Bergsteigen ist auch Storytelling Reinhold Messner und das heutige Bergsteigen

Er gilt als Ikone des Himalaya-Bergsteigens: Reinhold Messner hat als erster Mensch alle 14 Achttausender bestiegen. Der 72-Jährige ist froh, nicht heute mit der Bergsteigerkarriere beginnen zu müssen.

Wären Sie heute 20 Jahre alt, welches wären Ihre Ziele?

Reinhold Messner: Ich habe das Glück, nicht mehr 20 Jahre alt zu sein. Meine Generation wurde in die Zeit nach dem Krieg geboren und hatte alpinistisch betrachtet noch alle Möglichkeiten. Wäre ich aber jetzt nochmals jung, so würde ich mich nicht mehr zuerst als Felskletterer versuchen.

Weshalb?

Bis 25 war ich sehr ehrgeizig und wollte der beste Kletterer sein weit und breit. Ich war auch gut. Aber wenn ich sehe, wie die Besten heute klettern, muss ich sagen: Wir waren Dilettanten.

Was gibt es im klassischen Alpinismus noch zu holen?

Die Möglichkeiten reichen noch für 1000 Jahre! In den letzten Jahren wurden Routen gemacht, die höher sind als die Eiger-Nordwand und zudem viel abgelegener und schwieriger. Zum Beispiel was David Lama und Hansjörg Auer am Annapurna III versucht haben: Da ist zwischendurch einmal ein Pfeiler drin, der ist 2000 Meter hoch und durchgehend senkrecht. Da kann ich nur sagen: Hut ab, auch wenn sie nicht raufgekommen sind.

Aber solche Begehungen – so spektakulär sie auch sind – finden heute doch ausserhalb der Fachwelt kaum Beachtung mehr. Das war zu Ihrer Zeit anders.

Es ist heute für die Jungen tatsächlich schwierig geworden, ihre Geschichten an den Mann zu bringen. Da tun sie mir Leid. Wir konnten einfach sagen: «Wir haben eine Erstbesteigung gemacht.» Oder: «Wir sind allein hochgestiegen.» Und alle hörten hin. Wenn heute ein Junger kommt und sagt: «Ich habe auf dem Nebengipfel des Kunyang Kish eine schwierige Erstbegehung gemacht», dann entgegnet der Journalist: «Das ist nicht einmal ein Achttausender.»

Woran liegt es, dass die Öffentlichkeit das Achttausender-Bergsteigen immer noch pauschal als Königsdisziplin bewertet – obschon die Höhe nicht gleichbedeutend ist mit der Schwierigkeit?

Das muss man historisch betrachten. Nach 1964 waren alle Achttausender bestiegen. Dann kam meine Generation mit Chris Bonington als Leader. Wir haben diese Berge erneut bestiegen – auf schwierigen Routen. Das war die Wende vom Eroberungsalpinismus hin zum Schwierigkeitsalpinismus. Doch die Medien haben es versäumt, zu erklären, was die Unterschiede sind. Dass es nicht das Gleiche ist, den Everest über den präparierten Normalweg zu besteigen oder ihn in Eigenregie durch die Nordwand zu erklimmen, wie es Erhard Loretan und Jean Troillet taten. Und damit wurde die «schwierige Route» einfach nicht wahrgenommen. Das muss jetzt stattfinden.

Wie soll das gehen?

Der traditionelle Alpinismus ist auch Storytelling. Wer in der Lage ist, seine Geschichte so zu erzählen, dass er ein breites Publikum findet, wird auch seinen Platz in der alpinen Geschichte haben.

Welche Rolle spielen da die Social Media?

Sie liefern enorme Flut an Informationen. Aber es bleibt vielfach ein Austausch unter Insidern. Nichts woran die Öffentlichkeit wirklich teilhaben kann. Warum bin ich als alternder Bergsteiger immer noch ein so erfolgreicher Vortragsredner? Ich gehe auf die Bühne und erzähle Geschichten. Aber ich erzähle so, dass es auch jemand versteht, der nie etwas Höheres als einen Barhocker bestiegen hat.

Stehen die Social Media also dem Erlernen des Story­tellings im Weg?

Wenn ich natürlich Tag für Tag im Netz sehe, was der Herr A oder der Herr B an irgendeinem Berg gemacht hat, wo der Fotograf danebenstand, dann sag ich mir: Abenteuer ist das keines. Ich habe selber nie gross kommuniziert während meiner Expeditionen. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, eine Spannung entstehen zu lassen. Ich lebe heute vom Story­telling, vom Geschichtenerzählen.

Aber Sponsoren verlangen heute, dass man allzeit präsent ist ...

Ich würde das nicht machen. Ich selber will keine Sponsorenverträge mehr, das würde nicht zu mir passen. Stellen Sie sich vor: Ich laufe mit Red Bull auf meinem Mützchen umher ... Ich hab nichts dagegen, wenn sich jemand verkauft. Wer dann in fünf Jahren weg ist vom Fenster, darf sich aber nicht wundern. Auch ich habe Werbeverträge gehabt und so meine Expeditionen finanzieren können. Doch ich habe mich nie drängen lassen.

Ein Trend im modernen Alpinismus ist: immer schneller unterwegs sein. Wo führt das hin?

Es ist eine Methode der Steigerung, Ueli Steck ist der Vorläufer davon. Aber ich persönlich finde die Geschichte von Yannick Graziani und Stéphane Benoist in der Annapurna-Südwand spannender als jene von Steck. Benoist und Graziani waren neun Tage unterwegs, Benoist holte sich eine Lungeninfektion und war auf seinen Partner angewiesen. Von Steck gibt es keine Geschichte. Sondern nur ein paar Zahlen und Entschuldigungen, weil er keine Beweise gebracht hat.

