Beten und Bergsteigen. Geistliche als Pioniere des Alpinismus

Die Bergsteigerei wurde in ihren Anfängen nicht nur von armen Jägern und reichen Touristen geprägt, sondern auch von einer aufgeklärten Mittelschicht aus dem Berggebiet. Zu dieser gehörten viele Mönche und Priester.

Die Frage nach den Pionieren des Alpinismus ist tückisch. Oft erwähnte Ge-burtsstunden der Bergsteigerei sind Francesco Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux im Jahr 1336, jene des Mont Aiguille durch Antoine de Ville 1492 oder Michel Paccards und Jacques Balmats Besteigung des Mont Blanc 1786. Andere wiederum sehen in den Engländern um Alfred Wills, Leslie Stephen und John Tyndall Mitte des 19. Jahrhunderts die Erfinder des Bergsports.

Das Hochgebirge wurde jedoch schon viel früher aufgesucht. Ötzi war vor über 5000 Jahren auf Gletschern unterwegs, am Schnidejoch im Wildhorngebiet kamen Funde aus der gleichen Zeit zum Vorschein, und die römischen Münzen am Theodulpass oder am Lötschenpass sind wohl kaum vom Wind dorthin geweht worden. Die Anfänge des Bergsteigens liegen also weit zurück und lassen sich nur lückenhaft in Erfahrung bringen. Deshalb wenden viele Alpinhistoriker gerne einen Trick an: Sie lassen als Bergsteiger nur Leute gelten, die das Gebirge aus Selbstzweck aufsuchen – und deuten die Gründung des Alpinismus damit automatisch als reine Domäne einer meist bürgerlichen, städtischen Oberschicht. In alten Tourenberichten werden die lokalen Gämsjäger und Führer zwar als technisch wie physisch überlegen geschildert, und oft wird erwähnt, dass sie wesentlich zum Gipfelerfolg beitragen. Doch sie gelten ausschliesslich als willfährige Ausführende. Der Ruhm der Besteigung gebührt den zahlenden Herren, denn von ihnen geht die Initiative aus, und Erfolg war schon immer Chef-sache.

Die Reduzierung auf diese beiden Rollen – hier der entschlusskräftige, geistig überlegene Städter, dort der bären-starke und trittsichere, aber beschränkte und passive Bergler – ist nicht nur eine starke und oft unzutreffende Vereinfachung. Sie vergisst auch jene Mittelschicht, die in den Bergregionen durchaus vorhanden war und dem frühen Alpinismus starke Impulse verlieh. Dazu gehörten Lehrer, Staatsbeamte, Ingenieure, Ärzte – und Geistliche.

Der Klerus auf Bergfahrt

Im Jahr 663 steht der Mönch En no Gyo¯ja als erster Mensch auf dem 3776 Meter hohen Fuji in Japan. Diese Bergfahrt dokumentiert, dass Geistliche bereits Gipfel bestiegen, als in Europa noch das Frühmittelalter herrschte. Die Liste der Bergtaten, die durch Priester und Ordens-leute aus dem Berggebiet seither vollbracht worden sind, ist lang. Beschränken wir uns daher der Einfachheit halber auf die Schweiz. Eine herausragende alpinistische Leistung gelingt beispielsweise sechs Luzerner Geistlichen, die 1387 den Pilatus besteigen. Was sie am Pilatus so brennend interessiert, ist nicht überliefert. Überliefert ist hingegen, dass sie sich damit über die Weisung ihrer Vorge- Foto: Mar co Volken Rechts vom Grand Combin erhebt sich sein kleinerer Bruder, der 3727 Meter hohe Mont Vélan – 1779 von Laurent-Joseph Murith erstbestiegen, damals eine rekordverdächtige Höhe.

setzten hinwegsetzen, jegliche Annäherung an den Berg zu unterlassen, da dort der jähzornige Geist des Pilatus vermutet wird – und dass sie zur Strafe im Kerker landen. Ihre Besteigung hat aber Signalwirkung, denn im Laufe der folgenden Jahrhunderte wird der Pilatus immer wieder bestiegen, so auch um 1518 vom Reformator Vadianus – mit behördlicher Genehmigung.

