Bergsteigererinnerungen: Alpinismus im sechsten Grad

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Alpinismus im sechsten Grad Von Abbé Henry ( Valpelline-Aosta ).

In freier Übersetzung geben wir den von Signore Abbé Henry uns zugesandten und in « II Messaggero Valdostano, 1941—XIX » erschienenen Beitrag « Alpinismo di sesto grado » wieder:

Die Bergsteiger kennen die in sechs Stufen eingeteilten Schwierigkeits-phasen des Alpinismus, dessen Technik in den letzten Jahren eine derart rasche Entwicklung genommen hat, dass man früher kaum wagte, an derartige Fortschritte zu denken. Allerdings kann die Bewertung einer Gipfelbesteigung sehr stark variieren. Was für den einen Touristen als unausführbar gilt, wird für den andern schwierig, und für den dritten sogar leicht oder gar zum einfachen Hochgebirgsspaziergang. Wir dürfen aber für den Bergsteiger, der das Klettern beherrscht, doch verschiedene Phasen unterscheiden und sie wie folgt umreissen: Die 1. Stufe nennt man die leichte, bei welcher die bei einer Bergbesteigung sich ergebenden Schwierigkeiten von einem Alpinisten gleichfalls mit den Händen bewältigt werden können. Die 2. Stufe bezeichnen wir als mittelmässig bis schwer, weil man beim Klettern mit den Händen allein nicht mehr auskommt, sondern sich bereits des Seiles bedienen muss. In der 3. Stufe erfordern die Klettereien nebst dem Seil einen Hammer und Haken, man heisst sie schwierig. Die 4. und die 5. Stufe nennen wir sehr schwierig und überaus schwierig, weil sie bereits eine gewisse Übung in der Klettertechnik erfordern und zwei Seile verlangen, wovon das eine länger sein muss als das andere. Und die 6. Stufe ist äusserst schwierig, erfordert ganze Ausbildung des Bergsteigers und Spezialausrüstung, wie besondere Haken, Schlafsack und dergleichen, weil bei diesen Kletterfahrten die schroffsten Felswände durchgangen und meistens biwakiert werden muss, weil auch die Anforderungen an die Zeit sehr gross werden.

Es mag die Frage sogar von Alpinisten aufgeworfen werden, ob derartige Kletterfahrten, wie wir sie zur 4. bis 6. Stufe zählen, überhaupt noch eine Befriedigung zu geben vermögen und ob wir sie nicht als etwas Unsinniges, ja geradezu als Verrücktheit zu taxieren haben? ( Wir erinnern an die Matterhorn-Nordwand, die Nordwand der Grandes Jorasses, die Eiger-Nordwand. ) Es mag Verrücktheit für mittelmässige Bergsteiger sein, wenn sie sich an derartige Probleme heranwagen; aber für den geübten Alpinisten, für den selbst die allerschwierigste Bergfahrt zu keiner Überanstrengung führt, weil er fortgesetzt vom Gefühle beherrscht bleibt, dass er noch mehr zu leisten fähig wäre, wird eine solche Kletterei des 6. Grades zum vollen Genuss. Er besitzt auf jeder Fahrt die Gewissheit, dass er siegen wird, und der Sieg wird für ihn zu einer Genugtuung. Er versteht den ganzen Wert des Wortes Benito Mussolinis, der die Forderung aussprach, man « müsse gefährlich leben ». Für den technisch ausgebildeten und auf unablässigen Gipfelbesteigungen erprobten Bergsteiger ist es eine Freude, an grosse Schwierigkeiten heranzutreten und sie zu bestehen. Dieses Vergnügen müssen wir aber den Berufenen überlassen, ob nun der Alltagsmensch sie versteht oder nicht verstehen mag.

Wir wollen aber nicht nur von den technischen Schwierigkeiten sprechen und nach diesen eine Bewertung des Alpinismus vornehmen, sondern wir wollen auch an die Vergnügen denken, welche uns die Berge bieten. Und auch hier können wir die verschiedenen Phasen erkennen, welche den Bergsteiger zu bewerten vermögen und die er selbst finden wird.

Da ist einmal ein Bergbauer, der im Frühjahr seine Alp aufsucht. Er durchgeht sie in allen Richtungen, sieht das frische Grün und bemisst schon den Futterwert und den Ertrag, der ihm beschieden sein wird. Oder dort ist ein Tourist, der Tal um Tal durchstreift und alle jene Gasthäuser kennt und aufsucht, wo man gut zu essen und zu trinken erhält. Die schöne Natur ist ihm Nebensache. Und wie mancher Bergsteiger hat es im Aufstieg und im Abstieg eilig. In aller Hast wird Gipfel um Gipfel erstiegen. Er sieht nichts, erlebt nichts; er ist allein stolz auf die Zahl der bewältigten Berge und renommiert sogar mit besonders gewählten Routen und erreichten Zeiten. Das sind Menschen, die auf dem Berge das geschäftliche und materielle Vergnügen finden. Ich möchte es ein Vergnügen 1. Grades bezeichnen.

