Auf Eis- und Felsgraten um Kandersteg

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VON L.W. RÜTIMEYER, BASEL

Wer das Hochgebirge kennt, dem der Kanderfluss entspringt, den wird es immer wieder zu seinen Gipfeln hinziehen. Fellenbergs enthusiastischer Ausspruch von 1863: « das Flussgebiet der Kander zählt zum Herrlichsten, dessen sich die schweizerische Alpenwelt nur immer rühmen kann », gilt sicher zu Recht, und dieser Pionier der Berner Alpen begründet sein Urteil, wenn er ausführt, dass « in diesem Vorhof grösster alpiner Schönheiten » der « charakteristische Vorzug der Berner Alpenkette » in besonderem Masse zum Ausdruck komme, den Fellenberg darin sieht, dass die einzelnen Berge immer als durchaus selbständige Gipfel erscheinen, in klassischer Ausprägung alpiner Schönheit und dabei in mannigfacher Gestalt. Die dem Gebiet zugrunde liegende reiche orographische Gliederung bietet wiederum dem Bergsteiger die Möglichkeit wechselvoller Zugänge und Aufstiege: leichte und rasche Gänge über Schnee und Eis zu den weiten und grossen Hauptkämmen und schwere Fahrten über unzugänglich erscheinende Felsgrate und durch die jähe Eiswand. Es ist die ausgesprochene Eigenform der Hochgipfel, was hier dem Alpinisten den einzelnen Berg lieb macht, und bei wiederholtem Besuch enthüllen sich neue Seiten ihrer vielgestaltigen Schönheit und verlocken zur Begehung bisher nicht betretener Wege. Und dann birgt das Kandertal zwei alpin-land-schaftliche Kleinodien: den Öschinensee, den stillen See, aus dessen Ufern die Postamente der Berge emporwachsen, und das Gasterntal, das hochalpine Tal der Felswände, von deren Höhe das Eis herunterblinkt, das Tal einsamer Grosse, das dabei auch Bilder lieblicher Schönheit aufweist, das Tal lebendigen Wassers, das im Bergstrom dahineilt durch den Erlenwald und schäumend sich den Durchbruch erzwängt in der dämmernden Klus, das im Wasserfall mitten aus der Felswand hervorstürzt, das im Staubbach verweht.

Im August 1939 stieg ich mit dem jungen Bergführer Peter Künzi von Kandersteg zur Hohtürlihütte auf. Heiss ist der Stutz zum Öschinensee; dann nimmt uns der kühle Uferwald auf, und von der Öschinenalp weht der Gletscherwind entgegen. Beizeiten sind wir oben und beziehen Quartier beim bärbeissigen treuen Hüttenwart Küenzi. Wetter und Verhältnisse sind die besten; wir dürfen uns unbesorgt auf die geplante Tour freuen: vom Morgenhorn über den Grat zum Blümlisalphorn und von dort zur Fründenhütte. In aller Nacht brechen wir dann auf. Das Morgenhorn war für mich Neuland; es liegt ja etwas seitab, und den Hauptruhm nimmt die stolzere Weisse Frau für sich in Anspruch. Im obern Drittel des Berges erscheint das Eis. Bei Laternenschein wird der steilgewölbte Hang erstiegen. Das nächtliche Dunkel ist nicht gewichen, wie wir den Gipfel erreichen. Es ist sicher das erste Mal, dass ich mit noch brennender Laterne vor der Taghelle eine Spitze von 3612 m betrete * Aus dem Jahresbericht der Sektion Basel SAC, 1957. 264 Doch nun steigt der Morgen auf. Erdschatten und Purpurlicht: unergründliches Schauspiel im Weltall, ahnungsvoll wie je, geheimnisvoll wie immer. Der Blick richtet sich auf den Hochgrat, dem wir nun folgen wollen, hinüber zur Weissen Frau und weiter zum Horn. Wir treffen auf dem Kamm die erwarteten Verhältnisse. Der vor wenigen Tagen in Menge gefallene Neuschnee hat sich gesetzt, ist stark verkrustet, und die Steigeisen packen gut. Während des ganzen Überganges wechseln wir ab im Vorangehen.