Der Appenzeller Pfarrer Gabriel Walser ( 1695–1776 ) steigt regelmässig auf die verschiedenen Gipfel des Alpsteins und besucht auch weitere Berge, so im Montafon. Um 1730 klettert der Prättigauer Pfarrer Nikolin Sererhard mit einem Gastwirt und einem Jäger durch das Schafloch auf die Schesaplana. 1779 steht der Unterwalliser Pfarrer Gabriel Walser ( 1695–1776 ) wurde als Pfarrer, Chronist, Geograf und Kartenzeichner bezeichnet. Der Appenzeller war aber auch ein Wegbereiter des Alpinismus und der Höhlenforschung.

Die Briten waren nicht die ersten Alpinisten: Schon vor ihnen wagten sich Menschen nur wegen der Freude am Bergsteigen in die Alpen. Einer von ihnen war der Disentiser Klosterbruder Placidus Spescha, unter anderem Erstbesteiger des Rheinwaldhorns im Juli 1789.

Quelle: Jahrbuch des Schweizer Alpenclub. Bern 1869 Josef Anton Berchtold, 1780 in Greich geboren, später als Domherr in Sitten tätig1859 ) Foto: zvg Foto: zvg Laurent-Joseph Murith, begleitet von zwei Jägern, auf dem stark vergletscherten Mont Vélan ( 3727 m ), was zu dieser Zeit im Alpenraum möglicherweise einen Höhenrekord darstellt. Muriths Landsmann Jean-Maurice Clément folgt 1788 – vielleicht im Alleingang – mit der Erstbesteigung des höchsten Gipfels der Dents du Midi. Und nicht zu vergessen Placidus Spescha, Benediktinermönch aus der Surselva, der zwischen 1782 und 1806 zahlreiche Gipfel seiner Heimat erstbesteigt, darunter das Rheinwaldhorn, der Stoc Grond, der Piz Urlaun, der Oberalpstock und der Piz Terri – manchmal in Begleitung, oft jedoch alleine, Gletscherspalten hin oder her. Joseph Anton Berchtold, seines Zeichens Domherr von Sitten, beginnt 1831 mit der trigonometrischen Vermessung des Wallis und besteigt dabei zahlreiche, auch hochalpine Gipfel. Im Monte-Rosa-Massiv tut sich derweil der Pfarrer von Alagna hervor, Giovanni Gnifetti: Im Jahr 1842 erreicht er als erster Mensch einen der Hauptgipfel des Monte Rosa, die Signalkuppe ( 4554 mdie seither in Italien als Punta Gnifetti bezeichnet wird. All diese Besteigungen erfolgen, noch bevor die ersten Engländer den Alpinismus « erfinden ».

Aus Neugier und Lust

Aber weshalb wagen sich diese Geistlichen in das noch weitgehend unerforschte Hochgebirge? Naheliegend wäre die Antwort: Um sich zu erheben und dem Himmel, sprich Gott, näherzukommen, also aus spirituellen oder mystischen Gründen. Ihre Beweggründe waren in den meisten Fällen aber ganz andere, und viel profanere dazu.

Oft genug sind es die Neugierde und der Forschertrieb. Wie beim begeisterten Kartenzeichner Pfarrer Walser, der in die Berge steigt, « um die Lage der Örter, und die Seen und den Lauf der Flüsse recht aufzuspüren ». Und wenn er schreibt: « Auf die allerhöchsten Alpen und Berg-firste bin ich öfters mit Leib- und Lebensgefahr selbst gestiegen und habe mich viele Klafter tief in die unterirdischen Berghöhlen und Klüfte begeben, um die eigentliche Beschaffenheit derselben genau auszuforschen », dann tönt das ebenso wenig nach einer mystischen Annäherung an Gott. Ähnlich sieht es bei Domherrn Berchtold aus, der unentwegt und auf privater Basis ein riesiges trigonometrisches Messnetz errichtet, das der ersten Dufourkarte zugrunde liegt. Bei Pfarrer Murith sind es botanische und naturkundliche Interessen, die ihn auf den Vélan führen. Die 1861 gegründete Société Valaisanne des sciences naturelles heisst in Erinnerung an ihn bis heute La Murithienne. Auch der mit Thermometer und Barometer ausgerüstete Clément ist auf der Suche nach wissenschaftlichen Zusammenhängen.

