Bergnotfälle Schweiz 2004. Rückgang der Notfallzahlen

Bergnotfälle Schweiz 2004

Witterungsbedingt lagen 2004 sowohl die Tourenaktivitäten als auch die Zahl der Bergnotfälle tiefer als im Vorjahr. Einen markanten Rückgang verzeichneten die Bergnotfälle im Bereich Hochtouren, eine Zunahme hingegen beim Bergwandern und bei « anderen Tätigkeiten ». Die detaillierte Auswertung der Not- und Unfälle zu den einzelnen Tätigkeitsgruppen ist dank Neuerungen in der Erfassung möglich geworden.

Nach dem Jahrhundertsommer 2003 hatte man sich als Berggänger im Berichtsjahr 2004 wieder mit wechselhafte-ren Wetterbedingungen abzufinden: Auf den eher schneearmen Winter folgten ein nasskalter Frühling und Vorsommer, und die Schönwetterperioden waren während der Hauptsaison im Sommer nur von kurzer Dauer. Dies vermochten auch die Schönwettertage im Spätsommer und Herbst nicht mehr auszugleichen. Entsprechend lagen die Tourenaktivitäten deutlich unter denjenigen des Vorjahres. Dadurch konnte ein Rückgang bei den Bergnotfällen erwartet werden, was nun durch die vorliegenden Zahlen bestätigt wird.

Bergnotfallstatistik im Wandel der Zeit

Im Schweizer Alpen-Club SAC haben zahlenmässige Erhebungen über Bergunfälle eine lange Tradition. Bereits im Jahrbuch von 1869/70 erschienen die ersten Berichte und Zusammenstellungen über das Bergunfallgeschehen im schweizerischen Alpenraum. Eine eigentliche Statistik mit klaren Definitionen entstand im Jahre 1964. In diese Erhebungen über « Die tödlichen Unfälle in den Schweizer Alpen » wurden ausschliesslich Ereignisse mit Todesopfern einbezogen. Nach einer Reorganisation des Meldewesens in der alpinen Rettung des SAC zu Beginn der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts konnten auch die nicht tödlich verlaufenen Ereignisse besser erfasst werden. Seit dem Berichtsjahr 1994 wurde das Bergnotfall- und Unfallgeschehen unter dem Titel « Bergnotfälle Schweiz » mit zwei unterschiedlichen Statistiken ausgewertet. Unter Bergnotfällen wurden alle Ereignisse zusammengefasst, bei denen Berggänger in eine Notlage geraten waren. Dazu gehören neben den Unfällen im engeren Sinne auch Erkrankungen und Evakuationen von nicht verunfallten Personen. Parallel dazu wurden die tödlichen Unfälle in einer gesonderten Statistik ausgewiesen. Besonders für Prävention und Ausbildung ist es von Interesse, das ganze Notfallgeschehen möglichst detailliert zu kennen. Eine neu eingeführte Erfassungs-software bei der alpinen Rettung erlaubt nun einen weiteren Schritt in dieser Richtung. Obwohl die detailliertere Erfassung sich zurzeit auf die Einsätze der alpinen Rettung des SAC beschränkt, erlaubt es die erweiterte Datenbasis 1 dennoch, die bisher getrennt geführten Statistiken zusammenzufassen. 2

Überblick

Bergnotfälle

Diesbezüglich wurden im Berichtsjahr ( Kalenderjahr ) 2004 in den Schweizer Alpen und im Jura 1471 Personen evakuiert, gerettet oder geborgen, was einem Rückgang von 17% gegenüber dem Vorjahr entspricht. Ausgeprägt war dieser Rückgang bei den Hochtouren mit einer Abnahme von 42% bei 280 Beteiligten. Beim Bergwandern und bei der Rubrik 1 Diese Zusammenstellungen und Auswertungen stützen sich auf die Angaben und Mitarbeit folgender Personen und Institutionen: Hans Jaggi und Frank Roth, Alpine Rettung SAC; Robert Kaspar, Hans Jacomet, Werner Schnider und Paul Ries, REGA; Thierry Rätzer, KWRO Kt. Wallis; Marco Salis, Bergrettung Graubünden SAC; Bruno Durrer, Bergrettung Air Glaciers Lauterbrunnen und Gesellschaft für Gebirgsmedizin; Andrea Romang, Air Glaciers Gstaad-Saanenland; Stephan Harvey und Benjamin Zweifel, SLF. Leider stehen uns nach wie vor die Informationen aus dem Unterwallis ( Maison du Sauvetage ) nicht vollständig zur Verfügung. 2 Aus Platzgründen ist es weder möglich noch sinnvoll, alle Auswertungen, die mit der Analyse der neuen Datenbasis entstanden sind, in diesem Bericht darzustellen. Der interessierten Leserschaft steht diese Publikation, ergänzt durch zusätzliche Auswertungen und Grafiken, auch auf der Homepage des SAC unter www.sac-cas.ch/rettung/ statistiken zur Verfügung.

