Berge des Schwarzfuss-Indianers

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON SIEGFRIED BUCHER, EDMONTON

Mit 2 Bildern ( 83/84 ) Nach einer Legende der Schwarzfuss-Indianer wurden einem jungen Krieger ihres Stammes, der um die Hand eines schönen Mädchens warb, drei Prüfungen auferlegt. Die letzte und auch die schwierigste bestand darin, dass er einen grossen Berg, der das Sonnenlicht von ihrem Dorf abhielt, auf die Seite schieben sollte, so dass die Strahlen der aufsteigenden und sinkenden Sonne das Dorf grüssen könnten. Seine Liebe für die Auserkorene verlieh ihm denn auch übermenschliche Kraft: Er stemmte seine Schultern gegen den hohen Berg, schob ihn weg, und dieser fiel in ein Tal, wo er in tausend Stücke zerbrach und dadurch das Felsengebirge formte, wie es heute dasteht.

Dieser Gebirgszug, das kanadische Felsengebirge, formt die Grenze zwischen den Provinzen Alberta und British Columbia. Seine vielen Täler, Schneefelder und Gipfel sind noch abseits vom hektischen Leben dieses Kontinentes. Sie werden deshalb selten besucht, und nur wenigen war es bis heute vergönnt, sich ihres verborgenen Zaubers zu erfreuen. Zwei Nationalparks, der Jasper-Park und der Banff-Park, umfassen einen grossen Teil des Felsengebirges. Eine moderne Autobahn zieht sich über 350 Kilometer in nord-südlicher Richtung durch dieses gewaltige Gebirgsmassiv. Dadurch werden die langen und mühevollen Anmarschrouten verkürzt, und der Unternehmungslustige hat die Möglichkeit, innerhalb verhältnismässig kurzer Zeit in die unerforschten Täler und Massive vorzustossen. Während der letzten acht Jahre habe ich einige erinnerungswür- dige Touren in diesem Gebirge ausgeführt. Eine davon ist die Erstbesteigung des Mittelgipfels des Mount Bryce im Sommer 1961. Dieser Berg formt mit seinen drei Gipfeln ein Bollwerk, das die umliegende Bergwelt beherrscht. Die höchste Erhebung liegt im Westen und ist 3498 Meter hoch, die niedrigste im Osten und misst 3270 Meter, während die mittlere 3365 Meter erreicht.

Im Jahre 1902 wurde der Berg durch James Outram unter der Führung des Schweizer Bergführers Christian Kaufmann zum erstenmal bestiegen. Die von ihnen begangene lange und schwierige Route, welche vom Thompson-Pass über den Ostgipfel durch Umgehung des Mittelgipfels zum Westgipfel führte, ist seither nicht mehr erfolgreich begangen worden. 27 Jahre später versuchte L.S. Amery mit dem Schweizer Bergführer Edward Feuz junior, über den Südwestgrat den Hauptgipfel zu erreichen. 75 Meter unterhalb des Gipfels mussten sie wegen gefährlicher Schneeverhältnisse umkehren. Zwei Frauen, Kate Gardiner und Lillian Gest, mit den zwei Führern Christian Hasler und Edward Feuz junior, führten im Sommer 1937 via Südgletscher und Ostwand die erfolgreiche zweite Besteigung des Hauptgipfels durch. Diese Route ist sicherer und kürzer als diejenige, die Outram, bzw. Amery, begangen hatte. Richard Irwin und George Whitmore versuchten 1953 die lange Route, die Outram während seiner Erstbesteigung begangen hatte, mit geplantem Einschluss des noch unbestiegenen Mittelgipfels. Nachdem sie den Ostgipfel traversiert hatten, mussten sie wegen einbrechenden Schneesturmes am Mittelgipfel umkehren. Die dritte erfolgreiche Besteigung des Hauptgipfels erfolgte am 23.Juli 1955 durch Fred D. Ayres und Richard Irwin über die Gardiner-Gest-Route. Im Juli 1960 versuchte eine Bergsteigergruppe von fünf Mitgliedern des kanadischen Alpenclubs die Überquerung der drei Gipfel vom Thompson-Pass aus, die aber infolge schlechter Witterung nicht gelang. Im Sommer 1961 unternahmen dann wir zu viert einen Versuch: Jo, Robi, Nelly und ich.

