Antuco und Llaima, zwei Vulkane in Mittel- und Südchile

Ruedi Horber, Niederscherli BE

Der Parque Nacional Laguna del Laja Chile ist ein Land der Vulkane und Nationalparks. Neben den bekannten Gipfeln, dem Ojos del Salado im Norden, mit 6893 m der höchste Vulkan der Erde, und den Bilderbuchvulkanen Villarica und Osorno gibt es in Chile gemäss dem Gufa de Turismo, dem wohl umfassendsten und aktuellsten Reiseführer über dieses Land, mehr als 600 Vulkane, die technisch meistens eher einfach zu besteigen sind; davon gelten 47 als aktiv, das sind rund 10 Prozent aller weltweit noch aktiven Vulkane.Viele befinden sich in den 32 Nationalparks, die über das ganze mehr als 4300 km lange, aber durchschnittlich nur 180 km breite Land verteilt sind. Wenn auch Naturschutz im europäischen Sinn noch kaum praktiziert wird, können die ausgeschiedenen Gebiete Bizarre Eisgebilde auf dem Gipfel des Vulkans Llaima Photo: Ruedi Horber Donnerstag, 5. Januar 1995, 11.20 Uhr. Soeben erreichen wir den Gipfel des Vulkans Antuco in den chilenischen Anden. Dieser in unseren Breitengraden unbekannte formschöne Vulkan hat bei weitem nicht den Bekanntheitsgrad des Osorno ( vgl. den Beitrag von Esther Fuchs im vorliegenden Quartalsheft ), aber seine Besteigung ist allemal ein Erlebnis. Das gleiche gilt auch für den Vulkan Llaima in Südchile.

dennoch vor einer intensiven ökonomischen Nutzung bewahrt und so in ihrem ursprünglichen Zustand mehr oder weniger erhalten werden.

Einer der wenig bekannten Nationalparks ist der Parque Nacional Laguna del Laja, östlich von Los Angeles, nahe der argentinischen Grenze. Er liegt knapp nördlich des Rio Biobfo, der die Frontera, das eigentliche Tor zum Süden Chiles bildet. Der Nationalpark umfasst 11600 Hektaren, also ungefähr die Hälfte des Kantons Zug, und ist touristisch noch wenig erschlossen. Höchster Punkt ist der Vulkan Antuco. Die Angaben über die Höhe dieses formschönen Vulkans schwanken gleich um einige hundert Meter; auf einem Prospekt in Los Angeles wird er lediglich mit 2965 m angegeben, der Gufa de Turismo gesteht dem Antuco dagegen stolze 3585 m zu. Dem chilenischen Reiseführer sei es gedankt.

Es ist Mittwoch, der 4. Januar 1995, später Nachmittag. Wir acht Schweizer Andini-stinnen und Andinisten unter der Leitung des Bergführers Kari Kobler aus Bern geniessen die Abendsonne. Welch ein Kontrast zur Schweiz, wo jetzt tiefer Winter herrscht. Wir befinden uns in einer parkähnlichen Landschaft, mit schönen Blumenwiesen und lichtem Wald. Dazwischen Cabanas, komfortable Hütten, wo wir die Nacht verbringen werden. Dazu gehört auch ein Restaurant mit zwei kleinen Teichen. Eine idyllische Landschaft mitten im Nationalpark, auch das Plätschern des Bergbaches und ein Wasserfall fehlen nicht. Nach einem guten Nachtessen mit obligatorischem Pisco Sour kehren wir unter einem prächtigen südlichen Sternenhimmel zu unserem Nachtlager zurück, wo wir bald vom Schlaf eingeholt werden.

Ungetrübte Gipfelfreuden Ich sitze auf einer Bank neben meiner Cabana, es ist sommerlich heiss, der nahe Wasserfall plätschert, ein lindes Lüftchen weht, vor mir steht ein kühles Bier. Viel schöner kann man sich das Leben nicht vorstellen, vor allem nicht nach einem solchen Tag, wo einfach alles stimmte: der Berg, das Wetter, das ganze Ambiente.