Bergnotfälle 2002–2004, gegliedert nach Tätigkeit Notfallsituationen 2002–2004, gegliedert nach Ursachen « andere Bergsportarten » waren jedoch die Notfallzahlen höher als im Vorjahr. Bezogen auf die Notfallursache fällt vor allem die deutliche Zunahme der Ereignisse als Folge von « Verirren » auf. Bei der dritten Auswertung – der Schwere der Schädigung gemäss medizinischem Index – liegen alle Zahlenwerte tiefer als im Vorjahr. Wiederum waren Notfälle, die eine Hospitalisation erforderten, am zahlreichsten. Hoch ist mit 452 Beteiligten auch die Zahl der Berggänger, die unverletzt evakuiert oder gerettet werden konnten. Unter den insgesamt 147 Todesfällen waren auch 29 Ereignisse, bei denen Personen bei der Ausübung einer bergsportlichen Aktivität einem Krankheitsfall erlagen.

Tödliche Unfälle

Beim Bergsport im engeren Sinne 3 verunfallten im Berichtsjahr 2004 bei 94 Ereignissen insgesamt 108 Berggänger tödlich. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einem Rückgang von knapp 15%. Bezogen auf die einzelnen Tätigkeitsgruppen war die Zahl der Bergtoten im Hochtourenbereich und bei den Aktivitäten unter der Rubrik « Anderes » zahlreicher als im Vorjahr, während bei allen anderen Tätigkeiten ein Rückgang festgestellt werden kann. Mit 13 Personen oder 12% ist vor allem der Anteil der betroffenen Frauen markant tiefer als im Vorjahr. Ebenfalls tiefer sind die vergleichbaren Zahlenwerte der tödlich verunfallten Ausländer. Mit insgesamt 57 Personen entspricht dies einem Anteil von 53% aller tödlich verunfallten Berggänger ( Vorjahr 61% ).

Einzelne Tätigkeiten

Hochtouren

Zahlreiche Blockierungssituationen Im Sommer 2004 waren stabile Schönwetterphasen selten und beschränkten sich zumeist auf wenige Tage. Dies hatte für hochalpine Unternehmungen unterschiedliche Auswirkungen. Zwar erreichte die Ausaperung der Firn- und Gletscherzonen bei weitem nicht das problematische Ausmass wie im Hitzesommer 2003. Mehrere Kaltlufteinbrüche mit Schneefall bis gegen 3000 m verursachten jedoch mehrmals schwierige und heikle Verhältnisse.. " " .Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass viele Notfälle durch Blockierungssituationen hervorgerufen wurden, aus denen Alpinisten evakuiert werden mussten. Überraschend ist aber, dass dies doch 123 Alpi- 3 Als tödliche Bergunfälle im engeren Sinne werden in dieser Statistik vor allem die Ereignisse des klassischen Bergsteigens verstanden. Neue Formen des Bergsports werden nur eingeschlossen, wenn zu deren Ausübung kein Transportgerät verwendet worden ist. So werden bei den hier ausgewiesenen Zahlen im Besonderen die Todesfälle beim Delta- und Gleitschirmfliegen, beim Basejumping und bei der Benutzung von Mountainbikes nicht berücksichtigt. Damit sind Zahlen auch mit denjenigen früherer Jahre vergleichbar.

