Andenken von oben Die Gipfelbücher

Wanderer und Bergsteiger aus allen Ecken der Welt haben darin über Jahrzehnte ihre Bemerkungen notiert. Dank Freiwilligen, die sich um die Fortsetzung dieser Tradition kümmern, sind Gipfelbücher zum Gedächtnis der Berge geworden.

«Stéphane, ich möchte deine Frau werden. Wirst du mich anfragen?» Diese Einladung zum Eheleben sprach Annick, eine passionierte Berggängerin, konsequenterweise in der Höhe aus, mit einem kleinen Text, den sie im Sommer 2010 ins Gipfelbuch der Dent de Brenleire schrieb. Sie traf ins Schwarze: Ein Jahr danach wurde Hochzeit gefeiert, ebenfalls in den Bergen. Das Buch, das die amouröse Anfrage mit Langzeitfolgen enthielt, befindet sich immer noch auf dem 2353 Meter hohen Gipfel – dem höchsten, der ganz im Kanton Freiburg liegt.

Vor diesem gab es bereits sechs Gipfelbücher auf der Dent de Brenleire. Das erste trägt das Datum 1968, als eine Blechbüchse am Gipfelkreuz befestigt wurde, die der Aufbewahrung eines Buches dienen sollte. Verantwortlich für das Buch und das Kreuz in den letzten 40 Jahren war und ist René Baeriswyl, der den Berg gewiss 100 Mal bestiegen hat, um festzustellen, ob es in den Büchern für die Kommentare der Bergsteiger noch leere Seiten gab. Wenn nicht, ersetzte er sie durch ein neues, solides, schönes Büchlein. «Ich liess die Bücher jeweils im Gefängnis Champ-Dollon herstellen, wo ein Verwandter von mir eine Buchbinderei leitet», erklärt er.

Im Durchschnitt ging es acht Jahre, bis ein Gipfelbuch auf der Dent de Brenleire mit Namen, Daten und Bemerkungen vollgeschrieben war. Alle alten Exemplare liegen in der Bibliothek der SAC-Sektion Gruyère in Bulle. «Alle ausser einem», seufzt René Baeriswyl, «das zweite Heft mit den Einträgen von 1980 bis 1988 wurde geklaut. Der Diebstahl ist umso bedauerlicher, als sich in diesem Buch auch Texte von Mönchen des Kartäuserklosters Valsainte befanden.»

 

Von Tibet zur Dent de Broc

Wie auf der Dent de Brenleire gibt es auf zahlreichen Schweizer Berggipfeln und am Ende von Kletterrouten ein Gipfelbuch, in dem die «Gipfelbezwinger» ihre Spuren hinterlassen dürfen. Ob sie in einer Büchse am Gipfelkreuz aufbewahrt werden oder eingegraben in einem Steinmann, ob sie aus einem gebundenen Buch bestehen oder einem Schulheft, allen ist gemeinsam, dass sie das Gedächtnis des betreffenden Bergs darstellen und festhalten, wer und wie viele Leute ihn besuchten.

 

Hüter der Gipfelgedächtnisse

Doch wo landen die vollgeschriebenen Bücher? Zum Teil werden sie in den Bibliotheken der örtlichen Sektion aufbewahrt, andere stehen auf Bücherregalen von Privaten, die sich aus eigenem Antrieb entschlossen, sich darum zu kümmern. Die Hefte der Dent de Broc, eines der meistbesuchten Gipfel der Freiburger Voralpen, werden im Kirchgemeindezentrum des Dorfs Broc aufbewahrt.

In zwei Kartonschachteln liegen mehrere Dutzend Hefte, deren Seiten seit den 1960er-Jahren vollgeschrieben wurden. «Wanderer aus nicht weniger als 46 Ländern haben sich eingeschrieben: von Japan über die Philippinen, Australien, Tibet, Mauritius bis Schweden», berichtet Denise Sonney in ihrem Buch Présence sur la montagne en terre fribourgeoise, das 2012 im Verlag Sarine erschien.