Der Tag hat sich nun in seinem ganzen Glanz entfaltet. In weniger als einer Stunde, ohne dass eine Stufe geschlagen werden musste, erreichen wir die Weisse Frau. Wir halten auf dem Gipfel und entzücken uns an der Rundsicht, die in unerhörter Pracht vor den Augen liegt. Es ist wiederum Fellenberg, der das Besondere der Aussicht auf den Berner Hochalpen kennzeichnet: die Verbindung des Blickes in die nähere und nächste Umgebung zu Füssen des Standortes mit der Schau auf die höchsten Zinnen im weiten Bereich des schweizerischen Alpenlandes und über das Mittelland hinaus zum Jura, zum Schwarzwald, zu den Vogesen.

Die Fortsetzung des Grates zum Horn hinüber verläuft stark gewellt. Er weist drei Einsenkungen auf, die tiefste unmittelbar vor dem letzten Aufschwung. Nennenswerte Gwächtenbildung fehlt. Wir halten uns beim Weitergehen an die Firstlinie. Eis treffen wir nur an den Gratscharten, wenn wir von der firnigen Schneide nach links hinuntersteigen auf die zum Vorschein kommende felsige Kante. Die Beschaffenheit des Schnees bleibt gut, d.h. die ziemlich dicke Kruste verhilft zu ungehindertem Vorrücken. Der Fuss tritt aber doch stellenweise durch und gerät dann in ausgesprochenen Fliess-schnee; die starre Decke gibt jedoch dem anstossenden Schienbein sicheren Halt. Es ist ein wonniges Gehen. Die frohe Lust einer grossen Gratwanderung erfüllt Herz und Sinn. Und wenn der Blick die jäh abschiessende gleissende Bergflanke zu unserer Rechten streift, so verstärkt sich das Kraftgefühl des sichern Trittes. Der letzte Aufstieg zum Horn führt über einige Felsstufen, und ohne Schwierigkeit wird die höchste Erhebung des ganzen Grates erreicht, das Blümlisalphorn, 3664 m. Wie während des ganzen Tages, sind wir auch jetzt allein. In der warmen Sonne, in der Windstille lassen wir uns nieder. Es ist ein wahrer Gipfeltag. Die Aussicht ist ungetrübt. Der Blick verliert sich in aller Ferne, kehrt aber immer wieder zurück zum Grat, über den sich unsere feine Spur zieht und dessen Überschreitung uns schönste Stunden geschenkt hat. Es wird gegen die Mittagszeit gewesen sein, als wir aufbrachen. Wir folgten dem Südgrat zum Sattel zwischen Blümlisalphorn und Öschinenhorn, und von da ging es auf der üblichen Route zur Fründenhütte. Dort treffen wir am frühen Nachmittag ein.

Ich muss das Lob der Fründenhütte verkünden! Lage und Bau sind einzig. Und dann: die Hütte und vor allem die Besucher werden von einem Hüttenwartehepaar betreut, das durch sein freundliches und gewinnendes Wesen die Fründenhütte für den Bergsteiger zum wirklichen Heim zu gestalten weiss.

In Vater und Mutter Ogi-Küenzi ist der gute Hüttengeist verkörpert. Anheimelnd ist schon der Empfang, wenn man als alter Bekannter das ehrwürdige Paar begrüsst. Die innige Verbundenheit der beiden strahlt ihre Wärme aus auf Haus und Gast. Das Idyll von Philemon und Baucis tritt uns vor Augen; wir sehen, wie die Frau zu ihrem Gatten schaut, wie sie ihn umsorgt, ihm alles Mögliche abnimmt, zwischenhinein einen Kaffee aufdrängt; und Mütterliches tut sich kund, wenn das Gespräch auf ihre Söhne kommt, den Kilian, den Fritz, den Adolf, den Hermann, und nicht verwunden ist der Schmerz über den Tod ihres Oskars, der vom Breithorn nicht mehr heimgekehrt ist. Wie sieht man ihr die Freude, ja verhaltenen Stolz an, wenn die Söhne, die bestbewährten Bergführer, zur Hütte aufsteigen. Traulich klingt der Gruss der Eintretenden: Gott grüess Ech, Vatter, Gott grüess Ech, Muetter. Es sorgt sich aber immer wieder ihr Herz, wenn sie die Jungen auf der Fahrt weiss, bis Rückkunft zur Hütte oder Bericht aus dem Tale Beruhigung bringen.

Das Wetter bleibt schön und sicher. So steht unser Plan für den folgenden Tag fest: Doldenhorn über den Galletgrat. Eine Führerpartie mit Fritz Ogi hat die gleiche Absicht. Eine weitere Seilschaft mit einem andern Kandersteger Führer, dem der Galletgrat bisher fremd geblieben ist, entschliesst sich ebenfalls zu diesem Vorhaben.

