Aus der Berninagruppe

A. Ludwig ( SekBott St. Gallen ).

Von Die 1896 erschienene Exkursionskarte des S.A.C. ( Blatt Oberengadin ), halte ich für die vollkommenste Leistung, welche die schweizerische Kartographie bisher aufzuweisen hat, und die Aufgabe, Kurvensystem mit Reliefbearbeitung zu verbinden, scheint mir hier in sehr glücklicher, für das Auge ungemein ansprechender und gefälliger Weise gelöst zu sein. Gewiß ist es ja richtig, daß auf Bergtouren auch gewöhnliche Überdrucke der Siegfriedblätter genügen würden, aber die Versuche, den nun einmal nicht plastischen Kurvenkarten durch Schattierungston mehr Übersichtlichkeit und Naturtreue beizubringen, schlechthin so zu verdammen, wie es in der Periode drohender Deficite von manchen Clubgenossen in sehr wohlmeinender Absicht geschah, war doch nicht am Platze. Die erwähnte Karte, die in so ausgezeichneter Weise das Nützliche mit dem Schönen verbindet, hat oder hatte nur einen Fehler, sie erschien zu spät für denjenigen Teil des Clubgebietes, für welchen sie eigentlich bestimmt war, d.h. für den südwestlichen Teil der Albulakette. Dafür aber enthielt sie eine angenehme und höchst wertvolle Überraschung, nämlich die Südseite der Bernina- und der Albigna-Disgrazia-Gruppe. Daß gerade dieser Umstand wesentlich dazu beitrug, uns zu einem Abstecher in die Berninagruppe zu bestimmen, erwirkt mir vielleicht Verzeihung für die sonderbare Einleitung.

Wer in der Berninagruppe mit Pontresiner Führern Touren machen will, der hat in erster Linie dem Gebot nachzukommen: „ Thue viel Geld in deinen Beutel ", und das ist für unsereinen unmöglich. Nun ist es eine schöne Sache um die Weisheit des Sprüchleins: „ Entbehre gern, was du nicht hast ", und man thut im Leben wohl, sich danach einzurichten. Aber doch kränkte es mich jedesmal, wenn ich von irgend einem Gipfel Ausschau hielt, daß mir nur des fehlenden schnöden Mammons wegen die höchste und stolzeste Gebirgsgruppe Graubündens und der östlichen.

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Alpen überhaupt sollte verschlossen bleiben. Da fiel mir in Weilenmanns Schriften ( Besteigung der Cresta gfizza, auch im Jahrbuch S.A.C. V, pag. 91 ) folgende Stelle auf: „ Nach den Berichten derer, die in verschiedenen Richtungen den Scerscen-Gletscher Überschritten, and nach unsern eigenen Anschauungen ist derselbe leicht zu begehen — sowie, nach jenen Be- richten, auch die Ersteigung des Cresta güzza-Sattels keine Schwierig- keiten hat. Wenn wir je den Piz Bernina ersteigen wollten — so mußten wir uns sagen — würden wir es von der italienischen Seite her versuchen, wo es viel leichter gehen wird, als über den Absturz des Mor-teratsch-Gletschers oder über die Festung hinauf. " Schon vorher hatte ich beim Studium der Exkursionskarte die Überzeugung gewonnen, daß, die Kichtigkeit der Zeichnung vorausgesetzt, der höchste Palügipfel von Südwesten her auch ohne Führer leicht könnte genommen werden. Alles dies wirkte zusammen, den Gedanken an führerlose Touren auf der Südseite der Groppe wachzurufen, und mit einem dahingehenden Vorschlag überraschte ich im Herbst des Regenjahres 1896 Freund Imhof, der darüber zuerst ganz stutzig wurde, jedoch versprach, sich die Sache zu überlegen, und nach reiflicher Prüfung za dem Resali ate gelangte, es werde gehen. Um ans den Vorwurf der Unbesonnenheit and Unvorsichtigkeit za ersparen, darf ich wohl bemerken, daß wir schon manche schöne Tour führerlos mit einander gemacht hatten. Also wurde für den fol-, genden Sommer der Plan ausgeheckt za einem mehrwöchi mtlichen Feldzug, in welchem die italienische Marinellihütte ( 2812 m ) als Hauptstandquartier figurierte. Zwar wurde das Programm in Wirklichkeit! stark modifiziert and redaziert, weil Imhof, mit der Abfassung des Itinerars rar das neue Clubgebiet betraut, seine Zeit vor allen Dingen der Silvretta- and Ofenpaßgruppe widmen mußte, wobei Herr Schenkel ( Sektion St. Gallen ) und ich ihn begleiteten. Aber nach einer größern Anzahl genußreicher Touren in den genannten Grappes sah uns der 3. August doch auf der Wanderang von dem lieblichen LivigBO über éen Strettapaß nach Pontresina. In einer j sonnverbrannten, rüstigen Mannesgestalt, die uns zwischen den Berninahäusern und Pontre-flina begegnete, erkannten wir bald Herrn Heinzelmann ( Sektion St. Gallen ), der zu dem verabredeten Rendezvous pünktlich eingetroffen war, während wir infolge wiederholter Unterschätzung der Distanzen auf unserer Route Scarl-Piz Tavrü-Buffalora-Piz Murteröl-San Giacomo di Fraele-Alpi-sella-Livigno einen Tag zu spät einrückten. Am folgenden Morgen ging 's « m wirklich in die so oft ans der Ferne bewanderte Gruppe hinein, mad zwar, wie recht und billig, über die Diavoiezza und deh Mtfflt Per«. Die Aassicht von der Diavoiezza ist bekannt; eine Vorstellung davon giebt die von Prof. Heim gezeichnete Beilage zu unserm Jahrbuch XV und das von E. Gabler, Photograph in Interlaken, herausgegebene prachtvolle „ Panorama von der Diavolezza ", dessen einziger Übelstand eine Namen-Schreibung von geradezu genialer Liederlichkeit ist. Mir steht der Yér- È-.&ÌA - ;.gleich mit andern hohen Gebirgsgruppen nicht zu Gebote; kompetente Kenner aber behaupten, daß nur wenige Punkte in den Alpen einen Blick von solcher Schönheit gewähren, wie die Diavolezza. An großartiger Wildheit mag freilich dieses Bild noch in der Berninagruppe selbst durch die Umrahmung des Tschiervagletschers überboten werden.

Wir saßen bei einer Flasche Wein vor dem Restaurant und konnten uns nicht sattsehen. Dabei stiegen freilich leise Zweifel auf, ob wir diesen schimmernden Schneeriesen, die wir nun zum erstenmal in der Nähe sahen, ohne Führer gewachsen seien. Von der Diavolezza stiegen wir hinüber zu dem in einer Stunde leicht erreichbaren Munt Pers, der neben einer noch umfassender gewordenen Aussicht auf die Berge auch einen hübschen Blick ins Thal von Pontresina bietet und darum nicht genug zum Besuch empfohlen werden kann. Über Isla persa wanderten wir sodann zur Bovalhütte hinab, die ebenfalls einen unsere Erwartungen weit übertreffenden Blick auf den Hintergrund des Gletschers bietet. Ziemlich spät rückte auch Herr Schenkel noch ein, der die heutige Tour nicht mitgemacht hatte, sondern erst am Abend auf dem der Westseite des Morteratsch-Gletschers entlang führenden Wege aufgestiegen war.

Dem Übelstand des mangelhaften Rauchabzuges, über den in frühem Berichten stets geklagt wird, ist nun gänzlich abgeholfen worden, obwohl die Herdeinrichtung der Bovalhütte noch immer eine sehr primitive ist. Übrigens werden wir uns wohl hüten, über das uns so willkommene Hüttchen zu schimpfen, das uns nun während sieben aufeinanderfolgenden Nächten beherbergte und uns so lieb wurde, daß wir uns nur mit wahrer Wehmut von ihm trennten. Wie ungestört schalteten wir da! Zwar am Tage erhält es jeweilen von Pontresina herauf oder von der Diavolezza herab ziemlich zahlreichen Besuch. Aber geschlafen hat in jenen sieben Nächten außer uns kein Mensch in der Hütte. Seitdem nämlich der tüchtige Führer Christian de Christian Grass das gegen 30 Betten enthaltende Diavolezza-Restaurant erbaut hat, werden die Gipfel vom Piz Cambrena bis zum Piz Bernina meistens von diesem seiner hohen Lage ( 2977™ ) wegen allerdings sehr geeigneten Nachtquartier aus erstiegen und so, trotz der bis zur „ Gemsfreiheit " erforderlichen Gegensteigung, in namhaft kürzerer Zeit erreicht, als von der in der That doch etwas zu tief gelegenen Bovalhütte, welche hinwiederum für den Piz Morteratsch ausgezeichnet paßt. Das Richtigste wäre von Anfang an eine Clubhütte auf der hierzu unvergleichlich günstig gelegenen Isla persa gewesen, doch ist diese Frage nun durch die Erbauung des Diavolezzahauses gegenstandslos geworden.