Gegen zwei Uhr, am Nachmittag des 24.Juli, hatten wir unsere Lasten gleichmässig verteilt; jedes Mitglied der Gruppe war zufrieden, dass die gepackten Rucksäcke der anderen nicht leichter zu heben waren als der eigene. Als mir Robi und Jo meine Last auf den Rücken luden, wollten meine Knie nachgeben, und ich fragte mit unüberhörbarem Selbstbedauern in der Stimme: « Wie lange muss ich diese Last tragen ?» - « Etwa sieben bis acht Stunden heute, und nachher wird es mit jedem Tag leichter », war die gutgemeinte Antwort. Der Himmel spannte sich wolkenlos über der gewaltigen Bergwelt. Die heisse Julisonne trieb uns den Schweiss durch alle Poren, und in kurzer Zeit klebten die wenigen Kleider an unseren erhitzten Körpern. Wir marschierten in Einerkolonne, mit gesenkten Häuptern, dem rechten Ufer des Saskatchewan River entlang, im untern, flachen Teil über Moosboden zwischen Bergtannen durch, im oberen Teil der langsam ansteigenden Moräne entlang, und erreichten nach ungefähr zwei Stunden den Gletscherabbruch. Lange Streifen alten Schnees erleichterten das Vorwärtskommen auf dem breiten Saskatchewan-Gletscher. Wir blieben so weit wie möglich in der Mitte der Eiszunge, um den Randspalten auszuweichen.Die Einerkolonne begann sich auseinanderzuziehen. Als kleine bewegliche Punkte sah ich ein Mitglied unserer Gruppe nach dem andern in Richtung Castleguard Medows zwischen Felsblöcken der Seitenmoräne verschwinden. Die Castleguard Medows ist eine unberührte Bergweide, über welcher der Mount Castleguard wie ein mittelalterliches Schloss thront; sie dehnt sich über sechs Kilometer in südlicher Richtung aus, langsam - etwa 245 m - gegen das Castleguard-River-Tal abfallend. Meine Begleiter waren schon weit voraus, als ich keuchend die ersten Schritte über das weiche Alpengrasland machte. Murmelnde Bäche, umsäumt von wadenhohem Gras und bunten Blumen, durchfliessen die Weide und verlockten zum Verweilen. Zum erstenmal während meiner Reisen im Felsengebirge fand ich nun verschiedenfarbige Indian Paintbrushes ( Castilleja ), eine hochsteng-lige Blume mit meistens tiefroten oder gelben Blütenblättern. Sie kann über weite Gebiete gefun- den werden, vorherrschend in den Zentral- und Weststaaten von Amerika, doch habe ich sie auch auf gleicher nördlicher Breite wie der Yukon angetroffen.

Mir erschien es wie eine Erlösung, als ich die Vorausgeeilten endlich einholte. Sie sassen unter einer Bergföhrengruppe nahe dem Rand des Castleguard-River-Tales und schienen frisch und munter. « Es ist nicht mein Tag, heute », dachte ich, während ich mich langsam aufs Gesäss niederliess und die Rucksackriemen von meinen schmerzenden Achseln streifte. « Gut, dass wir hier zelten, ich könnte nicht mehr weitergehen! » meinte ich kleinlaut und war nicht gerade über die Antwort erbaut: « Wir müssen noch ins Tal hinuntersteigen, damit wir am frühen Morgen den Fluss bei niedrigem Wasserstand überqueren können. Ausserdem beträgt der Höhenunterschied von hier bis zur Stelle, wo wir unser Nachtlager herrichten, nur 350 Meter. » Das war Jos Antwort. Er und Robi waren vergangenes Jahr Mitglieder der Gruppe gewesen, deren Besteigungsversuch leider erfolglos geblieben war. Was konnte ich da schon sagen? Sie mussten es wissen. Logische Folgerungen - und nur ein Mitglied der Gruppe wirklich müde; oder zeigten es die anderen nicht«Du warst langsam, somit solltest du noch gut beieinander sein, nicht wahr? » meinte Robi.

Ein steiler Wildpfad führt nach unten. Gefallene Bäume lagen darüber, mussten überklettert, manchmal auch umgangen werden. Äste verfingen sich am Rucksack, Zweige peitschten uns ins Gesicht. Über ausgewaschene Wurzeln strauchelten wir hinunter, oft mehr rutschend als laufend, dorthin, wo man abliegen konnte und für lange Zeit nicht mehr aufzustehen brauchteEndlich hörte ich das Wasser rauschen. « Gut so; bald bin ich dort », dachte ich. « WoAh, dort! » Herrlich weich fühlte sich das Moos an unter den müden Füssen. Das Feuer prasselte, vier Gesichter schauten hungrig in die Glut, wo der Suppenkessel Maggi- und Knorr-Gerüche zu verbreiten begann. Wie schnell doch die Lebensgeister wieder zurückkehren! Das Nachtlager richteten wir zwischen zwei gefallenen Tannen ein. Moos war genügend vorhanden, so dass wir dicke und warme Unterlagen herstellen konnten. Ausserdem waren wir mit Schaumgummimatratzen ausgerüstet, die keine Kälte durchlassen. Meine Achseln schmerzten, und die Wadenmuskeln « krampften ». « Hätte ich doch die Macht, die Schwerkraft aufzuheben oder sie wenigstens ein bisschen zu verkleinern, nur für mich allein, nicht unbedingt auch für die anderen », waren meine eigennützigen Gedanken, bevor mich der Schlaf in die Traumwelt hinüberführte.

