Aus dem Tödigebiet

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Aus dem Tödigebiet

Von grossen, seltenen Fahrten

Mit 1 Bild ( 98 ) Von Paul Schafflütze! f

Man muss ihn selbst gesehen haben, dort von den sonnigen Terrassen auf Braunwald aus, wenn silbernes Licht über den verschneiten Gipfeln liegt und die Firne sich baden in winterlichem Glanz! Aus dem weiten, strahlenden Kranz wächst er empor, herrlich und majestätisch wie ein König, wie ein Herrscher unter den Bergen des Glarner Landes: der Tödi!

Und dort zur Linken, in kaltblaue Schatten gehüllt, eine düstere Wand, ein blinkender Grat. Es ist der Berg für den Kenner: der Biferten!

Der Tödi hat grosse Tage gesehen in der Frühzeit des klassischen Alpinismus. Warben doch die grössten, weltbereisten Alpenpioniere um seine jungfräulichen Zinnen. Selbst der junge, tatkräftige S.A.C. wandte seine erste Liebe diesen unerforschten Gipfeln zu. So kam es, dass dieses Gebiet schon sehr früh, gegen Ende der siebziger Jahre, in seinen Grundzügen erschlossen war. Sämtliche Gipfel waren bestiegen, die Zugangswege ausgekundschaftet, und das Interesse wandte sich andern, lockenderen Zielen zu.

Doch immer wieder kamen sie: kühne Männer, die mit klarem Aug und kühlem Mut nach neuen Möglichkeiten suchten. Verhiessen denn nicht gerade diese eisgepanzerten Wände und diese himmelstrebenden Hochgrate einer kampferprobten Jugend die Erfüllung heisser Wünsche?

Vor allem waren es Mitglieder des Akademischen Alpenklubs Zürich, die nach der Jahrhundertwende einen frischen Zug mitbrachten und sich die Lösung der letzten grossen Probleme zur Aufgabe machten.

Bifertenstock-Akademikerweg! Tödi-Nordkante! Biferten -Westgrat! Tödi-OstwandEine kleine Auslese ist dies aus der stolzen Reihe der grossen, klassischen Fahrten, die mit vollem Recht den grössten Touren im Reich der Viertausender zur Seite gestellt werden dürfen. Aber diese anspruchsvollen Kletterpfade haben in der Folge keine breite Beachtung gefunden, denn die lakonische Bemerkung eines Kenners wie Rudolf Bühler x hat allem Anschein nach zu viele Anhänger: « Wenn wir diese Rekordleistungen noch kurz erwähnen, so geschieht das hauptsächlich der Vollständigkeit halber. Ein praktischer Wert kann ihnen nicht beigemessen werden, da dieeilngV-schlagenen Wege für die grosse Masse der Tödibesteiger nicht empfehlenswert sind. » Und in der Tat sind diese Wege für « die grosse Masse » nicht geeignet!

Und wie oft blickten wir, die wir abseits standen, mit mitleidigem Lächeln hinab auf die ausgetretene Heerstrasse, wenn wir auf einsamen Hochgraten verwegene Pfade gingen. Schier endlos zieht sie sich über den wildzerrissenen Bifertenlirn hinauf. Wohl bietet selbst der gewöhnliche, klassische Anstieg zum Tödi so viele herrliche Einblicke in diese einzigartige Hochgebirgswelt, dass auch er eine der schönsten Bergfahrten bietet. Wir 1 Geschichte der touristischen Erschliessung des Tödimassivs und der Clariden-nnd Bifertenstockkette von Rudolf Bühler.

;, Die Alpen -1946 - Les Alpes1 aber, die wir eigene Wege gehen, wir finden erst die Erfüllung des grossen Bergerlebnisses, wo die Eisaxt singt und der Kletterschuh den festen Halt bietet. Davon sei hier erzählt!

Tödi-Nordostwand Wie oft schon hatten wir von der Fridolinshütte hinaufgeschaut zu den blauen, donnernden Eisbrüchen der Ostwand. Der Weg durchs Glarner Guggi — Hans Lauper hat es so getauft —, der musste Wunder erschliessen.

