«Andere Kletterhallen werden nachziehen» Tuber und HMS in St. Galler Kletterhalle verboten

Seit rund einem Jahr sind im Kletterzentrum St. Gallen Tuber und HMS als Sicherungsmethoden nicht mehr erlaubt. Bislang ist es die einzige Halle schweizweit, die diesen Weg geht. Diego Lampugnani, Leiter des Kletterzentrums, zieht Bilanz.

Wieso haben Sie die traditionellen Sicherungsmethoden HMS, Tuber und Achter verboten?

Diego Lampugnani: Verbot hört sich hart an und ist mit Bevormundung behaftet. Wir formulieren es anders: Bei uns sind nur noch brems- und blockierunterstützte Sicherungsgeräte zugelassen. Zu diesem Entscheid veranlasst haben uns einerseits unsere eigenen Erfahrungen, andererseits aber auch die Erkenntnisse und Empfehlungen von Dachverbänden wie dem SAC. Ein Blick auf unsere eigene Unfallstatistik zeigt: Neun von zehn Bodenstürzen sind mit Tuber, HMS oder Achter geschehen. Das sind alles Geräte ohne Blockierunterstützung. Dabei ist dem Sichernden jeweils das Seil aus der Hand geglitten. Erstaunlich ist, dass in drei Vierteln der Fälle erfahrene Sicherer involviert waren. Natürlich sind unsere Erfahrungen und Statistiken zu wenig repräsentativ. Aber letztlich folgen wir auch der Empfehlung der Dachverbände. Unter Berücksichtigung aller Argumentationen rät die Mehrheit ausgewiesener und anerkannter Experten zu redundanten Sicherungsgeräten. Und da Dachverbände in der Hinsicht nur Empfehlungen erlassen können, haben wir in logischer Konsequenz eine Pflicht daraus gemacht. Mit Ankündigung Anfang 2018 und der verbindlichen Umstellung am 1. Januar 2019 hatten unsere Gäste ein Jahr Zeit für den Umstieg.

Hallenbesucher gaben zu bedenken, dass sie dann von einem Tag auf den anderen ein neues Gerät beherrschen müssen.

Jeder Umstieg auf ein neues Sicherungsgerät birgt Risiken. Viel öfter als bei unserer Gerätepflicht findet der Umstieg auf neue Geräte aber bedingt durch den Markt statt. Jedes Jahr lancieren Hersteller ihre bahnbrechenden Neuheiten. Und die Leute machen mit und steigen um. Dieser schleichende und häufige Umstieg ist schwieriger zu kontrollieren. Wir haben die Neuerung lange im Voraus kommuniziert. Zudem boten wir Hand mit sehr günstigen Umsteigerkursen, regelmässigen Workshops und Beratungen. Zu bedenken ist auch: Wer mit dem Bremshandprinzip vertraut ist, dem fällt die Umstellung auf ein redundantes Gerät nicht schwer.

Aber wenn der Trend doch sowieso hin zu modernen Sicherungsgeräten geht – wieso dann die Regel? Hätte man nicht einfach die Verantwortung beim Kletterer lassen und die Entwicklung von selbst geschehen lassen können?

Es wäre auch für uns als Hallenbetreiber der einfachste Weg gewesen, weiterzufahren wie bisher, die Verantwortung also ganz beim Kletterer zu lassen. Aber wir haben den Schritt mit Zusatzaufwand für eine verbesserte Sicherheit gemacht. Wir beobachteten immer wieder schlechte oder falsche Handhabungen des Tuber oder der HMS, die zu ernsten Unfällen hätten führen können. Dem wollten wir lieber früh genug vorbeugen.

Wie ist die Neuerung bei Kletterern angekommen, die seit Jahren auf dem Tuber sichern, diese Methode beherrschen und bevorzugen? Ist es nicht auch eine Bevormundung?

In einzelnen Fällen wurde es so aufgenommen und diskutiert, inzwischen hat sich das aber gelegt. Ich spreche keinem erfahrenen Tuber-Sicherer seine Fähigkeiten ab. Ich bin mir sehr bewusst, dass man sein Leben lang unfallfrei mit dem Tuber umgehen kann. Aber als Hallenbetreiber müssen wir nun mal alle Besucher über einen Kamm scheren. Da kann man keine Ausnahmen machen und nur den «Anfängern» den Tuber verbieten. Ausserdem gibt es, wie schon erwähnt, auch unter den «Fortgeschrittenen» immer wieder fehlerhafte Handhabungen.