Es ist daraufhingewiesen worden, dass den Gipfeln unseres Gebietes bei aller Einheitlichkeit der grossen Form eine gewisse Mannigfaltigkeit in der Ausbildung der einzelnen Teile des Bergganzen eigen ist. Dominierend erhebt sich vor uns die Nord- und Nordwestseite des Doldenhorns; in ihrem Firn- und Eispanzer steht das Horn in der Kette der Oberländer Schneeberge, als nicht wegzuden-kende Gestalt im klassischen Anblick vom Jura aus und vom Mittelland. Auf der Südseite jedoch, gegen das Gasterntal, bricht sein Massiv in einem türmereichen Grat und in regellosen Felsklippen und Riffen ab. Und von der wuchtigen Umrisslinie, die sich, vom Fründenjoch aus als Ostgrat zur Spitze und dann über das Kleine Horn weiterzieht, senkt sich vom P. 3484 ein ausgesprochener Nordsporn herunter. Dieser Sporn, er verdient schon den Namen eines Grates, ist der Galletgrat.

Es ist nun bemerkenswert, dass der von den Erstersteigern eröffnete Zugang zum Grossen Doldenhorn ( 1862 ) über die vergletscherte Nordwestseite Jahrzehnte hindurch der ausschliesslich benützte Weg geblieben ist. Der Berg wurde in den Jahren nach der Pionierzeit eher gemieden. Neue Aufstiegsrouten sind an ihm nicht gesucht worden, während im übrigen Alpengebiet, vor allem im Wallis, aber auch im Oberland, die Zahl der neuen Anstiege, der grossen neuen Gratbegehungen in rascher Folge sich mehrte. Nur im Jahre 1890 erfolgte an unserm Berg eine kühne Unternehmung auf neuem Weg durch die Engländer G. Stallard und A. L. Omerod unter der Führung von Abraham Müller, Vater, und Johann Ogi aus Kandersteg: die Ersteigung vom Gastern aus durch die Südwestflanke und über die obersten Türme des Südgrates in 15 %2Stündiger schwieriger Kletterei. Und erst 1899 ist wieder ein neuer Zugang erschlossen worden: über den Nordsporn, unsern Gallet-Grat. Dabei ist es dann geblieben bis in die zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts. So brauchte Dübi in seinem Hochgebirgsführer durch die Berner Alpen ( 1910 ) dem Grossen Doldenhorn mit der Anführung der damals einzig bekannten drei Routen nur zwei Seiten zu widmen. Der neuzeitliche Alpinismus hat dann dem Berg die Geheimnisse seiner Grate und Flanken entrissen, seitdem im Jahre 1924 der Ostgrat vom Fründenjoch her von den Herren Bürki aus Bern in epochemachendem Aufstieg bezwungen worden ist. Von allen Seiten wurde nun der Berg berannt, neue Routen sind eröffnet worden, dabei der Durchstieg der eigentlichen Nordwand in der Fallirne des Gipfels, 700 m hoch, in achtstündiger härtester Eisarbeit, von Samuel Plietz und unserem betrauerten früheren Clubmitglied Max Bachmann. So konnte der Hochgebirgsführer von 1937 ( II. Auflage ) über elf, darunter äusserst schwere Aufstiegswege berichten.