Placidus Spescha zeigt ebenfalls ein ausgeprägtes Interesse für Naturkunde, Geologie und atmosphärische Phäno- Gabriel Walsers Karte des Landes Appenzell ( 1768 ) zeugt von seiner detaillierten Kenntnis der Gipfel zu einer Zeit, als sich viele noch vor Dämonen auf den Gipfeln fürchteten.

auch Gnifettis Sportgeist: Er lässt sich von drei erfolglosen Versuchen an der Signalkuppe nicht entmutigen und schafft den Gipfel im vierten Anlauf.

Geistliche als Mittelschicht

Viele dieser bergsteigenden Geistlichen waren von aufklärerischen Ideen angetrieben, was ihnen zum Teil auch Ärger mit den kirchlichen Vorgesetzten bescherte. Allen gemeinsam war, dass sie ihre Erfahrungen niederschrieben und Anleitungen für Bergfahrten verfassten, um weitere Menschen zum Bergsteigen zu animieren.

Das Studium der Theologie bzw. der Eintritt in einen Orden war zu jener Zeit auch eine der wenigen Möglichkeiten, die sich einem interessierten Jugendlichen aus dem Berggebiet boten, um sich intellektuell weiterzubilden. Und man darf davon ausgehen, dass – nicht anders mene. Doch bei ihm schimmert eine weitere Motivation durch: der Spass. Wie seinen Schriften zu entnehmen ist, bereitet ihm das Bergsteigen einfach Freude, er tüftelt gerne an neuen Ausrüstungsgegenständen, freut sich an der körperlichen, technischen und mentalen Auseinandersetzung mit dem Berg.

Eine Einstellung, die bei Gnifetti definitiv durchbricht. Er fühlt sich überhaupt nicht vom Erkenntnisdrang angezogen, sondern von der Ästhetik der Gebirge, « von der einfachen Lust, die Grossartigkeit der Werke des Schöpfers aus der Nähe zu betrachten ». Seine Bergsteigerei unterscheidet sich kaum vom modernen Alpinismus. Denn auch der italienische Geistliche steigt auf Gipfel, bloss weil sie da sind ( Zitat von George Mallory ), weil sie schön sind und weil sie ein weites Panorama bieten. Er ist bereits, was Lionel Terray 120 Jahre später als « Conquérant de l' inutile » bezeichnen wird. Modern ist als heute – der eine oder andere Priester mit der Zeit andere Interessen entdeckte, die ihn mehr befriedigten als die Seelsorge, das Studium der Heiligen Schrift, das Halten von Predigten oder die Leitung einer Kirchgemeinde. Zudem verfügten Geistliche, anders als Bergbauern, über etwas Freizeit. Da kann nicht verwundern, dass die allgegenwärtigen Berge dem einen oder anderen zur dankbaren Ablenkung von den Sorgen des Alltags wurden. Und so beteiligten sich zahlreiche Geistliche aus dem Berggebiet an der Entwicklung des Bergsteigens – genauso wie Lehrer, Staatsbeamte, Ingenieure, Ärzte, allesamt Vertreter der damaligen alpinen Mittelschicht. a Marco Volken, Zürich

Literatur:

Andrea Zannini: Tonache e piccozze – Il clero e la nascita dell' alpinismo. CDA Vivalda, 2004.

Fotos: zvg Wer war damals aufgeklärt, wer hin-terwäldlerisch? In seinem 1723 veröffentlichten Werk zeichnete der Zürcher Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer die Berge noch als von Drachen bewohnt. Zur gleichen Zeit stieg der Appenzeller Landpfarrer Gabriel Walser auf die Gipfel des Alpsteins und in seine Höhlen hinab.

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