Am frühen Morgen des neuen Tages sass ich erschöpft am Castleguard River, meinen Gletscherpickel zwischen den Knien, und betrachtete mein soeben beendetes Werk: eine Tanne von mindestens einem halben Meter Durchmesser und 20 Meter Länge, die ich über den reissenden Bergbach gefällt hatte. Die erste war weggeschwemmt worden, sobald die Äste in die Strömung geraten waren, und lag nun weiter flussabwärts auf einer Sandbank. Die Arme schmerzten mich, der Rücken war wie zerbrochen; ich konnte nicht recht verstehen, dass diese Holzerei meine Kräfte so verzehrt hatte. Als Geometer im Norden des Landes arbeitend, hatte ich schon Hunderte von Bäumen gefällt - dies zwar mit einer richtigen Axt und nicht mit einem Eispickel - und mich nie so müde gefühlt. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass der Gipfel der Tanne am anderen Ufer des Baches einigermassen sicher auflag, begann ich die Äste auf der oberen Seite des Stammes abzuhacken. Die Seitenäste formten eine Art Geländer, durch dessen Gewirr die starke Strömung nicht sichtbar war. Das war von grossem Vorteil, denn jedes Mitglied unserer Gruppe schritt eine Stunde später, ohne zu zögern, über die Tanne. Ich wundere mich heute noch, ob wir das getan hätten, wenn die fragwürdige Verankerung auf der anderen Seite gut sichtbar gewesen wäre.

Wir folgten einem Wildpfad, der durch die lange Regenperiode stark ausgewaschen war. Hufspuren von Elchen und Hirschen waren deutlich im weichen Boden abgedrückt. Ich hoffte, gegen mein besseres Wissen, einige dieser Tiere zu Gesicht zu bekommen. Natürlich war das nicht der Fall, denn die Hör- und Riechorgane dieser flüchtigen Hufer sind immer noch so hoch entwickelt, dass sie die Ankunft des Menschen auf grosse Distanz wittern und geisterhaft durch den Bergwald verschwinden, bevor sie in dessen Gesichtskreis gelangen.

Die Sonne zauberte lustige Licht- und Schattenspiele im steilen Wald. Trotz drückender Lasten und schmerzender Achseln erreichten wir um die Mittagszeit die erste Talstufe, wo der Watchman-See eingebettet liegt. Darüber erhebt sich majestätisch der gleichnamige Felsturm, dessen Ostwand senkrecht zum Ufer des Sees abfällt. « Warum Nordwände besteigen? Hier „ liegt " eine Wand, die, nur von wenigen Menschenaugen betrachtet, noch nie durchstiegen, nicht einmal angegangen wurde », dachte ich, während ich ihr Spiegelbild im stillen See studierte.

Um die zweite Talstufe zu erreichen, mussten wir den See links umgehen. In unwegsamen Gebieten folgt man am besten Wildpfaden, die in die Richtung des gesetzten Zieles führen. Sie sind in verhältnismässig gutem Zustand und erleichtern das Vorwärtskommen wesentlich. Jedes Tier folgt diesen Routen, wenn es von einem Tal über Pässe zum anderen wechseln will. Diese Wildpfade bilden ein ausgedehntes Netz von « Strassen » und können dem Wanderer von Vorteil sein, vorausgesetzt, dass er sich im Urwald auskennt. Die Trapper stellen ihre Fallen diesen Pfaden entlang auf und sind sicher, dass irgendwelche Tiere mit ihren weichen Pfoten zwischen die tückischen Eisen geraten.

