Aufbruch ins Innere. Unterwegs in den Alpen

Aufbruch ins Innere

Oft sieht man Dinge und sieht sie doch nicht. Das Unterwegssein in den Bergen kann jene Voraussetzung schaffen, dass das Sehen Ausgangspunkt für eine Reise ins Innere wird.

In manchen Augenblicken nehme ich die Schönheit und Einzigartigkeit kleiner, oft alltäglicher Dinge wahr wie einen Tautropfen auf einem Blatt, einen Sonnenaufgang in den Bergen, eine Blume oder einen Baum am Wegrand. Dann wird mir bewusst, wie sehr mich das Leben beschenkt, auch dadurch, dass ich in den Bergen unterwegs sein kann. Manchmal nehme ich mir auf einer Bergtour die Zeit, meinem Inneren nachzuforschen. Ich folge dann meiner inneren Stimme, die mich den bekannten Weg verlassen heisst und mich quer durch unwegsames Gelände, Gestrüpp und Geröll führt, vielleicht zu jenem rauschenden Bergbach hinüber. Das Rauschen wird lauter, und kurz darauf stehe ich am Ufer des reissenden Wassers, das Kraft und Faszination versprüht. Folge ich dem Lauf bergan, finde ich vielleicht jene flachere Stelle, wo ich mich zwischen zwei grossen Felsblöcken niederlassen kann. Und hier versuche ich, auf das einzugehen, was mich umgibt: den Fluss, die Felsen, die Flechten auf einem Stein, den umgestürzten, völlig vermoosten Baumstamm auf der anderen Seite.

Wenn es mir gelingt, einfach da zu sein, aufzunehmen, was ist, das Tosen und Dröhnen des Wassers, sein Gurgeln und Glucksen und gleichzeitig die Gedanken, die im Inneren vorbeifliessen, spüre ich, wie sich in mir eine wohltuende Stimmung ausbreitet. Es ist, als ob sich etwas löse, und gleichzeitig fühle ich mich kleiner werden, bedeutungsloser. Dieses Lauschen führt mich tiefer hinein in das Wesen der Dinge. Es fühlt sich an, als ob die Aussenseite der Dinge sich auflöste und hinter der Oberfläche eine geheimnisvolle Tiefe sichtbar würde. Die Verbindung zu dieser Tiefe, das Rauschen des Wassers, das Flüstern des Windes, das Rascheln der Blätter werden Teile einer grossen Harmonie.

Meinen Gästen im Gebirge erzähle ich manchmal von dieser Erfahrung. Mich macht es glücklich, zu hören, dass viele von ihnen dieses Sehnen nach dem Eintauchen in die Natur auch kennen. Dann kann unserm Zusammensein eine neue Bedeutung erwachsen, Alltägliches wie eine Tasse heisser Tee zu einem Geschenk werden. a

Michael Steinhoff, D-Eichstätt Wer in den Bergen mit offenen Sinnen unterwegs ist, wird von ihnen reichlich beschenkt. Und findet dabei vielleicht auch einen Weg in sein Inneres.

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