Bergsteigerkongress in Innsbruck. Etwas elitär..

Etwas elitär...

Bergsteigerkongress in Innsbruck

Der als wichtiger Beitrag zum Jahr der Berge angekündigte internationale Bergsteigerkongress « Future of Mountain Sports » 1 wurde vom Österreichischen und Deutschen Alpenverein vom 6. bis 8. September 2002 in Innsbruck organisiert. Der Zukunfts-bezug beschränkte sich allerdings auf die Behandlung eines von der Kongressleitung vorgelegten « ethischen » Regelwerks, der « Tirol Deklaration ». Diese sollte Standards festlegen, « die geeignet sind, das Verhalten im Bergsport ethisch zu gestalten ».

Innsbruck hat im Jahr der Berge einen schönen, vielseitigen und anregenden Rahmen für Begegnungen mit bekannten Bergsteigern – zahlreiche « lebende Legenden » waren eingeladen – und mit Vertreter/innen aus 23 alpinen Verbänden geboten. Im Vorfeld des Kongresses war ein 16-seitiges Papier unter dem Titel « The Mountain Code » zur Stellungnahme verschickt worden. Wer sich nicht von dem gern und oft verwendeten « Ethik-Begriff » blenden liess, stellte jedoch bald fest, dass dieser Kodex vor allem auf die Abgrenzungsinteressen einer Bergsteigerelite ausgerichtet war. Bergsteigen in der Krise? Am Kongress selber vorgelegt wurde dann die « Tirol Deklaration », eine etwas überarbeitete Form von « The Mountain Code ». Hier wie dort wurden – einseitig – Abenteuer, Selbstabsicherung, « Moral », Risiko- und Stressresistenz zur absolut höchsten Stufe alpiner « Ethik » erklärt. Demgegenüber blieben alle sich aus dem Breitensport ableitenden Anliegen wie jene des Kinder-, Jugend- und Familienbergsteigens oder die sich aus der Nachfrage nach gut abgesicherten Routen ergebenden Bedürfnisse praktisch unerwähnt und unberücksichtigt. Das erstaunt nicht, lag doch den State-ments und Diskussionen der in Innsbruck anwesenden « handverlesenen » Gästeschar ohnehin unterschwellig die Vorstellung zu Grunde, dass der Bergsport gerade in Folge der breitensportlichen Entwicklungen in einer Krise stecke. Und daraus müssten ihn die « wahren » Bergsteiger mithilfe der « Tirol Deklaration » retten. Insbesondere galt dies für den Arbeitskreis, der sich mit « Ethik » und « Stil » auseinander setzte. Was aber, wenn es gar keinen « Patienten Bergsport » gibt? Ist es dann sinnvoll, ihm gegen seinen Willen eine « Ethikspritze » verpassen zu wollen? Bei einer Umfrage auf der Website einer Alpinzeitschrift sprachen sich von ca. 900 Antwortenden über 80% gegen Regeln im Bergsport aus. Die Betroffenen selbst scheinen somit eine derartige « Behandlung » nicht für nötig zu halten.

Wäre die Breitensportentwicklung von der Kongressleitung berücksichtigt worden, hätten die « Tirol Deklaration » und insbesondere ihre elitären Komponenten grundsätzlich in Frage gestellt werden müssen. Eine Folge davon wäre eine völlige Neuausrichtung unter Einbezug der breitensportlichen Anliegen gewesen. Dazu wäre aber eine ganz andere Auswahl der Teilnehmer notwendig gewesen. Vor allem um mehr Teilnehmerinnen – Vertreterinnen aus breitensportlichen Kreisen – hätte man sich bemühen müssen, denn das weibliche Element in der « abenteuerlich-risikobereit » auftretenden Männerwelt des Kongresses fehlte weitgehend.

Gegensätzliche Strömungen Die in den letzten Jahren und Jahrzehnten neu aufgekommenen bergsportlichen Formen haben im Bergsteigen zu einer verstärkten Zweiteilung des Selbstverständnisses mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen von « ethischer » Richtigkeit geführt. Diese haben sich teils schon so weit voneinander entfernt, dass man sich gegenseitig kaum mehr versteht.

Ausgerichtet auf ein elitär-abenteuer-lich-heroisches Bergsteigerbild möchten die Anhänger der einen mehr « ideolo-gisch » ausgerichteten Sichtweise am liebsten auf jede Form fixer Absicherungen sowie anderer Unterstützungsmittel verzichten und möglichst die « historischen Zustände » wiederherstellen. Demgegenüber setzt sich die andere « sport-lich-pragmatische » Richtung – mit Bergbreitensport und Wettkampf-Lei-stungssport – für eine Optimierung der Sicherheit, für Freude an der Bewegung und die persönliche Freiheit in der Ausübung ein.

1 Vgl. Internet www.mountainfuture.at Das Kongresshaus in Innsbruck bot einen würdigen und kameradschaftlich geprägten Rahmen für die vom Österreichischen und vom Deutschen Alpenverein organisierte Veranstaltung.