Der Pfad, dem wir folgten, war auch einmal von einem Fallensteller begangen worden; das verrieten verschiedene Zeichen: Hier und dort lehnte ein kleiner, armdicker Stamm gegen eine Tanne, in welche auf einer Höhe von ungefähr 2 Metern eine tiefe Kerbe eingehauen war. Letztere dient als Plattform für die Stahlfalle, die mittels einer Kette befestigt ist, und den Köder, meistens ein Stück Fleisch. Der Pfad verlor sich im sumpfigen Randgebiet des Sees. Wir steppten von Grasbüschel zu Grasbüschel. Ein Fehltritt versprach nasse Füsse, und das wollten wir wenn möglich verhüten. Die schweren Lasten trugen nicht zu einer Verbesserung des notwendigen Gleichgewichtes bei, und als wir trockenen Boden erreichten, setzten sich alle, leerten stinkendes Wasser aus den Schuhen und wanden die nassen Socken aus. Die Mücken schwärmten und stachen, wo immer sie für einige Augenblicke ungestört absitzen konnten. Diese Plage liess uns nicht lange verweilen; deshalb stiegen wir die nächste bewaldete Talstufe hinauf. Die Sonne stand nun beinahe senkrecht über uns und trug mit ihrer sommerlichen Freundlichkeit beträchtlich zu unseren Leiden bei.

Schweissgebadet, von Mücken zerstochen und mit schmerzenden Rücken erreichten wir eine Lichtung, in der ein anderer lieblicher See eingebettet liegt. Es ist der Cinema-See. Nachdem ich einiges Dörrobst gekaut hatte, begann sich meine Aufmerksamkeit wieder zu verschärfen. Jetzt entdeckte ich langsam, warum dieses stille Wasser Cinema-See genannt wird. Das Wasser war grünlich; Gräser und Tannen spiegelten sich darin, kleine Forellen schwammen im seichten Ufer-wasser in Froschlurchenschwärme hinein, die in alle Richtungen flohen, ihre kleinen Schwänze als Antriebs- und Steuerorgane benützend. In grosser Höhe, klar auf den blauen, wolkenlosen Himmel gezeichnet, übte ein Adler seinen Segelflug. Manchmal liess er sich durch die Thermik so hoch tragen, dass er nur als kleiner Punkt sichtbar war, manchmal schoss er mit hörbarem Rauschen, die Flügel in Dreieckform gehalten, vom Himmel, um in weitem Bogen kurz über die Tannen-gipfel wegzuziehen. Das Ganze machte einen idyllischen Eindruck, der durch die kleine, halbzerfallene Hütte, die im Schatten zwischen Tannen stand, noch verstärkt wurde. Wir wären sicher noch lange dort verweilt, hätte uns nicht die fortschreitende Tageszeit zum Weitergehen ermahnt Nach kurzem Marsch über hochalpine Weiden erreichten wir den Thompson-Pass. Nelly fand, dass der dort errichtete Steinmann erbärmlich aussehe; sie verbesserte sein Aussehen, indem sie ihn um einige Steine erhöhte. Ich war nicht in Form, mich diesem Verschönerungswerk anzuschliessen. Magen- und Darmkrämpfe hinderten mich daran. Unzweckmässige Ernährung und vermutlich auch Überanstrengung hatten etwas mit meinem Zustand zu tun. Seit wir den Cinema-See verlassen hatten, verschlechterte sich mein Befinden, so dass ich mich Schritt für Schritt vorwärtszwingen musste. Robi und Jo suchten alte Markierungen an Tannen, die uns die Richtung der Fallensteller anzeigten und den leichtesten Abstieg zum Nordarm des Rice Brook, eines rauschenden Bergbaches, versprachen. Da die Route seit vielen Jahren nicht mehr begangen worden war, waren auch die Markierungen nicht erneuert, und viele Tannen, die ehemals mit Kerben versehen waren, lagen halb verfault am Boden oder im undurchdringlichen Dickicht. Dies erschwerte die Aufgabe Robis und Jos erheblich, doch meisterten sie sie vorzüglich. Ich schaute ihnen zu, meine Fäuste in die Magengegend pressend, wie sie die Rucksäcke abstellten, über gefallene Urwaldriesen kletterten, um den nächsten herumliefen, seinen Umfang nach Axtkerben absuchten und je nach Befund « hier » oder « nicht hier » einander zuriefen, zurückkamen, die Rucksäcke aufluden und in Richtung ihres letzten Fundes verschwanden. Dieses Zeichensuchen war bestimmt anstrengend, doch schien es den beiden Pfadfindern nicht viel anzuhaben.