Bergnotfälle 2002–2004, gegliedert nach medizinischem Index Gegenüber 2003 ist im Berichtsjahr 2004 die Zahl der Bergnotfälle zurückgegangen, vor allem im Bereich Hochtouren ( –42% ). Dazu beigetragen haben die saisonal für Hochtouren wenig optimalen Wetterverhältnisse. Im Aufstieg zum Weismies während der eher seltenen Schönwettertage im Sommer 2004 Beim Bergwandern waren neben dem Bereich « andere Bergsportarten » die Notfallzahlen hingegen höher als im Vorjahr. Anspruchsvolles Alpinwanderge-lände erfordert Trittsicherheit und stabiles Schuhwerk. Beim Abstieg ins Bietschtal Fotos: Ueli Mosimann nisten oder mehr als 40% aller an einem Hochtourennotfall beteiligten Personen betraf. Sicher waren nicht immer Leichtsinn oder Ignoranz der Grund für solche Situationen. Und sicher ist es für die Bergretter weniger belastend, wenn sie statt tote Alpinisten unverletzte aus einer misslichen Lage befreien können. Unverantwortlicher Leichtsinn Dass aber auch einem besonnenen Retter in besonders krassen Fällen der Kragen platzen kann, zeigt der folgende Auszug aus einem Einsatzprotokoll: « ...Vier Alpinisten wollten den Piz Bernina über den Biancograt besteigen. Dazu waren sie aber aufgrund ihres Vorgehens – Viererseilschaft mit einem Halbseil – und ihrer mangelhaften Kondition sehr unqualifi-ziert unterwegs. Erst um 15.30 h erreichten sie den Piz Bianco ( erst hier beginnt der anspruchvollste Teil dieser Tour ). Hier wurden sie von einem Bergführer, der aufgrund einer Rettungsaktion unterwegs war, auf ihr Verhalten angesprochen. Die Seilschaft setzte aber ihren Aufstieg unbeeindruckt weiter fort. Während der folgenden 4 1 / 2 Stunden gelang es den vier Bergsteigern lediglich, 25 Höhenmeter und 120 m Distanz zurückzulegen. Bei Einbruch der Dunkelheit wurden sie sich ihrer prekären Situation bewusst und forderten mittels Mobiltelefon Hilfe an. Die nachfolgende Bergung bei Nacht und starkem Nordwind war nur noch mit einer sehr heiklen Helikopteraktion mit Windenber-gung möglich... » Tödliche Unfälle Im Hochtourenbereich sind diese zur Hauptsache auf Sturzereignisse zurückzuführen. Dazu ist auch der Absturz einer Viererseilschaft am Pollux, vermutlich durch eine starke Windböe verursacht, zu zählen. Trotz der eher günstigen Firnverhältnisse verloren wiederum insgesamt 14 Alpinisten bei 6 Mitreissunfällen ihr Leben. Der schwerste Unfall dieser Art ereignete sich auf dem Normalabstieg in der Nordwestflanke des Täschhorns, bei dem ebenfalls vier Alpinisten den Tod fanden. Die besondere Problematik solcher Unfälle ist sowohl im Rahmen dieser Statistik wie auch in anderen Publikationen schon öfter aufgegriffen worden. Ein Patentrezept zum Verhindern dieser Unfälle gibt es nicht. Abschätzen, wo auf einer Hochtour gleichzeitiges Gehen am Seil möglich ist oder wo und wann man geeignete Sicherungsmittel einsetzen muss, ist und bleibt die zentrale Frage auf solchen Touren.

Klettertouren

Sturzunfälle an erster Stelle Beim Klettern im Fels waren insgesamt 72 Personen in einen Notfall involviert. Die häufigste Ursache mit 32 beteiligten Personen waren Sturzunfälle. Diese hatten meistens Verletzungen zur Folge, die eine Hospitalisation ohne unmittelbare Lebensgefahr ( NACA 3 und 4 ) erforderten. Zwei Kletterer hingegen wurden Tabelle 1: Identität der Opfer bei tödlichen Unfällen 2003 2004 2004 Anzahl Opfer 125 108 100 Männer 98 95 88 Frauen 27 13 12 Schweizer 49 51 47 Ausländer 76 57 53 SAC-Mitglieder 12 12 11 Alterstufen. bis 10 Jahre 2 0 0 bis 20 Jahre 9 6 6 bis 30 Jahre 20 15 14 bis 40 Jahre 22 23 21 bis 50 Jahre 22 20 19 bis 60 Jahre 24 16 15 bis 70 Jahre 12 10 9 über 70 Jahre 8 14 13 unbekannt 6 4 4 Tabelle 3: Gelände bei tödlichen Unfällen 2003 2004 2004 Bergweg 22 23 21 Gras/Geröll 14 15 14 Felsen 32 12 11 Schnee Firn/Eis 43 52 48 Gletscher 11 5 5 Anderes Gelände 3 11 Hochalpen 54 54 50 Voralpen 69 54 50 Jura 2 0 0 Schlucht = 1 Tabelle 2: Tätigkeit bei tödlichen Unfällen 2003 2004 2004 Bergwandern 43 34 31 Hochtouren 36 37 34 Klettern 5 4 4 Skitouren 17 14 13 Variantenabfahren 18 7 6 Anderes 6 1211 Organisierte Touren 11 16 15 Private Touren 89 70 65 Alleingänger 27 22 20 Pilzsammeln = 5, Jagd = 2, Eisfallklettern = 1, Strahler = 1, Fischer = 1, Schneeschuhlaufen = 1, Canyoning = 1 Notfallursachen bei Hochtouren Notfallursachen beim Klettern Notfallursachen bei Ski- und Snowboardtouren sehr schwer verletzt, und vier Personen fanden den Tod.

