Bergunfälle - Bergrettungsdienst

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

Von M. Oe.

Vor rund fünf Jahrzehnten hat der SAC in seinen Statuten als eine seiner Aufgaben die Errichtung von alpinen Rettungsstationen und damit den Bergrettungsdienst festgehalten. Seit 1907 hat dieser Zweig der Arbeiten unseres Klubs eine ganz bedeutende Rolle gewonnen und ist zu einer Tätigkeit geworden, die uns im Schweizervolk im besten Sinn des Wortes Ansehen verschafft hat. Wenn wir diese Nummer unserer Zeitschrift dem alpinen Rettungswesen widmen, so wollen wir damit unsere Leser einerseits auf die grosse Arbeit unserer Sektionen und des CC-SAC hinweisen und auf die tapfere Arbeit, die von den Rettungsmannschaften immer wieder geleistet wird, aber anderseits nicht weniger auch auf die Zunahme der Bergunfälle und die damit verbundene Steigerung des Einsatzes unserer Rettungsstationen.

Die Breitenentwicklung, die Touristik und Alpinismus durchgemacht haben, und der Umstand, dass eine gewisse « Vertechnisierung des Bergsteigens » eine grosse Zahl von Alpinisten von den einfachen Wegen abbringt und sie Pfade suchen lässt, die zu begehen als Wagnis zu bezeichnen ist, aber zum modernen Sättigungsdrang der jungen Generation gehört, bringen es mit sich, dass die Zahl der in Bergnot geratenen Bergsteiger von Jahr zu Jahr zunimmt. Aber auch die Erschliessung der Hochgebirgswelt durch Strassen und Bergbahnen aller Art, man denke nur an die Entwicklung der Luftseilbahnen im Gebirge im Verlauf der letzten zehn Jahre, und die Organisation eines oft genug auf reiner Spekulation aufbauenden Zubringerdienstes mit Cars und der Schaffung von Bergsteigerschulen, die mit der ernst genommenen und verantwortungsvollen Ausbildung von Bergsteigern nichts mehr zu tun hat, sondern reine Attraktion von Fremdenplätzen geworden sind, dies alles hilft mit, dass Leute « in Eile » ins Hochgebirge gehen, ohne dieser Hochwelt körperlich oder geistig gewachsen zu sein. Ohne es zu wollen, ohne es zu wissen, wird das Bergsteigen für so viele Touristen ein Wagnis, das sie auf Wege führt, die ihnen zum Verhängnis werden. Ungenügende Ausrüstung, Überschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit, Unkenntnis der Gefahren der Naturgewalten des Hochgebirges und oft genug auch Ehrgeiz und Leichtsinn vermögen die Not über Touristen zu bringen und die Härte des Hochgebirges zum unbarmherzigen Sieger zu stempeln. Im Jahre 1953 haben wir im Gebiet der Alpen rund 300 Gebirgs- unfälle mit tödlichem Ausgang verzeichnen müssen, und im Verlauf des eben zu Ende gegangenen Winters hat die Zahl der den Lawinen zum Opfer gefallenen Skifahrer in mahnender Weise zugenommen, weil so viele dieser begeistert in die Berge gezogenen und gelockten Menschen die einfachsten Grundlagen des winterlichen Hochgebirges nicht kannten und leider oft genug auf die Warnungen kundiger Gebirgsleute nicht hören wollten, so dass dann, bitter genug, der unrichtige Tatendrang mit dem Leben bezahlt werden musste.

