Auf den Spuren von Heckmair. Mit Nagelschuhen und Hanfseil durchdie Eigernordwand

Mit Nagelschuhen und Hanfseil durch die Eiger-Nordwand

Auf den Spuren von Heckmair

« Wir gehen! Es gibt nur mehr ein Hinauf. Kein Zurück. Die Vergangenheit ist erloschen. » So beschreibt Heinrich Harrer, einer der vier Erstbegeher der Eiger-Nordwand von 1938, in seinem Buch « Die Weisse Spinne » pathetisch den Aufbruch nach dem letzten Biwak. Davor erleichtern sie ihre Rucksäcke, und Harrer wirft dabei erstmals in seinem Leben ein Stück Brot weg – eine Geste, die er als symbolischen Akt empfindet: Ein Zurück gibt es nicht.

Der Ausstieg gelingt, der Abstieg ebenfalls und damit der Schritt in die Berühmtheit. Der Erfolg am Eiger wurde für die Deutschen Anderl Heckmair und Ludwig « Wiggerl » Vörg und für die Österreicher Fritz Kasparek und Heinrich Harrer zu einem Sprungbrett. Ihr Erfolg wurde vom Hitler-Regime – Harrer war vor der Eigerbesteigung Mitglied der NSDAP geworden – ausgeschlachtet. Vörg fiel im Zweiten Weltkrieg, Kasparek stürzte 1954 in Peru mit einer Wechte ab. Harrer ( 90 ) und Heckmair ( 96 ) sind bis heute bekannt als Erstbegeher jener Route, die unter dem Namen des führenden Heckmairs in die Geschichte einging.

Hommage in Bild und Film Im August 2002 ist einem Schweizer Team eine wunderschöne Hommage an die Erstbegeher gelungen: In zwei Tagen durchstiegen die Eiger-Kenner Stephan Siegrist ( 29 ) und Michal Pitelka ( 41 ) die Wand in weitgehend authentischer Ausrüstung. Begleitet wurden sie vom Initianten der Geschichte, dem Fotografen Thomas Ulrich, der die Durchsteigung – in moderner Ausrüstung und gesichert von zwei Bergführern – mit Schwarzweissfotos dokumentierte und gleichzeitig einen Fernsehfilm für SF DRS und arte drehte. Der Film, produziert von Frank Senn und Thomas Ulrich, zeigt nicht nur die Kletterei, sondern auch die zwei Jahre dauernden Vorbereitungen.

Steigeisen wie Heckmair « Fast das Schönste war die Begegnung mit Heckmair », sagt Stephan. Michal beschreibt ihn als Naturburschen. Seine obligate Toscanelli schmauchend gab er ihnen Auskunft über die 1938 verwendete Ausrüstung. Heckmair und Vörg hatten das modernste Material dabei, so Steigeisen mit zwölf Zacken. Kasparek verwendete die damals üblichen Zehn-

« Wir fanden die Route instinktiv. Aber natürlich hatte ich die Wand davor intensiv studiert. Ich vertraute mir selbst vollkommen. Und die anderen taten, was ich ihnen sagte. Ich war einfach der führende Kletterer. » So Anderl Heckmair über die Erstbegehung der Eiger-Nordwand im Jahr 1938. Im Bild: Zur Vorbereitung der Nostalgie-Tour gehörte ebenfalls die eingehende Auseinandersetzung mit der Wand. Stephan Siegrist und Michal Pitelka beim Anmarsch zur Wand. Michal war sich im Vorfeld nicht sicher, ob sie die Tour mit alter Ausrüstung schaffen würden: « Ich denke, die früheren Bergsteiger waren kräftiger und robuster. Und sie wussten gar nicht um die Mittel, die wir heute kennen. Es ist schwieriger, wenn du das ‹Besserez.. " " .B. moderne Ausrüstung – schon kennst und dann zurück-buchstabieren musst. » Fotos: Thomas Ulrich DIE ALPEN 12/2002