Eingefleischte Tuber-Sicherer sagen aber, sie könnten mit dieser Methode besser dynamisch sichern und schneller Seil ausgeben …

Ja, die Skeptiker waren vor allem die, die sich Sorgen ums dynamische Sichern machten. Aber auch das lässt sich vor allem in einer Halle leicht mit blockierunterstützten Geräten umsetzen. Um den Sturz zu kontrollieren, muss man nicht zwingend Seil durchs Gerät geben, man kann zum Beispiel auch körperdynamisch sichern. Und als Kletterer gilt für mich persönlich nach wie vor: lieber mal ein harter Sturz als ein Bodensturz.

Könnten Sie als Hallenbetreiber in die Verantwortung gezogen werden, wenn jemand einen Unfall auf einem ihm ungewohnten Gerät macht, zum Beispiel einen zu hart gesicherten Sturz?

In den meisten Kletterhallen durchläuft jeder Kletterer zumindest beim erstmaligen Besuch ein Eintrittsprozedere. Dabei wird seine Sicherungsfähigkeit geprüft und festgehalten. Erst, wenn die nötigen Sicherungskenntnisse vorhanden und mit Unterschrift bestätigt sind, kann der Besucher selbstständig ans Seilklettern. Im Wesentlichen erforderlich ist das Beherrschen des Bremshandprinzips und des eigenen Sicherungsgeräts. Zudem führen wir während des Kletterbetriebs in unregelmässigen Abständen Kontrollen zum Sicherungsverhalten durch. Wenn also jemand ohne vorgängiges Üben mit einem ihm nicht vertrauten Gerät sichert, handelt er fahrlässig.

Wie sieht es mit anderen Hallen aus? Ziehen die mit?

Im Moment sind wir in der Schweiz die einzigen. Wir haben aber kürzlich eine Anfrage von Hallenbetreibern in Berlin erhalten, die denselben Weg gehen wollen. Sie haben sich bei uns erkundigt, wie wir die Umstellung bewerkstelligt haben. Und inzwischen haben sie ihrer Kundschaft die Umstellung mit einem Jahr Vorlaufzeit auf den 1. Januar 2021 angekündigt. Ich kann mir vorstellen, dass manche Hallenbetreiber gehemmt sind, weil die Umstellung eben auch Zusatzaufwand und den Dialog mit der Kundschaft erfordert. Einige denken auch, dass die Umstellung kontraproduktiv ist, also mehr Sicherheitsrisiken birgt. Rückblickend können wir diese Ängste aber nicht bestätigen: Es gab wenige Reklamationen und kaum Probleme mit der Umstellung, und inzwischen hat sich die Änderung gut eingestellt. Ich denke, andere Kletterhallen werden nachziehen.

Welche Signale erhalten Sie vonseiten der Institutionen wie SAC oder IGKA? Würden Sie sich Unterstützung wünschen, zum Beispiel, indem die Regelung öffentlich begrüsst würde?

Wir haben die Umstellung in Eigenregie durchgeführt, ohne Rücksprache mit dem SAC oder der IGKA. Vielleicht hätten wir den Dialog mit diesen Institutionen stärker suchen müssen und sie in die Umsetzung einbinden können. Ansonsten, denke ich, haben wir vieles richtig gemacht.

Empfohlene Sicherungsgeräte von SAC und CAA

«Die Alpenvereine empfehlen Halbautomaten zum Sichern beim Sportklettern in Kletterhallen und Klettergärten», so lautet die Empfehlung des Club Arc Alpin (CAA), des Dachverbands der führenden Alpenvereine des Alpenbogens. Der SAC präzisiert die Begrifflichkeiten in seiner Empfehlung: «Der SAC empfiehlt, in Kletterhallen und Klettergärten blockierunterstützte Tuber (z. B. Ergo, Click-Up, Smart, Jul2 usw.) oder Halbautomaten (z. B. Grigri2) zu benutzen.» Sie würden gegenüber dynamischen Sicherungsgeräten wie Tuber und HMS einen Sicherheitsvorteil bieten, da sie aufgrund ihrer Blockierungsunterstützung die Chance massiv erhöhten, beim Verlust des Bremsseils einen Bodensturz zu verhindern. Diese Empfehlung solle aber nicht heissen, dass dynamische Sicherungsgeräte verboten seien: «Es ist nach wie vor legitim, mit solchen Sicherungsgeräten zu arbeiten, und hilft unter anderem auch, um für die für Mehrseillängenrouten übliche Sicherungsart genügend Routine zu erlangen.»

Die vollständigen Empfehlungen:

www.club-arc-alpin.eu→ Positionen und Empfehlungen → Empfehlungen zu Bergsportarten →Empfehlung Sicherungsgeräte beim Sportklettern

www.sac-cas.ch→ Ausbildung und Wissen → Sicher unterwegs → Sicher unterwegs auf Klettertouren → Empfehlungen Sicherungsgeräte

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