Berge und Bücher sind sein Leben Lieni Roffler, Bergführer und Buchhändler

Vom Bergführer zum Buchhändler: Lieni Roffler hat seinen Arbeitsplatz von den Bergen in die Stadt verlagert. Nun führt ihn sein Engagement für Alpinkultur zurück ins Bündnerland.

Wer in den Piz kommt, sucht meistens etwas ganz Bestimmtes: eine Karte für Schneeschuhtouren im Ober­engadin, einen Kletterführer für Mazedonien oder die 25 000er-Karte zum Cerro Torre in Argentinien. Bei Lieni Roffler sind Alpinbegeisterte mit ihren Wünschen an der richtigen Adresse. Und falls nicht: Dank seinen internationalen Verbindungen kann der 52-Jährige jede Karte in nützlicher Frist organisieren.

Infos aus erster Hand

Aber die Kunden der Buchhandlung Piz schätzen nicht nur diesen Service: Sie wissen, dass Bergführer Lieni Roffler durch seine gute Vernetzung in der Alpinszene viel Insiderwissen hat. «Manche Berggänger nageln mich richtig mit Fragen», grinst er und gibt Beispiele: Wie ist der aktuelle Zustand des Hüttenzustiegs zur Fornohütte? Erlauben die Schneeverhältnisse die Skitour auf die Sulzfluh? Wo finde ich einen Guide für den Aconcagua? Der Piz ist eben auch eine alpine Infobörse. Das wissen die Kunden zu schätzen: Die Buchhandlung hat eine grosse Stammkundschaft, die gerne auf einen Schwatz hereinschaut und die neusten Erscheinungen studiert. Dazu gehören viele Bergführer. Kürzlich habe einer aus Pontresina angerufen, der wegen schlechten Wetters ein Alternativprogramm brauchte und «subito» einen ganzen Kartensatz des Kleinen Walsertals per Expresssendung orderte.

Bergbücher boomen

Im Sortiment des Pizes finden sich die neuesten Tourenführer aus der ganzen Welt, mehrsprachig natürlich. Dazu Lehrbücher, DVD, Landkarten, Zeitschriften sowie Geschenkideen. Und wunderschöne Bildbände aus aller Welt zum Thema Berge und Alpinismus. Bergliteratur boomt: «Das Bergbuch scheint die allgemeine Baisse der Buchbranche wenig zu spüren», freut sich Lieni, der selber ein grosser Bücherfan ist. Allein im letzten Jahr seien rund 400 neue Bücher zum Thema Berg auf den Markt gekommen, schätzt er.

Lieni Rofflers überquellende Bücherstube hat etwas Heimeliges: In der Ecke steht ein Paar Ski, in der Mitte des Raums lädt ein schwarzes Ledersofa zum Lesen und Blättern ein. Kaum sitzen wir beim Espresso, stürmt ein Kunde herein und verlangt atemlos die Freeride-Map für das Val d’Anniviers, grad so, als fahre er gleich los ins Abenteuer. Lieni hat die Karte selbstverständlich auf Lager. Schnell eine Karte abholen, wenn man sie benötigt: Dieser Service wird in der Alpinszene geschätzt. «Das schönste Erlebnis hatte ich vor einigen Jahren auf dem Finsteraarhorn, als mich ein anderer Gipfelstürmer erkannt hat und sogleich eine Bestellung für eine Karte bei mir deponierte», erzählt Lieni.

Nische entdeckt

Die familiäre Situation hatte den aus dem bündnerischen Fanas stammenden Bergführer in den 1990er-Jahren veranlasst, seine berufliche Situation zu überdenken. Ein Besuch des Münchner Alpinmuseums mit einer ausladenden Bücherecke zu Alpinthemen war der zündende Funken. In der deutschsprachigen Schweiz war dieser Bereich damals eine veritable Marktlücke. Es gab hier keine Buchhandlung mit Spezialkarten oder Bergliteratur.

Mit etwas Kapital aus der Familie konnte Lieni im Herbst 1997 den Piz eröffnen. Das Ereignis sprach sich rasch herum. Anfänglich führte er im Lokal auch Lesungen, Filme und sogar Konzerte durch. Für Anlässe gibt es heute keinen Platz mehr. Die Fülle der Bücher hat massiv zugenommen. Dafür gehört Lieni seit Kurzem zusammen mit weiteren Alpin­kultur­interessierten zum OK-Team des Bergfahrt-Festivals (s. Kasten), das 2004 von Emil Zopfi gegründet wurde und im Juni mit neuer Trägerschaft in Bergün drei Tage lang die Bergkultur ­feiert.

Bergsteiger stöbern gern

Auf insgesamt über 8000 Titel schätzt Lieni sein Sortiment. Kaufen kann man zwar auch online. Doch der virtuelle Besuch des Ladens ist kein Vergleich zum richtigen Piz, wo man regelrecht eintaucht in die Bergwelt. «Man müsste sich im Piz einschliessen lassen und eine Nacht lang in den fetten Bildbänden herumblättern können.» Diesen Satz habe er kürzlich aufgeschnappt, als drei junge Burschen seine Buchhandlung verlassen hätten, erzählt ­Lieni schmunzelnd.

Neben Lieni betreuen drei weitere Teilzeiter den Piz. Das erlaubt ihm, regelmässig in die Berge zu gehen, sei es zum Eisklettern oder für Skitouren. Einmal die Woche trifft man ihn auch in der Kletterhalle an. Als Bergführer ist er wenig unterwegs, allenfalls noch mit seinen Stammgästen. «Aber frische Bergluft zum Durchatmen brauche ich regelmässig», betont Lieni.

Bergfahrt-Festival Bergün

Bergkultur in allen Facetten gibt es vom 17. bis 19. Juni in Bergün. Das in seiner Form völlig neue Festival ist dem Literaturfestival «Bergfahrt» entwachsen. Dessen Gründer Emil Zopfi hat die Leitung an ein neues Gremium abgegeben. In Bergün steht nun nicht mehr die Literatur alleine im Mittelpunkt. Etliche Konzerte, Filme, Theaterstücke und drei Work-shops bereichern das überraschende, kurzweilige Programm.

Mehr unter www.bergfahrt­festival.ch

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