Unser Grat ist nach seinem Erstersteiger benannt worden: Dr. Julien Gallet aus La Chaux-de-Fonds, Ehrenmitglied des SAC und des Alpine Club. Eines seiner Bergbücher, als Privatdruck im Jahre 1910 herausgegeben, trägt den Titel « Dans l' Alpe ignorée », und ein Aufsatz von der Hand Dr. Gallets im Jahrbuch SAC, Band XXXVI, 1900/1901, ist überschrieben mit « Quelques cimes délaissées dans les Alpes Bernoises ». Als Meister im alpinen Stil hat der Autor bei der Schilderung seiner Taten und Erlebnisse die Feder geführt. Die genannten Überschriften zeigen an, nach welcher Richtung hin Dr. Gallet seine Exkursionen ins Werk gesetzt hat. In geographisch enger begrenzten eigentlichen Forschungsgebieten hat er unbetretene Pfade aufgesucht; es gelangen ihm über dreissig Erstbesteigungen, mehr sekundärer Gipfel, und vor allem Erstbegehungen neuer Auf- und Abstiege auf längst bestiegenen Bergen. Als einige wenige Beispiele aus dem Oberland seien angeführt: Gletscherhorn und Mittaghorn von Norden, Nordflanke des Rinderhorns, Lauterbrunner Breithorn über den Nordostgrat, Ebne Fluh über Nordgrat, Fründenhorn Nordostgrat im Abstieg und dann in dieser Reihe der Grat, der seinen Namen trägt. Herr Gallet erzählt, wie er vom Blümlisalphorn aus mit seinen Führern Abraham Müller, Vater, dem weitbekannten Führerobmann in Kandersteg, und Joseph Kalbermatten aus dem Lötschental, nach einem neuen Aufstieg auf das Doldenhorn ausspähte. Der Nordsporn wurde als praktikabel befunden und am 19. Juli 1888 von Wandfluhs Gasthaus am Öschinensee aus erstiegen, in neun Stunden bis zum Gipfel. Die Hauptschwierigkeiten traf die Partie beim nächtlichen Emporklimmen durch die unübersichtlichen Abstürze und mühsamen Steilhänge der « Fründen », dann in einem engen Kamin am Fusse des Nordgrates und schliesslich weiter oben in einem Eiscouloir. Für längere Zeit ist es am Nordgrat im ganzen ruhig geblieben. Erst seit der Erstellung der Fründenhütte am Ort eines früher benützten Biwakplatzes konnte sich der Galletgrat neben dem Normalweg von der Doldenhornhütte aus seine Bedeutung als etwas mehr begangene Route für die Besteigung des Hornes erwerben und erhalten.

Peter und ich verlassen am Morgen als erste Seilschaft die Fründenhütte. Man quert den Gletscher zum Nordgrat hinüber. Etwa in Hüttenhöhe erreicht man am Gletscherufer die Stelle, wo ein angebrachtes Drahtseil das Hinaufkommen über den ersten Felsabsatz erleichtert. Dann folgt man dem Gratrücken, ohne Schwierigkeiten anzutreffen, über Geröll und plattigen Fels. Schneehalden lassen rasch an Höhe gewinnen, bis eine quer verlaufende Felsstufe das Vordringen zu hindern scheint. Wir versuchen die Umgehung nach rechts, kommen aber nicht gerade gut voran. Unterdessen haben die zwei andern Seilschaften aufgeschlossen. Die zuletzt gehende unter der Führung von Fritz Ogi greift die Felsstufe direkt an und überwindet sie sicher in einem Zug. Wir machen Kehrt und geraten so an das Ende der ganzen Kolonne. Die Erkletterung der eben genannten Stufe scheint mir das schwierigste Stück der ganzen Besteigung gewesen zu sein. Die Stelle muss über einen zweimann-hohen, wenn auch wenig ausgeprägten Überhang, in einer Art Couloir bewältigt werden. Dazu ist alles mit Glatteis überzogen. Die Griffe liegen für meine vor Jahren vom Unfall getroffene Schulter reichlich hoch; so bin ich froh über einen freundschaftlichen kurzen Zug am Seil, der hinaufhilft. Dann geht 's eifrig weiter, in zunehmender Spannung, denn wir müssen uns dem Orte nähern, der als Schlüsselpunkt für die Ersteigung gilt: dem berühmten Eiscouloir. Der bis dahin ordentlich breite Felsgrat erhebt sich nämlich unerwartet zu einem auffälligen Turm, dessen direkte Besteigung offenbar nicht möglich ist. Er muss nach rechts hin in der Bergflanke umgangen werden. Durch ein enges tiefes Couloir und anschliessend über den steilen Hang wird die Scharte oberhalb dieses Turmes gewonnen und damit der Grat wieder betreten. Im Couloir und im darüber folgenden Hang liegt zumeist blankes Eis, und es kann eine tüchtige Hackarbeit in äusserst exponiertem Terrain erforderlich werden.