zacker. Harrer dagegen machte den gleichen Fehler wie andere vor ihm: Er nahm keine Steigeisen mit, weil er die Eispassagen unterschätzte. Die Lederschuhe der Kletterer waren mit Metallnägeln, Tricounis, beschlagen. Schuhe und Steigeisen waren die heikelsten Punkte der alten Ausrüstung – die weichen Schuhe bogen sich durch, die Tricounis hielten nur bedingt, weshalb Michal und Stephan fast die ganze Tour mit Steigeisen kletterten. Die Frontzacken der fragilen Eisen brachten aber weniger als erwartet und verbogen sich teilweise. Die Steigeisen wurden in der Schmiede von Grivel in Courmayeur angefertigt. Die Schuhe fanden Thomas und seine Freunde in Beständen der Schweizer Armee, andere wurden ihnen in der Schuhmacherei Bohren in Grindelwald nach altem Muster geschustert. Das Hanfseil – mit Nylonkern als Kompromiss an die Moderne – wurde in einer traditionsreichen Seilerei gezwirnt. Eis-und Normalhaken fanden sich an verschiedenen Orten, gleich wie die Kleider und Rucksäcke aus Segeltuch oder Leinen sowie die Hüte. « Sobald die Idee da war, beschäftigten uns die Materialsuche und das Ausprobieren. Gleichzeitig wurden kritische Stimmen laut. Doch schliesslich stieg das Fernsehen ein », resümiert Thomas Ulrich.

Annäherung an die Erstbegehung Und warum stieg Michal ein, den Publizität herzlich wenig interessiert und der ohne Medienrummel im Januar 1992 in 8 1 / 2 Stunden durch die Wand stieg? « Nun, ich dachte, Thomy will nette Bildchen machen – der kommerzielle Aspekt war mir egal. Mir gefiel die Idee, einen Schritt zurückzumachen. » Stephan, der bereits bei der Direktübertragung des Schweizer Fernsehens aus der Eiger-Nordwand 1999 dabei war, empfand die Durchsteigung als sehr schön. « Wir hatten tolle Verhältnisse und Bergführer in der Nähe, die uns hätten helfen können. Und unsere Rucksäcke waren viel leichter; wir beschränkten uns auf das Allernötigste, weil wir die Wand kannten. Unsere Tour war damit nur eine Annäherung an jene von 1938. Meine Ehrfurcht vor den Erstbegehern ist noch gestiegen. »

Die Schwierigkeit der Begehung von 1938 lag nicht in erster Linie in der Ausrüstung. Nach Michal und Stephan ist das alte Material, zumindest bei guten Verhältnissen, durchaus funktionell. Aber die psychische Belastung war früher grösser. Ein Abenteuer war die Nostalgietour dennoch. Und eine Annäherung an die Erstbegeher. « Sie verkörperten die

Stephans Nagelschuhe mit Tricounis, den legendären Metallnägeln. Der Grindelwalder Schuhmacher Albert Bohren, der diese Schuhe neu nach alter Vorlage anfertigte, freute sich über das Resultat – « Schuhe mit Charakter ». Schuhe, die sich – wie alle Lederschuhe dieser Machart – beim Klettern wegen der weichen Ledersohle durchbiegen und Stephan vor einige Probleme stellten. Michal schlägt im Vorstieg Stufen über das Zweite Eisfeld. Abgesehen von wenigen Stellen waren die Verhältnisse in der ganzen Wand bei der Nostalgie-Tour ausnehmend gut. Dazu Michal: « Wenn das ganze Zweite Eisfeld blank gewesen wäre, hätte das viel mehr Aufwand, Zeit und Arbeit bedeutet. Früher schlug ich viele Stufen, heute habe ich es nicht mehr gleich im Griff. Bei Blankeis hätten wir für das Zweite Eisfeld wohl einen halben Tag gebraucht. » DIE ALPEN 12/2002

Weltklasse », sagt Thomas Ulrich. « Sie waren nicht anders als wir – ihr Ansporn war die Suche nach etwas Neuem und Originellem. Und Heckmairs Routenwahl im Bereich des Götterquergangs zeugt von absoluter Überlegenheit. »

Heckmair – « Bergvagabund » der Weltklasse Andreas « Anderl » Heckmair.. " " .Als Mensch mit « hartem, verwegenem und vom Berg gezeichnetem Gesicht », beschreibt ihn Harrer. Harrer und Kasparek waren bereits einen Tag unterwegs, als Heckmair und Vörg sie einholten und sich später mit ihnen zusammenschlossen. Im Waisenhaus aufgewachsen, als gelernter Gärtner dann jahrelang arbeitslos, schlug sich Anderl Heckmair in den Zwanziger- und Dreissigerjahren als Bergvagabund durch – am Rand der Gesellschaft, ohne Geld, aber mit Spass an der Sache. Davon zeugen seine humorvollen Berichte wie etwa die Anreise zum Eiger: Vörg und er packten ihre Kletterutensilien in Koffer – die Pickel hatten darin allerdings keinen Platz –, damit sie in Grindelwald nicht als « Eiger-Kandida-ten » erkannt würden. Und da es regnete, vergnügten sich die zwei erst einmal an den « Grossstadtfreuden in Zürich ».