Ein Botaniker, der nach seltenen Pflanzen sucht und diese, einmal entdeckt, ausgräbt und in seiner Botanisierbüchse versorgt, um sie zu Hause zu pressen und ins Herbar zu kleben; der Mineraloge und Geologe, der auf seinen Wanderungen Mineralien und Gesteine sammelt und von jeder Tour einen Rucksack voll zu Tale trägt und damit Kisten und Kasten füllt, das sind Menschen, für die das Bergsteigen wohl nicht nur äusserlichen Wert besitzt, sondern für die dieses Vergnügen einen innern Zweck gewinnt. Das Vergnügen ist in den 2. Grad gerückt.

Der Wissenschafter aber, ob Botaniker, Mineraloge und Geologe oder Zoologe, für welchen das Suchen nach Pflanzen und Gesteinen und Tieren nicht nur Sammelzweck hat, sondern der auf jeder Bergwanderung trachtet, mit dem einzelnen Lebewesen genauer vertraut zu werden und auch die grössern Zusammenhänge zu erkennen sucht, das Gesamtleben und die Abhängigkeiten zwischen Gestein und Pflanzen und Tieren, dieser Bergsteiger, der in der Natur zu lesen versieht und in ihr die Entwicklung aller Dinge erkennt, wie die Gesteine wurden und wie die Erde einmal früher war, wie die Pflanzengesellschaften sich bilden und wie die Tiere ihren Daseinskampf führen, das sind die Bergsteiger, die über die ersten Stufen des Vergnügens hinausgewachsen sind. Es sei dem Leser überlassen, diese Menschen in den 3., 4. oder 5. Grad des Vergnügens zu stellen und die Gradunterschiede zu erkennen.

Wie ganz anders betrachtet aber der Maler die Schönheiten der Berge 1 Für ihn öffnet sich die ganze Weite der Gebirgswelt, wenn er auf einem Gipfel die Staffelei aufstellt und auf der Leinwand den Pinsel aufsetzt. Um aber das vollendete Bild zu schaffen, braucht es auch für ihn, wie für den Wissenschafter und einfachen Bergsteiger, noch etwas mehr als nur Kenntnisse und Erfahrungen, Können und Fähigkeiten, um die ganze Grosse der Berge zu erfassen, um gleichfalls das Vergnügen des 6. Grades zu erleben: den Glauben! Denn es wäre absurd, anzunehmen, alle diese Schönheiten und Werte unserer Berge seien durch Zufall entstanden. Sie müssen und sind durch eine höhere Macht geschaffen, die über allem dieser Welt steht. Der Priester Achille Ratti, der später zum Papste ernannt wurde, hat im Jahre 1889 die Dufourspitze bestiegen. Auf dem Gipfel schrieb er in sein Notizbuch ein Loblieb an den Schöpfer nieder: « Ma chi avrebbe potuto dormire con quell' aria purissima che ci ricercava le fibre e con lo spettacolo che ci stava d' innanzi? A quell' altezza, nel centro di quel grandiosissimo fra i più grandiosi teatri alpini, in quella atmosfera tutta pura e trasparente, sotto quel cielo del più puro zaffiro, illuminato da un filo di luna, tutto scintillante di stelle in quel silenzio... Via non tenterò di descrivere l' indescrivibile. Ci sentiamo d' innanzi ad una per nuova imponentissima rivelazione dell' onnipotenza e maestà di Dio. » Und zum Schluss die Gradierung des Bergsteigers nach seinem Alter. Ein junger Mensch, dessen Fähigkeiten sich noch nicht entfaltet haben, mag bergtechnisch eine hohe Stufe erreichen, geniesst aber weniger das Vergnügen. Mit 20 Jahren beurteilt man die Dinge anders als mit 10, und mit 40 Jahren betrachtet man sie wieder von einem andern Gesichtspunkt aus. Gebirgler und Bergsteiger, Botaniker und Zoologe, sie alle finden je nach ihrem Alter wieder verschiedene Werte des Vergnügens. Vielleicht darf man sagen, dass ein Zwanzigjähriger ein Vergnügen 1. Grades geniesst, ein Dreissigjähriger 2. Grades, bei 40 Jahren der Mensch im 3. Grade steht und so weiter, bis er im 70. Altersjahr den 6. Grad erreicht hat. Alsdann beginnen die Kräfte zu schwinden, man kann nicht mehr bergsteigen, aber dennoch geniesst man das Vergnügen des 6. Grades: Es ist dies die Freude der Erinnerung! Ist es doch ein Genuss, wenn ein Greis an eine Bergbesteigung zurückdenken kann, die er vor 50 Jahren ausgeführt hat, wenn er im Geiste die geschauten Schönheiten, die gemachten Entdeckungen, ja sogar die überstandenen Gefahren in frischer Lebendigkeit vor seinem Geiste neu aufleben lassen darf. In diesen Stunden kosten wir das grösste Vergnügen, das uns die Berge offenbarten!

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