Am 5. August bestiegen wir den Piz Morteratsch ( 3754 m ). Der sehr direkte Aufstieg von der Bovalhütte über Rasen und Geröll, sodann über den nördlichen Teil des Bovalgletschers und schließlich über vortrefflichen Fels zur Lücke südlich von Punkt 3402, wo der Weg mit demjenigen

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Ludwig, von Misaum zusammentrifft, ist mühsam, aber durchaus insehwierig. Nur kurze'Zeit hält man sich auf der Westseite des Ha ptkammes, dann begiebt man sich, einen tüchtigen Schrund überschreiten i, wieder hinüber: auf die Ostseite und gewinnt, in südlicher Richtung über Firn ansteigend, ohne jede Schwierigkeit den Gipfel. Gefahr droht nur im einer einzigen kurzen Stelle durch eine gwächtenartig nach Osten überragende Firawaud,; die auf der Karte nordwestlich vom Buchstaben P des Namens P. Morteratsch za Sachen sein wird, doch erreichen nur die weinigsten Trümmer den üblichen -Weg. Imhof ausgenommen, war keiner von uns jemals so hoch gestanden, und man kann sich daher unsere Freude vorstellen.; Der PJï Morteratsch lockt den Touristen sowohl durch seine imposante Gestalt, als durch seinen ausgezeichneten Nahblick anf die erhabensten Häupter der Gruppe ( siehe Jahrbach S.A.C. XV, Titelbild, und pag. 48 ). Schon als wir durch das Heuthal ( Val Fain ) herabkamen, hatten wir unsere Blicke immer und immer wieder-auf diesem stattlichen Berg ruhen lassen, der auf der Ostseite eine gewisse Ähnlichkeit mit dem mächtigen Dom des Ortler aufweist. Drüben am Pia Rose g verfolgten wir drei Clubgenossen unserer Sektion, die mit zwei Führern nach gelungener Besteigung den Firnhang gegen Punkt 3599 hinabschritten. Auf unserm Rückwege bestiegen wir gleich noch den Piz Tschierva ( 3570 m ) und gratulierten uns erst nachträglich noch dazu, als wir von Samaden aus den gewaltigen Nordabsturz dieses schönen Berges bewunderten. Zwischen 4 und 5 Uhr langten wir wieder in Boval an. Herr Schenkel ging am, gleichen Abend noch nach Pontresina und verreiste am f< Igenden Morgen nach der Heimat.Uns hingegen zog es am 6. August mit Macht nac h dem Piz BftF-. nina, dessen schneidiger Gipfel aus schwindliger Höhe auf pen Morteratsch-gletseher hinunterschaut und sich überhaupt nach der Nordseite, von welcher man den felsigen Ostgrat im Profil erblickt, weht elegant und graziös präsentiert. Wenn, wie es an jenem Tage der Fall war, der Schnee- schon am Morgen nicht recht tragfähig ist, so ist der Piz Bernina eine'sehr strenge Tour. Wir brauchten denn auch, trotzdem wir alle arm gut aufgelegt waren, von der Hütte bis auf die Spijtze 8ty » Stunden. Wir-nahmen den nachher noch zu besprechenden Aufstieg djirch das „ Loch*. Spuren- einer Partie, die zwei Tage vor uns den Gipfel bestiegen, waren uns hie und da recht willkommen. Von der Fuorcla Ci ast'aguzza weg: gestaltete sich der Weg etwas anders, als wir geglai bt hatten. Wir; waren der Meinung, von hier aus tra versiere man ungefähr in einer Isohypse nach Norden und betrete den Ostgrat des Piz Bernina schon in einer Höhe von cirka 3600 m. Statt dessen steigt man noch tüchtig gegen den von Punkt 3885 herabkommenden Schneegrat an, was bei weichem Schnee ein sehr mühsames Stück Arbeit ist. Dann erst Über-quert man, so ziemlich in der gewonnenen Höhe bleibend, Iden steilen, vqnà 4'-.. \ Her Berninàgruppe.f Sttdwestgrat des Piz Bernina herabhängenden Gletscher and betritt nun den Ostgrat in einer Höhe von fast 3750 " ». Die Schwierigkeiten der nun folgenden Kletterei sind bei so günstigen, trockenen, schnee- und eisfreien Felsen, wie wir Bie hatten, durchaus mäßig m nennen und reichten in Wirklichkeit lange nicht an unsere frühere Vorstellung heran. Es findet sich auch nicht eine einzige Stelle, bei der man sich sagen muß, nier sei nun alle Kraft zusammenzunehmen. Bei verschneiten and vereisten Felsen mag die Sache freilich ein ganz anderes Gesicht annehmen. Auch der berüchtigte, schmale, scharfe, nach beiden Seiten jäh in gewaltige Tiefen abschießende Firngrat war in vortrefflichem Zustande. Eine genügende Schicht nicht zu harten und nicht zu weichen Schnees machte das Stnfenhauen unnötig.

Wie schon erwähnt, waren Heinzelmann und ich vorher noch nie in solchen Höhen gewesen und erwarteten mit Spannung allfällige Erscheinungen der Bergkrankheit. Doch keine Spur davon zeigte sich, weder beim Aufstiege noch während der ftinfviertelstttndigeii Gipfelrast. Wir bedauerten höchstens, daß unser Proviant fast ausgegangen war. Das Wetter war windstill und warm, aber dunstig und neblig und verhinderte jede Fernsicht. Der auf der Anstiegsroute ausgeführte Rückweg beanspruchte ebenfalls viel Zeit und war bei dem geradezu gefährlich weich gewordenen Schnee stellenweise ungemein mühsam, namentlich da, wo vom Crast'agüzza-Sattel gegen die Bellavistaterrasse hin wieder angestiegen werden muß. Hochbefriedigt rückten wir am Abend in unserm Hotel BOval ein. War uns auch die Fernsicht des Gipfels nicht zu teil geworden, so freuten wir uns an den schon während des Aufstieges gewonnenen Einblicken in die großartige Eis- und Firnwelt der nächsten Umgebung und am Gelingen der Besteigung selbst.

Völlig ausgehungert, nur mit einem schwarzen Kuffee im Leibe, gingen wir am folgenden Morgen nach Pontresina und trafen, schwer mit Proviant beladen, am Abend wieder in der Hütte ein. Mit Alkohol haben wir unsere Rucksäcke nie beschwert. Ohne im Thale ein Glas Wein oder Bier zu verschmähen, haben wir auf unsern Touren die geistigen Getränke gemieden und uns dabei wohl und leistungsfähig befunden. Idi glaube auch, daß man bei Enthaltsamkeit in den Bergen überhaupt viel weniger vom Durst gequält wird. Ohne zu behaupten, daß ein mäßiger Alkobolgenuß die Leistungsfähigkeit herabmindere, gebe ich doch auch nicht zu, daß er sie nur im geringsten erhöhe, abnorme, krankhafte Zustände ausgenommen. Den vielen ganzen und zerbrochenen Flaschen nach zu schließen, welche die begangeneren Routen förmlich markieren nnd namentlich die Isla persa verunzieren, scheint übrigens die Absti-nenzbewegung im Berninagebiet noch nicht tiefe Wurzeln gefaßt zu haben.

*Äm 8. August brachen wir, leider viel zu spät, erst um 8 Va Uhr bei unsicherem Wetter nach dem selten besuchten Pis Cambrena auf,

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dessen schöner, massiger Gipfelstock e« weéig an ìea TMÏ Wir wollten hinauf zur Lücke 3464 m zwischen Palü und Cambrena und von hier aus auf dem von M. Henri Cordier eingeschlagenen Wege den Gipfel gewinnen ( Jahrbueh 8. A. C. XII, pag. 141 ). Vten am *a& In seinen ebeneren Partien stellenweise merkwürdig spaltenreichen Persgletscher steigt man durch die östlichste, an den Westabfall des Piz Cainbrena angrenzende Steilmulde hinauf, ein Weg, der auch bei der von dieser Seite unternommenen Palübesteigung eingeschlagen wird; doch geht man in diesem Falle nicht ganz bis zur Lücke, sondern schwenkt schon vorher rechts ( südsüdwestlich ) ab. Bei diesem Aufstieg durch die erwähnte östlichste Steilmulde passiert man auf schmalem Schneefirst den greulichsten Schrund, der auf den üblichen Wegen im Berninagebiet anzutreffen ist. Nachdem wir dieses Ungeheuer, dessen oberer Rand nicht ohne Mühe gewonnen wird, schon hinter uns hatten, wurden wir zu unserm großen Leidwesen durch dichten, nicht mehr weichenden Nebel in einer Höhe von cirka 3300 m zum Rückzug gezwungen. Der.spBte Aufbruch hatte sich gerächt.

Auch der folgende Tag ging uns verloren, weil der stockdicke Nebel erst spät am Morgen wich, als wir, die die Hoffnung auf besseres Wetter schon aufgegeben hatten, uns auf dem Rückzug nach Pontresina befanden. Fast plötzlich teilten sich die Nebel, und zurückschauend wurden wir geradezu wütend, als wir die blendendweißen Hänge der Bellavista und den gewaltigen dreigipfligen Palükamm in einen fast wolkenlosen Himmel hinaufragen sahen. Das war denn doch zu arg. Ohne den Piz Palü zogen wir höchst ungern ab, und so wurde nach längerer, mitunter ziemlich belebter Diskussion beschlossen, nochmals zur Hütte zurückzukehren, den Rest des Tages dort zu faulenzen und am nächsten Morgen in aller Frühe nach dem Piz Palü aufzubrechen, dessen charaktervolle Erscheinung mit den drei von dem flachen Persgletscher so gewaltig zu den Gipfeln aufstrebenden Felsrippen jedem Beschauer unvergeßlich bleibt. Dieser Entschluß verhalf uns zu einer äußerst genußreichen Tour, auf die ich etwas näher eintreten möchte. Wenn dabei, wie im Vorangegangenen, manche überflüssig scheinende Bemerkung mitläuft, so mag dies durch den Umstand gerechtfertigt erscheinen, daß in den neuern Jahrbüchern des 8. A. C. nur wenig über die Berninagruppe zu finden ist.