Der erste Kongresstag wurde am Freitagabend mit der « Sym-phony of the Mountains », einer beeindruckenden Multivisions-schau mit Bildern von Heinz Zack ( stehend rechts ) und dem European Philharmonic Orches-tra unter der Leitung von Peter Jan Marthé ( stehend links ), abgeschlossen.

DIE ALPEN 11/2002

Heute gewinnt die « sportlich-prag-matische » Richtung auf Grund einer verstärkt breitensportlich orientierten Entwicklung zumindest zahlenmässig rasch an Boden. Das aber wird von der « ideologischen » Seite zunehmend als Infragestellung des « Abenteuer»-Berg-steigens – was darunter auch immer zu verstehen ist – und damit auch der Wertvorstellungen ihrer Verfechter empfunden. Der Innsbrucker Kongress war Ausdruck dieser Abwehrhaltung, gefördert durch Programmgestaltung und Teilnehmerauswahl. Die dadurch bedingte Einseitigkeit ist und bleibt der grundlegende qualitative Mangel der « Tirol Deklaration ».

Haltung des SAC Seitens des SAC ist im Rahmen der Vernehmlassung zum « The Mountain Code » sowie anlässlich des Kongressverlaufs versucht worden, den breitensportlichen Aspekt einzubringen. Auch die inflatio-näre und undifferenzierte Verwendung des Ethikbegriffs wurde von Seiten des SAC kritisiert. Im Verlauf des Kongresses hat sich immer wieder gezeigt, dass die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer – im Arbeitskreis « Climbing Ethics » gab es keine einzige Frauvon den breitensportlichen Entwicklungen kaum eine Ahnung hatte. So wurde an diesem stark von österreichisch-deutschen und bri-tisch-amerikanischen Bergsteigern bestimmten Kongress einzig die Schweiz als Vertreterin des Breitensports und als Land mit vielen gut abgesicherten Kletterrouten wahrgenommen. Dass diese Form des breitensportlichen Bergsteigens von Frankreich und Italien herkam und heute in weiten Teilen Südeuropas üblich ist, wurde nicht realisiert. Überhaupt verblüffte die Verdrängung der Tatsache – oder war es blosse Unkenntnis? –, dass Tausende von Deutschen und Österreichern, aber auch viele Briten in Frankreich, Italien und anderswo eine Form des Bergbreitensports betreiben, der im « The Mountain Code » als « ethisch minderwertiger » diskriminiert wurde.

Die Anstösse durch den SAC, so auch sein Entwurf für kürzere und gegenüber dem Breitensport offene Leitlinien, wurden von verschiedenen Seiten positiv aufgenommen und zu berücksichtigen versucht. In die von Anbeginn an ganz anders positionierte « Tirol Deklaration » liessen sich diese Elemente aber kaum sinnvoll integrieren.

Fazit Der Österreichische und der Deutsche Alpenverein haben das Wagnis unternommen, im Jahr der Berge einen Kongress zu organisieren. Dazu ist ihnen zu gratulieren, den Besuchern und Teilnehmern wurde viel geboten. Da die kleine SAC-Delegation sich auf einen Arbeitskreis 2 konzentrieren musste, kann hier auch kein umfassender Überblick gegeben werden. So wie der Kongress von einer gewissen Einseitigkeit geprägt war, haftet auch einem solchen Bericht notgedrungen eine gewisse Einseitigkeit an. Die weitere Entwicklung der « Tirol Deklaration » und selbst ihr definitiver Inhalt und seine Auswirkungen sind bei Redaktionsschluss noch unklar. Entgegen der von der Kongressleitung im Schlusskommunikee enthaltenen Aussage ergibt sich für die alpinen Verbände jedoch keinerlei Verpflichtung, « weltweit für die Umsetzung der Tirol Deklaration » zu sorgen. a

eg 2 Dabei handelte es sich um den Arbeitskreis « Climbing Ethics ». Daneben gab es noch vier weitere Arbeitskreise – in der Kongresssprache Englisch als « work groups » bezeichnet: « Risk, Respon-sibility and Social Conduct », « Special Problems of Alpine Interaction », « Access and Conservation » und « Climbing and Economy ». Der Arbeitskreis « Climbing Ethics » verfügte über eine zentrale Bedeutung, da er die entscheidende Grundlage für die Behandlung der Themen in den anderen Arbeitskreisen bildete. Auf diesen Arbeitskreis hat man sich dann auch von Seiten des SAC konzentriert.

Der Eröffnungsabend war – neben den Begrüssungsworten aus dem Bereich der Politik und der Kongressleitung – von den Referenten Reinhold Messner ( im Bild ) und Alexander Huber bestimmt.

In den fünf Arbeitskreisen befasste man sich mit der Redaktion der Texte zu den einzelnen Themenbereichen. Grundsatz-fragen der « Tirol Deklaration », ihre inneren Widersprüche und die gesamte Problematik der Begriffsdefinitionen wurden hier nicht zur Diskussion gestellt. Nach dem für alle Interessierten zugänglichen ersten Kongresstag folgten die Einführung in die Thematik vom Samstag und die Schlusspräsentation vom Sonntag vor dem aus ca. hundert geladenen Gästen bestehenden Plenum.

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