Frischgebrochene Eistrümmer bedeckten den zerrissenen Rötifirn. Wir setzten ungestüm darüber hinweg dem Einstieg zu. Noch bot die gutgestufte Malmwand keine besondern Schwierigkeiten. Die folgende, jähe Schneehalde aber brachte sie verdoppelt! Bis über die Knie versanken wir in der faulen, haltlosen Masse. Als wir endlich ins Rötifirncouloir einbogen, erstrahlten die mächtigen Eisbarrikaden hoch über uns im rosigen Morgenlicht! Ein herrliches, ein gefährliches Schauspiel. Denn leicht lösen sich beim Einfall der wärmenden Sonne die Eismassen und stürzen donnernd in die Tiefe.

So liefen wir um unser Leben! Drohend rückten schwarze Wände eng zusammen. Mannshoch stellte sich ein Wändchen in den Weg, eisüberzogen, fast ohne Griff und Tritt. Unter Pickelschlägen fiel der gläserne Überzug, und übermütig sprudelte der Schmelzbach darüber weg. « Feuchte Sache! » sagte mein Kamerad. Fluchtartig und völlig durchnässt schlugen wir uns seitwärts. Eine steile, felsdurchzogene Firnkehle leitete nach links hinauf. In anregender Kletterei turnten wir an der luftigen Begrenzungsrippe empor zum sonnenbeschienenen Schneegrätli. Endlich der Gefahrenzone entronnen. hieltend wir aufatmend kurze Rast.

Strahlend war der junge Tag erwacht. In blendendem Licht lag es da, das Glarner Guggi, und enthüllte unserm staunenden Auge eine ungeahnte Wunderwelt. Blitzende Girlanden hingen an kirchturmhohen Eisaltanen, wie funkelndes Geschmeide, grün wie Flaschenglas gähnte es aus schauerlichen Tiefen. Mit grösster Vorsicht sondierten wir im trügerischen Gletscherbruch, schlichen mit angehaltenem Atem über grundlose Brücken. Unter dem obersten Hängegletscher traversierten wir hinüber zum sanftansteigenden Hochfirn. Noch einmal wühlten wir im aufgeweichten Schnee. Dann aber wanderten wir frohgemut über die leuchtende Kuppe des Tödi dem Piz Rusein entgegen.

Später stiegen wir durch die Westwand ab. Eine feine Zackenspur zog schnurgerade die beinhart gefrorene Steilflanke hinunter. Um die Mittagszeit waren wir zur Fridolinshütte zurück und sassen plaudernd mit dem Hüttenwart auf der warmen Steinterrasse. Wie ein blanker Silberschild gleisste die schimmernde Firnhaube des Bifertenstocks im Gegenlicht. Ein dumpfes Krachen droben am Tödi liess uns aufhorchen. Donnernd und wie weisser Gischt, fegte die Eislaui das Rötifirncouloir hinunter und verwischte ein paar armselige Spuren...

B i ferie n st o ck - Westg rat Jedesmal, wenn wir vom Tödi kamen, hat uns sein Bild begeistert und gepackt! Langsam wachsen sie empor zu urgewaltiger Grosse, diese eisgepanzerten Wände, diese trutzigen Burgen. Es ist ein Stück wildesten Hochgebirgs, die erhabene Runde des Bifertenfirns!

Zur Rechten der feine Silbergrat des Piz Urlaun, wie in den Himmel gehängt. Zackenbewehrt senkt er sich zum Silberhorn des Bündner Tödi. Dann aber schnellt die dunkle Felskante mit gewaltigem Satz hinauf zu schwindelnden Höhen. Rascher pulst das Kletterblut in unsern Adern. Das muss ein göttliches Wandeln sein dort oben, am Westgrat des Biferten!

Im Jahre 1907 wurde dieser Grat erstmals begangen. Geo Finch hat diesen Felsenweg erschlossen. Dann vermochte niemand mehr den Grat zu stören. Über weitere Besteigungen wusste niemand Bescheid. Für uns ein Grund mehr, Bergsteigerträume um diese vergessene Kante zu spinnen.