Diese Breitenentwicklung des Tourismus und Bergsteigens fordert aber auch den vermehrten Einsatz der Hilfeleistung. Was gestern noch die ungeschriebene Pflicht war und den Kameraden der eigenen alpinen Vereinigung galt, das Helfen bei in Not geratenen Bergsteigern, das wird heute mehr und mehr zu einem « allsonntäglichen Dienst », zu einer dauernden Bereitschaft von Rettungsmannschaften, die ihre zivile Berufsarbeit stillegen müssen, um in Felswänden oder auf Gletschern ihr Leben einzusetzen, um Verletzte zu bergen und Tote ins Tal zu bringen. Der Rettungsdienst hat Formen angenommen und einen Ausbau erfahren müssen, wie sie vor fünfzig Jahren nicht geahnt wurden. Die nachfolgenden Seiten wollen zeigen, wie der im Rahmen der SAC-Gemeinschaft geschaffene Rettungsdienst sich entwickelt hat und gewissermassen zu einem Dienst der Hilfe allen Berg- steigern gegenüber geworden ist. Sie sollen aber auch zeigen, wie der Rettungseinsatz erfolgt und welche Lehren aus den Unfällen gezogen werden können. Seit langen Jahren gibt uns Dr. Rudolf Wyss in den « Alpen » in seinen Unfallberichten die Zusammenstellung der Bergunfälle und hält die sich ergebenden Lehren daraus fest. Fast könnte man aber glauben, dass diese Berichte nicht oder zu wenig gelesen und beachtet werden!

In seiner vorstehenden Einleitung weist der derzeitige Chef des Rettungswesens im S AC-CC-Neuenburg, Dr. med. Jean Clerc, auf die Rettungsorganisationen im SAC hin, die über 120 Rettungsstationen und gegen 300 Meldestationen unterhalten, die mit dem nötigen Rettungsmaterial versehen sind. In der Regel werden die Rettungskolonnen von den örtlichen Bergführern und Trägern gebildet; aber immer wieder reihen sich Freunde der Verunglückten und Kameraden aus dem SAC zu ihnen und stellen sich unter die Weisungen des Rettungschefs, die von den Sektionen aus ihrem Kreis für die verschiedenen Posten bestimmt werden. Das vorhandene Rettungsmaterial wurde im Verlauf von Jahrzehnten zusammengestellt und erprobt, und unermüdlich ist man daran, dieses zu ergänzen und die auf diesem Gebiet gemachten neuesten Erfindungen zu beachten, wie sie namentlich von den österreichischen, deutschen und französischen Rettungsmannschaften zur Verwendung gelangen. Da die heutigen Verkehrsmittel einen raschen Zubringerdienst von Mannschaften und Rettungsmaterial erlauben, wird es vorteilhaft sein, gewisse « Zentren von Rettungsdiensten » zu schaffen, die mit allem Material versehen werden, und von denen aus der Einsatz von Rettungsaktionen rasch und zuverlässig erfolgen kann. Die Rettungsmannschaften haben ja nicht mehr nur im Sommer bereit zu sein, sondern seit der so grossen Verbreitung der Ski auch im Winter. Hier wird ganz besonders die Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Rettungsflugwache, die gegenwärtig von Dr. med. Rudolf Bucher, Zürich, geleitet wird, wertvoll sein. Diese hat gerade in jüngster Zeit gezeigt, wie mit Hilfe des Piper-Flugzeuges in gewissen Fällen Berg-verletzte rasch zu Tal gebracht werden können. So konnte ein am Karfreitagmorgen ( 16. 4. 1954 ) auf dem Monte-Rosa-Gletscher in eine Spalte gestürzter Skifahrer schwerverletzt von seinen Begleitern aus dem Eisgrab gehoben und vom Piloten Hermann Geiger, der mit dem Piper-Flugzeug trotz schwierigem Anflug ( es herrschte stürmisches Schneetreiben ) beim Unfallort landen konnte, innert nützlicher Frist ins Spital geflogen werden. Ein Abtransport zu Fuss nach Zermatt hätte wahrscheinlich zu viel Zeit beansprucht, so dass der Schwerverletzte kaum hätte mit dem Leben davonkommen können. ( Wir weisen im Variateil dieser Nummer noch eingehender auf die Tätigkeit der Schweizerischen Rettungsflugwache hin, da leider im Hauptteil unserer Zeitschrift kein Raum mehr hiefür zur Verfügung stand. ) So möge dieses Heft der « Alpen » die Arbeit unseres Rettungsdienstes festhalten, möge aber auch mahnend daran erinnern, dass das Hochgebirge und viele Voralpenberge noch genau so viele Gefahren in sich schliessen wie vor Jahrhunderten, als der Talmensch noch ehrfürchtig vor dieser umzauberten Welt stand. Ehrfurcht vor dem Berg, die müssen selbst die besten Bergsteiger bewahren!

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