Der zwei verlorenen Tage habe ich nur einer daran anzuknüpfenden persönlichen Ansichtsäußerung wegen gedacht. Erstens, daß das Wetter fast immer besser ist, als sein Ruf, und zweitens, daß Weilenmanns Behauptung, selten bereue es der Bergsteiger, zeitig aufgebrochen zu sein, noch immer eine fundamentale Wahrheit ist. Wie manche Tour bleibt unausgeführt, weil man am frühen Morgen dem Wetter, das sich nachher ganz gut anließ, nicht traute und den Aufbruch nicht wagte. Zwar ist es scheinbar eine gewagte Sache um das frühe Aufbrechen bei nicht ganz zuverlässigem Wetter, da ja ein plötzlicher Sturm in höhern Regionen verderbenbringend werden kann. Aber man darf es ohne großes Risiko wagen, wenn man sich als vorläufiges Ziel einen Punkt ausersieht, von welchem aus man mit Gewißheit auch bei plötzlichem Witterungsumschlag den Rückweg immer noch finden würde. Um ein Beispiel anzuführen, man könnte, falls man von der Bovalhütte aus einen der Hauptgipfel über die Festung ersteigen wollte, auch bei nicht ganz klarem Himmel schon früh auf die Isla persa gehen und hier die weitere Entwicklung der Dinge abwarten. Wird das Wetter gut, so ist man schon hoch oben, hat einen großen Vorsprung und kann den Tag ausnützen; wendet es sich zum Schlimmem, so ist der Rückzug unschwierig, wenn auch bei Regen oder Schnee unangenehm, und in wirklicher Gefahr befände man sich hier auch bei wütendem Sturm nicht. Bei niedrigem Gipfeln mag die Maxime, vor dem Aufbruch die Sonne die Geschicke des Tages entscheiden zu lassen, hie und da am Platze sein; aber bei Gletschertouren auf Gipfel von gegen 4000 m Höhe oder darüber bedeutet spätes Aufbrechen allermeistens entweder Mißlingen oder ungeheuer mühsames Wandern im erweichten Schnee, daran anschließend gelegentlich auch wohl ein unfreiwilliges Bivouac.

Um 3 Uhr traten wir am Morgen des 10. August beim Schein der von Herrn Schenkel zurückgelassenen vortrefflichen Laterne vor die Hütte und stolperten über die lästigen Blöcke, welche hier beim Antritt jeder Tour dem Wanderer die ersten Segenswünsche entlocken. Da wir wieder den uns nun schon bekannten Aufstieg durch das Loch machen wollten, so mußten wir zuerst die auf der Karte östlich vom d im Wörtchen „ da " gezeichnete unterste Felspartie gewinnen. Es wäre, der Unebenheiten und vielen Spalten wegen, sehr unvorteilhaft, gleich von der Hütte weg den Morteratschgletscher zu betreten. Man geht vielmehr zuerst in fast südlicher Richtung in der Furche zwischen dem Berggehänge und der Seitenmoräne, wo man, meistens über alten Schnee, sehr gut vorwärtskommt. Erst beinahe 1 Kilometer südlich von der Hütte überschreitet man die mächtige Moräne und gewinnt dann leicht über den hier spaltenlosen ebenen Gletscher die erwähnte Felspartie, welche durch ein an der schmälsten Stelle nur wenige Meter breites Firnband von den östlich sich auftürmenden Felsen gänzlich getrennt ist. Ist der Schnee nicht zu hart, so steigt man am leichtesten über das unten sehr steile Firnband an. An jenem glanzvollen, kalten Morgen aber war der Firn so hart gefroren, daß wir uns sobald wie möglich in die zu unterst ebenfalls steilen, aber gut gangbaren Felsen schlugen. Dagegen ist durchaus davon abzuraten, den Weg westlich von jenen Fußfelsen nehmen zu wollen, wie wir es bei unserer Berninabesteigung zuerst versuchten. Wir stießen damals sehr bald auf zahlreiche zeitraubende Spalten, so daß wir uns schleunigst nach Osten in die sicheren Felsen wandten.

A. Ludwig.

Eininal oberhalb derselben angelangt, wandelt man längere Zeit ungestört, rasch an Höbe gewinnend, in südöstlicher Richtung Über ziemlich steile Firnhalden, unter dem felsigen, jedoch äußerst selten Steinschlag entsendenden Westabhang des von der Fortezza herabziehenden Kückens. Dann stößt man auf die ersten Spalten, unjd hier verbanden wir ans durch das 9eil^ das wir erst am Abend auf der Isla persa wieder ablegten. Die Sonne war inzwischen aufgegangen und vergoldete die gewaltigen Häupter des Piz Bernina und PSz Morte atsch. Es war ein wundervolles Schauspiet.

Der erste Abschnitt des gewissermaßen; in drei {Teile « u zerlegenden Aufstieges durch das Loch endigt auf einer platea des Gehänges in cirk » 2900m flöhe. Hier trifft herabgestürzte Eismassen und auch der zu nehmend frei von Trümmern. Der nun ansetzende zweite Teil artigen Verflachung man öfters größere, Weg ist niebt g&gz ist im wesentlichen eine steile Firnbalde von bedeutender Höhe. Im obem Teil treten einige tüchtige Spalten auf, die Neigung nimmt ab und wi der betritt man ein Hier lag in jenes etwas flacheres Firngelände in cirka 3200 m Höhe.

Tagen eine gewaltige, schon vom Munt Pers aus sichtbare Gletscherlawine, die von den Eiswänden und -türmen westlich unter und neben der Fortezza ( 3365 m ) niedergegangen war. Am 6. August sahen wir bei unserer Rückkehr vom Piz Bernina, daß in den seit dem Aufstiege verflossenen Stunden in dieser unsichern Gegend eine große Veränderung vorgegangen war. Der Eistrümmerkegel war noch bedeutend größer geworden infolge eines neuen gewaltigen Absturzes. Abpr nicht genug, aacE noch ein anstoßendes, weites, nicht von der Gletscherlawine selbst bedecktes Gebiet, das man die Streuzone nennen könnte, war mit zahlreichen, mehr vereinzelt liegenden Eistrümmern bedacht worden. Da waren Blöcke von bis J/a Quadratmeter Querschnitt und entsprechender Dicke mit solcher Wucht in den Firn hineingeschleudert worden^ daß sie nur noch wenige Centimeter aus demselben hervorragten. Auch der an jenem Morgen gemachte und beim Abstieg wieder zu nehmende Weg lag in jener mit Blöcken besäeten Zone. Eigentlich hatten wir uns schon damals vorgenommen, diesen Aufstieg künftig zu meiden, hatten ihn aber am 10. August doch wieder gewagt, weil die Kälte jenes Morgens die Gefahr bedeutend zu verringern schien.

Hatten wir übrigens geglaubt, die Gefahr drohe massen westlich und südwestlich unter und neben der wir bald eines Bessern belehrt werden. Auf einmal k nur von den Fortezza, so sollten achte es hoch oben in den Eistttrmen neben der zu unserer Rechten mächtig aufstrebenden Felspartie ( auf der Karte südwestlich neben dem Loch ), welche, Irrtum vorbehalten, Bellavistafelsen genannt wird. Donnernd stürzten die Trümmer hernieder und der dabei entstehende Eisstaub bildete eine weißliche Wolke. Wir machten einen nicht Übeln Seitensprung, der uns aber'î Aus der Berninaffruppe.nicht viel genützt hätte, wean nicht die Blöcke etwss « reiter oben zur Ruhe gekommen wären und ihre Fallrichtung nicht etwas westlich neben uns vorbeigeführt hätte. Aber das gelobten wir uns jetzt heilig, am Abend nicht mehr hier, sondern über die Festung zurückzukehren.

Im dritten Teil des Aufstieges nähert man sich in der wieder steiler werdenden und sich verengenden Mulde der Ausstiegsstelle aus dem eigentlichen Loch, einer Stelle, die mißlicher ist, als sie auf dec ersten Blick aussieht. Über ein niedriges, vereistes Firnwändchen und nirgends anders geht 's hinauf. Dieses Wändchen ist aber von einem darunter gähnenden Schrunde nur durch eine kurze, sehr steile Firnhalde getrennt, auf welcher ein Ausgleiten absolut vermieden werden muß, da die Falllinie direkt in den Schrund hinuntergeht. Der Schrund selbst ist leicht zu überschreiten, weil er schon wenige Meter westlicher geschlossen ist. Wir hackten in die hartgefrorene Firnhalde vorsichtshalber wahre Löcher. Nun noch einen gehörigen Tritt in den* untern Teil de » Wändchens für den linken Fuß, dann den Pickel oben eingeschlagen und mit dem rechten Bein einen weiten Schritt nehmend, hat man das Hindernis unter sich und gesicherte Stellung gewonnen. Nun wird das Gehänge wieder sanfter, " die thälchenartige Schneemulde immer seichter, die Sonne bescheint uns, die lange genug im Schatten gewandert sind, und um 7 Uhr 30 Min. stehen wir auf den flachen östlichen Firnhängen der Bellavistaterrasse in cirka 3600 m Höhe. Ohne uns hier aufzuhalten, stiegen wir in einer Viertelstunde hinüber zur Fuorcla Bellavista ( 3684 m ) und machten etwas östlich oberhalb derselben in den vor dem kalten Wind geschützten Felsen der italienischen Seite eine Rast von 40 Minuten. Der hier geschilderte Aufstieg durch das Loch ist auf dem herrlichen Bild von Mrs. E. Main, „ Bellavista, vom Morteratschgletscher gesehen " ( Nr. 19 im Prachtwerk „ Bernina-Massiv " von Lorria und Martel ), gut zu verfolgen.