Sie glauben Stecks Version nicht?

Ich habe nicht das Recht, die Geschichte anzuzweifeln, weil ich nicht vor Ort war. Ich weiss, dass Ueli Steck das kann. Klar ist: Wer ihm die Fähigkeit abspricht, den Annapurna innert 28 Stunden über die Südwand hinter sich zu bringen, hat den Steck noch nicht durchschaut. Die Geschichte ist nur sonderbar, mehr als sonderbar.

Sie sagen, Steck sei der Vorreiter des Speed-Alpinismus. Inwiefern?

Heute sind die jungen Bergsteiger vor allem Steck-Nachfolger. Sie schauen ins Netz und sehen, dass die Jorasse-Wand gute Verhältnisse hat. Und dann rennen alle hoch. Dieses ganze Schnellklettern findet ja vor allem in Phasen von guten Verhältnissen statt. Aber mir ist es völlig wurscht, wer wie schnell durch welche Wand rennt. Was Erhard Loretan gemacht hat, sticht alles aus, was in den letzten 30 Jahren dazukam.

Sie stellen Erhard Loretan über Ueli Steck?

Ja. Sofern Ueli Steck nicht noch irgendwas dazustellt, wird Loretan in der alpinen Geschichte die grössere Rolle spielen. Das ist hoffentlich klar.

Wieso?

Die entscheidenden Persönlichkeiten sind jene, die das möglich machen, was die Generation zuvor für unmöglich erklärte. Da gehört Steck sicherlich dazu. Aber ob er dann in der Geschichte in seiner Zeit wichtiger bleibt als es Loretan in seiner Zeit war, das bezweifle ich.

Die Ausrüstung wird immer besser – reizt man die Möglichkeiten aus?

Die Entwicklung gab es immer, nur war sie früher langsamer. Auch ich hätte gerne leichtere Steigeisen gehabt. Doch wir werden auch bequemer. Heute sind vielleicht drei Alpinisten in der Lage, mit der Ausrüstung und dem Wissensstand von Heckmair durch die Eiger-Nordwand zu steigen. Stefan Sigrist ist mit der alten Ausrüstung hoch. Das ist eine schöne Geschichte. Solche Unternehmungen helfen, zu verstehen, wo wir heute rein materiell angelangt sind.

Bergsteigen und Klettern ist im Trend. Werden die Berge überrannt?

Was in den 1930er-Jahren mit dem Skitourismus geschah, passiert jetzt mit dem Bergsteigen: Für die Massen werden Pisten präpariert und Fixseile installiert – ob am Everest oder am Matterhorn. Aber traditionelle Bergsteiger sind heute im Himalaya nicht mehr unterwegs als zu meiner Zeit. Ich habe nichts gegen Pistenalpinismus, aber man muss klar unterscheiden: Wo beginnt der Alpinismus, wenn der Tourismus den Gipfel des Everest erreicht hat?

Kennen Sie eigentlich 8a.nu?

Nein, ich schaue nie ins Internet.

Auch kein Wikipedia?

Den Informationen aus dem Internet traue ich nicht. Ich habe weder Computer noch Tablet, nur ein Telefon. Eben war ich in Nepal, habe aber nie nach Hause telefoniert. Ich war abgeschieden, wie in guten alten Zeiten.

Haben Sie je einen Toehook gesetzt?

Nein, aber gebouldert haben wir als Jugendliche auch, im Auslauf der Dolomitenfelswände. Jedoch nicht mit einem so extremen Einsatz aller vier Extremitäten.

Wie sind Sie heute unterwegs?

Mit meinem Sohn gehe ich manchmal Klettern, und meine 14-jährige Tochter will mich immer in die Kletterhalle schleppen, aber das muss nicht mehr sein. Ich gehe einfach gerne ins Gebirge hinein, auf Wegen, die ich in jungen Jahren versäumt habe. Ohne jeden Druck. Es stört mich überhaupt nicht, wenn ich merke, dass ich weniger leisten kann als früher.

Werden Ihre Kinder auch grosse Bergsteiger?

Mein 25-jähriger Sohn ist ein guter Kletterer, er hat im Winter die Eiger-Nordwand bei viel Neuschnee bestiegen.

Sind Sie manchmal auch ein besorgter Vater, wenn er loszieht?

Er ist in einem Alter, in dem er für sich selber sorgen kann und muss. Aber klar: Ich weiss ja, was es bedeutet … Doch den Jungen bleiben heute viele Erfahrungen erspart, die wir selber machen mussten. Denn das Wissen sammelt sich ja an. Wir haben es uns härter erarbeiten müssen.

Messner kommt in die Schweiz

Ende Januar tourt Reinhold Messner durch die Deutschschweiz. Unter anderem stellt er sein neues Buch vor. Eine seltene Gelegenheit, die Ikone des Himalaya-Bergsteigens hautnah zu erleben. SAC-Mitglieder erhalten bei der Angabe des Gutscheincodes SAC1609 10% Rabatt auf den Eintritt. Infos und Tickets unter www.messner-live.ch.

Ikone des Bergsteigens

Reinhold Messner ist einer der berühmtesten Bergsteiger der Welt. Er erreichte 1978 zusammen mit Peter ­Habeler als erster Mensch den Mount Everest ohne zusätzlichen Sauerstoff. Auch die restlichen 13 Achttausender hat er in diesem Stil erklommen und war gleichzeitig der erste Mensch, der überhaupt auf allen Achttausendern stand. Seine Regeln waren stets: «No additional oxygen, no bolt, no communication, no drugs – kein zusätzlicher Sauerstoff, kein Bohrhaken, keine Liveberichte, keine Dopingmittel.»

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