Unten am Grünhorn erwarten wir den Tag. Nachts in diesem Spaltengewirr den Pfad zu suchen, wäre nutzloses Beginnen gewesen. Dann aber holten wir mächtig aus und liessen bei der « Gelben Wand » die Tödipartien hinter uns. Herbstlich ausgeapert lag der Gletscher. Lange « laborierten » wir im Eisabbruch, bis sich endlich ein Durchschlupf fand. Über die « Untern Böden » querten wir den Bifertenfirn und wandten uns dem Schaufelberger-couloir zu. Im Frühsommer zieht es sich als schmale Schneerinne steil hinauf zum Bündner Tödi. Ohne Zweifel vermittelt es den kürzesten Zugang vom Tal der Linth zur Puntegliasgruppe.

Doch im Herbst ist 's ein « elender, steinschlägiger Schinder ». Wir tauften sie « Chrottegass » und waren froh, den kalten Schlund mit dem sonnerwärmten Fels tauschen zu können. Vier Stunden waren wir schon unterwegs, gemächlich wanderten wir über die weisse Spitze des Bündner Tödi gegen Osten, wo aus der flachen Senke die scharfe Kante ganz unvermittelt 300 Meter hoch zu den ziehenden Wolken sich aufschwingt.

Kaum konnten wir 's erwarten, bis alles so weit in Ordnung war. Wie fühlte es sich doch wieder gut in weichen Klettersohlen. In freudiger Erregung packten wir den warmen Fels. Der erste Absatz ermahnte uns jedoch bereits an die ernste Arbeit. Ein kurzer Quergang in die Nordwand. Suchend gleiten die Augen über den plattigen Abbruch. Da heisst es einfach zupacken! An feingriffiger Wand verkrallt, auf dürftigen Leistchen weit verspreizt, arbeiteten wir uns eine volle Seillänge hinauf zur Kante. « Das ist ja Marke Kreuzberg », keuchte Emil, mein Gefährte. Die folgenden, prächtigen Stellen aber versetzten uns in helle Begeisterung. Feine Risse durchziehen rostbraune, festgefügte Platten. Rasch versank der Piz Urlaun in duftiger Tiefe.

An das mittlere Gratstück erinnere ich mich nicht gerne. Unwillkürlich wird man etwas in die Westflanke abgedrängt, und was einem in die Finger kommt, ist loses Gestein. Dafür aber öffnen sich dem Auge ganz ungeahnte Tiefblicke. Offen liegt sie da, die prachtvolle Gletscherrunde des Tödi und seiner Vasallen und stempelt diesen luftigen Felsgang zu einem Erlebnis seltenster Art.

Rotgelb leuchtete über uns die kühne Gipfelnase. Über geborstene Quader stemmten und spreizten wir hoch, hart neben der Kante.Vermutlich ist Finch hier in die Westwand ausgewichen. Ein steiles Band ( dem Güttlerriss am 6. Kreuzberg ganz ähnlich ) leitet hinauf zur ausgesetzten Schneide... Fast stockte mir der Atem, denn tausend Meter senkrecht unter mir lauerte der blaue Eisabbruch des Bifertengletschers. Und, wie um alles noch un- heimlicher erscheinen zu lassen, trieben dunkle Wolken heran. Leis knisterte es im Haar. In der Ferne Donnerrollen. Da die letzten Meter des Grates m freier Kletterei nicht zu bewältigen sind, mussten wir auf der Nordseite in einem engen Klemmkamin den Weg suchen.

Mittag war längst vorüber, als wir uns auf dem Westgipfel froh die Hände reichten, just als das Hochgewitter mit tanzenden Graupeln vorüberzog. Wir stiegen zum höchsten Punkt des Bifertenstockes hinüber und über den Südgrat ab. Er hat im Abstieg seine Tücken! Wer die ausgefeilte « Dach-deckertechnik » nicht beherrscht, kann dort in arge Nöte kommen. Alles ist abwärts geschichtet, am besten rutscht man mit flachaufgelegten Sohlen und Handflächen über dieses steile Ziegeldach. Von der obera Frisallücke gab 's eine stiebende Geröllfahrt zum Puntegliasgletscher hinab. Unter der finstern Biferten-Westwand balancierten wir schliesslich auf scharfen Eisgrätchen und grauen Schieferplatten zu unsero Säcken am Fuss des Grats hinüber...