Die Fuorcla Bellavista ist ein prächtiger, an und für sich sehr leichter Übergang. Die Firnhalde, welche die Paßlücke vom ausgedehnten Hochfirn des Fellariagletschers trennt, ist nur ganz kurz und der Bergschrund wird hier wohl nie Schwierigkeiten machen. Dem Fuß des Piz Zupo, der Bellavistagipfel und des Piz Palü entlang zieht sich, auf Tausende von Metern fast ununterbrochen zu verfolgen, auf der italienischen Seite ein typischer Bergschrund. Im übrigen aber ist der flache Fellaria-Hochfirn spaltenlos und es muß bei tragendem Schnee der Aufstieg über denselben eine äußerst genußvolle Wanderung sein.

Das Wetter ließ sich sehr gut an. Zwar im Norden tauchten einstweilen nur die höchsten Gipfel aus dem Nebelmeer heraus und es bot beispielsweise der Piz Kesch ein majestätisches Bild. Die italienische Seite aber, auf deren Anblick wir im höchsten Grade gespannt waren, lag tadellos hell vor uns. Der von der Nordseite vielverkannte und oft vergeblich gesuchte Piz Zupo zeigt hier, daß er ein wirklicher, gewaltiger ' A. Ludtvig.

Berg ist. Er stellt sich als eine steile, fast schneelose Felsmauer von imponierender Breite und Höhe dar, von welcher kürzere oder längere Firnhalden herabziehen bis zu dem am Fuß weit sich hinziehenden Bergschrund. Der Sasso Rosso ( 3480 m und 3546 m ), in Gestalt von zwei sanften, leicht zugänglichen Schneegipfeln sich präsentierend, erscheint unbedeutend und wird jedenfalls nach Süden weit mehr Ehre einlegen. Dagegen war der Pizzo di Verona, ein langgestreckter Schneeberg, den wir an einem wunderschönen Tag schon vom Muttler ( 3299 m ) aus bewundert hatten, auch von unserm überhöhenden Standpunkt aus noch immer eine stattliche, zur Besteigung reizende Berggestalt. Der Monte Sasso Moro ( 3108 m ) macht auch auf der Nordseite, da, wo Felsen aus der Gletscherumhüllung hervortreten, seinem Namen alle Ehre. Weiter südöstlich aber tauchte aus einem großen Gletscher noch ein anderer stolzer Geselle empor, den wir ebenfalls schon vom Muttler aus nicht vergeblich gesucht hatten, der Pizzo Scalino. Rechts hinter ihm gewahrten wir nicht ohne Staunen noch eine ganze Anzahl finsterer, hochragender Felshäupter. Es sind, um nur die höchsten zu nennen, die Cima Painale ( 3248 m ), Punta Vicima ( 3230 m ) und Vetta di Ron ( 3133 m ). Erst jetzt begriff ich die Möglichkeit, daß so weit im Süden ein Gipfel von der bedeutenden Höhe des Pizzo Scalino ( 3330 m ) überhaupt existieren kann. Früher hatte ich heimlich immer den Verdacht gehegt, es möchte hier ein ähnlicher Lapsus unterlaufen, wie beim Pizzo Stella, nördlich von Chiavenna. Es ist einer meiner Herzenswünsche, einst den Pizzo Scalino noch ersteigen zu können. Schon Tuckett, der erste touristische Ersteiger, gedenkt seiner rühmend, und was Herr Ingenieur Reber in seinem so anregenden Aufsatz über das Puschlav ( Jahrbuch S A C XXXII ) vom benachbarten Piz Canciano schrieb, das war nur dann angethan, mein Sehnen noch zu verstärken.

Doch die Zeit, uns staunend zu ergötzen, war um wenn wir die Besteigung des Piz Palü und gewisse andere, im Hintergrund schwebende Pläne ausführen wollten. Der Grat von der Fuorcla Bellavista bis zum westlichsten Palügipfel ( Palü Spigna, 3825 m ) erscheint aus weiter Ferne fast schnurgerade und sanft ansteigend. Bei den überaus günstigen Verhältnissen jener Tage war er durchweg ein prächtiger Felsgrat, dessen Begehung, wie ich ohne prahlerische Geringschätzung behaupten darf, uns als wahrer Genuß erschien. Meistens hält man sich auf der italienischen Seite etwas unter dem Grat, einmal biegt man auch auf die Schweizerseite aus. Auf dem Gipfel ( 3825 m ), der in 35 Minuten erreicht war, ruhten wir nicht aus, da er wenig Platz bietet und der Hauptgipfel schon in verführerischer Nähe winkte. Etwas absteigend, vorläufig meist noch über Fels, hie und da, wie übrigens schon vorher, in vereiste, von der Südseite heraufreichende Firnzungen eine Stufe schlagend, kamen wir zum breiten, abgestumpften Kegel des höchsten Gipfels. Schwierigkeiten sind hier keine, man kann sogar je nach Wahl entweder über den Firn gehen oder sich mehr an die Grenzlinie zwischen Firn und Felsen halten. Eine halbe Stunde nach Verlassen des westlichen Gipfels standen wir auf der höchsten Palüspitze, dem Muot Palli ( 3912 m ), und schüttelten uns hocherfreut die Hände. Eine Firnkappe von beträchtlicher Dicke bildet die höchste Erhebung, auf welcher damals ein winziges Fähnchen flatterte.

Fast zuerst fiel uns das gewaltige Trio Ortler, Monte Zebru und Königsspitze auf. Bei diesem Anblick, sowie bei demjenigen der südlichen Ortleralpen, der Presanella und Adamellogruppe, tauchen wieder allerlei Pläne für kommende Jahre auf. Zwar ist Imhof schon auf diesen Höhen gewesen, aber das hilft nichts, er muß einfach noch einmal mit. Die Ketten des Monte Rosa und des Dom sahen wir in aller Deutlichkeit in einem eigentümlichen goldigen Schimmer. Eine immer noch gewaltige Pyramide hinter und zwischen zwei ebenfalls sehr stattlichen Berggestalten war ganz gewiß das Matterhorn, und jene zwei einrahmenden Berge waren wohl das Rimpfischhorn und das Strahlhorn. Eine fast geisterhafte weiße Erhebung, links von den Walliser Alpen, aber viel weiter hinten gelegen, hielten wir zuerst für den Mont Blanc, täuschten uns jedoch gründlich, was ja schon aus der Richtung hervorgeht. Jene Erhebung war ohne allen Zweifel der Gran Paradiso ( 4061 m ) in den Grajischen Alpen. Die Centralmasse der Berner Alpen war noch durch den Piz Bernina verdeckt, der sich hier als nicht besonders kühner, aber mächtig breiter, blendender Schneeberg zeigt. Merkwürdig unscheinbar und formlos nehmen sich neben ihm die rotbraunen Felsen des Monte di Scerscen ( 3967 m ) aus, welcher uns hingegen vom Piz Morteratsch aus sehr gut gefallen hat. Die Gruppe des Damma- und Galenstocks war gut sichtbar, aus der Tödikette dagegen ragten nur der Oberalpstock und der Tödi vollkommen isoliert aus dem Nebel hervor. Von den hohen Gipfeln hält bekanntlich der Piz Palü dem Auge am längsten stand, wenn man nach Pontresina hinauswandert, und es sind denn auch die obersten Häuser dieses Dorfes von der Palüspitze aus noch sichtbar.

Das Gipfelgestein des Piz Palü ist weit schöner, als dasjenige des Piz Zupo und des Piz Bernina. Es ist grobkörniger und erinnert beim ersten oberflächlichen Anblick einigermaßen an den Albulagranit. Doch ist die Zusammensetzung eine verschiedene, und es rührt die grüne Farbe beim Palügestein nicht vom Feldspat, sondern von Hornblende, in gewissen Abänderungen wohl auch von Talk her.

