Aus der Geschichte des St. Gotthardhospizes

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von Albert Bruckner.

Die Geschichte unserer Berghospize ist kaum schon geschrieben: eine ebenso lohnende Aufgabe für den Verkehrshistoriker wie den Erforscher des mittelalterlichen Klosterwesens und der vergangenen und zum Teil noch gegenwärtigen Wohltätigkeitsfürsorge. Ein höchst interessantes Kapitel aus der Entwicklung des Reisewesens unseres Landes!

Nur wenige Berghospize haben im Laufe der Jahrhunderte eine ähnliche Rolle gespielt wie dasjenige des St. Gotthard, über den jährlich viele Hunderte oder Tausende von Wanderern gezogen sind. Manche unter ihnen haben Unterkunft und Verpflegung im Hospiz gefunden oder sind durch die dortigen Insassen aus Gefahren oder gar vor dem Tode gerettet worden.

Das Hospiz ist, wie man weiss, im 18. Jahrhundert von der Kapuzinermission besorgt worden. Die Väter nahmen sich der schweren Pflichten treulich an und haben sich grosse Verdienste erworben.

Ein Dokument der « PP. Missionnaires Capucins sur la montagne du Saint-Gotthard », an den Bürgermeister und Rat der Stadt Basel gerichtet, ist für die Tätigkeit jener Mönche von wirklichem Interesse. Die Dürftigkeit des Hospizes wird darin hervorgehoben und auch der Besuch armer Reisender, « besonders solcher, die zur Winterszeit das Unglück haben, die Gefahren des St. Gotthard zu ertragen oder krank werden ». Das Hospiz habe, so lesen wir, Reparaturen wegen des rauhen Klimas und der schlechten Lage sehr oft nötig. Die unterzeichneten Väter bitten schliesslich um eine Unterstützung, wie eine solche ihnen kürzlich vom Stande Zürich zuteil geworden sei.

Das Hospiz kam später in die Obhut des Kantons Tessin. Die Regierung wies dabei Kapuzinermönchen das alte Hospiz gegenüber der neuen Herberge als Niederlassung an. Hier betätigten sich diese vom Oktober 1837 bis zum Oktober 1841. Ende 1841 setzte der Tessin einen weltlichen Direktor samt seiner Familie zum Hüter der Herberge ein. Den Entschluss tat er in einem Zirkular an die eidgenössischen Orte am 10. Januar 1842 kund. Jahrzehntelang war Felice Lombardi aus Airolo der Vorsteher des Hospizes.

Lombardi sah sich, ähnlich wie früher die Kapuzinerväter, veranlasst, die Unterstützung der Kantone anzurufen. Er sandte deshalb an die verschiedenen Regierungen ein Programm, in dem die Obliegenheiten des Hospizes angegeben waren und zugleich die Bitte um reichliche Unterstützung ausgedrückt wurde. Aus diesem Memorandum lernen wir das Hospiz trefflich kennen. Es sei deshalb auszugsweise mitgeteilt:

« Die Direktion auf dem St. Gotthard, welcher von der Regierung des Kantons Tessin seit dem B. Oktober 1841 die Obsorge des Hospitiums, der Schirmhäuser, der Sust und Strasse anvertraut ist, bringt hiermit zu jedermanns Kenntnis die Pflichten, die sie laut Verordnung der konkordierenden Kantone getreulich zu erfüllen übernommen hat:

1. Ist da ein Geistlicher, kundig der deutschen, französischen und italienischen Sprache, für die geistlichen und leiblichen Bedürfnisse der Reisenden angestellt.

2. Ein kräftiger Mann, der, im Falle der Not, von andern begleitet, an die gefährlichen Orte sich zu verfügen und den allenfalls Verunglückten zu Hilfe zu eilen hat.

3. Eine Magd, die Reisenden weiblichen Geschlechts zu besorgen.

4. Wird ein Pferd unterhalten, die kranken und schwachen Personen nach Airolo oder Urseren zu fördern oder von da abzuholen.

5. Zwei Hunde von denjenigen des grossen Bernhardsberges zum Aufsuchen der verunglückten Reisenden abgerichtet.

6. Werden die zahllosen armen Reisenden aller Nationen je nach Bedürfnis, Stand und Umstände unentgeltlich verpflegt.

7. Den Pfad zur Winterszeit zu öffnen und den Durchpass von Menschen und Waren zu sichern, gehen täglich in der Frühe vier Männer und zwei Ochsen vom St. Gotthard nach Airolo ab; desgleichen zwei Männer vom Schirmhaus St. Joseph und zwei von jenem der Tremola und acht bis zehn Männer mit sechs bis acht Ochsen oder, soviel die Not erfordert und der dort angestellte obrigkeitliche Strasseninspektor für gut findet, gehen täglich von Airolo auf den St. Gotthard.

8. Hat die Direktion auf der Strasse, in der Sust, am Hospitium und Schirmhäusern alle jene inneren und äusseren Einrichtungen zu treffen, welche zur Erleichterung des Transits und zur Bequemlichkeit der Reisenden erfordert werden... » Es ist begreiflich, dass die Ausführung eines so kostspieligen Unternehmens ohne grosse Mittel nicht möglich war. Der tessinische Staatsrat schickte deshalb jedes Jahr an die Konkordatskantone ein vorgedrucktes Rundschreiben. In diesem wies er auf die bisherigen Leistungen des Hospizes gebührlich hin und machte jeweils auf die bevorstehende Kollektenreise des diensttuenden Direktors aufmerksam. Die Kantone haben dann regelmässig zwei oder mehr Wochen für die Kollekte gewährt.

Die genannten Zirkulare sind von Interesse wegen der statistischen Angaben über den Besuch des Hospizes. Von 1846/1847 bis 1860/1861 war die Zahl der Individuen, die « auf die einte oder andere Weise unterstützt und verpflegt wurden, eine Wohltat, die in einer solchen wilden Alpengegend, in Mitte von Schnee und Eis, von unschätzbarem Werthe », selten unter 10,000 pro Jahr. Sie erreichte im Jahre 1847/1848 die Höchstziffer mit 22,258 Personen, im Jahre 1850/1851 die niedrigste mit nur 7000 Reisenden. Zwischen 1861/1862 und 1872/1873 blieb die Zahl der Reisenden stets unter 10,000. Erst 1872/1873 setzte ein neuer Aufschwung ein. 1879/1880 wurden allein über 18,000 Personen verpflegt. So fanden, gestützt auf diese Angaben, weit über 200,000 Menschen im Laufe von rund vierzig Jahren, 1845 bis 1880, im Gotthardhospiz Unterkunft und Unterstützung.

Die Wendung in diesem gewaltigen Reiseverkehr über einen einzigen Schweizerpass brachte die Schaffung der Gotthardbahn. Der Tessiner Staatsrat hat sie vorausgesehen. In einem Schreiben vom B. November 1888 macht er darauf aufmerksam, dass in absehbarer Zeit das Hospiz seine Aufgabe, für die armen Reisenden zu sorgen und den in Not Befindlichen Hilfe zu bringen, aufgeben müsse, da der Verkehr bald endgültig von der Eisenbahn bewältigt würde.

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