Tödi-Nordkante Wenn der Bettag vorüber ist* dann wird es still im Hochgebirge. Wie reifer Duft hängt es über Grat und Firn. Feierliches Schweigen breitet sich über die Berge.

Wir waren späte Tödiwanderer. Still und einsam lag der weite Talkessel der Sandalp, und an den Hängen leuchtete golden der Bergahorn. Auf weichen Rasenpolstern schritten wir dahin, als eben unser Berg seine abendlichen Schleier lüftete. Weiss überzuckert, kalt und unnahbar thronte zweitausend Meter über uns der Wächter des Tales, der Tödi. Kamen wir nicht zu spät? war es nicht Vermessenheit, mitten im Herbst um die gewaltige Tödi-Nordkante zu werben? Spät in der Nacht krochen wir auf Obersand ins duftende Heu.

Noch mit den'Sternen waren wir schon wieder unterwegs. In kaltem Glanz strahlte über dem Bifertenstock der Orion. An pfadlosen Weidhängen stiegen wir auf allen Vieren höher, schlugen uns im Dunkeln durch unwegsame Blockhalden gegen den Grat hinauf. Langsam nur wichen die Schatten der Nacht, als wir den ersten Felssätzen zustrebten. Hart und unerbittlich stand der Grat im dämmernden Tag.

Kritisch musterten wir den ersten, senkrechten Aufschwung. Da gab es nichts zu suchen. Widerstrebend wichen wir in die verschneite Nordflanke aus. Hier hatte der Winter schon Einzug gehalten, schuhtief spurten wir im weichen Pulverschnee. Immer schmäler werdend verlor sich das schmale Band an grauer Splitterwand. Ein rostiger Stift, ein verblichenes Seilstück zeugten von vergangenen Taten. Nur ein paar Schritte trennten lins von dem grossen Couloir, das auf die erste Felsbastion hinaufleitet.

Der Fluhbach war hier in wilden Kaskaden zur eisigen Grotte erstarrt. Gut gesichert stieg Paul in den engen Winkel hinunter. Dann wütete der Pickel, und fast bedauerten wir, das gläserne Wunder zu zerstören.

Harter PreOschnee füllte die jähe Rinne, so dass wir rasch vorwärts kamen. Doch auf der grossen Schutterrasse waren wir mit unserer Weisheit zu Ende. Zehn Möglichkeiten erwogen und verwarfen wir, und aus der Routenbeschreibung wurden wir erst recht nicht klug. Schwarzschillernde Eisrinnen furchen die verwitterte Flanke. Sie kamen für uns nicht in Frage. So wandten wir uns der Gratschneide zu, die ungeheuer luftig ins Ungemessene wies. Wir packten den Riss hart neben der Kante. Eine halbe Seillänge, dann sass ich in einer winzigen Nische fest. Erst der zweite Anlauf in Kletterschuhen brachte uns über den fast grifflosen Überhang hinweg. Die Säcke wurden aufgehisst. Die folgenden Stellen boten schwierige, ausgesetzte Kletterei, und die Stunden verrannen wie im Flug.

Einmal verleiteten uns leicht gangbare Ränder in die Ostwand hinaus. Doch als wir später nach bedenklichem Rückzug aus schliffglatten Platten zurückkehrten, da wussten wir um das einfache Rezept für den Tödi-Nord-grat: der Felsmann hält sich an die Kante! Es ist scharfe, anstrengende Kletterarbeit. Grau verwitterte Felszähne nahmen uns vollständig in Anspruch, und die anschliessende, 80 m hohe Verschneidung verlangte sauberstes Gehen. Jeder Tritt musste freigelegt werden, und immer wieder begleitete dumpfes Poltern meinen Warnruf.