Von unserm Standort geht es zuerst horizontal nach rechts in die Flanke. In Eisstufen stehend, halten wir als die hinterste Seilschaft der ganzen Kolonne, bis die Vorangehenden Couloir und Hang hinter sich gebracht haben. Eisschollen und Steine nehmen ihren Weg durch den schmalen Kanal. Es verstreicht geraume Zeit, beinahe eine Stunde, bis die beiden Dreierpartien dieses Wegstück hinter sich gebracht haben, und so lange müssen wir in Deckung bleiben. Die von Fritz Ogi frisch geschlagenen Stufen erlauben uns dann, rasch zu folgen. Im Couloir ist es ein äusserst jäher Aufstieg; die Stufen liegen weit auseinander, und man stösst mit dem Knie an. Aber alles ist solides Eis, und man steht fest in den tiefgehauenen Tritten. Im untersten, schmalen Teil des Couloirs geht es in gerader Richtung hinauf, dann quert man etwas nach links und kommt, wieder direkt ansteigend, über stellenweise vereistes, felsiges steiles Gelände gut empor. Dank den vorgefundenen Eisstufen hat die ganze Passage für uns zwei nicht länger als eine gute Viertelstunde gedauert. Ein Eisgang eindrücklichster Art liegt hinter uns. Der Blick gleitet die schmale Steilrinne hinunter, welche ins Leere abschiesst. Es folgt nun ein Firngrat, ein Firnhang, und nach kurzer Zeit stehen wir auf dem Vereinigungspunkt unseres Nordsporns mit dem vom Fründenjoch aufstrebenden Ostgrat, 3484 m. Über elegante, gwächtentragende Aufschwünge ziehen die drei Karawanen froh dem Ziel entgegen und reichen sich bald auf der feinen Firnspitze des Grossen Doldenhorns, 3643 m, die Hand.

Für die Rückkehr ins Tal hatte ich mir seit langem eine besondere Abstiegsroute ausgedacht. Oft schon hatte ich aus dem Gasterntal oder vom Stock am Gemmiweg hinaufgeschaut zu den hochgetürmten Klippen des Jägertossens und des Hintern Fisistockes, wusste auch, dass es oben, an den Südhängen, eine verlassene Weide gebe, das Halpi. Der Weg dort hinunter versprach Einblicke in den geheimnisvollen Bau der Flühe, landschaftliche Eindrücke eigenster Art. Auch musste der Weg über das Kleine Doldenhorn führen, und diese Spitze und den zu ihr führenden Grat hatte ich auch schon ins Auge gefasst. So erfolgte denn auf dem Gipfel der Vorschlag: « Peter, wir gehen über das Kleine Doldenhorn das Halpi hinab ins Gasterntal. » Peter war 's zufrieden, und während unsere Tourengefährten im Doldensattel nach rechts zum Gletscher abschwenkten und zur Doldenhornhütte, behielten wir die Richtung bei und erreichten in angenehmer Kletterei das Kleine Doldenhorn, 3475 m.

Es ist noch ein weiterer Grund gewesen, der mich zu dieser Diversion bewogen hat. Zu meinen frühesten alpin-literarischen Erinnerungen gehört das Buch von Roth und Fellenberg: Doldenhorn und Weisse Frau ( 1863 ), in welchem diese Pioniere ihre Eroberungen der beiden Hochgipfel in klassischer Art beschrieben haben. Fellenberg brannte darauf, die Ehre der Erstersteigung der Oberländer Berge nicht weiterhin Fremden zu überlassen. « Weilern vo däne Chätzere wei mer zueche ha? » beriet er in Bern bei einer Flasche Waadtländer mit seinem Freunde Philipp Gösset. Und da sie der Ehrgeiz kitzelte, einmal « eines jungfräulichen Gipfels Meister zu werden », kam der muntere Kriegsrat zum Entschluss, das Doldenhorn anzugreifen. Mit grossem Tross, Führern, Trägern, mit einer eidgenössischen Fahne, mit der nötigen Tranksame zur solennen Libation auf dem Gipfel wurde von Kandersteg am 29. Mai 1862 aufgebrochen, zur Fisialp aufgestiegen und in der etwas unsicheren Erwartung, irgendwie auf einen Zugang zum Grossen Doldenhorn zu gelangen, der Fisipass erreicht. Des Gebietes völlig unkundig, ging man weiter. Hören wir Fellenberg selber: « Brennend vor Verlangen, den nahen Gipfel zu erreichen, folgte die Gesellschaft dem voransteigenden Führer [Christen Lauener]. Drei Viertelstunden lang mussten wieder Tritte gehauen werden. Jetzt spitzte sich die Pyramide schärfer und schärfer zu, die Aussicht ward nach allen Seiten offener und breitete eine entzückend grosse Welt aus. Höher pochten die Herzschläge der jungen Männer: hinauf; hinaufund nach wenigen Minuten, um 11 I Uhr, war die Spitze erreicht.

