Baum-Album der Schweiz

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Seit etwa zwanzig Jahren besteht in der Schweiz eine Gesellschaft, die es sich zum Zwecke gemacht hat, die alten historisch und kunsthistorisch merkwürdigen Bauwerke unseres Landes zu schützen, und zwar sowohl vor der Vernichtung durch die Zeit, wie vor der viel rascher und gründlicher „ aufräumenden " Zerstörung durch Menschenhand aus utilitarischen Gründen. Einem ähnlichen, ebenso edeln Ziele, wie es die „ Schweizerische Gesellschaft für Erhaltung historischer Kunstdenkmäler " im Auge hat, dient das Baum-Album der Schweiz, das unter den Auspicien des eidgenössischen Departements des Innern seit 1896 erscheint und im Jahr 1900 vollendet werden soll.

Nach dem Vorwort zur ersten Lieferung des Albums ist sein Zweck der: „ dem Volke eine Auswahl der größten und schönsten und auch geschichtlich merkwürdiger Bäume der Schweiz in möglichst getreuen Bildern vor Augen zu führen ", und dadurch dazu beizutragen, „ den Sinn des Volkes für unsere Landesschönheiten zu heben und Schädigungen derselben kräftigst zu wehren ".

Es handelt sich also hier ebenfalls um die Erhaltung schweizerischer DenkmälerBaumdenkmäler " nennt sie Gottfried Keller — die nicht minder des Schutzes und der Erhaltung würdig und bedürftig sind, wie die alten Baudenkmäler, die von der Volks- und Kulturgeschichte unseres Landes Zeugnis geben. Meister Gottfrieds Wolfhartsgeeren-Eiche bei Seldwyla ist nicht der einzige Baum der Schweiz, der ein Monument darstellt, „ wie kein Fürst der Erde und kein Volk es mit allen Schätzen hätte errichten oder auch nur versetzen können ". Es giebt viele Bäume, die historisch und kulturhistorisch nicht minder bedeutsam sind als manche Burg oder Kapelle, die der Erhaltung wert erachtet wird. Die mächtigen Linden, Ulmen, Ahorne und Eschen, welche da und dort noch auf den Kreuzwegen und Plätzen unserer Städte und Dörfer stehen, haben ein Geschlecht nach dem andern heranwachsen und unter ihrem Schatten sich sammeln sehen, zu Spiel und Tanz, zum Gericht und zum Auszug ins Feld, und die tausendjährige Eibe bei Heimiswyl hat im Uechtland die Herrschaft der kleinburgundischen Könige, der Zähringer und Kiburger, das Regiment der hochmögenden Herren von Bern, die Helvetik, die Mediation, die Restauration und die Regeneration überdauert und wird vielleicht noch grünen, wenn das gegenwärtig im Bau begriffene Parlamentsgebäude schon zu den historischen Kunstdenkmälern gehören wird, für deren Erhaltung man besorgt sein muß.

Die aus der Geschichte oder der Überlieferung bekannten Bäume finden wir im Album vertreten durch den Bergahorn von Truns, unter dessen Krone am 16. März 1424 die Herren und Gemeinden des Vorderrheinthales den „ Grauen Bund " schlossen, durch die ( kleinblättrige ) Linde von Münchenwyler bei Murten, die der Tradition nach am Tage nach der Schlacht bei Murten, 1476, in Wirklichkeit erst 70 Jahre später gepflanzt wurde, und durch die ( großblättrige ) Linde von Prilly bei Lausanne, unter deren Ästen, wie einst unter den längst abgegangenen Gerichtslinden von Zollikofen und Konolfingen, Recht gesprochen wurde. Die beiden ersteren Bäume existieren nicht mehr; der letzte grüne Ast des Trunserahorns wurde 1870 vom Sturm gebrochen, aber an der Stelle des ehrwürdigen Baumgreises wächst nun ein junger Nachkomme kräftig empor. Die fälschlich sogenannte „ Murtenlinde " auf dem Hügel nordöstlich vom Schloß Münchenwyler wurde im Januar 1890 vom Winde zertrümmert, 47 Jahre nachdem die echte, zur Zeit des Burgunderkrieges gepflanzte Murtenlinde westlich vom Schlosse dem Sturm erlegen war. Die Linde von Prilly dagegen steht noch aufrecht und grünt und blüht trotz der vier Jahrhunderte, die über ihren Wipfel gegangen sind. Ebenso grünen noch, trotz nicht viel geringeren Alters, die Ulmen auf dem Marktplatze von Bissone am Luganersee und im Parke von Morges.

Von den andern Laubhölzern unseres Landes finden wir im Album die riesige Bettlereiche im Gwatt am Thunersee, einmal mit dem dichten Laubwerk des Sommers, das andere Mal mit dem kahlen Geäst des Winters, aus derselben Gegend den uralten Nußbaum im Dörfchen Gwatt, und endlich als Typus des nordschweizerischen Laubwaldes eine Rotbuche aus dem Walde, der das Hügelterrain des prähistorischen Bergsturzes von Flims in Graubünden bedeckt. Die Laubhölzer der südlichen Schweiz werden durch blühende Edelkastanien von Bordei in Centovalli und eine alte Olive bei Melide am Luganersee repräsentiert.