Ein wackliger Haken « sicherte » den Überhang aus lose geschichteten Tafeln hinauf auf den dritten, grossen Grataufschwung. Der Fels legt sich hier etwas zurück, wird gangbarer. Gemeinsam kletterten wir rastlos weiter, denn noch weit stand der Gipfel. Eigenartig, die Gratfelsen waren völlig schneefrei, während nur wenige Meter nebenan in den Flanken frostkalter Winter herrschte. Schon tief stand die Sonne, als uns der aufspringende Wind den nahenden Gipfel kündete. Noch einmal schwingt sich der Fels mächtig auf, und nach langem Suchen fanden wir auf der Ostseite den schneegefüllten Ausstiegsriss. Unablässig ritzte der Hammer kleine Kerben, und über prächtigen Plattenlagen tauchte plötzlich der Steinmann vor uns auf. Der Sandgipfel!

Da sassen wir nun und gönnten uns selige Minuten der Ruhe. Endlich fanden wir Zeit, unsern Rärenhunger zu stillen. Klein wie Spielzeuge grüssten die hellen Hüttendächer der Sandalp zu uns herauf. Doch säumten wir nicht lange, denn die höchste Erhebung des Tödi ist noch weit entfernt. Immer leicht ansteigend stapften wir müden Schrittes die langgezogene Firnkuppe hinan. Es war Abend geworden. Brennendrot war die Sonne untergegangen, Nebel wallten auf und ab. Manchmal aber wurde der Blick frei in den gähnenden Abgrund der Nordwand. Schwarze Felspfeiler, blankgefegte Eisrinnen schiessen aus dem Nichts herauf, ein Weg, den noch niemand gegangen. Frierend und abgekämpft standen wir spät abends auf der einsamen Zinne, dem Dach des Glarner Landes. Und eilig stiegen wir ab und wateten den tiefverschneiten Bifertengletscher hinunter, der Fridolinshütte zu.

Tödi-Nordwesfwand ( erster Durchstieg ) Schang, der Hüttenwart auf der Pianura, hatte uns zur Tür hinaus geleuchtet. Eigenartig lau war 's, es tropfte vom Hüttendach. Noch immer jagten schwarze Sturmwolken von Westen her, wie aufgescheuchte Gespenster zog bisweilen greller Mondschein über den bleichen Sandfirn. Doch das nächtliche Gewitter hatte sich verzogen, und es versprach ein guter Tag zu werden.

Als dunkler Drohfinger reckte sich der Felszahn des Kleinen Tödi in die blasse Dämmerung. Unserer frohen Zuversicht tat das keinen Abbruch, denn wir beide, Ernst Anderegg und ich, waren fest entschlossen, die « direkte » Tödi-Nordwand zu versuchen. Die Westwandpartien wunderten sich nicht wenig, als wir vom flachen Sattel hinter dem Kleintödi plötzlich links abbogen, zum Fuss der Wand hinüber. « Nur öppis luege! » beruhigten wir sie.

Weit offen klaffte der Bergschrund. Bald hatten wir den einzig möglichen Übergang entdeckt. Ein Neuschneerutsch hatte ihn gebildet. Schweigend trafen wir die Vorbereitungen. Ein letzter Blick in die Augen meines Kameraden. Dann machte ich mich gut gesichert im trügerischen Weichschnee der Randkluft zu schaffen. Fast übermütig frass der Pickel Griff und Tritt ins spröde Eis der Oberlippe, und dann war der Weg frei. Eine gute Seillänge noch reihte sich Kerbe an Kerbe hinauf zu den ersten schwarzen Felsen.

Wir trachteten, möglichst rasch nach links in die Gipfelfallinie zu gelangen. Leicht ansteigend querten wir auf exponierten Gesimsen, übermorschen Rippen und glasigen Rillen hinaus in die Wand. « Rechter Tödigerümpel », meint scherzhaft mein Gefährte. Neuschnee klebte in allen Ritzen, überall tropfte es, rann Schmelzwasser über faule Schieferfelsen. Eine Blankeisrinne, die vom flachen Gletscherboden hinaufstreicht zum Westgrat, zwang uns, die Steigeisen anzuziehen. Bange schauten wir manchmal hinauf zu den drohenden Gendarmen, denn ab und zu pfiff es an uns vorbei und trieb uns zu grösster Eile an.

