlift das Mont-Blanc-Plateau überqueren und auf der anderen Seite mit einer Seilbahn hinabfahren nach Courmayeur. Man kann somit heute das Mont-Blanc-Massiv bequem in einer Seilbahngondel überfahren. Die alten Bergsteiger schütteln über diesen letzten Schrei der Technik traurig das Haupt. Und sie bemitleiden die heutige Bergsteigergeneration, der damit der Mont Blanc gestohlen worden sein soll. Doch in Wirklichkeit ist auch diese neue Seilbahn nur eine Spinne, welche über die Zehen eines Riesen krabbelt. Der alte Riese bleibt davon unberührt.

Einmal haben wir auf der Mittelstation der Mont-Blanc-Bahn besseres Wetter abgewartet. Es regnete in Strömen, und die wartenden Fahrgäste in der Gondelhalle waren in dem dichten Nebel nur schemenhaft zu erkennen. Trotzdem waren alle Gondeln dicht besetzt. Man kam aus dem Nebel und fuhr in den Nebel weiter. Wahrscheinlich konnte man da oben auf der Aiguille du Midi den grössten Walfisch dieser Erde besichtigen. Oder gab Gina Lollobrigida Autogramme? Anders konnten wir uns mit unserem bescheidenen Hausverstand diese Fahrten in den Nebel nicht erklären.

Plötzlich hörten wir vertiaute Stimmen - eine Reisegesellschaft aus Wien, Landsleute...

Wir fragten einen mit Feldstecher und Photoapparat ausgerüsteten älteren Landsmann, was er da droben auf der Aiguille du Midi bei diesem Sauwetter sehen bzw. photographieren wolle...

« Gar nix werden wir sehen! Und mit dem Photographieren wird es auch oha sein! Aber schauns, meine Herren, die Fahrt mit der höchsten Seilbahn Europas ist nun schon einmal in unserem Arrangement enthalten, und da wären wir doch teppert, wenn wir jetzt nicht auf diesen... na, wie heisst denn nur dieser Zapfen?... hinauffahren würden! Zum Mittagessen sind wir dann ohnedies schon wieder unten in Chamonix! Und morgen sind wir an der Riviera. Dort wird hoffentlich besseres Wetter sein! » Und dann bestieg der Landsmann die Gondel, und der Nebel verschluckte ihn. Später dann, daheim, wird er wahrscheinlich voll Stolz erzählen, dass er auf dem Mont Blanc war. Wir aber wünschten ihm und seinen Reisegenossen nur, dass sie Chamonix tatsächlich noch rechtzeitig zum Mittagessen wieder erreichen konnten - damit dieser Tag nicht ganz verloren für sie war!

Die Finanzbosse, welche die Erbauung der höchsten Seilbahn der Welt managten, haben dabei selbstverständlich nur ans Geld gedacht. Doch die Konstrukteure dieser Bahn werden ganz bestimmt in ihrem Innersten auch ideale Vorstellungen gehabt haben: zum Beispiel den alten Mann, den seine Füsse nicht mehr in solche Höhen tragen können und der nun auf der Aiguille du Midi steht und selig ist, weil er den Mont Blanc noch einmal von der Nähe sehen darf...

Doch im Grunde genommen ist diese höchste Seilbahn von Europa nur ein Spielzeug, ein wundervolles Spielzeug, ein Spielzeug, das unerschöpflich in seinen Möglichkeiten ist - nur für die Kinder, für die es bestimmt wurde, ist es zu kompliziert, und sie wissen nicht allzuviel damit anzufangen. Sie greifen wieder nach den gewohnten Holzklötzen. Sie erfreuen sich viel lieber an einem guten Mittagessen in Chamonix...

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