Der Weg zum östlichen Gipfel ( 3889 m ) lag offen und einladend vor uns. Wir wurden aber schlüssig, vom höchsten Gipfel direkt nach Süden auf den Fellaria-Hochfirn abzusteigen, in der Meinung, daß dieser Abstieg durchaus leicht und schon mehrmals ausgeführt worden sei. Der Südabhang ist, von der Firnkappe des Gipfels abgesehen, zuerst auf eine längere Strecke felsig, dann folgt eine mächtige, das Gehänge terrassen- A Ludwig.

artig unterbrechende Firnauflagerung und schließlich nochmals ein felsiger Abstura. Die Felsen waren steil, aber gut zu begehen. Wir beabsich- tigten zuerst, das erwähnte Firnplateau zu gewinnen eine südwestlich steil nach dem flachern Hochfirn abzusteigen. Imhof hatte soeben die den Übergang Vüi Von'hier durch abfallende Firnhalde um Firnplateau ver- mittelnde vereiste Halde betreten, als ein Stein, entweder durch das Seil oder durch mich, der zuletzt ging, losgelassen, ihm i(i die Beine fuhr und Hin « auf seinem prekären Standort zu Fall zu bringen venBochte, Doch Heinzelmann zog sofort das Seil an, und das Intermezzo verlief, da der Stein glücklicherweise nicht groß und die erlangte Wucht noch nicht bedeutend war, ohne jeden Schaden. Zugleich aber sahen wir, daß hier ohne langes Stufenhacken nicht wohl hinabzukommen sei. Also am Seil rechtsumkehrt und einige Schritte zurück, um soweit als möglieh die Felsen zu benutzen. Rechts ( westlich ) neben ans zog sich nämlich, durch eine gut 10 Meter breite Schnee- und Eisrinne getrennt, eine Felsrippe hinab, die uns, falls sie nicht zu schwierig war, noch ein ordentliches Stück südlich abwärts zu kommen gestattete. Durch die erfolgte Wendung war ich vorangekommen, betrat ziemlich gedankenlos das Couloir, das unter trügerischer Schneedecke Eis barg, glitt Sofort ana und lig am Boden, bevor ich auch nur den Versuch machen konnte, den Pickel einzuschlagen. Aber Heinzelmann, immer wachsam, hatte blitzschnell das Seil angezogen und ich stand augenblicklich wieder auf den Füßen.

Der Vorgang sich'so schnell abgespielt, daß Imhof ihn nicht einnw 1 bemerkt hatte.

jetzt nahmen wir Raison an und .fingen \ an, die Gegend besser würdigen. Es mußten nun tüchtige Stufen geschlagen werden. In der Mitte der Rinne war der Schnee mächtiger und gestattete das Vorwärtskommen ohne Stufen. Ich hatte den jenseitigen Rand noch nicht ganz erreicht, als Heinzelmann nachfolgen mußte, doch stand Imhof immer noch auf sicherem Fels. Bald vereinigten wir uns alle drei auf der ersehnten Felsrippe. Diese war recht steil, doch kamen wir gut hinunter. Als sie :: endlich unter der Firnbedeckung verschwand, mußten wir uns rechts ( süd-westlieh ) wenden, um die noch vereinzelt aus dem'Firn aufragenden kleinen Felspartien benutzen zu können. Als endlich auch diese aufhörten, war der definitive Übergang auf den steilen Firn unvermeidlich. Diesmal war ich nicht so unvorsichtig. Der sondierende Pickel perriet wieder Eis unter der schwachen Schneedecke. Das konnte ja eine ganz nette Hackerei absetzen, denn die Halde bis hinunter zum Bergschrund war länger, als wir von oben geglaubt hatten. Ich verwünschte, des voraussichtlichen, unsere weiteren Pläne in Frage stellenden Zeitverlustes wegen, den übrigens von mir gemachten Vorschlag, über die Südseite absteigen zu wollen, und bin überzeugt, daß meine Gefährten im stillen dasselbe thaten. Aber siehe da, kaum waren wir stufenschlagend cirka 12 Meter schief abwärts gestiegen, so fing die Schneedecke an, allmählich mäshtiger zn werden,.

SHP'and wean sie auch nie sehr'dîek1'wnrde ) so enthob sie lins doch schließlich völlig des Stufenhackens, d » keine Gefahr vorhanden war, daß sie auf dem Eise abgleite. Immerhin bewegten wir uns recht vorsichtig, immer nur je einer, bis wir, in der Nähe des Bergschrundes, ein etwas rascheres Tempo anschlagen konnten. Der Schrund, vielerorts überbrückt, wurde vorsichtig überschritten und frohen Herzens standen wir auf dem flachen Fellariafirn, in wenig über 3600 m Höhe. Der letzte Teil des Abstieges war in fast westlicher Richtung erfolgt. Wir sahen erst nachträglich aus Studers „ Über Eis und Schnee " und dem „ Bernina-Massiv ", daß der Weg von der höchsten Palüspitze nach Süden in der Litteratur nirgends erwähnt ist. Die dort erwähnten Auf- und Abstiege von und nach Süden beziehen sich entweder auf den östlichen Gipfel oder auf die Lücke zwischen ihm und dem höchsten. Damit soll keineswegs gesagt sein, daß unser Abstieg vorher nie gemacht wurde, denn über mehrere in der Berninagruppe auf teilweise neuen Wegen ausgeführte Besteigungen ist nichts veröffentlicht worden.

So leicht, wie wir während der Gipfelrast uns vorgestellt hatten, war die Sache nicht geworden. Aber auch der im Eingang dieses Aufsatzes angedeutete Anstieg über die Südwestseite des höchsten. Gipfels dürfte schwieriger sein, als die Karte es vermuten läßt. Der Gipfelbau steigt markierter und schärfer abgesetzt vom Hochfirn empor, als man aus den Kurven schließt.

Auf dem prachtvollen Bild Nr. 323 von Vittorio Sella, „ Piz Palü ", gesehen vom Bellavistagipfel, läßt sich unser Weg so ziemlich verfolgen. Wir sind über die Felsen abgestiegen, welche auf dem Bilde den rechtsseitigen Rücken bilden. Wo diese Felsen aufhören, erfolgte die Wendung nach Südwesten und Westen. Die auf dem Bilde gut sichtbare plateauartige Firnauflagerung und die direkt darunter befindliche Firnwand wurden nicht betreten. Zur Zeit der Aufnahme dieser Photographie muß der vorhandene Bergschrund von reichlichem Schnee bedeckt gewesen sein. Sichtbar ist er dagegen auf Bild Nr. 17 des genannten Werkes, „ Piz Palü, Südseite ", von Mrs. E. Main. Diese Photographie zeigt zugleich die große Ähnlichkeit zwischen den südlichen Abdachungen des höchsten und des östlichen Gipfels, eine Ähnlichkeit, welche man aus der Zeichnung der Karte allerdings nie und nimmer schließen würde.

Diese Palütour hat mich in der Überzeugung bestärkt, daß die Führerlosen, namentlich auf dem Eis und beim Übergang vom Fels auf das Eis nie vorsichtig genug sein können, und daß hierin zwischen ihnen und tüchtigen Führern stets ein viel größerer Unterschied bestehen wird, als im Klettern.

An die Besteigungsgeschichte des Piz Palü mögen folgende Daten erinnern:

Ludwig.

24. Juli 1863. Erste Ersteigung des östlichen Gipfels ( 3889 m ) vom Persgletscher aus durch Messrs. Buxton, Hall, Digby, Woodmass und Johnston mit den Führern Peter Jenny, Alexander Äjry und Walser.

17. August 1864. Erster Aufstieg von Süden zu der Einsattelung zwischen höchstem und östlichem Gipfel und Traversierung des letztern nach dem Persgletscher durch Messrs. Freshfield, Walker und Beachcroft.

22. Juli 1868. Traversierung aller drei Spitzen von Westen nach Osten mit wahrscheinlich erster Besteigung des höchsten Gipfels ( 3912 m ) durch die Herren Wachtier, Waliner nod Georg mît ßraß.

Hans und Christian 5. September 1868. Traversierung des Ostgipf« Is von Norden naeh Süden mit direktem Abstieg vom Gipfel ( östlicher al die Route der Eng- länder 1864 ) durch Dr. E. Burckhardt mit Hans Graß.

20. August 1879. Aufstieg von Süden und Traversierung der drei Spitzen durch Sig. D. Mannelli mit Hans Graß and! Sohn. Dieser Aufstieg fällt nach meiner Ansicht ( soweit nämlieh der Gipfel in Frage kommt ) mit dem Abstieg Burckhardts zusammen und mag wohl als erstmalige Begehung dieser Route im Aufstieg gelten. Dagegen ist es mir nicht klar, wieso in Studers „ Über Eis uud Schnee " ( Band IV, pag. 337 ) diese Tour als erste Besteigung des Piz Palü von der Südseite bezeichnet wird, es sei denn, man wollte die Tour der Engländer 1864 nicht als solche gelten lassen, weil hierbei zuerst die Einsattelung betreten wurde.

Die Höhenangabe von 3380 m ( Studer, Band IV, pag.

337 ) für den niede- rern Palügipfel, unter welchem doch wohl der Ostgijtfel verstanden sein soll, ist natürlich gänzlich unrichtig.

1. September 1887. Aufstieg vom Persgletscher über die mittlere Rippe direkt zum höchsten Gipfel durch Dr. Bumüller aus Mannheim mit den Führern Schocher, Groß und Schnitzler.

Über die letztgenannte, jedenfalls hochinteressante und äußerst schwierige Tour sind leider meines Wissens keine n&hern Angaben veröffentlicht worden.

Die Fuorcla Bellavista wurde zuerst am 15. Juli 1864 durch Messrs.

Hartman, Hoole und Gooke mit P. Jenny und B. unji À. Walther Über »; schritten.

