Bergsteiger, Volkstum und Volkskunde

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HOLZSCHNITT VON ERNST KLÖTI, WINTERTHUR

Der farbige Holzschnitt, der unserer Vierteljahresschrift beigegeben ist, stammt aus der Hand eines jungen Graphikers und Malers: Ernst Klöti. Er wurde 1938 in Winterthur geboren und trat nach Beendigung seiner Schulzeit in einen graphischen Betrieb ein, wo er mit dem Winterthurer Kunstmaler Heinz Keller zusammenkam, der ihn in seiner beruflichen und seiner Freizeitarbeit, in der er mit Stift, Stichel und Pinsel festzuhalten sucht, was ihm auf seinen Wanderungen begegnet, sehr ermunterte. Pastell und Kohle sind bisher seine bevorzugten « Werkzeuge » gewesen; dazu kamen in jüngster Zeit auch Pinsel und Ölfarben. Aber der Lithographie und ganz besonders « dem Schnitt in Holz » ist er treu geblieben. Im Holzschnitt « Im Toggenburg » vermag er die Wärme, die dieser Landschaft eigen ist, besonders fein ins Bild zu bannen. Aus dem Düstern eines nebelbedeckten Tales wachsen Hügel und Berge auf, hinein ins Licht der Höhe, dunkel die Massen der Wälder, hell die Flächen der verschneiten Wiesen und Weiden.M. Oe.

Bergsteiger, Volkstum und Volkskunde 1

VON ALFRED BÜHLER, BASEL

Im Jahrgang 1957 der « Alpen » hat Richard Weiss in einem ausgezeichneten Aufsatz über den alpinen Menschen und alpines Leben in der Krise der Gegenwart in eindrücklicher Weise dargelegt, wie gross die wirtschaftliche Not und die seelische Krise unserer Bergbewohner sind, wie diese in geistiger und materieller Hinsicht immer mehr den festen Boden verlieren. Wir alle kennen diese Tatsache. In einzelnen Fällen haben wir sie immer wieder verfolgt und bedauert. Richard Weiss hat sie in ihrer ganzen Tragweite erkannt und weitgehend auch ihre Ursachen dargelegt. Dabei geht es letztlich um Probleme, die nicht nur für die Alpenbewohner, sondern für die gesamte Menschheit und nicht nur jetzt, sondern zu allen Zeiten bedeutsam gewesen sind.

Immer wieder sind in allen Teilen der Erde Völker und Volksgruppen mit hochentwickelter, vorwärtsdrängender Technik und mit überliefertem Handwerk, mit weitgespannten Wirtschafts-organisationen und mit ausgesprochener Selbstversorgung, mit « veralteten » Lebensformen und « modernen » Weltanschauungen aufeinandergetroffen. An zahlreichen Beispielen könnte gezeigt werden, wie oft dieser Kontakt verschiedenartiger Kulturen zu neuem Aufschwung des materiellen und geistigen Lebens jener Völker geführt hat. Ebensooft sind aber Katastrophen die Folge gewesen, der Untergang ganzer Kulturen oder doch lang andauernde Krisen und Erschütterungen des kulturellen Gefüges. Wenn in den letzten Jahrhunderten, faktisch seit dem Zeitalter der Entdeckungen, gerade diese negativen Folgen immer verheerender geworden sind, dann hängt dies 1 Ansprache, gehalten am Festakt des Zentralfestes 1958 in Basel.

damit zusammen, dass die technisch allen andern Völkern weit überlegenen Träger und Vertreter der modernen Zivilisation totalen Anspruch auf die ganze Welt erhoben haben. Dies gilt noch heute, wenn auch vielleicht nicht mehr im politischen Sinn, so doch im Rahmen des Wirtschaftslebens, dessen weltumspannender Organisation auf die Dauer niemand entrinnen kann.

