Bergfahrten im Gebiet des Hinterrheins

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Aus den Erinnerungen eines Bergpfarrers.

Mit 1 Bild ( 100).Von R. Lejeune

( Zürich, Sektion Hinterrhein ).

Die Surettagruppe.

Dem Wanderer, der bei Rania aus der engen Schlucht der Viamala heraustritt und seine Blicke erwartungsvoll dem sich vor ihm öffnenden Tale zuwendet, zeigt sich als Erstes die Surettagruppe, und bald darauf, wenn sich kurz vor Zillis das ganze Schamsertal dem Auge darbietet, bildet diese Gruppe den harmonischen Talabschluss. Sooft ich selber Sonntags nach der Frühpredigt in Pignieu den Hang hinunterschritt, schaute ich erst noch einen Augenblick zum Surettahorn hinüber, das bisweilen in strahlender Klarheit über der düsteren Roffla aufleuchtete, bevor ich meine Gedanken wieder auf die bevorstehende Predigt in Andeer konzentrierte. Weitaus den schönsten Blick auf die Suretta geniesst man indessen von den Andeerer Maiensässen und ganz besonders von dem hinter der Alp Durnaun gar malerisch zwischen die Caschleras und den Muttang eingebetteten Lai lung aus, steht man hier doch der ganzen Gruppe, die sich in weitem Bogen um den hübschen Gletscher legt, direkt gegenüber. Die Surettagruppe bietet aber auch reiche Gelegenheit zu schönen Bergfahrten, die durch den Surettagletscher, der sich bis weit ins Tal hinunterzieht, noch einen besonderen, in diesem Gebiet recht seltenen Reiz erhalten.

Schon in meinem ersten Andeerer Sommer, am 8. August 1916, suchte ich erstmals die Surettagruppe auf. Um 5 Uhr morgens von Andeer aufbrechend, stieg ich zunächst über die Alp Ursera zum Hirli, 2750 m ., an, dessen Gipfel ganz leicht über den nordwärts auslaufenden Grat erreicht wird und bei seiner das ganze Schams beherrschenden Lage eine sehr schöne Aussicht bietet. Von hier setzte ich meine Gratwanderung über den hinteren Hirli ( P. 2859 m ) hinweg zum Piz 1a Mutalla ( 2960 m ) fort und drang, stets dem Grate folgend, bis zum Piz Por vor, der mit seinen 3033 m das Surettahorn noch um ein Weniges überragt und somit die höchste Erhebung der ganzen Gruppe darstellt. Gerne hätte ich die schöne und abwechslungsreiche Gratwanderung noch bis zum Surettahorn, meinem eigentlichen Ziele, ausgedehnt, doch war es inzwischen bereits 3 Uhr nachmittags geworden, so dass ich es für ratsamer hielt, an den Abstieg zu denken. Ein Stück weit kehrte ich auf dem Grat zurück, stieg hierauf nordwärts zum Gletscher ab, wo ich erst einen unter dem ganzen Berge sich hinziehenden Bergschrund zu überwinden hatte, und gewann dann sehr rasch über Firn, Geröll und steile Rasenhänge die Talsohle. Durch das hübsche Surettatal erreichte ich bald die grosse Poststrasse, und rüstigen Schritts ging 's sodann durch die Rofflaschlucht nach Andeer hinaus, wo ich erheblich früher, als ich gerechnet hatte — nur etwas über drei Stunden nach meinem Aufbruch vom Gipfel — anlangte.

