Am Nadelgrat
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Am Nadelgrat

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Hans Würgler, Bern

Die alten Fussstapfen zogen sich vom Sattel zwischen Dürrenhorn und Hohberghorn hinauf und verhielten dort, wo der Gipfelaufbau des letzteren mit einer glitzernden Eisbastion aus dem Grat herauswuchs. Dann glitten unsere Blicke weiter dem Grat entlang hinüber zum Nadelhorn, sorgfältig die Hoffnungen abwägend, die wir in die Begehung des nördlichen Nadelgrates gesetzt hatten. Drüben im Windjoch kamen eben drei Seilschaften an, unsere Freunde, mit denen wir die Nacht in der Bordierhütte verbracht hatten.

« Wir werden etwa fünf Meter rechts neben der alten Spur gehen, wenn 's auch mühsamer sein wird. Alten Spuren auf einer Gwächte ist nie zu trauen. » Die Zacken der Steigeisen gruben sich knirschend in den Firn, und eine halbe Stunde später befanden wir uns schräg unter der Eisbastion, etwa zehn Meter vom Gwächtenrand entfernt. Genau in der Mitte zwischen diesem und unserem Standplatz verlief die alte Spur.

« Von hier aus können wir das Blankeis nicht angreifen, das Zeug hängt über. Richte dich hier ein, ich steige bis zur alten Spur auf und schaue nach, wie 's oben aussieht. » Ich erreichte die alten Fussstapfen drei Meter vor dem dicken Eispanzer. Prüfend mass ich das Hindernis. Stufen waren darin nicht zu erkennen, doch musste der Durchstieg zweifellos hier erfolgen...

Blitzschlag und Donner erfolgten zugleich — dieser zerriss die Luft, während jener gleich einer weissen Schlange zwischen meinen Steigeisen durchlief. Da wo sich eben noch ein ansteigender Firnsaum befunden hatte, öffnete sich urplötzlich schwindelnde Tiefe, in die ich Staub und weisse Trümmer in wildem Tumult verschwinden sah. Einen Augenblick lang balancierte ich über dem Abgrund, als vollführte ich eine Gleichgewichtsübung auf dem Schwebebalken, dann glitt ich zu den Füssen meines Freundes zurück, der das Ende meiner Turnübung nicht abgewartet, sondern mich zu sich in die verhältnismässige Geborgenheit hinuntergezogen hatte.

Käsebleich starrte mich Raymond an. Er wollte etwas sagen, seine Lippen bewegten sich, brachten aber keine Silbe heraus. Ich grinste ihn an und sagte obenhin: « Schade für das verpasste Schauspiel! Schnauf ein paarmal tief ein und fass dich. Ich probier 's noch einmal. » Insgeheim verwunderte ich mich, wie hart ihn der Schock getroffen hatte und wie spurlos er an mir vorübergegangen war, wie ich meinte. Doch ich sollte mich getäuscht haben.

Die Gwächte war auf ihrer ganzen Länge abgerissen und lag als wirrer Trümmerhaufen fünfhundert Meter tiefer auf dem Riedgletscher verstreut, während das hellweisse Band der Abrissstelle in der Sonne leuchtete. Ich beneidete meine Freunde drüben im Aufstieg zum Nadelhorn, denen die stürzenden Schneemassen ein prächtiges Schauspiel geboten haben mussten.

Die ersten Eissplitter sprühten unter meinen Pickelschlägen in der Sonne. Drei, vier Stufen waren gehackt, als von meinem schlagenden Arm aus ein bleiernes Gewicht sich im ganzen Körper ausbreitete, gleichzeitig ein Flimmern vor den Augen - dann tauchte ich in dunkle Nacht.

Das erste, was ich wieder deutlich unterscheiden konnte, waren Raymonds Schuhe, dann sein in verlegenem Lächeln verzogener Mund. « Der Schock, er hat dich doch noch erwischt. Ich meinte schon, du wärst dagegen gefeit. » Wir sind dann wohl eine halbe Stunde lang dagesessen, haben schweigend unser Brot gekaut und in die Weite geschaut. Mit den wiedererwa- chenden Lebensgeistern meldete sich auch ein stechender Schmerz im linken Schienbein. Irgendwie musste ich mich im Sturz mit dem Pickel verletzt haben. Nachdem der Verband angelegt war, ergab es sich ohne Worte, dass Raymond die Führung übernahm.

Als wir am Nachmittag vom Nadelhorn absteigend auf halber Höhe des Grates unsere Freunde trafen, fiel die Begrüssung merkwürdig einsilbig aus. Nur zögernd folgten sich Fragen und Antworten, und es dauerte eine Weile, bis wir sie verstanden: über die Gleitfläche hinunter, die drüben im schrägen Lichte der Sonne gleisste, zogen sich in gleichbleibendem Abstand zwei tiefe Furchen, hie und da dünn auslaufend, dann wieder deutlich einsetzend, bis sie sich im Lawinenkegel verloren. Ein würgendes Gefühl griff uns an die Kehle, als wir begriffen, dass die Freunde unsern Absturz, unsern Tod beobachtet zu haben vermeinten. « Ja,.wir sahen es, alle sahen es: inmitten der stürzenden Schnee- und Eismassen waren zwei dunkle Körper, bald gleitend, bald wieder in hohem Bogen durch die Luft schiessend, etwa dort, wo wir euch der Aufstiegszeit nach vermuten mussten und in eben dem Abstand, wie zwei am Seil gehen. Aber dann, als alles still war, sah jeder etwas anderes: die einen glaubten euch da, nein dort liegen zu sehen. Der andere sah euch nirgends mehr, und jener mochte ganz einfach nicht mehr hinschauen. So warteten wir hier erst einmal, denn wir waren unfähig, etwas zu tun. Als wir euch dann später auf dem Gipfel des Hoh-berghornes erblickten und ungläubig hinüber-starrten, fiel es zwar wie Zentnerlast von uns, doch die Lust, den Gipfel zu erreichen, war uns vergangen. » Wir schwiegen - was sollten wir sagen? Jeder hing seinen Gedanken nach, bis wir aufpackten und zu Tale stiegen, wo sich allmählich die altvertraute Fröhlichkeit wieder einstellte.

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