Hand in Hand mit diesen Ansprüchen ging und geht die Überzeugung, dass unsere Zivilisation die höchste Stufe des Menschseins darstelle. Auch diese Überheblichkeit hängt natürlich mit der unbestreitbaren technischen Überlegenheit jener Zivilisation zusammen, mit dem damit verbundenen Fortschrittsglauben und der völlig irrigen Folgerung, dass die zivilisierten Nationen auch geistig an der Spitze stünden. Dank ihrer technischen und wirtschaftlichen Überlegenheit konnten sie « unzivilisierte » Länder « erschliessen », und sie haben ihre Stellung und Macht rücksichtslos dazu benützt, um die technisch Unterlegenen auch geistig unter Druck zu setzen. Nirgends hat man den betroffenen Völkern Zeit gelassen, sich mit den neuen Situationen auseinanderzusetzen, oder auch nur gestattet, sich selbst für oder gegen diese zu entscheiden. Man hat vielmehr die Anpassung an die neuen Verhältnisse in überstürztem Tempo verlangt. Nur allzuoft konnten diese Forderungen einfach nicht erfüllt werden, weil das Ausmass der geforderten Umstellungen namentlich in geistiger Hinsicht zu gross war. Hier liegen die tiefsten Gründe, die zum Untergang vieler Naturvölker führten. Hier sind auch die Ursachen zu finden, die in vielen anderen Fällen das völlige Aufgeben der überlieferten Lebensformen und Lebensanschauungen bedingten, ohne oder bevor die neuen Möglichkeiten genügend beherrscht oder erfasst werden konnten. Gefühle ohnmächtiger Unterlegenheit in allen Belangen des Lebens, eine geistige Leere und Haltlosigkeit vor allem, mussten jedem solchen Druck folgen. So ist es zu den immer stärker werdenden Spannungen zwischen Weissen und Farbigen gekommen, und auch die Krisen der « unterentwickelten » Staaten gehen darauf zurück. Das bodenständige Volkstum ist dort in materieller und geistiger Hinsicht weitgehend verschwunden; wo es noch lebt, glaubt man, es aufgeben zu müssen, damit man in der modernen Weltwirtschaft bestehen könne. Anderseits aber sind diese Staaten nicht fähig, sich aus eigener Kraft umzustellen und sich neuen festen Boden unter den Füssen zu schaffen.

So wenig man sich diesen Tatsachen verschliessen kann, so sinnlos wäre es, das Rad zurückdrehen und etwa versuchen zu wollen, frühere Zustände wieder herzustellen. Der Mensch eignet sich nicht zur Konservierung in Naturschutzreservaten. Seine Lebensformen sind von allem Anfang an ständigen Änderungen unterworfen gewesen, und möglicherweise liegt es im Sinn dieser Entwicklung, dass die noch bestehenden mannigfaltigen Kulturen und Weltanschauungen immer mehr zu einigen wenigen grossen Einheiten zusammenschmelzen. Jedenfalls zeichnet sich diese Entwicklung immer mehr ab, und sie dürfte stärker sein als alle Gegenbestrebungen.

Es ist aber unbedingt notwendig, zu erkennen, dass die moderne technische Entwicklung ungeheure Gefahren für die ganze Menschheit heraufbeschwört. Wie sie uns zu verschlingen droht, wenn wir nicht unsern Geist dagegen einsetzen, so wird sie noch schneller mit den Völkern verfahren, die ihre geistigen Werte ganz oder teilweise verloren haben. Wie wir uns darauf besinnen sollten, dass andere Werte in uns höher gestellt werden müssen als jene, die gegenwärtig in der Welt zu gelten scheinen, so sollten wir daran denken, dass man andern Menschen diese Werte nicht zerstören, sondern erhalten muss. Daher ist es unsere Pflicht, andersartige Volkstraditionen zu achten, anstatt ihnen mit überheblicher Verständnislosigkeit zu begegnen, und wir sollten darum auch mit allen Kräften die geistigen Grundlagen solchen Volkstums zu erhalten versuchen.

In diesen weiten Rahmen gehört die Krise unserer Alpenbevölkerung. Auch unsere Bergbewohner stehen unter dem Druck der modernen Wirtschaft und Technik. Auch sie sollten sich in kürzester Zeit umstellen, um wirtschaftlicher Not zu entgehen. Darum besteht auch bei ihnen die Gefahr, dass der Sinn für die im eigenen Volkstum verankerten geistigen Werte verlorengeht, dass trostlose Leere und Haltlosigkeit an die Stelle tiefwurzelnder, wertbewusster Bodenständigkeit treten.

Vor allem dieser geistigen Bedrohung sollten wir, wie mir scheint, entgegentreten. Es genügt nicht, dass wir landschaftlich zu schützen und zu retten suchen, was moderne Technik und Industrie zu vernichten drohen. Diese moderne Entwicklung lässt sich höchstens verzögern, nicht aber völlig aufhalten. Ebensowenig reicht es allein für sich aus, wenn man der Bergbevölkerung neue Verdienstmöglichkeiten schafft oder Hilfsaktionen für sie unternimmt. Im ersten Falle vergisst man, dass mit der äussern Umstellung auch eine feste innere Einstellung verbunden sein muss, wenn die Menschen nicht entwurzelt werden sollen. Im zweiten Falle erweckt man leicht Gefühle, wie sie auftreten mögen, wenn man ohne eigene Schuld der öffentlichen Fürsorge zur Last fallen muss. Dann ist die Gefahr, dass der geistige Halt verlorengeht, ganz besonders gross. Wir können ihr nur begegnen, wenn wir versuchen, die inneren Werte des Volkstums zu erhalten.