Nachdem ich so meine erste Entdeckungsfahrt in die Surettagruppe beim Hirli, dem äussersten Punkt der östlich vom Sure ttatal laufenden Kette, begonnen hatte, setzte ich bei einem späteren Unternehmen — am 17. Juli 1918 — am gegenüberliegenden Ende an, um über die westliche Kette gegen das Surettahorn hin vorzudringen. Kurz vor den Hütten der Surettaalp stieg ich in westlicher Richtung zu P. 2252 m an, passierte erst das Mittaghorn ( 2510 m ) und gelangte in hübscher, leichter Gratwanderung über P. 2565 und 2543 m zum Seehorn ( 2760 m ). Länger, als es meine Rast gerechtfertigt hätte, verweilte ich unterwegs auf dem Grate, um dem reizvollen Spiel eines Rudels Gemsen zuzuschauen, die zu meinen Füssen auf einem Schneefeld wie Kinder regelrecht « Fangis » machten, bis ich schliesslich, mich von meinem Beobachtungsposten erhebend, ungewollt zum Spielverderber wurde. Die Fortsetzung meiner Gratwanderung über die südlich sich anschliessenden Gipfelchen gestaltete sich touristisch wesentlich interessanter: die Traversierung des mittleren Seehorns — wie man vielleicht P. 2750 m nennen könnte — wies zumal im Abstieg einige Schwierigkeiten auf, und der Abstieg über den Westgrat des inneren Seehorns — P. 2740 m — brachte nach Überwindung der oberen Kalkpartien hübsche Blockkletterei, bis ich schliesslich bei einem kleinen Jägerpass anlangte. Den Gedanken, noch bis zum Surettahorn vorzustossen, musste ich freilich auch dieses Mal der vorgerückten Stunde wegen aufgeben, so begnügte ich mich denn damit, wenigstens noch dem äusseren Schwarzhorn ( 2760 m ), das als dunkler, massiver Klotz der Surettagruppe vorgelagert ist, einen kurzen Besuch abzustatten. Über den Firn und ein Schneecouloir erreichte ich die kleine Scharte südöstlich des Gipfels, von wo mich der kurze, aber recht interessante Südostgrat rasch zur Spitze führte. Für den Abstieg wählte ich den Nordgrat, der im obersten Teil einige steile, von kleinen Rissen durchsetzte Platten aufwies, im übrigen aber sich ohne Schwierigkeit bezwingen liess. Mit dieser — vermutlich erstmaligen — Traversierung des kleinen, aber in seinem ganzen Aufbau recht trotzig sich ausnehmenden Gipfels hatte ich für diesmal meiner Unternehmungslust und Entdeckerfreude Genüge getan, und ich schloss diese zweite Fahrt in die Surettagruppe mit einer längeren Rast an den prächtigen Surettaseen ab, über denen im leuchtenden Abendglanz dieses Sommertages ein ganz besonderer Zauber lag. In der Abenddämmerung eilte ich Splügen zu, um dann noch — wie so oft — bei Nacht durch die Roffla nach Andeer hinaus zu wandern. Auch solches Wandern bei Nacht hat seinen Reiz: das Geheimnis, das eine derartige Schlucht in sich birgt, tritt einem fühlbar entgegen, und unwillkürlich beschäftigen sich die Gedanken auch mit der Geschichte, die solch eine Bergstrasse im Lauf der Jahrhunderte, ja Jahrtausende erlebt hat.

Nachdem ich auch bei diesem zweiten Anlauf zwar wiederum ein schönes Stück der mannigfaltigen Gruppe kennen gelernt hatte, aber nicht bis zum Hauptgipfel gelangt war, rückte ich diesem bald darauf — am 31. Juli — direkt zu Leibe. In der Morgenfrühe von Andeer aufbrechend, stieg ich durch das Surettatal zum Surettagletscher hinan, betrat denselben in seinem östlichen Teile und querte ihn dicht am Fusse des Mutalla- und Porgipfels, bis ich die tiefe Einsattelung südwestlich des Piz Por erreichte.Von hier folgte ich dem Grate, der hier zugleich die Grenze bildet, über seine verschiedenen Erhebungen — auf der letzten erinnert ein Gedenkkreuz an einen verunglückten italienischen Alpinisten — bis zu den beiden Gipfeln des Surettahorns, der Punta Rossa und Punta Nera ( 3031 m ). Der Abstieg über den Nordgrat — zu dieser Zeit ein steiles, scharfes Schneegrätchen — erforderte einige Vorsicht, und dem recht respektablen Bergschrund am Fuss des Grates wich ich aus, indem ich links sehr steil zum Firn hinunterstieg. Vom Firnsattel aus wandte ich mich erst noch dem zur Gruppe der Schwarzhörner gehörenden P. 2922 m zu, den ich in Nord-Westrichtung traversierte, um dann rasch über den Firn und um das äussere Schwarzhorn herum zu den Seen abzusteigen. Auch diesmal verbrachte ich erst noch eine eigentliche Feierstunde an dem stillen Bergsee, bevor ich den Heimweg über Splügen antrat.