Doch alles der Reihe nach. Es ist noch dunkle Nacht, als wir kurz vor 6 Uhr mit dem Kleinbus losfahren. Von einer Strasse kann allerdings keine Rede sein, es handelt sich vielmehr um eine mit Steinen übersäte Piste, die die Fahrzeuge und unsere Mägen arg strapaziert. Über Lavahänge und Schutt führt der Weg bergwärts, vorbei an einer kleinen Skistation mit einem wenig vertrauenerweckenden Skilift an den Hängen des Antuco. Als wir entlang der Laguna de la Laja fahren, beginnt es langsam Tag zu werden. Rötlicher Himmel gegen Osten, eine grosse Viehherde kommt uns entgegen, eine eigenartige Stimmung breitet sich aus. Auf etwa 1900 m Höhe verhindert der feine Lavasand ein Weiterkommen. Es ist sieben Uhr und noch frisch, als wir losmarschieren. Nach längeren Schutthängen folgen erste gefrorene Schneefelder, und immer mehr öffnen sich vor unseren Blicken die Weiten der chilenischen und argentinischen Anden. Ganz im Süden grüssen die Vulkane Lonquimay und Llaima. Weiter schweifen unsere Blicke zu einem majestätischen, sehr ausgesetzten Berg, dem Piz Roseg nicht unähnlich. Laut lokalen Angaben ist dieser Gipfel noch unbestiegen. Dann folgt ein nicht endendes, etwa 30 Grad steiles Firnfeld, das wir diagonal ersteigen. Nach knapp drei Stunden stehen wir am Fuss des Vulkans, der sich hier nochmals steil aufbäumt und sich von dieser Seite in seiner schönsten Form präsentiert: ein blendend weisser Vulkankegel mit einer Krone. Im Zickzack ersteigen wir das letzte Hindernis, wobei einige Gletscherspalten zu umgehen sind, und nach knapp vier Stunden erreichen wir den Gipfel.

Die Aussicht ist schlichtweg fantastisch. Beeindruckend vor allem der Blick in die Weite. Gipfel reiht sich an Gipfel, kaum eine Strasse, kein einziges Haus weit und breit. Dafür aber das intensive Blau der Laguna de la Laja, die sich fjordartig in die Berge eingräbt. Die andern steigen sofort ab, ich verweile noch einige Momente allein auf dem windgepeitschten Gipfel. Für mich sind es immer grosse Momente: Auf der einen Seite die Freude, ein neues Ziel erreicht zu haben, auf der andern Seite eine leichte Melancholie, werde ich doch mit allergrösster Wahrscheinlichkeit nie mehr wiederkehren, der Abschied ist endgültig. Doch ich reisse mich rasch von diesen etwas schweren Gedanken los. Der fast unerträgliche Wind erleichtert den Aufbruch. Der Abstieg ist ein reines Vergnügen, wir rutschen die ideal geneigten Schneefelder hinunter, und nur zu rasch sind wir wieder bei unserem Kleinbus angelangt. Ein letzter Blick zurück zum formschönen Vulkan Antuco, und in holpriger Fahrt geht es am frühen Nachmittag zu unseren Cabanas zurück, wo wir eine Im Aufstieg zum 3585 m hohen Vulkan Antuco in Mittelchile weitere Nacht verbringen, bevor wir am nächsten Tag nach Süden zu weiteren Taten aufbrechen.

Naturschauspiel Llaima Schwefeldämpfe steigen in die Nase. Wir stehen vor einem mächtigen Krater, der sich erst kürzlich geöffnet und den Gipfel des Llaima praktisch zweigeteilt hat. Es ist fast windstill und angenehm warm. Die Aussicht ist wiederum überwältigend. Nach Westen schweifen unsere Blicke in das Flachland, das sich irgendwo im Pazifik verliert, im Süden, am fernen Horizont, lassen sich die Vulkane Lanin und Villarica ausmachen. Im Norden bieten sich atemberaubende Tiefblicke in den Krater, und im Osten erhebt sich der höhere und sehr schwierige Gipfel des Llaima mit seinen bizarren Strukturen.

