Annäherung an die Berge. Von der Kunst des Verweilens

Von der Kunst des Verweilens

Als Künstler die Natur erfahren heisst für Kari Joller, sich Zeit nehmen. Entsprechend lässt er das Bergerlebnis auf sich einwirken, um es dann in sein künstlerisches Schaffen übertragen zu können. Was ihn dabei bewegt und wie er dies in Form von Installationen zum Ausdruck bringt, ergibt sich aus dem Spannungsfeld, das er uns anhand von ein paar Beispielen nahe bringt.

Wenn ich in die Berge gehe, brauche ich vor allem eines: Zeit. Eine Woche würde niemals reichen, um nur einen einzigen Berg in all seinen verschiedenen Lichtern und bewegten Schattenformen zu entdecken. Nur nach und nach gelingt mir der gedankliche Ausstieg aus dem Alltag. Eine Landschaft nehme ich nicht nur oberflächlich, sondern auch in der Tiefe meiner Seele wahr, sodass sie zu meiner inneren « Heimat » wird.

Oft erkennen wir gewisse Dinge erst, nachdem wir viele Male an ihnen vorbeigegangen sind. Und immer wieder sind sie neu, verwandelt oder zeigen sich uns aus einem anderen Blickwinkel. Dieses elementare Spannungsfeld, das Körper, Bewusstsein und Seele verbindet, ist Voraussetzung für mein künstlerisches Schaffen.

Gestalten und gestaltet werden Gestaltung hat vor allem mit Wahrnehmung zu tun. In einer Landschaft, in einem kleinen Naturausschnitt, sehe ich oft mein eigenes Spiegelbild. Das damit in Gang gesetzte Aufnehmen und Ab-geben, dieses Pulsieren, ist das Grundprinzip des Lebens. Es drängt mich, den ( natur-)gesetzmässigen Abläufen zu folgen.

Im vergangenen Herbst verweilte ich zum vierten Mal, diesmal zwölf Tage, in der Umgebung des Laghetto Pianca. Der kleine See, hoch über dem Maggiatal, eingelagert in rund geschliffenen Felsen, übt auf mich eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Dank meiner Ausdauer ( manchmal regnete es tagelang ) erlebte ich an diesem Ort einzigartige Stimmungen, Lichter und Begegnungen mit Tieren. Das erst gab mir die Fähigkeit, meinen künstlerischen Prozess weiterzuführen.

Ich begann mit Steinen zu experimentieren, die ich aus der Umgebung herauslöste, neu hervorhob und in Beziehungsfelder setzte, um sensible Gleichgewichte herzustellen. Ich baute Objekte, die äusserste Konzentration verlangten und beim nächsten Windstoss zusammenbrachen, klemmte trockene Ästchen von Alpenrosen in die

Steine, aus der Umgebung herausgelöst und in Bezie-hungsfelder gesetzt! Gleichgewicht nennt Kari Joller dieses Werk.

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Zwischenräume gespaltener Felsbrocken. Ich sammelte Pflanzen und Gräser, fertigte damit Kugeln an und umwickelte sie mit Baumwollfaden, ähnlich einer Spinne, die so ihre Nahrung konserviert. Von abgestorbenen Lärchenstämmen löste ich Schichten ab, spaltete sie zu feinen Stäben und verarbeitete sie zu « Antennen », die ich durch die Kugeln stiess und zu einer Leiter zusammen-band. An ausgewählten Orten installierte ich dieses Objekt, setzte es unterschiedlichen Spannungsfeldern aus und medi-tierte daneben, bis die Sonne den Horizont erreichte.

Das Licht Eine weitere Arbeit ist die Fotografie. Oft warte ich Stunden oder Tage, bis eine bestimmte Installation im richtigen Licht steht. Das Erlebnis ist gewaltig, wenn sich nach ein paar Regentagen die Nebel lichten und die Sonne die Landschaft verzaubert. Denn das Licht ist massgebend für die Stimmung, die Aussage eines Bildes. Davon werden wir unmittelbar berührt und davon geht eine besondere Kraft aus, die gar unsere Befindlichkeit zu verändern vermag.

Mit allen Sinnen entdecken Alles, was ich mit meinen Sinnen erfahre, sind Formen von Energien, die miteinander in einem Beziehungsfeld stehen, aufeinander wirken, sich ablösen und wieder verbinden. Was ich mit meiner Kunst erreichen will, ergibt sich einerseits aus dem Bestreben, mich der Natur anzunähern, ihre Gesetzmässigkeiten zu erkennen und damit zu mir selbst zu finden. Anderseits soll mir die Natur den Blick für eigenes Erleben und Handeln schärfen. Das ist jedoch nur möglich, wenn ich bereit bin, immer wieder innezuhalten, um die Natur Schritt für Schritt neu und mit allen meinen Sinnen zu entdecken. a

Kari Joller, Dierikon

Zur Person des Künstlers

Kari Joller, Jahrgang 1952, lebt und arbeitet in Dierikon, wo er in einer alten Kapelle sein Atelier eingerichtet hat. « Holzantennen im Wasser » heisst sein im Maihof Verlag erschienenes Buch, das einen guten Einblick in sein Schaffen gibt. Darin sind weit über 100 Abbildungen von Orten zu finden, wo der Künstler seine Objekte installiert hat. Weitere Infos, Workshops und Kursangebote unter karijoller(at)gmx.ch, www.naturbegegnunggestaltung.ch.vu Abendlicht über dem Laghetto Pianca Ein Werk, das den Künstler zum Meditieren anregte, « bis die Sonne den Horizont erreichte »: die Antennenleiter, Installation auf dem Pizzo Costisc Die Antennenleiter ist zusammengesetzt aus Lärchen-splittern, Pflanzen aus der Umgebung, die zu Kugeln geformt, mit Baumwollfaden umwickelt wurden.

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