Der Abstieg vom Palttgipfel bis unter den Ber gsehrund hatte una 5/4 Stunden gekostet; es war jetzt schon 11 Va Uhr. Mit italienischer Glut ( hier darf ja dieser Ausdruck unbedenklich gebraucht werden ) brannte die Sonne hernieder, doch war der Schnee noch besser, als wir vermutet hatten. Sank man auch ein wenig ein, so war es doch eine prächtige Abwechslung, sorglos über das fast ebene Firnfeld dahinzuschlendern, angesichts der es umrahmenden großartigen Berggestalten. Vom Fellariafirn hat V. Sella die Photographie des gewaltigen Zupo aufgenommen ( Nr. 21 im „ Bernina-Massiv " ), auf welcher, rechts anschließend, auch noch der 1alte Zupopaß däi:')H^^V..:^^iv-Cb^gi^),'||i(^t'sii|iI:-iVei:wechseln mit der südwestlich verni Pi? Znpo gelegenen Fuorcla Zupo, hat auf unserer Exkursion skarte weder Namen noch Zahl, ist dagegen auf der italienischen Karte mit der Höhenquote 3837 m versehen, was so ziemlich stimmen wird. Auf diese Einsattelung, die natürlich nicht als Paß im gewöhnlichen Sinne des Wortes aufzufassen ist, steuerten wir in langem, nach und nach sanft ansteigendem Marsche los, denn wir wollten den schönen Tag voll ausnützen. Die Überschreitung des ausgedehnten Firns war recht zeitraubend. Oft suchte das trotz der Brille geblendete Auge Erholung in den mächtigen Felsen, welche der Piz Zupo und die nach Süden steil abstürzenden Bellavistagipfel uns zukehrten. Nach den eng sich drängenden Kurven der Karte möchte man meinen, der Aufstieg zum Zupopaß sei schwierig und erfordere jedenfalls Stufen. Doch keine Spur davon. Bier Tethalten sich Karte und Wirklichkeit gerade umgekehrt, wie am Sttdwesthang des Piz Paltt; die Sache ist unerwartet leicht. Erst in der Gegend des Bergschrundes nimmt der Schneehang große Steilheit an, ist aber nicht mehr hoch. Der Bergschrund selbst, ein typisches Exemplar mit ungleich hohen Rändern und halb angefüllt mit phantastischen Schnee- und Eisbildungen, erheischte allerdings Vorsicht, weil der Schnee der zum Übergang dienenden Brücke schon sehr erweicht war. Auf Händen, Knien und Füßen und mit aufgelegtem Pickel kroch einer nach dem andern hinüber, während die Gefährten jeweilen in gesicherter Stellung bereit waren, den allfällig Stürzenden sofort zu halten. Dann folgte noch eine kurze, aber mühsame Waterei im tiefen, erweichten Schnee. Mit Wonne wurden die ersten Felsen umarmt und bald standen wir auf dem Felsgrat etwas nördlich vom tiefsten Punkt der ersehnten Paßlücke.

Nun galt 's dem höchsten Bellavistagipfel. Stellenweise kann man auf dem Grat selbst gehen, öfters muß man nach der italienischen Seite ausbiegen, einmal sogar für längere Zeit. Es war eine mühsame Arbeit und die cirka 80ln betragende Höhendifferenz kostete uns eine starke halbe Stunde. Ich bin in Verlegenheit, wie ich diese Kletterei bezeichnen soll. Technische Schwierigkeiten in dem von Norman-Neruda präcisierten Sinne, daß sich nur spärliche, schlechte, sehr schlechte, weit auseinander liegende, fast nicht erreichbare oder dem Touristen nicht sichtbare Griffe und Tritte finden, waren eigentlich nicht vorhanden. Wollte ich ein Wort ./gebrauchen, welches andeutet, daß man, obwohl keine besondern Kunststücke nötig waren, nur langsam und mit Anstrengung vorwärts kam, nnd welches zugleich den damit verbundenen Ärger ausdrückt, so müßte ich diese Kletterei „ bemühend " nennen. Jedenfalls ist sie schwieri-ger^ ais diejenige von der Fuorcla Bellavista zum westlichen Paltt-gipfel. Wir erreichten die höchste Bellavistaspitze um 1 Uhr 20 Min., ziemlich erschöpft, da wir seit dem Verlassen des Palügipfels weder gegessen noch gerastet hatten, einen knrzen, stehend abgethanen Schnauf- Jahrbuch des Schweizer Alpenclnb. 88, Jahrg.2 aï ' A. Ludwig.

halt auf dem Fellariagletscher abgerechnet. Nach wenigen Minuten aber waren wir beim Genüsse leiblicher Stärkung und der immer schöner sich gestaltenden Aussicht wieder guter Dinge.Vom Piz B rnina kam « fcen eine Partie herab^ welche den großen Grat schon verlassen hatte. JSs waf, wie wir nachher erfuhren, Herr Euringer, der tnit den Führern Schocher und Kehrer über die Scharte aufgestiegen wa Pb Bellavista ( 3921 m ) wurde zum erstenmal am 10 September 1868 von DK E. Burckhardt, der sich die Berninagruppe gewissermaßen zu seinem Lieblingsgebiet erkoren und darin eine stattliche deutender Exkursionen ausgeführt hat ( vide Jahrbuch S.

Reihe höchst be-A.O. XIV ), unter von Hans Graß erstiegen. Der Weg führte uiter den Punkten 3893 und 3894 vorbei und über eine steile, Stufen erfordernde Firnwand zutn Gipfel. Seither ist auch schon der ganze Kamm mit allen seinen Spìtòen wiederholt Überschritten worden. Wer zuerst den heute von ans gemachten Weg über „ den schwarzen Grat der weißen Bellavista " ( Güß- feldt ), 3. h. vom Zupopaß aus eingeschlagen hat, ist nir nicht bekannt. Der Zupopaß selbst wurde schon verhältnismäßig früh begangen, und zwar auf einer höchst bemerkenswerten Tour. Messrs. Tuckett und Buxton mit P. Jenny, Ohr. Michel und Fr. Biner vollführten am 28. Juli 1864 die erste Ersteigung des Crast'agüzza-Sattels von Süden, sodann die zweite Ersteigung des Piz Zupo mit Auf- und Abstieg von und nach der Fuorcla Zupo, umgingen die nordwestliche Seite des Zupo, Zupopaß nach dem Fellariagletscher und gelangten noch überschritten den am gleichen Tage nach Poschiavo.

Gegen den Morteratschgletscher hinunter wirkt die Bellavista lange nicht so imponierend wie der Piz Palü. Daß sie aber in ihrem leuchtenden, tadellosen Firnmantel für den fernerstehenden Beschauer sich überaus schön, stattlich und anziehend ausnimmt, das wußten wir von mancher Tour im Rhätikon und in der Silvrettagruppe her und hatten darum ihre Besteigung nach derjenigen des Piz Bernina und des Piz Palü in erster Linie auf das Programm gesetzt.

Wie aber stand es mit dem Piz Zupo, nach welchem die Blicke begehrlich schweiften? Wenn sein von unserm Standpunkt nicht mit Sicherheit zu beurteilender Nordgrat ebenso zeitraubend war, wie die Kletterei vom Zupopaß auf die Bellavista, so mußten wir, da ja dort die Höhendifferenz fast doppelt so groß, bei der vorgerückten Zeit auf ihn verzichten. Einen Augenblick schwankten wir, ob wir nicht die ebenfalls verlockende Wanderung über alle Spitzen des allerdings Gwächten tragenden Bellavistakammes nach der Fuorcla Bellavista antreten sollten. Aber das Verlangen nach dem Zupo überwog. Der Abstieg zum Zupopaß beanspruchte wieder eine halbe Stunde. Bei dieser, wie bei mancher andern Kletterei habe ich die Erfahrung gemacht, daß, falls man gewöhnliche lange Hosen trägt, Gamaschen auch in den Felsen von großem Vorteil ,,r " r^~:>:Jii:-. _ :: „ -,.*. :..

Aus der Berninagruppe.HI sind, weil sie die überaus lästige Spannung der Hosen ttber das Knie verhindern. Damit ist gleich der weitere Vorteil verbunden, daß man viel seltener Knöpfe abreißt.

Als wir vom Paß ttber den Nordgrat des Piz Zupo anzusteigen begannen, änderte sich die Sache, am mit einem Volksausdruck zu reden, „ wie ein umgekehrter Handschuh ". Rasch kam man vorwärts, mehrere Meter weit konnte man oft gehen, ohne'die Hände zu gebrauchen. Fast durchweg konnte man den Grat selbst benutzen und nirgends fand sich eine zeitraubende Stelle. Im letzten starken Dritteil wurde der Felsgrat durch eine öbenfalls sehr gut zu begehende Firnschneide ersetzt. Man mußte sich nur nicht zu weit hinauswagen an die nach dem Fellaria-glet8cher abstürzenden Felsen und anderseits nicht auf die westlich steil abfallende Firnwand. Namhafte Gwächten waren nicht vorhanden, auch war keine einzige Stufe nötig. Bei solchen Verhältnissen ist der Nordgrat durchaas leicht. Jubelnd standen wir um 3 Uhr 20 Min. auf dem PiZ Zupo ( 3999 " O, 35 Minuten nach dem Verlassen der Paßlücke.

Daß nicht nur die Bellavista sehr oft für den Zupo, sondern umgekehrt auch mitunter der Zupo für die Bellavista gehalten wird, beweist das prachtvolle Titelbild des Jahrbuches S.A.C. XV. Es ist dort zugleich ersichtlich, daß sich für den auf dem Piz Morteratsch stehenden Beschauer das „ verborgene Horn " als tadellos geformte, hochstrebende Firnpyramide in einer des Ranges als zweithöchster Gipfel der Bernina-grappe durchaus würdigen Gestalt zeigt, welche ebensosehr zur Besteigung reizt, wie der total verschiedene Anblick vom Fellariagletscher ans.