Dem SAC kann man mangelndes Interesse am alpinen Volkstum sicher nicht vorwerfen. Unzählige Artikel in seinen Zeitschriften und von ihm herausgegebene Monographien haben sich damit befasst, den Sinn für überlieferte Werte innerhalb der Bergbevölkerung zu stärken und ausserhalb derselben zu wecken. Es scheint mir aber, dass diese Haltung in unseren Reihen immer weniger Widerhall findet und immer mehr verschwindet. Nun liegt es gewiss im Zuge der modernen Zeit, dass die Bergsteigertechnik immer raffinierter wird, und dass man sich in Verbindung damit immer schwierigeren alpinistischen Aufgaben zuwendet. Ich habe auch alles Verständnis für diese Entwicklung; denn Technik ist ja bezeichnend für unsere Zivilisation und Einsatz des Lebens für eine grosse Aufgabe eine urmenschliche Tugend. Der Bergsteiger wird aber zur seelenlosen Maschine, wenn er nicht mehr imstande ist, die Berge in ihrer Natur und im Volkstum ihrer Bewohner zu erleben, wenn er sich nicht auch mit der Not dieser Menschen und vor allem mit ihrer geistigen Bedrängnis befasst und versucht zu helfen.

Sicherlich führen verschiedene Wege zu diesem Ziel. Zwei davon scheinen mir aber besonders wichtig, um das geistige Wertbewusstsein unserer Alpenbevölkerung zu stützen und zu stärken: die persönlichen Beziehungen zu ihnen und die Mitarbeit in Organisationen, die sich mit dem alpinen Volkstum befassen.

Jeder einzelne von uns sollte die Zeit finden, um Bewohner unserer Berge kennenzulernen, mit ihnen über ihre Sorgen und Schwierigkeiten zu sprechen und daran Anteil zu nehmen. Es ist mir durchaus bewusst, dass es dabei oft genug nicht möglich ist, praktischen Rat zu geben. Aber es geht ja auch nicht nur darum. Viel wichtiger ist, dass man schon durch verständnisvolles Zuhören, durch Hinweise darauf, dass auch Stadtbewohner in Spannungen und Schwierigkeiten leben, dem Gefühl der Verlassenheit steuern kann. Hier eben liegt die grösste Gefahr. Wenn sich altüberlieferte Arbeitsund Wirtschaftsformen als überlebt, ungenügend und wertlos erweisen, weil sie den Menschen nicht vor materieller Not bewahren können, dann liegt es sehr nahe, in Verbindung damit auch die geistigen Traditionen des Volkstums nicht bloss als überholt, sondern als überflüssigen, ja minderwertigen Ballast zu betrachten. Dann kommt zu den äusseren Schwierigkeiten die innere Haltlosigkeit hinzu, die geistige Leere, das Gefühl der Verlassenheit. Nun müssen wir uns darüber im klaren sein, dass es nicht darum gehen kann, dieses Volkstum in unveränderter Form zu erhalten. So gut wie traditionelle Wirtschafts- und Handelsformen muss es sich mit der Zeit ändern. Darum kann man Trachten oder Volksfeste aller Art, um nur zwei Beispiele zu nennen, nicht wirklich lebendig erhalten, wenn sie vom Volk selbst aufgegeben worden sind. Eines aber können wir tun: den Sinn dafür erhalten, dass in allen überlieferten Lebensformen, dass in der gesamten Vergangenheit Werte ruhen, von denen auch die Bergbewohner noch immer und selbst in völlig anders gewordenen Ver- hältnissen zehren müssen. Ein gehaltvolles Leben in der Gemeinschaft ist nur auf dem festen Boden der Überlieferung möglich, und diese Grundlage ist um so wichtiger, wenn die äusseren Lebensumstände sich so stark ändern oder ändern müssen wie heute. Die Wertschätzung des Altüberlie-ferten und damit ein wohlberechtigtes Selbstbewusstsein können wir unsern bedrohten Bergbewohnern erhalten. Jeder einzelne von uns kann mithelfen, die Überzeugung zu wecken oder zu stärken, dass wegen der heutigen Schwierigkeiten nicht die ganze Vergangenheit sinnlos sei, sondern dass in ihr die tiefsten Werte des Lebens wurzeln.