Unter den zehn Nadelhölzern steht an Alter und Merkwürdigkeit voran die oben erwähnte uralte Eibe auf dem Gerstler bei Heimiswyl, unweit Burgdorf, vielleicht der älteste Baum der Schweiz. Als Typen der für die Bergweiden des Jura und der Alpen charakteristischen Wettertannen sind die riesige Weißtanne auf der Weide Bossettaz bei St. Cergues im Waadtländer Jura und die Rottanne ( Fichte ) von Stiegeischwand gewählt worden, die unter dem Namen „ Schermtanne " jedem Besucher Adelbodens bekannt ist. Der eigentliche Hochgebirgswald der Centralalpen ist vertreten durch die 500jährige Lärche bei dem Hofe Bodmen, gegenüber Blitzingen ( Wallis ), eine Arve auf Muottas da Celerina ( Engadin ), eine Föhre ( Kiefer ) von Campodiais ( Val Somvix ) und einen Bergföhrenbestand aus dem God del Fuorn am Ofenberg, in dessen Dickicht noch der Bär haust. Exotischen Ursprungs sind die Libanoncedern der Villa Beaulieu bei Genf, die 1735 aus Samen gezogen wurden, die Bernard de Jussieu aus dem Libanon mitgebracht hatte, und die üppige Araucaria imbricata im Garten der Villa Simen in Minusio bei Locamo, der jüngste Baum des Albums, erst 1863 1 ) gepflanzt, aber mit seinem neuen Standort, fern von seiner Heimat in den chilenischen Anden, so wohl zufrieden, daß er in 37 Jahren fast so hoch gewachsen ist wie die Eibe von Heimiswyl in einem Jahrtausend.

Die Auswahl der Bäume für das Album ist, wie aus dieser Aufzählung erhellt, mit feinem Geschmack und großer Sachkenntnis getroffen worden. Es sind nur solche Bäume in das Album aufgenommen worden, die durch Größe und Schönheit oder auch durch historische Erinnerungen merkwürdig, oder endlich für den Vegetationscharakter und das Klima einer Landesgegend charakteristisch sind. Daß nicht alle merkwürdigen Bäume berücksichtigt werden konnten, liegt auf der Hand, denn die Schweiz ist zum Glück, trotz der Bemühungen der tit. Herren Holzspekulanten und „ Baumschlächter ", immer noch nicht arm an alten, mächtigen Bäumen, die oft als Wahr- und Merkzeichen einer ganzen Gegend gelten. Manches, was man in den bisherigen Lieferungen des Albums vielleicht vermißt, wird in der fünften und letzten nachgeholt werden können, so der berühmte Ahorn auf Alp Ohr im Melchthal und hoffentlich auch die eine oder andere der gewaltigen Eschen, die einzeln oder in Gruppen eine der vornehmsten Zierden der Hügel- und Bergregion der Schweiz bilden und jedenfalls im Album besseres Heimatrecht haben, als die Libanonceder von Genf und die Araucaria von Minusio.

Die Lichtdrucke wurden von den Firmen Brunner & Hauser in Zürich, Bruckmann in München und Société des Arts graphiques in Genf nach photographischen Naturaufnahmen ausgeführt, die fast alle von Herrn Schönenberger, Adjunkt des eidgenössischen Oberforstinspektorats, auf- 1 ) Die irrige Angabe des Textes 1832 ist durch eine Anmerkung in der nächstfolgenden Lieferung richtiggestellt worden.

genommen wurden und seinem künstlerischen Blicke alle Ehre machen. Die Ansicht des Trunserahorns wurde nach einer alten Zeichnung ausgeführt.

Abgesehen von einigen kleinen Mängeln in der Beleuchtung und in der Abstufung von Vorder- und Hintergrund bei einzelnen Bildern, sind die Lichtdrucke durchweg gut; manche, wie die Ansichten der Lärche auf Bodmen mit Blitzingen im Hintergrunde, der Schermtanne von Adelboden, der Olive von Melide und der Arve von Muottas, sind stimmungsvolle Landschaftsbilder, bei denen man ganz vergißt, daß sie nicht von einem Künstler, sondern von einem Forstmann herrühren, und daß es beim Baum-Album der Schweiz mehr auf getreue Wiedergabe, als auf malerische Wirkung abgesehen war. Der große Maßstab der Ansichten ( Bildgröße 29:40 cm .) läßt eine Menge charakteristischer Details erkennen, die sonst unbeachtet bleiben würden, und entschädigt dadurch für den Übelstand, daß das ungewohnte Format, größtes Folio, das Album sehr unhandlich macht.

Der Text, der als Kommentar zu den Bildern kurze Notizen über die Geschichte, die geographische Lage und die geologische Unterlage, sowie über die Dimensionen der dargestellten Bäume giebt, stammt aus der Feder des eidgenössischen Oberforstinspektors, Herrn J. Coaz, der dem S.A.C. als erster Bezwinger des Piz Bernina und vieler anderer Bündnerberge, als Centralpräsident des Jahres 1865, als Verfasser der Itinerarien des Silvrettamassivs und des Bündner Oberlandes und als Mitarbeiter an den ersten Jahrbüchern bestens bekannt ist. Er hat durch die Herausgabe dieses prächtigen Albums, die auf seine Anregung und unter seiner Leitung erfolgte, seinen vielen Verdiensten um die naturgeschichtliche Landeskunde ein neues hinzugefügt, für das ihm jeder Natur- und Baumfreund herzlich Dank wissen muß. Möge das Baum-Album der Schweiz sein Ziel erreichen, das Interesse des Volkes für seine Baumdenkmäler zu wecken und zu heben und ihm, mit besserem Erfolg, als ihn Jucundus Meyenthal bei den Leuten von Seldwyla fand, zum Bewußtsein zu bringen: „ wie gut es dem Gemeinwesen anstehen würde, solche Zeugen der Vergangenheit als Landesschmuck bestehen zu lassen und ihnen auf allgemeine Kosten Luft und Tau und die Spanne Erdreich ferner zu gönnen ".

A. W.

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