Endlich, nachdem wir 460 Meter Höhenunterschied überwunden hatten, erreichten wir den North Rice Brook. Wir überquerten ihn in wohlbekannter Weise: vom grossen Stein zum kleineren Stein, zu - was nun? Mein Befinden war auf einem Tiefpunkt angelangt, und ich schlüpfte in den Schlafsack, sobald ich einen bequemen Platz gefunden hatte. Schlafen konnte ich nicht, und so kam es, dass ich die Gegend betrachtete, bis sie der Nachtschatten meinem forschenden Auge entzog. Etwa 50 Meter flussabwärts war das Tal durch eine Moräne abgesperrt, welche der reissende Bach durchbrochen hatte. Sie war im unteren Teil, der das Tal überquert, mit Sträuchern und Bergföhren überwachsen. Ich dachte, dass einmal die Tanksperren so aussehen könnten, sollte die Menschheit Vernunft annehmen. Die nähere Umgebung war steinig. Sand hatte sich abgelagert und formte langgestreckte Dünen oder unregelmässig geometrische Ebenen. Der Bergwald hatte sich über einen Bergsturz ausgebreitet, was mich die sichtbaren Felsblöcke vermuten liessen. Ein leichter Sprühregen aus dem Bach sorgte für das Wachstum grosser Matten von Dryas auf dem sandigen Boden, die von Weiden- und Erlensträuchern unterbrochen waren. Die Dryas - griechischer Name für Waldnymphe - ist ein Immergrün mit horizontalen Ästen, das bis zu 20 Zentimeter Höhe wächst und oft grosse Matten formt. Die Blätter sind schmal und in dieser Region meistens haarig. Die einzelnen weissen oder gelben Blumen sitzen auf senkrechten Stengeln.

Jo hatte aus flachen Steinen einen Windschutz für den Benzinkocher gebaut und war mit der Zubereitung der Mahlzeit beschäftigt. Auf den Ästen der nächststehenden Föhre sassen einige Vögel in der Grosse von Amseln und beobachteten jede Bewegung des Koches. Es waren Canada Jays ( Perisoreus canadensis ), auch « Whisky Jack », « Camp Robber » oder « Gray Jay » genannt. Das flaumig weiche Gefieder dieses Vogels ist grau, sein Kopf weiss, Schnabel und Füsse sind schwarz. Ausserordentlich neugierig veranlagt, kommt er schnell aus dem schattigen Wald mit ausgespannten Flügeln lautlos angesegelt, setzt sich für eine Weile auf einen Ast oder hüpft am Boden näher und näher, murmelnde Töne von sich gebend. Ist seine Neugierde einmal befriedigt, verschwindet er wieder lautlos im Dickicht.