In diesem Bericht können erstmals Aussagen über Sturzunfälle in Bezug auf den Schwierigkeitsgrad und die Routenabsicherung gemacht werden: Auf alpinen Klettertouren im leichten bis mittleren Schwierigkeitsbereich waren 6, im Klettergartengelände 8, bei schweren Touren ab dem fünften Schwierigkeitsgrad 9 und auf Mehrseillängenrouten im gut abgesicherten « Plaisirbereich » 9 Personen durch einen Sturzunfall betroffen. Der bemerkenswert hohe Anteil an Sturz-unfällen im « Plaisirbereich » mit ernsthafteren Verletzungen ist auf den ersten Blick überraschend. Einen wesentlichen Einfluss hat sicher die hohe Begehungs-frequenz. Für eine weiter gehende Analyse ist es aber noch zu früh, da langjährige Vergleiche im Rahmen dieser Berichte noch nicht verfügbar sind.

Blockierungen Fast ebenso zahlreich wie Sturzereignisse waren Notfälle durch Blockierung, aus denen Kletterer unverletzt gerettet werden konnten. Häufig wurden solche Situationen durch verklemmte Seile beim Abseilen, wegen einer falschen oder unglücklichen Routenwahl im Abstieg oder als Folge eines zu knappen Zeitbudgets hervorgerufen. Interessant ist auch ein Blick auf die Herkunft der Kletterer. Notfälle beim Klettern sind offensichtlich weitgehend « hausgemacht »: 56 Personen oder 80% der Betroffenen waren Schweizer. Tödliche Unfälle Beim Klettern starben zwei Personen an den Folgen eines Sturzes im Vorstieg. Im Weiteren wurde einer Zweierseilschaft der Zustieg zur Piz-Badile-Nordostwand von der Nordkante her zum Verhängnis. Beim Queren eines sehr steilen Schneefeldes am kurzen Seil rutschte ein Teilnehmer der gut ausgerüsteten Seilschaft aus, und die Seilschaft stürzte in den Tod. Beim vierten Unfall mit einem Todesopfer stürzte ein Kletterer im Abstieg nach einer alpinen Tour unangeseilt ab.

Tabelle 4: Ursachen von tödlichen Bergunfällen 2003 2004 2004 Sturz 84 84 78 Spalteneinbruch 6 2 2 Wechtenabbruch 3 2 2 Steinschlag 4 2 2 Eisschlag 0 3 3 Blitzschlag 4 0 0 Lawine 21 13 12 Blockierung/Er- 0 1 1 schöpfung/Verirren Andere Ursache 3 11 Unbekannt ( vermisstNotfallursachen bei Variantenabfahrten Notfallursachen beim Bergwandern Notfälle bei anderen Tätigkeiten Bei Klettertouren waren Sturzunfälle im Berichtsjahr 2004 die häufigste Notfallursache. Touren im alpinen Gelände erfordern nicht nur die Beherrschung des technischen Schwierigkeitsgrades. Auch das Wetter, der Rückweg und die Verhältnisse müssen beachtet werden. Im Ornygebiet Foto: Ueli Mosimann

Ski- und Snowboardtouren

Nicht primär Lawinenunfälle Auch hier sind die absoluten Zahlen mit insgesamt 175 von einem Notfall betroffenen Personen deutlich tiefer als im Vorjahr. Die erweiterte Auswertung zeigt auch hier einige Aspekte, die bisher nur am Rande beachtet wurden. So waren es in diesem Bereich nicht primär Lawinenunfälle, sondern vielmehr Sturzereignisse, die zu Unfällen führten. Häufig wurden diese durch einen unglücklichen Sturz während der Abfahrt verursacht. Einen beachtlichen Anteil weisen auch Notfälle als Folge von Blockierung, Erschöpfung oder Verirren auf.