Der Llaima hat zwar nicht den Bekanntheitsgrad der Vulkane Villarica und Osorno, seine Besteigung kann aber in jeder Beziehung empfohlen werden. Bereits die Fahrt zum Parque Nacional Conguillio Los Para-guas östlich von Temuco ist eine Reise wert. Üppige Blumenwiesen und urwüchsige Wälder wechseln in bunter Folge ab. Eindrücklich und für die Europäer völlig ungewöhnlich sind vor allem die gewaltigen Arauka- rien-Bäume, die zum Teil mehr als 1200 Jahre alt werden und vor dem ewigen Eis des Llaima markante Akzente setzen. Ausgangspunkt für die Besteigung ist das erst kürzlich auf etwa 1500 m in herrlicher Lage an der Waldgrenze erstellte Refugio Llaima, das über einen durchaus europäischen Komfort verfügt. Auch konditionell und bergsteigerisch hat der 3125 m hohe Llaima einiges zu bieten, sind doch vom Refugio bis zum Gipfel über 1600 zum Teil beschwerliche Höhenmeter zu überwinden, und im oberen Bereich lauern Spalten und warten Steilhänge, die eine komplette Gletscherausrüstung erfordern.

Es ist noch dunkle Nacht, als wir um 4 Uhr unsere gastliche Unterkunft verlassen. Die Stirnlampen weisen uns den Weg. Das Gelände ist zunächst steil, der Pfad führt über Lavahänge, später wird es etwas flacher, und die ersten Schneefelder erleichtern den Aufstieg. Nach rund drei Stunden erreichen wir den Gletscher und seilen uns an. Es ist bitter kalt, und das mitten im chilenischen Sommer auf lediglich etwa 2300 m Höhe. Dafür präsentiert sich uns ein einmaliges Schauspiel: Der Llaima spiegelt sich wie eine Fata Morgana am Morgenhimmel, was für ein Anblick! Urwüchsige Landschaften, so weit das Auge reicht. Eine Weite, die man in der Schweiz vergebens sucht. Chile ist in jeder Beziehung ein herrliches Land mit sehr gastfreundlichen Einwohnern; jetzt verstehe ich die vielen Europäer, darunter Blick vom Gipfelhang des Antuco in die Tiefen der Laguna de la Laja und in die Weiten der mittelchilenischen Anden auch Schweizer, die nach Chile ausgewandert sind. Die endlosen, mit Gletscherspalten durchsetzten Eishänge reissen mich schliesslich aus meinen Träumen. Noch einige Seillängen über recht steiles Eis, und nach sechs Stunden Aufstieg erreichen wir den Gipfel des Llaima. An einem gewöhnlichen Montag, mitten im schweizerischen Winter. Momente, die unvergesslich bleiben.

Ausklang Wir haben auf unserer Chilereise Pech und Glück gehabt. Pech, weil wir den schlechtesten chilenischen Sommer seit Jahren erwischt haben. Regenwetter in den Ter-mas de Manzanar östlich von Temuco und in Pucón am Fuss des Villarica. Dennoch konnten wir bei allerdings extremen Wind- verhältnissen den Lonquimay besteigen, der Villarica dagegen fiel Dauerregen zum Opfer. Dafür hatte ich einige Tage später, als ich mich von meiner Gruppe verabschiedet hatte, unwahrscheinliches Glück: Nach einer Schlechtwetterperiode und einem schweren Unfall am Osorno drei Tage zuvor, mit drei Toten und zwei Schwerverletzten, schaffte ich am 12. Januar diesen Bilderbuchvulkan bei besten Wetter-, Wind- und Eisverhältnissen, an diesem recht gefährlichen und exponierten Berg keine Selbstverständlichkeit. Als die chilenische Reiseleiterin einige Tage später auf der Fahrt von Puerto Varas nach dem argentinischen Bariloche vom Osorno als dem schwärmte, konnte ich ihr beim besten Willen nicht widersprechen.

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