Der Piz Znpo bietet eine grandiose Aussicht. Eine Glanzpartie derselben bilden die in ihrer Art einzig dastehenden südlichen Bergeller Alpen und der Monte della Disgrazia. Und was das Veltlin, in dessen Grund wir zwar nicht hinabsehen, doch für eine gewaltige, mächtig breite Thalfurche ist! Aus dem Puschlav glänzt der See herauf und die Getreidefelder, Weiden und Wälder der linken Thalseite erwecken in uns fast ein Gefühl des Sehnens nach tiefern, bewohnten Regionen. Die Bergamasker Alpen, die das Bild südlich abschließen, sind immer noch eine stattliche Front stolzer Gesellen. Nach Südwesten dringt der Blick über eine Anzahl immer niedriger werdender Bergketten in dämmernde Ferne. Merkwürdig, wie in dieser Richtung der Monte Legnone ( 2611 m ) über einen gewaltigen Umkreis ohne Rivalen als Gebieter thront.

Aber auch im Norden waren die Nebel des Morgens gewichen. Es war so hell, daß ich in der mir wohlbekannten Alviergruppe die Gestalten des Gamsberges und Sichelkammes gut unterscheiden konnte. Auch der breite Brisi guckte hervor. Dagegen war der sonst ebenfalls sichtbare Säntis in leichtes Gewölk gehüllt. Wir fanden ein wahres Vergnügen darin, in uns genauer bekannten Gebieten die einzelnen Berge herauszufinden. Gewiß ist die Schönheit des Bildes dieselbe, auch wenn feäiä .A. Ludwig.

man die Namen nicht kennt. Aber das Interesse, das der Bergsteiger daran nimmt, und damit auch der Genuß steigert sich mit der Kenntnis der Etappen nnd mit der Fähigkeit, sich orientieren za körnen. Jeder Tourist weiß ja, wie gerne und mit welcher Spannung er aus weiter Ferne ein von ihm öfters besuchtes Gebirge betrachtet, selbst wenn es in keiner Hinsicht hervorragend ist. Bei der Ausschau von hohe- Warte gilt der Spruch vom Zergliedern der Freuden nicht.

Nun noeh einmal zurück zum Mont Blanc, den rir zuerst links, nachher direkt hinter den majestätisch emporragenden Walliser Alpen zu sehen glaubten. In Studers „ Über Eis und Schnee " ( Bd. IV, pag. 323 ) fiadet sich vàie Botiz, die Aussicht des Zupo reiche vom Großglockner bis zum Mont Blanc. Der betreffende Tourist hat sich aber, wie wir, sicher getäuscht. Der Mont Blanc ist vom Zupo nicht sichtbar, nicht einmal vom Piz Bernina. Die Kette des Rimpfisch-und Stifahlhorns vermag, im Verein mit der Wirkung der Erdkrümmung, den Blick zu hemmen. Daran kann die auf die Sichtbarkeit in günstigem Sinne wirkende ReV fraktion nicht viel ändern. Nehmen wir die sich ungefähr wie 2: 3 ver-haltenden Entfernungen vom Piz Bernina zum Adlerpaß ( 3798 m, zwischen Rimpfisch- und Strahlhorn ) und zum Mont Blanc in etwas abgerundeten Zahlen zu 160 und 240 Kilometer an, so entsprechen diesen Entfernungen die Zahlen 1745 und 3927 Meter als Wirkungen der Eidkriimmnng ond Refraktion, oder mit andern Worten, durch die letztem beiden wird fltr den in der Entfernung des Piz Bernina in Meereshöhe stehend gedachten Beschauer der Adlerpaß gleichsam um 1745 Meter tiefer gesetzt, erniedrigt, der Mont Blanc dagegen um 3927 Meter ( Jahrbuch 8. A. C. XXVIÏÏ, R. Reber, Über Erdkrümmung und Refraktion, Tabelle, p. 278 ff. ). Nun ist natürlich auch die Höhe des Piz Bernina in die Rechnung zu bringen.

Ftfr den Sehstrahl vom Piz Bernina nach dem Adlerpaß als Divisionsresultat ergiebt sich also 3798 — 1745 — 4052 16012,5, denjenigen vom Piz Bernina nach dem Mont Blanc dagegen 4810 — 3927—4052 24013,2.

Es sinkt also der Sehstrahl nach dem Adlerpaß per Kilometer um 12,5 Meter, derjenige nach dem Mont Blanc dagegen per Kilometer um 13,2 Meter, d.h. der Mont Blanc ist vom Piz Bernina selbst dann nicht sichtbar, wenn man nur den tiefsten Punkt zwischen Rimph'sch-und Strahlhorn in Betracht zieht. Und die Sichtbarkeit ist um so eher zu verneinen, weil die Richtung vom Bernina nach dem Mont Blanc nicht genau über den tiefsten Punkt des Adlerpasses geht. Damit fällt selbstverständlich auch für die andern Gipfel der Berninagruppe die Sichtbar- keit des Mont Blanc dahin. Bei der obigen, allerdings der ungenauen Entfernungen wegen rohen Rechnung ist das als Hindernis ( wenigstens für Palü und Zupo ) ebenfalls in Betracht fallende Matterhorn nicht einmal berücksichtigt worden.

Nachdem wir noch ein Stück Gipfelgestein ( kleinkörniger Syenit-Diorit, wie am Berninagipfel ) eingepackt hatten, stiegen wir soweit als möglich über die Felsen, dann über den steilen, aber keine Stufen erfordernden Firn hinab zur Fuorcla Zupo. Diesen Weg haben jedenfalls die ersten Ersteiger ( Enderlin, Serardy und B. Jäger am 9. Juni 1863 ), sowie auch die zweiten ( Tuckett und Buxton 1864 ) und die dritten ( Siber-Gysi, Beck, Enderlin und B. Jäger am 1. August 1864 ) eingeschlagen. Cordier dagegen ( Jahrbuch S.A.C. XII, pag. 136 ) scheint über den Nordgrat gegangen zu sein. Der am Monte Rosa verunglückte Marinelli hat am 4. August 1880 mit Hans Graß und B. Pedranzini den Piz Zupo auch von Süden bestiegen. Schade, daß über diese sehr interessante Tour die Notizen so dürftig sind. Auch die Fuorcla Zupo soll nach dem „ Bernina-Massiv " schon mehrmals überschritten worden sein. Der Blick vom Zupo und seinem Südwestgrat über die Wände, Galerien und Türme nach Süden ist ein ergreifender, und beim Beschauen des obern und untern Scerscengletschers und des Fellariagletschers konnten wir ein Gefühl des Bedauerns nicht unterdrücken, darüber nämlich, daß verschiedene Umstände uns für diesmal an der Bereisung der Südseite verhindert hatten.

Der so nahe Piz Argient, ein wirklicher, in herrlichstem Glänze strahlender Silberkamm, lud auch noch zum Besuch ein. Aber diesmal war 's, da wir über die uns noch nicht genügend bekannte Festung absteigen wollten, zu spät; er bleibt uns mit der Crast'aguzza für ein anderes Jahr reserviert. Apropos, Crast'aguzza! Wer diesen Berg vom Piz Zupo und Piz Bernina herab betrachtet hat, weiß, wie unscheinbar er sich ausnimmt, und begreift, daß mancher Tourist, den vorher die kühne Gestalt gereizt hatte, nach dem Besuch der höhern Gipfel etwas enttäuscht auf die Besteigung verzichtet. Aber gerade die etwas geringere Höhe im Verein mit der eigentümlichen Stellung muß der Crast'aguzza einen unvergleichlich reizvollen Blick auf die nächste Umgebung verleihen. Dazu wächst der Respekt vor dem Berg selbst wieder, wenn man, von der Bellavistaterrasse zurückschauend, ihn als überaus kühnes Fels-hdrn erblickt, das zu seiner Umgebung, namentlich zu dem rundlichen, weißen Firnbuckel ( 3828 m ), einen höchst auffallenden Gegensatz bildet.

Auch in der Argientfirnmulde ist, wie auf dem Fellaria-Hochfirn, jeder Schritt Hochgenuß. Unbelästigt durch Spalten, kann man sich an der Pracht der nahen großartigen Berggestalten ergötzen. Sonst aber hat man in der Berninagruppe Gelegenheit, von der öfters gehegten Meinung kuriert zu werden, es seien in den hohen Firngebieten nur noch wenige, ungefährliche Spalten zu treffen. Die riesigsten Schrunde, oft eher Löchern und Kesseln ähnlich, in die man fast Häuser hineinstellein könnte, finden sich gerade in den Firnregionen. Für heute aber war es mit den Spalten überhaupt fast vorbei. Die Schrunde, die in dieser Gegjend sich finden, sind erst dann zu passieren, wenn man von da, wo unser Weg in den von der Bellavistaterrasse herkommenden Berninaweg einmündet, nach dem Crast'agüzza-Sattel hinübergeht. Ein herrliches Wandern ist 's auch über die aussichtsreiche Terrasse unter den Bellavistagipfeln. Etwas nach 5 Uhr langten wir ob der Festung ( 3365™ ) an und um 7 Uhr standen wir auf der Isla persa. Will man von der Festung hinüber zur Diavolezza, so schwenkt man schon am obern Ende der Gemsfreiheit rechts nach Nordosten ab.