Langsam senkte sich die Nacht ins Tal. Das Rauschen des Baches hörte sich ferner und ferner an, und in stiller Zufriedenheit begann das nächtliche Leben des Bergurwaldes. Störender Lärm weckte mich! Nelly stand bei der Feuerstelle und trommelte mit einem Löffel auf den Suppenkessel. « Aufstehen, ihr Siebenschläfer! Das Frühstück ist bald bereit. Wollt ihr hier ansiedeln oder den Berg besteigen? » Das war ihr Morgengruss. Mein Wohlbefinden war wie- der hergestellt. Zwar hatte ich noch keinen Appetit und fühlte mich noch ein wenig schwach, als wir die Lasten aufluden und dem Pfad talabwärts folgten. Unser heutiges Ziel war der Abfall des Südgletschers des Mount Bryce, welcher immer noch nicht sichtbar war. Heute bin ich überzeugt, dass jener Tag der anstrengendste der ganzen Tour war. Nachdem wir ungefähr über eine Distanz von 2 Kilometern auf der rechten Seite dem North Rice gefolgt waren, begannen wir durch den steilen Wald anzusteigen. Wir kletterten über gefallene Bäume, umgingen Felsformationen, traversierten Runsen und Lawinenkegel über der Waldgrenze, immer höher und höher steigend, bis wir gegen Abend an einem stäubenden Bach halten mussten. Über uns fiel das Wasser über steile Felsen, und etwa eine Seillänge weiter unten herrschte derselbe Zustand. Dies war die einzige Stelle, wo überhaupt eine Überquerung in Frage kam. Es war ein gewagtes Unternehmen; aber wir meisterten es! Noch einige steilabfallende Felsbänder mussten erklettert werden, bevor der Südgletscher endlich in Sicht kam. Einen eigentlichen Abbruch gab es nicht; die Eismassen waren während der letzten Jahre im unteren, flachen Teil des Gletschers stark geschmolzen und hatten den feingeschliffenen Fels freigelegt. Vereinzelte Brocken lagen darauf und formten ideale Lagerstellen. Wir nützten dies aus, indem wir im Windschatten eines solchen Brockens unser Hochlager herrichteten. Mein Höhenmesser zeigte 2150 Meter - und drei Stunden später 38 Meter mehr, was als das Zeichen einer Wetteränderung angesehen werden konnte. Die feinen Cirruswolken im Westen bestätigten die Vermutung. Wir wussten aus Erfahrung, dass in ungefähr zwölf Stunden die Gipfel und Täler von Schlechtwetter heimgesucht würden. Der Ausblick von unserem Lager war einzigartig: Tief unten sahen wir die Stelle, wo sich der North Rice Brook mit dem südlichen Arm vereinigt, um einige Kilometer weiter talabwärts als Rice Brook in den Bush River zu fliessen. Die obere Waldgrenze liegt in dieser Gegend um 2100 Meter herum. Darüber sind spärliche Weiden sichtbar, oben durch ausgedehnte Schutthalden begrenzt. Die untergehende Sonne liess ihre letzten Strahlen über die steilen Schneefelder und Hängegletscher des Mt. Spring Rice, Mt. Queant, Mt. Fresnoy,Mt. Whiterose und Mt. Cockscomb fluten, während dunkle Schatten in die Tiefen krochen. Die Wetterlage hatte sich über Nacht verschlimmert. Vom Westen her kam Wolkenbank um Wolkenbank angesegelt. Über uns war der Himmel immer noch klar, und wir schätzten, dass es ungefähr noch drei Stunden so bleiben werde. Nach einem kräftigenden Frühstück verliessen wir unser Lager, mit leichten Rucksäcken ausgerüstet. Es war vier Uhr morgens und kühl. Eine halbe Stunde später erreichten wir den steilen Südgletscher. Wir schnallten die Steigeisen an die Schuhe und seilten uns an. Bis zur Lücke hinauf, in deren Mitte ein grosser Gendarm steht, beträgt der Höhenunterschied 1000 Meter, bei einer durchschnittlichen Steilheit von 45 Grad. Wir hatten als Aufstiegsroute den Kamm zwischen zwei Lawinenrunsen gewählt. Die Runsen waren ungefähr 4 Meter tief und nicht viel breiter. Der Kamm verschmälerte sich im oberen Teil zur scharfen Kante, was das Steigen mehr oder weniger anstrengend machte. Ich fühlte mich seit dem frühen Morgen im Vollbesitz meiner Kräfte und führte unsere Seilschaft ohne einmal anzuhalten in weniger als zwei Stunden zur Lücke hinauf. Der Schnee war so hart gefroren, dass die Steigeisen ungefähr halbe Zackenlänge griffen, wodurch mir das Stufenschlagen erspart blieb. Von Zeit zu Zeit kamen Steine hüpfend und gleitend von oben und schössen den Runsen entlang pfeifend an uns vorbei. Wir umgingen den Gendarm linkerhand und standen einen Augenblick später in der Lücke. Hier waren wir aus dem Bereich des Steinschlages. Welch erleichterndes Gefühl! Zum erstenmal sahen wir nun die drei Gipfel des Mt. Bryce in Reichweite. Wir hatten im Sinn, den Mittelgipfel über die Westverschneidung zu besteigen, die gleiche Route als Abstieg zu benützen und, wenn es die Verhältnisse erlauben würden, den Hauptgipfel über den Ostgrat zu erreichen. Der Höhenmesser zeigte 3180 Meter. Es war halb sieben Uhr. Sicherheitshalber massen wir die Richtung zum Mittel- 187 gipfel mit dem Kompass. Ein breiter Bergschrund lief den vereisten Felsen der drei Gipfel entlang. Die verschiedenen Grate waren vereist, und ungeheure Wächten hatten sich geformt. Wir marschierten angeseilt dem Bergschrund entlang, den wir unterhalb des Mittelgipfels, eine Schneebrücke benützend, überquerten. Hier, im Windschatten hinter einem Felsblock, genehmigten wir ein zweites Frühstück von Dörrobst und Trockenfleisch. Vor uns dehnte sich ein grosses Schneefeld aus, das gegen Osten breite Spalten aufwies und zwischen dem Mittel- und Westgipfel auf einer Höhe von 3100 Metern einen Pass bildet, von welchem der sehr steile Nordwestgletscher abfällt.