Tödliche Unfälle In dieser Tätigkeitsgruppe mit insgesamt 16 betroffenen Berggängern überwiegen jedoch die Lawinenverschüttungen mit insgesamt 7 Todesopfern deutlich. Dabei fanden 4 Personen bei erheblicher und 3 Tourengänger bei mässiger Lawinengefahr den Tod. Häufig kann beobachtet werden, dass bei Gefahrenstufe 3 ( erheblich ) noch Touren angegangen werden, die klar nicht mehr dem « grünen Bereich » zugeordnet werden können. Im Skitouren- wie auch im Variantenbe-reich werden von verschiedenen Institutionen seit Jahren bezüglich Ausbildung und Prävention sehr grosse Anstrengungen unternommen. Unverständlich ist, dass noch immer viele Skitourengänger entweder die Lawinenprognose ignorieren oder die heutigen Erkenntnisse über die Einschätzung der Lawinengefahr nicht anwenden oder kennen. Es ist sehr gewagt, bei Lawinengefahr das Limit auszuloten, denn die statistische Wahrscheinlichkeit, bei einer Lawinenverschüttung ums Leben zu kommen, ist im Vergleich zu den anderen Unfallursachen wesentlich grösser. So konnte im Berichtsjahr 2004 ein Drittel aller Skitourenfahrer, die in eine Lawine gerieten und in deren Folge die Bergrettung aktiv werden musste, nur noch tot geborgen werden. Bei allen anderen Unfallursachen liegen die vergleichbaren Werte rund dreimal tiefer.

Variantenabfahrten

Unterschiedliche Unfallursachen Bei Ski- und Snowboardabfahrten abseits von gesicherten Pisten gerieten insgesamt 105 Personen in eine Notfallsituation. Skifahrer waren mit 64 Personen oder gut 60% häufiger betroffen als Snowboarder. Mehr als die Hälfte aller Vorkommnisse in dieser Kategorie wurden durch Sturz oder Absturz verursacht. Aber auch Verirren und Lawinenverschüttungen waren nicht selten.

Tödliche Unfälle 4 Skifahrer kamen bei Lawinenunfällen ums Leben, und 2 Snowboarder starben durch Sturz oder Absturz. In der öffentlichen Meinung werden Skifahrer und Snowboarder, die sich ausserhalb des Pistenbereichs bewegen, nicht selten als verantwortungslose Hasardeure wahrgenommen. Es gibt aber auch andere Hintergründe, weshalb es ausserhalb des gesicherten Geländes zu schwer wiegenden Unfällen kommt, wie das folgende Beispiel zeigt: « Anlässlich eines Skitags im Toggenburg wird nach dem Mittagessen den fünfzehnjährigen Schülern freies Fahren auf den markierten Skipisten erlaubt. Dies wird mit der Auflage verbunden, für die Rückreise mit dem Reisecar rechtzeitig um 16 Uhr bei der Talstation in Unterwasser einzutreffen. Eine Siebner-gruppe, bestehend aus 6 Snowboardern und einem Skifahrer, wähnt sich auf der letzten Abfahrt in Zeitnot und entschliesst sich zu einer Abkürzung. Die ortsunkundigen Schüler verlassen die markierte Piste. Anfänglich ist das Gelände noch einfach, geht aber bald in felsdurchsetzte Steilhänge über, die mit den Boards und den Ski nicht mehr befahrbar sind. Nun versucht die Gruppe, zu Fuss einen Durchschlupf zu finden. Dabei rutscht zunächst ein Schüler aus, seine Rutschpartie wird aber einige Meter tiefer auf einem Band von einer Tanne aufgehalten. Einen Augenblick später rutscht ein zweiter Knabe an derselben Stelle aus. Seine Rutschfahrt wird aber nicht aufgehalten, und der Schüler stürzt Situation am Piz Badile. Überblick über die Unfallstelle beim Zustieg zur klassischen Badile-NE-Wand-Route, Bergell/GR Foto: Mar co Salis