Aber ach! Was ist denn diese neue, noch gewaltiger höher strebende Firnpyramide, im Südosten, nahe, ganz nahe bei uns? Das Grosse Doldenhorn ist es, Lauener, alter Starrkopf, der du bis auf diesen Augenblick nicht daran glauben wolltest. Jetzt streiche deine Segel, Optimist, und gestehe, dass wir auf dem Kleinen Doldenhorn festsitzen. Gestehe, dass keine menschliche Seele über den Abgrund kommt, der hier vor uns zwischen dem Kleinen und dem Grossen Doldenhorn starrt. » Und Lauener: « My Gott Seel, da chunnt keis Gemschi düre. » Die Scharte wurde dann glänzend ausgewetzt. Am 30. Juni des gleichen Jahres standen Fellenberg und Dr. Abraham Roth mit ihren Leibführern, den Lauterbrunnern Christen Lauener und Johann Bischof und dem Haslitaler Gemsjäger Kaspar Blatter und mit Christen Ogi aus dem Kandersteg und dem jungen Sohn Laueners, Peter, auf der heiss ersehnten, auf der Landkarte noch namenlosen Spitze. Die Geschichte vom Kleinen und vom Grossen Doldenhorn, einmal gelesen, war nicht zu vergessen, und ich fand es vergnüglich, auf dem Schauplatz des herrlich komischen Intermezzos in der Ersteigungsgeschichte unseres Berges zu verweilen. Dank der plastischen Schilderung Fellenbergs, des Hauptakteurs, wurden alle Einzelheiten lebendig, wie sie sich abgespielt haben. Es ist, von unserer Zeit aus gesehen, damals gewiss ein bescheidener Vorfall gewesen, in alpin-geschicht-licher Betrachtung ohne besondere Bedeutung, und auch in bergsteigerischer Sicht an nicht hervorragender Stelle. Und doch - der Pioniere gedenkend, die auf dieser Stätte geweilt, empfand ich auf einmal und in überraschend starker Eindrücklichkeit, dass einem innerlichen Verlangen, wie es uns bei so mancher grossen Bergfahrt begleitet, auch jetzt wieder, unerwarteterweise, Genüge zuteil wurde, dem Verlangen, im Gelände selbst, an Ort und Stelle, wo alpines Ereignis geschehen ist, geschichtliche und geistige Verbindung zu finden mit der grossen Tradition der grossen Bergsteiger und Führer. In dieser Sache sei einem Berufenen das Wort gelassen: Dr. Kugy. Wenn er auch Beispiele grössten Gewichtes und von klassisch gewordener Bedeutsamkeit heranzieht: für die Wertigkeit der in Frage stehenden Empfindung gilt nicht irgendein absoluter Maßstab des Vergleiches, sondern die Stärke des Gefühls inneren Verbundenseins mit der Persönlichkeit der damals und bei den damals obwaltenden Umständen am Ereignis Beteiligten. Dr. Kugy schreibt:

