Bärlauch oder Herbstzeitlose? Doppelgänger in der Natur

Haben Sie schon einmal bemerkt, dass die Blätter des Bärlauchs und diejenigen der Herbstzeitlosen sich überraschend ähnlich sind? Ich hoffe schon, liebe Leserinnen und Leser, denn Letztere sorgt im Frühling regelmässig für Vergiftungen. Während Liebhaber lokaler Geschmacksnoten denken, sie sammeln Bärlauch für ihren Salat, landen vielleicht versehentlich einige Blätter der Blume der Medea im Körbchen. Ihr lateinischer Name Colchicum autumnale stammt von Kolchis ab. In der griechischen Mythologie ist das die Heimat der Zauberin und Giftmischerin Medea (östlich des Schwarzen Meeres), die in einer verzweifelten Tat ihre eigenen Kinder getötet hat, um ihren Mann zu bestrafen.

Trügerische Blätter

Tatsache ist, dass die beiden Pflanzen einige Gemeinsamkeiten haben. Beide gedeihen in niedrigen Lagen, im Laubwald oder in seiner unmittelbaren Umgebung. Sie haben einfache Blätter von ähnlicher Grösse und Farbe mit parallel verlaufender Blattaderung und einem ungezähnten Blattrand. Ausserdem spriessen sie im Frühling zur gleichen Zeit. Aber abgesehen davon sind sie sehr unterschiedlich. Der Bärlauch entwickelt einen stark knoblauchartigen Geruch, wenn man seine Blätter zusammenknüllt. Er wächst im Unterholz und ist mit hübschen weissen Blüten geschmückt, die kurz nach dem Blattwuchs blühen. Die tödliche Schönheit hingegen blüht auf den Wiesen. Und ihre wunderbaren rosa Blüten entfalten sich erst einige Monate, nachdem ihre Blätter verwelkt sind.

Alles eine Frage der Dosis?

Der Bärlauch ist bekannt für seine wohltuende Wirkung. Wacht der Bär aus seinem langen Winterschlaf auf, verspürt er den Drang, sich einer gründlichen Reinigung zu unterziehen. Man sagt, dass die Lauchpflanze eine abführende und entgiftende Wirkung auf ihn hat. Die Menschen schätzen den Bärlauch vor allem wegen seines hohen Vitamin-C-Gehalts und des würzigen Geschmacks.

Anders als der Bärlauch gehört die Herbstzeitlose in die Kategorie der Giftpflanzen. Sie kann schon bei sehr niedrigen Dosen tödlich wirken. Allerdings wird das aus der Pflanze gewonnene Colchicin in der Medizin zur Behandlung von Gicht eingesetzt.

Unglücklicherweise wird der Bärlauch auch mit anderen giftigen Pflanzen verwechselt. Das Maiglöckchen und der junge Aronstab haben ähnliche Blätter und der Doldige Milchstern gleichartige Blüten. Aber auch bei ihnen ist die Toxizität nur eine Frage der Dosierung. In der richtigen Menge können sie das Herz stärken, den Darm regulieren oder beruhigend wirken.

Bitte nicht auf eigene Faust!

Das Suchen von essbaren Pflanzen in der Natur braucht viel Erfahrung. Lassen Sie sich von erfahrenen Sammlern einführen! Zur Bestimmung von Pflanzen empfiehlt sich das Standardwerk Flora Helvetica. www.flora-helvetica.ch

Doppelgänger

Es gibt sie nicht nur unter den Menschen, sie sind in der Natur auch sonst vorhanden. In dieser kleinen Serie, die dem Pflanzenreich gewidmet ist, lädt uns der Biologe, Bergführer und Wanderleiter Bertrand Gentizon ein, einige überraschende und manchmal gefährliche Ähnlichkeiten zu entdecken.

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