Robi übernahm nun die Führung. Die Verschneidung bot verhältnismässig leichte und angenehme Kletterei. Die einzige Schwierigkeit war ein Eiscouloir von zirka halber Seillänge und 60 Grad Steilheit. Robi musste einige Stufen mit einem Eishaken herstellen, denn wir hatten die Pickel weiter unten zurückgelassen. Den höchsten Punkt der Felsformation erreichten wir gegen acht Uhr. Ich las eine Höhe von 3450 Metern an meinem Höhenmesser ab - 85 Meter mehr als die topographische Höhe. Dies war dem fallenden Barometerstand zuzuschreiben und für uns eine Warnung. Wir bauten einen Steinmann und schrieben unsere Namen, das Datum und die herrschende Wetterlage auf ein Stück Papier, steckten es in eine kleine Kunststoffbüchse, die wir mit Klebband abdichteten und zwischen die oberen Platten des Steinmannes schoben. Die ersten, aus dem Westen ankommenden Wolken spannten sich in grossem Bogen vom Mt. Columbia im Norden zum Mt. Alexandra im Süden. Alle Gebirgszüge gegen Westen waren hinter dichten Schnee- und Regenfronten versteckt. Die Wetterlage sah so hoffnungslos aus, dass wir beschlossen, die Besteigung des Hauptgipfels aufzugeben und unser Heil in einem möglichst raschen Rückzug zu suchen. Noch ein letzter Blick über den enorm steilen Nordwestgletscher hinunter zum Bryce Creek, der 2500 Meter tiefer liegt, und wir begannen den Abstieg. Die ersten Schneeschauer überfielen uns, bevor wir den Südgletscher erreicht hatten. Die Steigeisen waren wiederum von Vorteil und gewährten uns einen sicheren und schnellen Abstieg.

Im Hochlager angelangt, stärkten wir uns durch eine gute hochalpine Freiluftmahlzeit, packten unsere Siebensachen und setzten den Abstieg fort. Die Überquerung des Baches war heute nicht so schwierig, da die Temperatur in der Höhe unter dem Gefrierpunkt blieb und somit wenig Schmelzwasser floss. Wir benützten eine Runse, die durch die Lawinen vom Winter und Frühjahr kahl-gefegt war. Donner war aus der Ferne hörbar. Die Gegend hüllte sich immer mehr in Wolken, und das Tageslicht verlor mit jeder Minute an Helligkeit. Wir rannten bergab, wenn immer es die Bodenbeschaffenheit erlaubte, um, wenn möglich, den North Rice Brook zu erreichen, bevor das heranziehende Gewitter uns zum Anhalten zwingen würde. Nun begannen Blitze aufzuleuchten, gefolgt von rollendem Donner. Vereinzelte Regentropfen trieb der an Stärke zunehmende Wind durch das Laub- und Nadelwerk des Bergwaldes. Wir hofften, unseren alten Lagerplatz hinter der Moräne zu erreichen, doch wurden wir vom anbrausenden Sturm daran verhindert. Minuten bevor sich die Schleusen der Gewitterwolken öffneten, hatten wir auf einer Kiesbank in der Nähe des Baches unsere Regenplachen sturmsicher vertäut und schauten nun von unserm Obdach aus dem Spiel der Naturgewalten zu: Blitze, kreuz und quer schiessend, beleuchteten geisterhaft die nächste Umgebung; Donner, oft splitternd, oft rollend, liessen jedes andere Geräusch verstummen; der Regen prasselte wie ein dichter Vorhang nieder, Pfützen bildeten sich, das Gras und der blühende Vetch ( Vicia ) wurden flach auf den sandigen Boden gedrückt, die Sträucher wurden hin- und hergerissen, als ob eine grosse, unsichtbare Hand sie auszureissen versuchte. Die Tannen bogen sich unter dem Winddruck, Äste knickten, alte Urwaldriesen stürzten krachend zu Boden, da entwurzelt, dort auf halber Höhe geborsten. So boten uns die Naturgewalten ein Drama auf freier Schaubühne. Es war eine unbarmherzige Prüfung des Alten und Schwachen, und oft litt auch das Junge und Starke darunter. Der Sturm tobte während langer Zeit; allmählich liess er aber in seiner Gewalt nach. Der wolkenbruchartige Regen wurde schwächer und ging langsam in einen starken Dauerregen über. Die Luft war frisch und kühl. Wir kochten das Abendessen, richteten die Lagerplätze bequem ein, schlüpften in die Schlafsäcke und warteten auf den wohlverdienten Schlaf.