« Immer wieder möchte ich es sagen: gedenket jener, die vor euch in den Bergen sich freuten. Das soll nicht bloss Herzensbedürfnis sein, es ist auch Dankesschuld. Vergesset nie, dass ihr mit eurer heutigen Technik und mit eurer modernen Leistungskraft auf ihren Schultern steht. Vergleichet bescheiden, was die Erkletterung eines neuen Gratzackens, einer noch nie erstiegenen Wand bedeutet gegenüber den Leistungen unserer Alten, die ohne Vorbilder, ohne führende Literatur, ohne die Mithilfe der heutigen Verkehrsmittel, Wege und Unterkünfte, ohne die Klarheiten und Bequemlichkeiten, die euch dank ihrer Arbeit geboten sind, mit oft mangelhaften Behelfen und Karten, mit primitivem Arbeitszeug zur Entdeckungsfahrt ins unerschlossene Land, ins Unbekannte und als schreckhaft Hingestellte begeistert ausgezogen sind. Leset die gute Literatur. Ihr werdet dann die Berge ganz anders verstehen und geniessen. Die Wechselbeziehungen zwischen Menschen und Bergen, die Verkettung von Menschenschicksalen mit Berghistorie werden euch ein reiches Feld für ernste Betrachtungen bieten und euch die Elemente zu mancher lehrreichen, auch über das enger begrenzte Bergsteigerleben in das Grössere und Allgemeine ausgreifenden Schlussfolgerung erstellen. Und ist das beispielsweise nicht ein armer Tropf, der gedankenlos das Matterhorn anrennt, ohne Whympers jahrelangen Riesenkampf um die heiss umstrittene Spitze zu kennen, oder der ahnungslos an der Stelle vorbeieilt, wo das löwenstarke Herz Carrels nach treu erfüllter Führerpflicht gebrochen ist? » Wir stehen also auf dem Kleinen Doldenhorn. Der Abstieg über seine Westflanke bis zum Fulen-gletscher ist Peter nicht bekannt. So queren wir einfach die vereiste Flanke schräg hinunter nach rechts in einer langen Stufenreihe und suchen uns dann den Weg unter den Felsen des Grates, der vom Bibergpass gegen den Doldenstock zieht. Es gibt viel rutschenden Schutt, unterbrochen von schlecht gelagerten Felsstufen, die uns zu Zickzackwegen zwingen. Problematisch scheint von oben der Ausgang auf den Fulengletscher; die hohen Wange über seinem Ufer lassen sich aber durch ein Couloir übersteigen, und ein Satz bringt uns auf den ebenen Firnboden, etwa 3000 m. Das Gletscherplateau wird überschritten zur rechten Seitenmoräne, und dann geht 's den senkrechten Flühen entlang, über deren Höhe die Gratlinie des Fisistockmassivs nach Westen sich absenkt. Hier ist Peter in seinem Element. Es sind die bevorzugten Jagdgefilde des kühnen Gemsjägers. Der wortkarge Alpensohn wird gesprächig. Er zeigt mir den berühmten Tiergang, einen wunderbaren Gemsenwechsel, ein breites Band, von der Gasternseite hinüber ins Brunnital zwischen Inner- und Hinter-fisistock, und er beginnt zu erzählen von den gemeinsamen Jagdfahrten mit unserem Clubgenossen und Ehrenmitglied Herrn Ernst Moser. In schauerlich schönen Flühen bricht die Südwand des Doldenmassivs gegen das Gasterntal ab. Ihre Klippen und Türme, enge Schluchten begrenzend, sind bekrönt von hellglänzenden Grasplanggen, wahren Gemsengärten. Wie wir uns hinunterbeu-gen, entdecken wir die herrlichsten Grattiere, wie sie ruhig äsen, dann plötzlich auffahren und über Schlucht und Grat flüchten. In diesem Jagdparadies sind fast legendär anmutende Geschichten des wagemutigen Fluhgängers Ereignis geworden. Peter zeigt da und dort den Ort, wo getroffene Tiere abfielen und durch welche Felsritzen, über welche unnahbar erscheinende Rippen das erjagte Wild geborgen wurde. Er kennt jeden Fleck. Hier lag ein besonders stattlicher Bock; dort, von jenem Eck aus, gelang ein Meisterschuss, und die ganze Romantik der Hochgebirgsjagd wird lebendig, wenn Peter erzählt, wie er ein Tier, das getroffen abstürzte, tags darauf holen ging und die Beute einem Adler, der dem toten Wild die Leber zerhackte, streitig machen musste.

Der Abstieg nach Gastern ist im obern Teil nicht schwer zu finden. Man folgt dem Band. Aber weiter unten muss man dann den Pfad schon genau suchen, der auf die wilde Alp des Halpi führt, einen verlassenen Schaf berg. Es ist eine Wegspur, die immer wieder verschwindet und über manches Eck und in die Tiefe mancher Rinne geht. Vom Halpi an hält man scharf nach links und kommt dann durch lichten Bergwald, über sonnendurchglühte Plattenschüsse und zuletzt eine lange Schutthalde hinunter an den Fuss der Flühe, ins stille Gasterntal. Dieser Abstieg über das Halpi ist von hinreissender landschaftlicher Schönheit, ein Ausklang der weiten Fahrt des heutigen Tages in ruhiger Grosse und alpiner Romantik.

Wer den Lötschenpass von Gastern her überschreitet, wandert der Ostwand des Balmhorns entlang. Der Blick umfasst die Umrahmung dieses wilden Absturzes: rechts zieht der Wildelsigengrat zur Höhe, und links fällt die Kammlinie, kürzer und steiler, hinunter auf die Gitzifurke, der Gitzigrat. Er liegt abseits. Er besitzt auch wegen der Beschaffenheit seines Gesteines keinen guten Ruf und wird nicht häufig begangen. Zum Abschluss der Campagne wollte ich das Balmhorn über diesen Grat erreichen und gleichzeitig einen längst gehegten Wunsch, den Übergang zum Alteis, in Erfüllung gehen lassen.