Der zweite Weg, um zu verhindern, dass die geistigen Werte unserer Alpenkultur verlorengehen, die wissenschaftliche Erforschung des überlieferten Volkstums, ist gerade von Basel aus schon lange gebahnt und beschritten worden. Zwei bedeutende Institutionen befassen sich hier mit Studien dieser Art, das Schweizerische Museum für Volkskunde und die Schweizerische Gesellschaft für Volkskunde mit ihrem Institut 1. Eduard Hoffmann-Krayer und Leopold Rütimeyer haben hier gearbeitet, um nur zwei Namen zu nennen, die untrennbar mit der Erforschung schweizerischen Volkstums verbunden sind. Das Volkskundemuseum besitzt heute eine Sammlung von ungefähr 30 000 Objekten, die zum grössten Teil aus den Alpen stammen. Sie illustrieren die traditionelle Milchwirtschaft, überliefertes Handwerk, Brauchtum und Volksglauben, Spiele und Feste. Allein schon durch seine Sammeltätigkeit bekundet das Museum den Wert dieses Volksgutes. Es versucht ferner, durch Publikationen, durch Rat und Hilfe an Heimatmuseen und alle interessierten Kreise unseres Landes, den Sinn dafür zu erhalten und zu vertiefen. Anderseits aber ist es auch auf die Mitarbeit von Privaten angewiesen, wenn es seine Aufgaben weiterhin erfüllen soll. Es ergeht daher hier an die Mitglieder des SAC der Aufruf, Mitteilungen über volkskundlich interessante Objekte an das Museum zu senden.

Wie für das Museum kann hier auch über die Tätigkeit der Gesellschaft für Volkskunde nur weniges angedeutet werden. Seit vielen Jahren ist sie bestrebt, das schweizerische Volkstum von möglichst vielen und verschiedenartigen Seiten her zu erfassen und dokumentarisch für die Nachwelt zu sichern. Altes Handwerk und Bauernwerk werden in Filmen, die ländlichen Haus- und Siedlungsformen in Plan und Bild festgehalten. Eingehendes Material über Feste und Bräuche, Volksglauben und Volkskunst liegt im Institut, neben einem einzigartigen Volksliedarchiv. Grosse Enqueten brachten das Material zum Schweizerischen Volkskundeatlas zusammen, von dem bereits einige Lieferungen erschienen sind, und der auf Karten und mit Hilfe eingehender Erläuterungen über typische Erscheinungen schweizerischen Volkstums Auskunft gibt. Neuerdings plant die Gesellschaft, in allen Gemeinden der Schweiz die Anfertigung von Chroniken zu organisieren, wie sie vereinzelt schon bestehen, da sie ein wichtiges Mittel darstellen, das Bewusstsein für die engste Heimat und ihre in der Vergangenheit wurzelnden Kräfte zu bewahren. In drei Zeitschriften und vielen umfangreichen Publikationen vermittelt die Gesellschaft die Resultate volkskundlicher Forschungen. Auch hier sind die Mitglieder des SAC zur Mitarbeit eingeladen, auch die Gesellschaft ist für Mitteilungen und Anregungen aller Art sehr dankbar.

Die Gesellschaft für Volkskunde ist wie das Volkskundemuseum in ihrer Arbeit in erster Linie von wissenschaftlichen Gesichtspunkten geleitet. Die beiden Institutionen stärken aber damit doch auch sehr nachdrücklich den Sinn für das überlieferte Volkstum und die Wertschätzung desselben, und gerade darum zählen sie auf die Unterstützung durch weite Bevölkerungskreise.Vergessen wir nicht, dass das Ziel das gleiche ist, ob wir nun in Einzelfällen und ganz persönlich am Leben der in Not befindlichen Menschen unserer Bergtäler teilnehmen oder ob wir an der Erforschung ihrer Le- 1 Adressen: Schweizerisches Museum für Volkskunde, Augustinergasse 2; Schweizerisches Institut für Volkskunde, Augustinergasse 19.

bensformen mitwirken. Auf die eine oder andere Weise wollen wir ihnen letztlich eine feste geistige Basis erhalten. Das ist doch wohl eine grosse Aufgabe, eigentlich aber noch mehr: eine Verpflichtung, der wir uns nicht entziehen dürfen und deren Erfüllung sicher auch unserer eigenen geistigen Besinnung nur nützlich sein dürfte.

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