Die ganze Nacht hindurch fiel der Regen, und es machte nicht den Eindruck, dass er in nächster Zeit nachlassen würde. Tiefliegende Wolken hüllten das Tal ein; Schnee war bis auf eine Höhe von 2000 Metern hinunter gefallen. Mit geschulterten Rucksäcken und übergezogenem Regenschutz traten wir den Rückmarsch an. Mit den Eispickeln schlugen wir an die herabhängenden Äste, um sie vom schweren Regen zu entlasten, bevor wir unter ihnen durchzogen. Dies schützte uns vor den Schauern, die jedesmal erfolgten, wenn einer diese Massnahme vergass. Die niedrigen Büsche der Heidel- und Wacholderbeeren nässten uns innert kürzester Zeit bis zur Gürtellinie hinauf; die Regenpelerinen zerrissen im Dickicht, und von da an ertrugen wir mit stoischem Gemüt die durchdringende Nässe. Fröstelnd machten wir eine kurze Rast, als wir den Thompson-Pass erreichten. Hier lag frischgefallener Schnee. Einige Wolfspuren kreuzten den Pfad. Die Gegend sah winterlich aus. Wir eilten talwärts.

Trotz andauernden Regenfalles und Durchnässtseins konnte ich nicht an der halbverfallenen Fallenstellerhütte vorbei, ohne den Fuss über ihre Schwelle zu setzen. Da war ein verrosteter Ofen, auf dem eine Pfanne, gefüllt mit Föhrenzapfen und kleinen, dürren Zweigen, stand. Ein rohge-hauener Tisch stand in der Mitte des Raumes, und in der Ecke befand sich eine Schlafstelle, auf der trockenes Gras und Moos lagen. Alle Einrichtungen und die Wände wiesen Axtkerben auf und verrieten den Meister in der Handhabung dieses Werkzeuges. Zurechtgesägte und gespaltene Scheiter waren unter der Schlafstelle aufgeschichtet, und feine Späne lagen in der Nähe des Ofens am Boden. Wäre das mit Moos und Erde beladene Dach nicht halbwegs eingedrückt gewesen, das Innere der Hütte hätte den Eindruck erweckt, sie sei erst kürzlich verlassen worden.

Der Pfad zum Castleguard River hinunter war teilweise mehr ein Wildbach als ein Fussweg. Wir wateten über lange Strecken im über schuhtiefen Wasser. « Von oben tropft es, von unten spritzt es, was kann da noch mehr nass werden », muss Jo gedacht haben, als er ohne Zögern durch die reissenden Fluten des Castleguard pflügte. Wir drei anderen waren nicht weniger nass, als wir den Lagerplatz erreichten, obschon wir vorsichtig die « Tannenbrücke », die bedenklich in der Strömung hin- und herschwang, zur Querung benützten. Wir machten ein grosses Feuer, wärmten uns, assen aufgeweichtes Brot, kochten Suppe und Tee und waren in humorvoller Stimmung. Wir sassen unter den Piachen, die wir über Stangen aufgespannt hatten. Alles war nass, sogar Ersatzwäsche und Schlafsäcke. Wir trockneten die einzelnen Stücke am Feuer, so gut es ging, stopften sie in die Schlafsäcke, so dass sie uns mehr Isolation gegen die kalte Nachtluft geben konnten. Nach einigen Stunden im Schlafsack war es wie in einem Dampfbad, feucht, aber warm, und so konnten wir mindestens einige Stunden schlafen. Gegen Morgen endete der Regen. Nebel zogen in langen Schwaden den Talseiten entlang bergaufwärts. Die umliegenden Gipfel, wo immer sie durchblickten, leuchteten kalt und eisig in ihrem weissen Gewand, das ihnen der Sommersturm übergezogen hatte. Gegen Mittag zeigte sich die Sonne zum erstenmal seit zwei Tagen, und ihre Strahlen wärmten die feuchten Jacken. Zu dieser Tageszeit hatten wir den oberen Teil der Castleguard Medows erreicht. Ein kräftiger Wind begann zu blasen und trieb uns zu schnellerem Gang an. Die Wolken zogen ostwärts, tiefblauen Himmel hinter sich lassend. Die Sonne brannte wieder heiss hernieder. Regennasse Blumen und Gräser richteten sich auf, Wasserlachen, die sich auf Steinen gebildet hatten, trockneten aus, und die Nässe verschwand von den Felsen wie der Nachtschatten über dem morgendlichen Feld. Nach einigen Stunden herrschte wieder Hochsommer über der Bergwelt, und nur das geübte Auge sah die wenigen Spuren, die der kürzlich durchgezogene Sturm hinterlassen hatte.

So war es auch mit uns: Die Blasen an den Fersen, die Kratzer an den Armen und den Händen waren schnell verheilt, nur der Stolz und die Genugtuung, eine Erstbesteigung, eine herrliche Bergtour erfolgreich durchgeführt, einige Tage inmitten der gewaltigen Natur verlebt zu haben, strahlten aus unseren gebräunten Gesichtern; aber auch dieses Strahlen war nur noch dem geübten Auge sichtbar.

Feedback