Der getreue und liebe Kamerad Peter musste Abschied nehmen, da ihn eine früher getroffene Verpflichtung nach Kandersteg rief. Kilian Ogi, mir von früher her befreundet, hatte mit Freuden eingewilligt, mit mir zu gehen, als ich ihn vor Antritt der Tour angefragt hatte, um so mehr, als der Aufstieg über den Gitzigrat sogar für ihn neu war; den Grat hinab war er schon einmal gekommen mit einer von seinem Vater geführten Partie. In der Abendkühle stieg ich gemächlich auf vertrautem, ewig schönem Pfad zur Gfällalp, und Abends spät traf auch Kilian ein.

Am andern Morgen ging 's beizeiten fort. Der Himmel hatte sich verändert. « Wir müssen ganz langsam gehen », meinte Kilian, « wir kommen sicher noch zum Springen; es könnte im Laufe des Tages noch gewittern ». Kilian kam von frischen Erlebnissen her: vor wenigen Tagen hatte er mit meiner Schwester auf den Fusshörnern ein Hochgewitter zu bestehen gehabt, an welches beide mit grossem Unbehagen zurückdachten. So gingen wir denn sehr gemütlich zum Schönbüel, zur Balm und zum Walliskreuz auf dem Lötschenpass. Von dort stiegen wir zur Gitzifurke auf und standen nun am Fusse unseres Grates, 2925 m.

Die Erstersteiger des Gitzigrates, Dr. Dübi und Professor Liechti aus Bern mit den Führern Christian und Hans Hari aus Kandersteg ( 22. Juli 1886 ), benützten für den Aufstieg zumeist die Südwestflanke des Grates, trafen dort auf sehr brüchiges Gestein, kamen äusserst mühsam vorwärts und brauchten für den ganzen Aufstieg 13 ½ Stunden. Wir zogen die Kletterei « über allen Grat » vor. Er ist in mehrere Abschnitte geteilt, die durch drei markante Türme und durch einen grossen letzten Aufschwung bestimmt sind. Ein langer Firngrat leitet sodann zum Balmhorngipfel hinüber.

Die Ersteigung der einzelnen Türme führt da und dort über sehr exponierte Stellen. Die Griffe sind im ganzen gut. Für die eine oder andere kurze Strecke muss die Gratkante verlassen werden. Bei diesen Abweichungen hielten wir uns zumeist an die zum Lötschengletscher abfallende Wand. Im ganzen kommt man eher langsam voran. Ist die Höhe eines Turmes erreicht, so steht schon der nächste über unsern Köpfen und die vor uns äusserst steil sich erhebende Gratkante ist wiederum höher als die eben überschrittene. Ein etwas mühsames Stück bildet der grosse letzte Grataufschwung. Stellenweise steht man vor grifflosen Stufen, für deren Überwindung Schulterstand notwendig wird, und da bin ich froh, dass Kilian mir mit Vibramsohlen und nicht mit Nagelschuhen auf Achsel und Kopf tritt. Nach etwa 5½ Stunden anhaltender Kletterei erreichen wir den Firngrat; dessen Überschreitung kostet uns noch eine Stunde, und um 11 Uhr sind wir oben, 3709 m. Was Kilian vorausgesehen, tritt ein; der Himmel ist grau überzogen, und vom Ueschinental her grollt schon der Donner. Nach kurz bemessener Rast und Verpflegung brechen wir auf, und es erfüllt sich die zweite Prophezeiung meines Führers: es heisst nun wirklich springen. Vielerorts im eigentlichen Laufschritt stürmen wir zum Alteis hinüber und erreichen nach % Stunden seinen Gipfel, 3629 m. Das Wetter mit seinen Hagelschauern verzieht sich nach und nach, aber es gilt, mit aller Beschleunigung über die Westkante des Berges hinunterzukommen. Lange Schneerunsen erlauben willkommenes Abfahren. Anderthalb Stunden nach Verlassen des Alteisgipfels überspringen wir den Schwarzbach und stehen auf dem Gemmiweg bei der Spittelmatt. Wir folgen ihm, biegen dann rechts ab und gelangen über den Bärenpfad zum Gasternholz. Im frohen Gefühl erlebter Freundschaft und Bergkameradschaft und bei einem währschaften Berner z'Vieri beschliessen wir unsere schöne Fahrt.

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