Balmhorn-Gitzigrat

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Schon seit 1906 hatte ich die Wildelsigen-Balmhorn-Tour vorgehabt; aber schlechtes Wetter trieb mich ein Jahr nach dem andern von Grat oder Hütte zurück, oder machte die Besteigung von vornherein unmöglich. Meine Führer, Fritz und Peter Ogi von Kandersteg, machten schließlich den Vorschlag, bei der Verwirklichung unseres Versuchs den Abstieg über den nur 4—5 mal betretenen Südostgrat, der direkt zur Gitzifurgge abfällt, auszuführen.

Nachdem wir über das Gspaltenhorn nach Kandersteg gekommen waren, zogen wir Sonnabend den 9. September 1911 zur Wildelsigenhütte hinauf. Als wir am nächsten Morgen schon ¾ Stunden unterwegs waren, wurden wir durch ein plötzlich heranziehendes Gewitter zur Umkehr gezwungen. Da das Wetter sich nach Sonnenaufgang wieder aufklärte, blieben Peter und ich in der Hütte, während Fritz hinunterging, um neuen Proviant zu holen.

Am folgenden Morgen brachen wir bei schönem Wetter um 1 Uhr 50 Min. früh auf. Als wir auf den unteren Grat kamen, sahen wir ein so kolossales Gewitter hinter dem Weißmies und Fletschhorn über Norditalien wüten, wie die Ogis es noch nie gesehen hatten; die Beleuchtung der Wolken von den fortwährenden Blitzen war unbeschreiblich prachtvoll. Der Sturm hatte aber seinen Nachteil für uns, indem wir unterhalb des großen Couloirs gut eine halbe Stunde sitzen mußten, bis bei Tagesanbruch der Sturm sich langsam hob und nicht länger drohte, in unserer Richtung zu ziehen.

Dann um 5 Uhr 20 Min. gingen wir weiter, und das interessante Couloir und den Grat in tadellosem Zustand findend, kamen wir schon um 9 Uhr auf dem Balmhorn an. Hier, bei wunderbarer Aussicht, ruhten wir uns in Gesellschaft einer von Schwarenbach gekommenen Partie fast eine Stunde aus.

Um 9 Uhr 50 Min. betraten wir den hier oben schmalen und aus schwarzen Felsen bestehenden Gitzigrat. Nach knapp einer Viertelstunde leichten Gehens befanden wir uns auf dem obersten Gendarmen, wo die Felsen schon eine rötlich graue Farbe annahmen. Dieser wurde direkt über den Grat überstiegen, obwohl er fast senkrecht zirka 30 m abfiel, da dort das Gestein überall fest ist und gute Griffe vorhanden waren. Vom Fuß des Turms folgten wir für längere Zeit dem Grat, wo leichte Strecken mit kleineren Gendarmen abwechselten, die immer direkt bei schöner interessanter Kletterei überstiegen wurden. Auf diese Weise kamen wir bis ungefähr halbwegs zur Gitzifurgge, ohne auf bemerkenswerte Schwierigkeiten zu stoßen.

Nun befanden wir uns auf dem großen Gendarmen. Dieser schien uns nicht ohne große Schwierigkeit und Steinschlaggefahr mittelst Abseilen überstiegen werden zu können, da der Grat sich hier ganz eigenartig in zwei Teile trennt, so daß der einzige direkte Abstieg durch das dazwischen, neben dem linken — von oben gesehen — Grat liegende und aus brüchigem Gestein formierte Couloir führen dürfte. Deshalb traversierten wir etwas schief hinab an der Westseite und stiegen durch ein kleines plattiges Couloir hinunter, um um den vom Gendarmen kommenden und in einer steilen Wand endenden Seitengrat herumzukommen. An dieser Stelle ist ein fauler Block unter den Füßen von Peter, der als erster ging, abgegangen; glücklicherweise konnte Pe.ter gleich anderen Halt finden und sich auf das Seil verlassen.

Wir mußten nun einige Meter steil auf Geröll unterhalb des Seitengrates hinabklettern, ehe wir zurück gegen den Hauptgrat über unbequeme, mit losen Steinen bedeckte Platten traversieren konnten. Auf halbem Wege kamen wir zu einer kleinen aus der Wand des Seitengrates vorspringenden Felsrippe, wo wir einen ungemütlichen Abstieg machen und uns dann um die schwierige Ecke herumarbeiten mußten, um auf die Geröllhalde unterhalb des vom Gendarmen abfallenden Couloirs zu gelangen.

Hier ruhten wir uns einige Minuten aus, ehe wir in einigen Schritten zum Hauptgrat gelangten, den wir von hier an verfolgten; das heißt so nahe wie möglich, da wir fortwährend auf kleine, aber fast senkrechte und aus faulen Felsen bestehende Abstürze kamen, die durch Abseilen wohl hätten überwunden werden können. Da wir aber durch kurze Zickzacke auf der Westseite schneller vorwärts kamen, zogen wir letzteres vor. Doch erforderte dies große Vorsicht und ergab eine wenig angenehme Kletterei, da diese Flanke überall plattig und durchaus mit losem Gestein bedeckt war, so daß wir uns jedesmal freuten, wieder auf den Grat zu kommen.

Das Terrain, besonders auf der Seite, wurde wieder schwieriger und durch loses Gestein gefährlicher, so daß wir uns immer mehr auf dem Grat hielten, der allerdings hier unten breiter war, aber viel plattiger als oberhalb des großen Gendarmen, wodurch wir vielfach gezwungen wurden, sitzend zu rutschen, was die sicherste, wenn auch nicht die eleganteste Methode ist. Endlich mußte Fritz als letzter sich über zwei verschiedene Stellen von je zirka zehn Metern vorsichtshalber'abseilen. Die untere Stelle brachte uns direkt auf den breiten Geröllgrat, dem wir in wenigen Minuten zur Gitzifurgge hinab folgten, wo wir um 2 Uhr 25 Min. voll Freude, den Gitzigrat gemacht zu haben, anlangten. Nach einer längeren Mittagspause marschierten wir hinunter nach Ried im Lötschental, von wo aus wir später über das Bietschhorn nach Zermatt gingen.

Im allgemeinen würde ich sagen, daß, meiner Ansicht nach, der Gitzigrat niemals populär werden wird — selbst wenn der Aufstieg durch eine Hütte an der Gitzifurgge erleichtert wäre, was aber keineswegs empfehlenswert ist. Der Grat selbst ist sehr lang und anstrengend, nur im obern Teil bietet er schöne und interessante Kletterei auf einigermaßen festen Felsen, der untere Teil ist durch die vielen Platten mühsam und schwierig und durch die Menge loser Steine auch gefährlich, so daß im ganzen die Arbeit verhältnismäßig größer ist als das Vergnügen. Jedenfalls hält der Gitzigrat keinen Vergleich aus mit dem interessanten und abwechslungsreichem Wildelsigengrat.Henry B. Schwab ( Sektion Alteis ).

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