Baumriesen. Auf der Suche nach bäumigen Raritäten

Die Arve ist die Königin unter den Bergbäumen. Kein anderer Baum steigt so hoch ins Gebirge wie sie. Auf 2400 m ü. M. wurzeln Arven oft nur noch auf steinigem Grund.

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ühl ist es heute Morgen, und ein leichter Wind durchstreift die Baumspitzen. Der Fichtenhang öffnet sich am Berg zu einer kleinen Weide. Ein alter knorriger Bergahorn verteidigt hier sein Plätzchen und streckt seine bemoosten Arme aus. Eine Viertelstunde weiter oben liegt eine lang gezogene Alp, von wo man bereits einen Teil meines Ziels sehen müsste. Ich bin aufgeregt wie ein kleiner Junge, der unter dem Christbaum zu erahnen versucht, welches der vielen Geschenke nun das seinige sein könnte. Und da, plötzlich erkenne ich die kerzengerade Krone, den kräftigen Schaft. Kein Zweifel, ich stehe vor ihr: der angeblich höchsten Fichte der Welt. Atemraubend ist nicht nur der Aufstieg; wenn man den mächtigen Stamm vor sich sieht, muss man sich erst einmal setzen.

Seit zehn Jahren bin ich in der Schweiz auf der Suche nach den dicksten, ältesten und kuriosesten Bäumen, zum

T E X T / F O T O SMichel Brunner, Glattbrugg Eine weitere gewaltige, 350-jährige Arve in Tamangur am Rande des Nationalparkes.

Fotos: Michel Brunner

Beispiel der oben erwähnten Fichte im Calfeisental. Sie beeindruckt mit einer Grösse von 33 Meter und einem Stammumfang von 6,75 Meter, gemessen auf einem Meter Höhe. Auch wenn sie auf einer Höhe von 1580 Meter steht, hat sie ein Holzvolumen von 22 Kubikmeter erreicht. Ist nun aber diese Fichte eine Ausnahme? Oder gibt es weitere so stattliche Bäume, und wenn ja, wo stehen diese? Auch wenn sich diese Fragen im Moment nicht abschliessend beantworten lassen, da in der Schweiz ein Gesamtbauminventar fehlt, bin ich bereits auf viele unbekannte Bäume mit teils nationaler, teils sogar internationaler Bedeutung gestossen.

Die Berge als Refugium für dicke Bäume

So findet man beispielsweise in Klosters eine der dicksten Eschen des Landes, auch wenn diese Bäume besonders bei den erschwerten Klimabedingungen in den Bergen kaum mehr einen Stammumfang von über 5,5 Meter erreichen.

Die Esche war den Germanen Weltenbaum. In Basel-Land steht noch eine Einzige mit über sechs Metern Umfang.

Foto: Michel Brunner

Die Berge sind grundsätzlich aber häufig ein Refugium für alte und dicke Bäume. Denn die Vielfalt der Lebensräume sowie der kleinere Druck durch die Landwirtschaft ermöglichen hier Bäumen ein Leben, die fast so urig und monumental sind wie die Berge selbst. Zudem stört sich hier auch keiner an herunterfallendem Laub.

Beeindruckend ist insbesondere, trotz den niedrigen Stammdicken, eine Anzahl von uralten Eiben in verschiedenen Regionen des Jura. Diese können teilweise ihr 1000-Jahr-Jubiläum feiern. Bergig mag es auch die dick ste mir bisher bekannte Moorbirke mit 3,05 Meter Stammumfang. Sie versteckt sich an einem Steilhang eines Gebirgswaldes im Gadmerental. Eine Anzahl von mächtigen Bergahornen trifft man wiederum auf dem Chasseral an, während über 300 Edelkastanien im Tessin einen Stammumfang von mehr als sieben Meter aufweisen. Vergleichbare Masse weisen unzählige unbekannte Lärchen im Wallis auf, beispielsweise die etwa 900-jährige Lärche in

Die « kritische » Grösse verschiedener Baumarten Ab wann gilt ein Baum als dick? Die Tabelle gibt an, welchen Umfang der Stamm mindestens haben muss, damit ein Baum als dick durchgeht. Gemessen wird in einem Meter Höhe über dem Boden. Die Tabelle zeigt auch, dass Dicke immer relativ zur Baum art zu betrachten ist. Edelkastanie, Weide, Platane, Libanonzeder7,. " " .95 m Linde, Zypresse, Lärche, Kampferbaum6,. " " .65 m Bergahorn, Pappel, Eiche, Schwarzkiefer6,. " " .35 m Arve, Esche, Fichte, Ginkgo, Douglasie5,. " " .45 m Rotbuche, Weisstanne, Ulme, Rosskastanie5,. " " .15 m Robinie, Hainbuche, Spitzahorn, Birne4,. " " .05 m Walnuss, Eibe, Mehlbeere, Speierling, Kirsche3,. " " .5 m Waldkiefer, Feldahorn, Birke, Erle, Apfel2,. " " .95 m Weissdorn, Holunder, Hasel, Eberesche, Ilex1,. " " .95 m Elsbeere, Wacholder, Efeu, Rebe, Schneeba111,. " " .1 m Die Linde in Aeschi trohnt auf einer Sonnenterrasse mit Blick auf den Niesen.