Die Festung wird sehr verschieden beurteilt. Di. E. Burckbardt ( Jahrbncb S.A.C. XIV, pag. 71 ) und Dr. Ludwig ( Jahrbuch S.A.C. XVI, pag. 296 und 298 ) halten sie unter gewöhnlichen Umständen für ziemlich harmlos. Dr. Curtius ( Jahrbuch S.A.C. XIX, pag. 226 ) bezeichnet sie als die mißlichste Stelle der ganzen Berninaexpedition. Es handelt sich um jene Stelle, welche Weilenmann ( Jahrbuch S.A.C. V, pag. 116 ) treffend also beschreibt: „ So, nachdem der Rücken schmaler und schmaler geworden, ging er urplötzlich zu Ende und stürzte, zu magerer, schmächtiger Klippenschneide zusammengeschrumpft, von schwindligen Tiefen umgähnt, auf die tiefern Partien der Festung ab Über die Klippenschneide ist kein Herabkommen, so wenig als an ihrer- Ostseite, die grausig steil nach dem Persgletscher abfällt. Nur an der Westseite, wo ein Eiswall mit der Klippenwand ein enges Couloir bildet — durch dieses Couloir geht es hinab. "

Wir hatten dort mit dem Eis nichts zu schaffen. Dennoch bin ich der Ansicht, dass diese Stelle ( auf der Exkursionskarte unter Punkt 3365 ) auch unter günstigen Umständen größere Vorsicht erfordert, als irgend eine Partie des östlichen Berninagipfelgrates, soweit letzterer felsig ist, ganz besonders auf dem Rückweg, wenn die Ermüdung sich mehr oder weniger geltend macht. Der geführte Tourist, der sich, auch ohne wirkliche Hülfeleistung, durch das Seil gesichert fühlt und dem der Führer beim Aufstieg vorausgeht, beim Abstieg nachfolgt, wird hier allerdings nichts Besonderes finden. Das Gestein ist übrigens ziemlich fest und die Kletterstelle nur kurz. Was weiter unten folgt, ist in der Hauptsache ein leicht zu begehender Firnrücken und gegen die Isla persa hin kann man zuletzt schon Rutschpartien veranstalten.

Der Weg über die Festung hat uns außerordentl und wir ziehen ihn dem -Loch " weit vor. Er ist absolu eh gut gefallen; sicher vor Eis- fall und Steinschlag. Man wird entgegnen, der Aufstieg durch das Loch sei kürzer, und die Wahrscheinlichkeit, daß Eistrümmer gerade dann niederstürzen, wenn eine Partie auf- oder absteige, sei äußerst gering.

Zugegeben, aber die Möglichkeit des Eisfallesi ist doch da. Und wie unerwartet, seltsam launisch, fast raffiniert, eine Möglichkeit zur Wirklichkeit werden kann, das hat der alle Clubisten schmerzlich berührende Unglücksfall des vergangenen Jahres am Wetterhorn bewiesen.

Der Aufstieg von Boval über die Festung mag ein Stündchen mehr beanspruchen, als derjenige durch das Loch. Könnte man von der Hütte in gerader Linie direkt hinüber zur Isla persa, so wäre die Differenz noch geringer. Für die von der Diavolezza kommenden Touristen ist natürlich die Festung ohnehin der gegebene Weg, der, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, keine objektiven Gefahren bietet. Das höchst gefährliche Labyrinth war im Sommer 1897 fast nicht passierbar. Wie oft hörten wir das Krachen der dort stürzenden Eismassen, die wir mehrmals auch fallen sahen. Scheinbar weitaus der kürzeste Weg zum Piz Bernina, stellt es sich bei genauerer Nachforschung doch heraus, daß der Aufstieg durch das Labyrinth in der Regel ebensoviel, wo nicht mehr Zeit beanspruchte, als über die Festung oder durch das Loch. Wenn ich recht berichtet bin, so war es sonst auch möglich, vor dem Ausstieg aus dem Loch, schon unter dem Bellavistafelsen, rechts ( südwestlich ) abzuschwenken und so eine Abkürzung zu erzielen, welche im vergangenen Sommer durch große Spalten und sturzdrohende Eiswände vereitelt wurde.

Auf der Isla persa, welche, wie die Gemsfreiheit, die eigentliche Fortezza und die gegen den miteni Teil des Loches abfallende Felspartie, eigentlich nur ein aus der Firnumhüllung hervortretender Teil eines mächtigen, die Sammelgebiete des Pers- und des Morteratschgletschers voneinander scheidenden Rückens ist, legten wir das Seil ab und stiegen über die durch einen förmlichen Pfad gut gangbar gemachte Felseninsel hinunter zum Gletscher. Um zur Hütte zu gelangen, beschreibt man am besten einen großen Bogen, steigt also vom Fuß der Isla persa wieder gletscheraufwärts und überquert dann den Eisstrom ungefähr in der Richtung gegen einen zwischen Piz Morteratsch und Piz Prievlus seinen Anfang nehmenden Hängegletscher, der fast drachenförmige Gestalt zeigt und mit seinen Nachbarn links und rechts zu dem Pittoreskesten gehört, was man in der Berninagruppe sehen kann. Bei beginnender Dunkelheit langten wir in der Hütte an, hochbefriedigt von der äußerst gelungenen Tour.

Die Zeitangaben für dieselbe sind folgende: Bovalhütte ab 3 Uhr 5 Min., ob dem Loch ( cirka 3600 m ) 7 Uhr 30 Min., Fuorcla Bellavista ( 3684 m ) 7 Uhr 45 Min. bis 8 Uhr 25 Min., westliche Palüspitze ( 3825 m ) 9 Uhr, höchste Palüspitze ( 3912 m ) 9 Uhr 30 Min. bis 10 Uhr 15 Min., Fellariafirn südöstlich der Fuorcla Bellavista 11 Uhr 40 Min., Piz Bellavista ( 3921 m ) 1 Uhr 20 Min. bis 2 Uhr 15 Min., Zupopaß 2 Uhr 45 Min., Piz Zupo ( 3999 m ) 3 Uhr 20 Min. bis 3 Uhr 50 Min., oberhalb der Festung 5 Uhr 15 Min. bis 5 Uhr 25 Min., Isla persa 7 Uhr, Bovalhütte 8 Uhr 15 Min.

Eine der unsrigen ähnliche, aber nach größere Tour haben am 19. August 1889 Messrs. C. Branch und B. Wainewright mit Führer Schocher in umgekehrter Richtung gemacht. Vom Morteratsch-Restaurant gingen sie zuerst auf den Piz Zupo, dann hinüber zur Bellavista, überschritten alle vier Bellavistaspitzen und hierauf noch den ganzen Palükamm. Den Abstieg nahmen sie nach dem Berninahaus. Ob die beigefügte Bemerkung „ premier passage très difficile du Zupo à Bellavista " sich hinsichtlich der Schwierigkeiten nur auf den Übergang vom Zupo zum höchsten Bellavistagipfel oder auch noch auf die Begehung des ganzen Bellavistakammes bezieht, wäre im Interesse der Beurteilung des letztern Wissens wert. Der ungemein kurzen Zeit nach zu schließen, welche die Partie vom Piz Zupo bis zum östlichen Palügipfel brauchte ( 3 Stunden 5 Minuten ), hat die erstere Annahme größere Wahrscheinlichkeit für sich. Die im „ Bernina-Massiv " über diese Tour enthaltene Notiz stammt aus Schochers Führerbuch.

Unsere Zeit war um. Imhof wollte noch einmal ins neue Clubgebiet, Heinzelmann und ich mußten wieder in die Gegend, in welcher der heilige Craflas in die Dornen fiel. Regenwetter gilt nach gelungenen Touren mit Recht als sehr passend zur Heimreise. Aber schön ist es auch, bei so prachtvollem Wetter, wie der 11. August es bot, vom Gebirge Abschied nehmen zu können und zurückblickend die erstiegenen herrlichen Gipfel in einen klaren Himmel hinaufragen zu sehen. Ein unbeschreiblichen Glücksgefühl durchströmte uns. Es geht ja, einige Bevorzugte ausge nommen, im Bergsteigen wie im menschlichen Leben überhaupt: statt ttìitdèr geträumten reichen Ladung treibt man eben auch nur mit gerettetem Boot in den Hafen. Denn gar mannigfach sind die Hindernisse, welche es verschulden, daß von all den schönen Plänen nur ein kleiner Teil zur Ausführung gelangt. Desto größer ist die Freude, wenn einmal ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung geht. Wollte ich den ungemein nachhaltigen, jetzt noch mächtig wirkenden Eindruck, den die entschwundenen Tage der Berninafahrten auf uns machten, durch ein oft citiertes, *]tor immer schöne Wort andeuten, so müßte es heißen:

* wWaa vergangen, kehrt nicht wieder. Aber ging es leuchtend nieder, Leuchtet's lange noch zurück. " Wir wanderten an jenem Tage noch bis Scanfs. Am 12. August erstiegen wir, nicht ohne schwere Arbeit, den Piz d' Esen über den Sttd-grât und grüßten von dieser thalbeherrschenden Pyramide noch einmal die stolzen Häupter der Berninagruppe.

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