Einige brüchige Rippen querend, erhielten wir Einblick in die riesige Wandeinbuchtung, die im steilen Aufbau 600 m hinaufschiesst zum Gipfel des Piz Rusein. Was wir da erblickten, sah nicht verlockend aus! Das « untere Schneefeld » — steil wie ein Kirchendach — präsentierte sich als eine einzige, schwarzgraue Eisgurgel, die stundenlange, gefahrvolle Arbeit versprach. Wir hielten uns deshalb an die westüche Begrenzungsrippe und näherten uns rasch der mittleren, felsigen Wandzone. Mächtige, jäh aufstrebende Pfeiler bauen sich in geschlossener Wucht auf. Sie drängten uns hinein in die enge Felskehle, die allein den Zugang zum « obern Schneefeld » vermittelt.

Hier begann ein beharrliches Ringen. Abwärtsgeschichtet der Fels, vom Steinschlag rasiert, findet sich gerade das Notwendigste an Haltepunkten. Untätig baumelte der Hammer am Handgelenk, keine Ritze wollte einen schlanken Stift aufnehmen. Und dann jenes bange, nervenangreifende Gefühl, schutzlos den Gewalten des Berges ausgeliefert zu sein — welcher Bergsteiger kennt das nicht! Doch meistens ist es nichts « von Belang », ein paar Eiszapfen nur klirren der Tiefe zu. Wie froh waren wir, als endlich über der Kante das grosse obere Firnfeld auftauchte. Der Übergang jedoch sah fürchterlich aus! Auf steilem Plattenschild lag eine fingerdicke Eisglasur, die auch bei schonendster Behandlung mit hohlem Knall in Stücke sprang. Von zuverlässigem Sichern war da keine Rede mehr, jeder traute nur seinem Freund. Gab es denn in dieser Wand keinen harten, körnigen Firn, von dem wir gestern noch geträumt hatten, sondern nur graues, glasiges Eis? Den Versuch, allein mit den Steigeisen auszukommen, gaben wir bald auf. Tritt um Tritt musste sorgfältig geschlagen werden.

Und so « zimmerten » wir uns denn eine Himmelsleiter gipfelwärts. Ohne Hast, doch mit wachsender Besorgnis widmeten wir uns abwechselnd der aufreibenden Arbeit. Denn weit hinaus war dunkel überschattet das weite Land, und drüben am Bocktschingel braute sich etwas Unheimliches zusammen. Schwarze Fetzen trieben über die Firnkante des Westgrats herein. Es dämmerte fast. Sicher lag jetzt Schang, der « Planuratiger », mit seinem Zeiss auf der Lauer. Beruhigt hackten wir weiter. Ein halbes Dutzend Seillängen reihte sich Tritt an Tritt, wie eine Perlenschnur. Etwas links haltend standen wir aufatmend unter dem letzten, felsigen Bollwerk auf abschüssiger Rampe beisammen. Ermunternd klopfte mein Kamerad mir auf die Schulter.

Doch bald trieb uns die Spannung weiter, hinein in die schaurige Gipfelschlucht. Ein wahrer Höllenschlund! Keuchend und kratzend, in unmöglicher Stellung in eisgepflasterten Rissen verkeilt, kämpften wir zäh und verbissen. Aus durchgekletterten Fingern sickerte das Blut; loses Zeug fuhr polternd in die Tiefe. Wir achteten es kaum, so angespannt war jede Faser.

Es war nachmittags 3 Uhr, als Ernst die letzten Stufen hinausführte zur weissen, nebelumwobenen Spitze des Piz Rusein. Gewitterschwer war die Luft. Unter der Gipfeigwächte hielten wir nach elfstündigem Anstieg die erste, wohlverdiente Rast. Wir sprachen nicht viel. Ein Leuchten ist in den Augen, und im Herzen ist das frohe Bewusstsein, dass der König der Glarner Berge uns sein letztes Geheimnis enthüllt hat.

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