Fotos: Michel Brunner Prächtige alte Bergahorne wie dieser im Diemtigtal sind sehr selten geworden.

Die Fichte im Calfeisental – ein Baum wie aus dem Bilderbuch.

Obergesteln. Im Vergleich zu anderen Ländern kann sich die Schweiz der mächtigsten Fichten, Lärchen, Arven, Weiden, Edelkastanien und Mehlbeeren rühmen.

Biologisch und kulturell bedeutsam

Faszinierend sind aber neben den sehr alten oder dicken Bäumen auch jene, die eine kuriose Gestalt aufweisen. So gibt es schräg gewachsene oder solche, die « auf zwei Beinen stehen ». Mächtige hohle Bäume wiederum weisen das Vielfache an biologischer Artenvielfalt auf im Vergleich zu « durchschnittlichen » Bäumen, die meist nur bis ins « Teenageralter » leben dürfen. Sie bieten ein Zuhause für viele vor dem Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten.

Doch Altbäume sind nicht nur von biologischer, sondern auch von kultureller Bedeutung. So sind Tanzlinden Zeugen vergangener Generationen, wie die Schützen linde in Stein am Rhein. Lange bevor man den Richtsaal kannte, tagte das Gericht unter Bäumen. So wurde auch unter der Gerichtslinde in Naters Recht gesprochen, wo sich früher gleich noch ein Pranger neben dem Baum befand. In höheren Lagen übernahm häufig die Lärche die Funktion der Gerichtslinde. Sie wurde zudem auch als Haus- und Hof-baum angepflanzt. Denn diese, so glaubte man, schützt vor Ungemach und bösen Geistern. Unter ihnen hatte man sich wegen ihrer Schutzfunktion stets ruhig und ehrfurchtsvoll zu verhalten. Viele der heiligen alten Lärchen wurden allerdings später von den Katholiken und Reformierten gefällt. Bekannt war vor allem eine allein stehende Lärche in der Nähe von S-chanf im Oberengadin.

Sorgloser Umgang mit bäumigen Raritäten

Doch nicht nur religiöser Eifer gefährdete die Baumriesen. Im ersten Bauminventar, « Baum-Album der Schweiz », über bemerkenswerte Bäume von 1900 porträ-tierte Oberforstinspektor Johann Coaz 24 Bäume, davon acht in den Bergen. Heute, über 100 Jahre später, steht keiner dieser erwähnten Bäume mehr. Dabei ist die Hälfte nicht eines natürlichen Todes wie durch Sturm oder Blitz gestorben. Vier der Bäume sind verschwunden, da man den Baum wegen seinem Holz fällte oder weil er einer Strassenverbreiterung weichen musste.

Auch sind die international bedeutenden Bäume wie die Weisstanne in St-Cergue, die Bergahorne in Trun und im Melchtal sowie die mächtigen Ulmen in Lutry, Bissone und Morges längst verschwunden. Das gleiche Schicksal widerfuhr auch einer Waldkiefer in Campodials und einer der letzten riesigen Buchen in Mollis. Letztere wurde wegen eines kleinen Landwegs kurzerhand weggesprengt. Vor wenigen Monaten fiel zudem die dickste Weisstanne der Schweiz auf einer abgelegenen Juraweide. Man befürchtete, der Baum wäre zu alt und morsch. Die Tanne war aber praktisch vollholzig; ja sie wies so viel Holz auf, dass man sie wegen der enormen Ausmassen nicht weiter-verarbeiten konnte. Der tote Strunk wird deshalb nun im Dorf Marchissy ausgestellt. Ein solcher Umgang mit den Baumriesen führt dazu, dass einige Baumarten bereits ab einem geringen Stammumfang zu den Rekordhaltern der Schweiz gehören.

Sensibilisierung nützt

Doch was lässt sich machen, damit die Baumraritäten besser geschützt sind? Eine Möglichkeit besteht darin, mit einem schweizerischen Gesamtbauminventar auf die

Foto: Michel Brunner Um diese alte Eiche bei Hermetsch -wald zu umarmen, braucht es drei: Sie ist 5,2 Meter dick.

Gesucht: besondere Bäume Wer auf einer Wanderung auf einen Baum gestossen ist oder stösst, der ihm als besonders dick, alt oder kurios erscheint, soll sich bei Michel Brunner melden. Angaben/Schätzungen zu folgenden Punkten können helfen: Baumart, Stammumfang ( gemessen auf 1 m oder 1,3 m Höhe ), Alter, Höhe und Breite der Krone, genauer Standort ( evtl. Koordinaten ), Besitzeradresse und Fotografien. Kontakt und Informationen: Michel Brunner, Bruggackerstr. 38, 8152 Glattbrugg, lindenbaum(at)gmx.ch, www.alte-linden.com

Bedeutung dieser unbekannten Naturdenkmäler aufmerksam zu machen – ein Projekt, an dem ich arbeite. Dass eine solche Sensibilisierung erfolgreich sein kann, darauf deuten Reaktionen nach dem Erscheinen meines Buches « Bedeutende Linden: 400 Baumriesen Deutschlands » 1 hin. Unter anderem konnte die Fällung einer 800-jährigen Linde in Bayern verhindert werden, und einige Gemeinden entschlossen sich, etwas für ihren kränkeln-den Baumveteranen zu tun oder diesen unter Schutz stellen zu lassen.