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Absturzstelle Ausrutschstelle 55° steil Querung NE-Wand Pizzo Badile Nordkante Unfallstelle in der Folge über eine 70 m hohe Felswand und zieht sich tödliche Verletzungen zu. Die andern Gruppenmitglieder verständigen nun mit einem Mobiltelefon ihren Lehrer, der die Bergrettung alarmieren kann. »

Bergwandern

( Ab-)Sturz und Erkrankungen Beim Berg- und Alpinwandern 4 wurden im Berichtsjahr 2004 insgesamt 658 Personen von einem Notfallereignis betroffen. Dies entspricht im Vorjahresvergleich einer Zunahme von gut 4%. Mit 290 Beteiligten waren Unfälle durch Sturz oder Absturz die häufigste Ursache. Deutlich zahlreicher als bei den anderen Bergsportarten waren beim Bergwandern auch Vorkommnisse als Folge einer Erkrankung. 2004 waren dies 115 Personen, wovon 26 Betroffene häufig als Folge eines Herz-Kreislauf-Problems den Tod fanden. 111 Beteiligte oder 17% aller Bergwanderer mussten infolge « Verirren » und 76 Personen wegen einer Blockierungssituation gerettet werden.

Tödliche Unfälle Beim Bergwandern kamen insgesamt 34 Personen ums Leben ( Vorjahr 43 ). Mit einer Ausnahme « Blockierung/Er-schöpfung » waren alle anderen Todesfälle auf « Sturz oder Absturz » zurückzuführen. Von diesen 33 Opfern starben 20 Bergwanderer durch Sturz oder Absturz auf einem Bergweg, und 13 Personen verunfallten im weglosen Gelände. Auf Bergwegen sind « Stolpern » oder « das Gleichgewicht verlieren » die häufigste Sturzursache. Im weglosen Gelände ist es das « Ausrutschen auf Schnee, nassem Gras oder gefrorenem Terrain », das zu tödlichen Abstürzen führt. Leider erlaubt die zur Verfügung stehende Datenbasis noch keine exakte Auswertung bezüglich der alpintechnischen Anforderungen, wie sie in der neuen Bergwan-derskala verwendet wird. Aufgrund der Route und des Unfallortes können aber sicher 9 Ereignisse mit insgesamt 10 Todesopfern der Kategorie des anspruchsvollen Alpinwanderns ab T4 – bei Markierung weiss-blau-weiss, alpine Route – zugeordnet werden.

Andere Tätigkeiten

Definition Der Einfallsreichtum der heutigen Freizeitgesellschaft kennt keine Grenzen. Dies widerspiegelt sich auch in den immer vielfältigeren Aktivitäten in den Bergen und den daraus sich ergebenden Notfall- oder Unfallsituationen. Als « Bergsport » definierte man bei der letzten Revision der Erfassungskriterien im Jahre 1991 all jene bergsportlichen Tätigkeiten, bei denen man « aus eigener Muskelkraft und Verantwortung in den Bergen unterwegs ist ». In der Bergnotfallstatistik werden solche Ereignisse unter der Rubrik « Andere Tätigkeiten » zusammengefasst. Die detaillierteren Basis-daten erlauben nun auch hier eine diffe-renziertere Auswertung. Mountainbiking, Schneeschuhlaufen, Klettersteiggehen Im Berichtsjahr 2004 waren Not- oder Unfälle beim Mountainbiking mit 24 betroffenen Personen am häufigsten. Alle Unfälle in dieser Tätigkeit wurden durch Stürze verursacht, welche mittelschwere bis schwere Verletzungen zur Folge hatten. Ein Biker fand bei einem solchen Sturz den Tod. Auch beim Schneeschuhlaufen und beim Begehen von Klettersteigen geraten Berggänger zunehmend in Not- oder Unfallsituationen, was nicht zuletzt auf die zunehmende Popularität dieser Tätigkeiten zurückgeführt werden kann. Bei den Schneeschuhläufern waren es Blockierungen oder Verirren, gefolgt von Sturz-unfällen, die am häufigsten zu einer Notfallsituation führten. Eine Schneeschuh-läuferin verletzte sich bei einem Glet-scherspaltensturz tödlich, obwohl die Gruppe, in der sie sich befand, angeseilt unterwegs war. Auch beim Begehen von 4 Die Begriffe « Bergwandern » und « Alpinwandern » sind nicht exakt definiert. Im alpinen Sprachgebrauch in der Schweiz versteht man unter « Bergwandern » das Wandern auf weiss-rot-weiss markierten Bergwegen ( Stufen T1 bis T3 der neuen Schwierigkeitsskala ). Als « Alpinwandern » hingegen bezeichnet man die anspruchsvolleren Touren ab T4 der genannten Bewertung, insbesondere auch die weiss-blau-weiss markierten alpinen Routen.