Erst viele Jahre später — im Sommer 1933 — kam ich unerwartet nochmals aufs Surettahorn. An meinem letzten Ferientag sass ich gemütlich am Frühstückstisch bei meinen Andeerer Freunden, als ein paar junge Kurgäste mich bestürmten, mit ihnen noch eine « richtige Bergtour » zu machen. Der inzwischen erfolgte — von mir übrigens lebhaft bedauerte — Einzug des Automobils in die stillen Bergtäler bot einem ja die Möglichkeit, auch zu so später Stunde noch etwas zu unternehmen. So machte ich mich denn bereit, und eine Stunde später liessen wir uns bequem auf den Splügenpass hinauf führen, wo wir gegen Mittag anlangten. Von hier stieg ich mit den jungen Leuten zu dem zwischen dem inneren und mittleren Schwarzhorn gelegenen kleinen Gletscher an und erreichte über denselben den bereits erwähnten Firnsattel am Nordfuss des Surettahorns. Der diesmal bedeutend harmlosere Bergschrund liess sich recht gut überwinden, und der Gipfelgrat war gar zu meiner Überraschung völlig aper, so dass die Besteigung auch für meine wenig berggewohnten Begleiter keinerlei Schwierigkeiten bot. Auch diesmal suchten wir beim Abstieg selbstverständlich noch die schönen Bergseen auf, und in den letzten Strahlen der Abendsonne nahmen wir gar noch ein wahrhaft « erfrischendes » Bad. Dass ich mir den gewohnten Schlussmarsch von Splügen nach Andeer diesmal wiederum von dem bequemen und rascheren Auto abnehmen liess, bedeutete eine Anpassung an die neue Zeit, gegen die ich mich um so weniger sträubte, als ich ja an diesem Abend noch meine Vorbereitungen für die Abreise in der Morgenfrühe des folgenden Tages zu treffen hatte.

Noch grössere Freude bereitete es mir, an einem Augustsonntag des folgenden Jahres vier junge Andeerer — die inzwischen herangewachsenen Kinder meiner Freunde — mit mir aufs Surettahorn zu nehmen. Da meine jungen Freunde sich diese Sonntagsfreude erst noch mit gehöriger Samstags-arbeit in Werkstatt und Haus verdienen mussten, wanderte ich am Samstag allein über die Surettaalp und die Bergseen zum Splügenberg hinauf, wobei ich unterwegs mir in den reichen Heidelbeerfeldern am Westhang des Suretta-tals gütlich tat und am oberen Surettasee ein regelrechtes Strandleben mit wechselndem Wasser- und Sonnenbad führte, um erst gegen Abend über die Alp Rhäzüns das heimelige Berghaus aufzusuchen. Nachdem hier auch meine jungen Freunde eingetroffen waren, sassen wir noch ein Stündchen in der Abenddämmerung vor dem Hause und sangen einige der schönen romanischen Lieder, bevor wir unser einfaches Heulager bezogen. Am Morgen des 19. August, einem strahlenden Sonntag, stieg ich mit meinen jungen Begleitern auf derselben Route wie im Vorjahr zum Surettahorr, hinauf, und da die vier jungen Burschen und Mädchen dabei richtige Freude am Bergsteigen zeigten und die mangelnde Übung durch eine beneidenswerte natürliche Behendigkeit ausglichen, gingen wir nach der Gipfelrast noch zur Punta Rossa hinüber und folgten in umgekehrter Richtung der Route, auf welcher ich anderthalb Jahrzehnte früher erstmals das Surettahorn erreicht hatte. Beim südlichsten Punkt des weiten Bogens der Surettakette — dort wo die Grenze südwärts abzweigt — trennte ich mich für kurze Zeit von meinen Leutchen: während diese gemächlich über den harmlosen Gletscher unter dem Piz Por durch wanderten, bestieg ich rasch noch den Piz Por über dessen Westgrat, um bei dieser Gelegenheit auch dieses Gratstück — das einzige Glied in dieser schönen Kette, das mir von früher her noch unbekannt war — kennen zu lernen. Rasch traversierte ich den hübschen Gipfel und ereilte an dessen Nordostfuss mein munteres Trüppchen, um dann mit ihm ins Surettatal hinabzusteigen. Bei dieser fröhlichen Sonntagsfahrt fiel mir die ungewohnte Belebung auf, die dieses Stück Bergwelt seit meinen früheren einsamen Fahrten erfahren hatte: während ich früher selten c der nie einem Menschen begegnet war, querten jetzt verschiedene Partien den Gletscher, und von allen Gipfeln schallten einem Jauchzer entgegen. Und wenn ich auch auf meinen Bergfahrten nicht zuletzt die völlige Einsamkeit und Stille geschätzt hatte, so freute mich an dieser Wandlung immerhin die Tatsache, dass zumal die einheimische Jugend inzwischen vom Zug in die Berge ergriffen worden war.

( Schiusi folgt. )

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