Ich sitze noch immer unter der Fichte im Calfeisental. Das herrliche Bergpanorama, die frische kalte Luft und die ungetrübte Stille lassen mich träumen, träumen davon, dass die Fichte noch viele kommende Sommer sehen darf und viele weitere bisher unbekannte Bäume als schüt-zenswürdiges Naturdenkmal Anerkennung finden. a

1 Michel Brunner: Bedeutende Linden: 400 Baumriesen Deutschlands. Haupt Verlag AG, 2007, gebunden, 328 Seiten.

ALPEN-Nachrichten

Il notiziario delle ALPI

Nouvelles des ALPES

Forschungszentrum Capanna Regina Margherita

Jubiläum der Gebirgsmedizin

Seit 25 Jahren untersuchen Wissenschaftler in der neuen Capanna Regina Margherita die Auswirkungen grosser Höhe auf den Menschen. Wissenschaftler feierten mit einem dreitägigen Forschungskongress in Norditalien ( Varallo Val Sessia ) Mitte Oktober die aussergewöhnliche Bedeutung dieser Berghütte.

Die Capanna Regina Margherita ist das höchstgelegene Haus Europas. Es thront auf 4559 Metern am äussersten Rand der Signalkuppe, gesichert von Stahlseilen. Der ungewöhnliche Standort erklärt sich aus der Bestimmung der Hütte: Auf Initiative des Turiner Physiologieprofessors Angelo Mosso errichtete Italien hier bereits 1893 ein Forschungslaboratorium, das zugleich den Alpinisten als Schutzhütte dienen soll. Die Spenderin war niemand Geringeres als die Königin Margherita von Italien. Rasch entwickelte sich die Hütte zu einem internationalen Zentrum höhenphysiologischer Forschung. Als Pionier gilt der Mediziner Angelo Mosso, der hier die Auswirkungen der Höhe auf den menschlichen Körper untersuchte. Doch der Erste Weltkrieg setzte der regen Tätigkeit an der Grenze Schweiz–Italien ein abruptes Ende, die Hütte verkam zu einer baufälligen Unterkunft.

25-jährige « Blechschachtel »

Erst 1973 ersetzte der italienische Alpenclub die Bruchbude durch einen wesentlich geräumigeren Neubau. Und rasch begannen Forscher die Vorteile der heutigen « Blechschachtel » wieder für sich zu nutzen.

So verdanken wir ihnen wichtige Erkenntnisse über die Ursachen der akuten Bergkrankheiten, über die sich 90 Jahre zuvor noch Wissenschaftler gestritten hatten. Heute weiss man zum Beispiel, dass nicht der verminderte CO 2 -Partial-druck im Blut – eine Folge der wegen Sauerstoffmangels gesteigerten Atmung – entscheidend ist, sondern der Sauerstoffmangel. Dementsprechend wirksam ist der Einsatz von künstlichem Sauerstoff in grossen Höhen.

Stellenwert der Höhenmedizin immer grösser

Einig sind sich die Forscher darin, dass der Stellenwert der Höhenmedizin mit der Entwicklung im Alpinismus und im Trekking-Tourismus deutlich zugenommen hat. Die Simulation grosser Höhe ist nach wie vor nur bedingt möglich. Für die Höhenmedizin bleibt die Capanna deshalb auch weiterhin ein wichtiger Stützpunkt. « Teuer, aber effizient und realitätsnah ist die Forschung auf der Margherita-Hütte », erklärt Marco Maggiorini, einer der führenden Schweizer Höhenmediziner vom Zürcher Univer-sitätsspital. a Alexandra Rozkosny, Chefredaktorin Tommy Dätwyler, Kölliken Die Feier wird vom Schweizer Alpenclub SAC, von der Air Zermatt und von der Schweizerischen Gesellschaft für Gebirgsmedizin unterstützt. Mehr Infos zur Hütte unter www.caivarallo.it, zur Höhenforschung unter www.gebirgsmedizin.ch.

Alpinistischer Stützpunkt und Forschungszentrum zugleich: Dank der Capanna Regina Margherita wissen wir viel mehr über die Reaktionen des menschlichen Körpers auf die Höhe.

In der Hütte Strampeln für die Höhenforschung: Einige der Erkenntnisse, die hier auf 4559 m gewonnen werden, helfen auch bei der Behandlung von « Flachland»-Krankheiten.

Fotos: zvg/Sektion Varallo Sesia des C.A.I.

Sport- und Wettkampfklettern

Arrampicata libera e di competizione

Escalade libre/ Compétition

Gastlosen Süd – Fels für kühle Tage

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