Foto: Mar co Salis Die richtige Einschätzung des Geländes ist beim Variantenfahren ein wesentliches Element der Sicherheit. Im Skigebiet von Grimentz Auf Ski- und Snowboardtouren waren Sturzereignisse die häufigste Unfallursache. Bei den Unfällen mit tödlichem Ausgang dominierten dann aber die Lawinenverschüttungen. Bei erhöhter Lawinengefahr kann eine defensive Routenwahl über einen Gratrücken Wesentliches zur Sicherheit beitragen. Am Rothorn, Obersimmental Foto: Patrice Schr ey er Foto: Ueli Mosimann Nordkante

Bergführer

Guide

Guides

Klettersteigen war Blockierung weitaus die häufigste Notfallursache.

Basejumping Basejumping, bei dem man sich mit einem Fallschirm von einer Felsklippe in die Tiefe stürzt, ist aufgrund zahlreicher Unfälle mit tödlichen Folgen in vielen Ländern verboten, noch nicht aber in der Schweiz. Offensichtlich ist die Topografie der Lütschinentäler im Berner Oberland für dieses risikobehaftete Tun gut geeignet. Im Berichtsjahr 2004 überlebten immerhin 6 von 7 Personen – vermutlich dank einer glücklichen Fügung – die Komplikationen eines solchen Ab-sprungs. 5 Möglicherweise bewahrte die häufig sehr spezielle Wettersituation am Eiger eine Gruppe von 5 Akteuren davor, die Risiken dieser Tätigkeit auszuloten: Nebel in der Nordwand verhinderte den Absprung vom so genannten « Pilz », einem abgespaltenen Felsturm am Rand der Eigernordwand. Ohne geeignete Ausrüstung war ihnen aber der Rückweg zur Westflanke aus eigener Kraft nicht mehr möglich, und sie mussten von ihrem Standort aus evakuiert werden.

Tourenplanung als Prävention

Mit der vorliegenden detaillierteren Auswertung zeigt sich, dass primär nicht tödliche Unfälle das Not- und Unfallgeschehen prägten, sondern Interventionen, bei denen die betroffenen Personen unverletzt geborgen oder evakuiert werden mussten. Ebenso kann davon ausgegangen werden, dass auch die Betroffenen mit Verletzungsfolgen in den meisten Fällen dank der Bergrettung und der nachfolgenden medizinischen Behandlung wieder gesund wurden. Dieses letztlich erfreuliche Fazit darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für die Bergretter problematisch und nicht selten auch sehr gefährlich sein kann, wenn sie bei Nacht und Nebel Berggänger evakuieren oder bergen müssen, die – leider nicht selten – die elementarsten Grundsätze missachtet haben. Prävention beginnt nicht erst mit einem Präventivein-satz der Bergrettung, sondern bereits mit einer vernünftigen Tourenplanung. a Ueli Mosimann, Alpine Rettung SAC 5 Beim Basejumping gibt es nicht selten Todesfälle, bei denen wegen der leichten Erreichbarkeit des Unfallortes im Talboden die Bergrettung nicht involviert wird. Solche Ereignisse können und werden in dieser Statistik nicht erfasst.

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Der « Pilz », ein abgespaltener Felsturm in der Eiger-Nordwand, ist ein beliebter Startplatz für Basejumper. Von hier stürzen sie sich, ausgerüstet mit einem Fallschirm, in die Tiefe.

Foto: Thomas Ulrich Hartnäckiger Nebel verunmöglichte diesen fünf Basejumpern den Sprung vom « Pilz ». Da sie keine Alpinausrüstung dabeihatten, konnten sie nicht mehr aus eigener Kraft zum Ausgangspunkt auf der Westflanke zurückkehren.

Fotos: Fritz Jaun

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