Wer in den Heften der Dent de Broc blättert, liest Berichte von Besteigungen (mehr oder weniger schwierigen), Kommentare übers Wetter (mehr oder weniger gut), poetische Ergüsse (mehr oder weniger gelungen) – über einen Zeitraum von 50 Jahren. Während sich viele Wanderer damit begnügen, Namen und Datum zu hinterlassen, füllen andere eine ganze Seite mit Zeichnungen oder Bemerkungen. Zu den häufigsten Ausdrücken gehört das berühmte «Plus c’est haut, plus c’est beau» – «Je höher man ist, umso schöner ist es.» Ab und zu stösst der aufmerksame Leser auf einen bekannten Namen, zum Beispiel denjenigen eines ehemaligen Kollegen aus der Region, der in der Zwischenzeit ein bekannter Politiker geworden ist.

Gipfelbuch auf der Intensivstation

Der Gamschopf (1961 m), ein bescheidener, aber schwieriger Gipfel im Alpstein, der weniger bekannt ist als die Dent de Broc, weist auch ein Gipfelbuch auf. Das Massiv im Grenzgebiet der Kantone Appenzell (Ausser- und Innerrhoden) und St. Gallen systematisch zu durchkämmen, hat sich der Alpinist Michael Oppe vorgenommen: Von den 70 Gipfeln, die das Massiv zählt, hat er nur 10, davon 5 «machbare», noch nicht bestiegen.

Es war 2010, als der Deutsche auf dem Gamschopf, «einem der wildesten Gipfel des Alpsteins», stand und mit Entsetzen den Zustand des in einer Metallbüchse aufbewahrten Gipfelbuchs feststellte. «Das 30 Jahre alte Buch war komplett aufgeweicht und verschimmelt, sodass man keine Kommentare mehr hinterlassen konnte.» Als kurze Zeit später auf dem Internetportal www.hikr.org ein anderer Liebhaber von abgelegenen Gipfeln ebenfalls das traurige Schicksal des Hefts beklagte, beschloss Michael Oppe, es zu retten. Im Oktober 2011 bestieg er zum zweiten Mal den Gamschopf, im Rucksack ein brandneues Heft. «Ich habe es sorgfältig in einen wasserdichten Sack gepackt und in die alte Gamelle gelegt.»

Zurück zu Hause in Konstanz, trocknete der Bergsteiger die Seiten des alten Buchs aus grünem Kunstleder, und es gelang ihm, den Inhalt zu entziffern. Der erste Eintrag vom 7. Oktober 1979 erklärt, dass dieses Buch das alte von 1942 ersetze. Es folgen rund 140 Kommentare, die durch die Nässe schwer lesbar geworden waren. Die meisten Besucher notierten nur den Namen, das Datum, die SAC-Sektion und den Wohnort. Beim minutiösen Studium der Einträge, die jährlich hinterlassen wurden, stellte Michael Oppe fest, dass nach einem relativen Boom in den Jahren 1970–1980 der Gamschopf seit den 1990er-Jahren vernachlässigt wurde. «Aus den letzten 10 Jahren stammen gerade mal 14 Kommentare!» Obschon er damit rechnet, dass viele Wanderer die Prozedur für zu trivial halten und auf einen Eintrag im Gipfelbuch verzichten, kommt der Deutsche dennoch zum Schluss, dass die Gipfelbücher eine historische Dokumentation darstellen, auf die man nicht verzichten sollte. Aus dieser Überzeugung hat er letzten Sommer die Initiative ergriffen und ein Gipfelbuch auf dem Nadlenspitz (2030 m) deponiert, einem der wenigen Berge des Alpsteins, die noch keines hatten. «Ich freue mich schon darauf, den Gipfel zu besteigen und zu schauen, wie viele Einträge bereits geschrieben wurden», meint er.

Zitate aus den Gipfelheften der Dent de Broc

«Ich bin von zu Hause weggegangen mit dem Gedanken, nicht wieder zurückzukommen. Aber als ich das Spektakel hier sah, habe ich mir gesagt, es ist doch blödsinnig, zu verschwinden und diese ganze Schönheit hinter mir zu lassen. Es lebe das Leben! Eine verzweifelte Seele.» (18. August 1996)

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