Für die Wand packte Heckmair unter anderem Ölsardinen, eine Schweinshaxe und ein Fläschchen Herztropfen ein, die er nach seinem Sturz in den Ausstiegsrissen zusammen mit Wiggerl Vörg, dem er auf die Hand gefallen war, hi-nunterkippte. Und dann die Thermogen-Watte: Auf Anraten einer Freundin erstand Anderl Heckmair ein Riesenpack dieser Watte, die sich Rheumatiker auf erkrankte Stellen legten, worauf die Haut wie Feuer brannte. Anderls Überlegung: « Wo es brennt, da kann es nicht frieren und gefrieren. » Also genau richtig, um sie sich in der Eiger-Nordwand auf die Füsse zu legen. Je nässer allerdings die Füsse wurden, desto mehr juckte die Watte. Und zurück auf der Kleinen Scheidegg, endlich in der Badewanne, war der Schmerz nicht mehr auszuhalten!

Wie kam Thomas überhaupt auf die Nostalgietour? « Ich hatte schon lange eine Schwarzweiss-Reportage im Kopf. Bald merkte ich, dass sich nur eine bekannte Kletterei verkaufen lässt. » Was lag also näher als die Heckmair-Route am Eiger? Für gute Alpinisten der Inbegriff der klassischen Tour, die « man machen muss »! Hinter diesem Prestige

Stephan Siegrist säubert den Fels bei einer Trainingstour. Stephan über das alte Material: « Man trägt es umgehängt, und das ist nicht praktisch; es zieht einen nach unten! Gewöh-nungsbedürftig war auch der lange Pickel – er glich mehr einer Fahnenstange, die man genug weit unten belasten muss... » Endlich... nach zwei Jahren Vorbereitungen stapfen die Bergsteiger über den Gipfelgrat des Eigers. Thomas Ulrich: « Die Spannung davor und unterwegs war sehr gross; umso glücklicher war ich in diesem Augenblick... » Übrigens: Anderl Heckmair war ebenfalls glücklich, als er vom Erfolg der Nostalgie-Tour erfuhr.

DIE ALPEN 12/2002

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steht ihre dramatische Geschichte: Vor der Erstbegehung 1938 verloren neun Menschen bei verschiedenen Versuchen ihr Leben. Die Route umfasst Schlüsselstellen der Alpingeschichte, und sie hat die Wand zum Mythos gemacht.

Grosse Wand in neuem Licht Stephan war 20, als er erstmals in die Wand einstieg. Inzwischen hat er dort zwei extreme Routen eröffnet. Und auch Michal, aufgewachsen in der ehemaligen Tschechoslowakei, kannte seinen « alten Freund » Eiger schon früh aus Büchern. Kaum hatte er sich als Zwanzigjähriger in die Schweiz abgesetzt, schaute er sich ihn an, vorerst beim Skifahren, bald darauf bei einem ersten Einstieg in die Nordwand. Im Winter 1985 eröffnete er mit tschechischen Freunden in 2 1 / 2 Wochen eine Hardcore-Route: Vor Hunger wurde er bewusstlos, und er bezeichnete sie als Arbeitslager. Dennoch meint Michal bescheiden, die Bergsteiger von 1938 seien zäher gewesen. Als Michal, Stephan und Thomas glücklich vom Eiger absteigen, haben sie genügend Geld für ein Hotelzimmer auf der Kleinen Scheidegg. 1938 war das anders. « Harrer fragte mich: ‹Anderl, hast du Geld, dass wir uns ein Zimmer nehmen können?› Natürlich hatte ich kein Geld, denn das ist das letzte, was man in der Eiger-Nordwand braucht. » Wie überwältigend das Glücksgefühl der Erstbegeher gewesen sein muss, als sie völlig unerwartet auf der Kleinen Scheidegg von einer Menschenmasse in Empfang genommen wurden, können wir uns ausmalen. Wie sie es in der Wand hatten, sehen wir auf den Bildern von Wiggerl Vörg. Dazu kommen jetzt Thomas Ulrichs Aufnahmen: Mit ihren frechen Perspektiven im alten Look rücken sie die grosse Wand in ein neues Licht. Es bekommt ihr gut. a

Christine Kopp, Unterseen

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