Biologische Forschung auf fast 2000 m Höhe. Làhaut sur la montagne

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Biologische Forschung auf fast 2000 m Höhe

Wer im Val Piora eine Wanderung unternimmt, erlebt eine Überraschung: Auf einer Höhe von 1960 m zwischen Seen und Alpweiden, Kühen und Murmeltieren trifft er auf ein mikro-biologisches Labor. Im « Centro di Biologia Alpina di Piora », untergebracht in zwei restaurierten alten Gebäuden, wird tatsächlich mit Mikroskop und Reagenzglas gearbeitet.

Der Gotthard war schon immer ein Anziehungspunkt für Naturforscher. Bereits 1705 staunten die Älpler von Piora über Besucher mit eigenartigen Instrumenten. Ab dem 19. Jahrhundert nahm der Strom der Wissenschafter kontinuierlich zu. Was zieht denn Forscher so unwiderstehlich ins Val Piora? Die Antwort kann in Zahlen gegeben werden: 20 Seen, 42 Teiche und Moore, 58 Wasserläufe. Diese aquatische Reichhaltigkeit veranlasste die Helvetische Gesellschaft der Naturwissenschaften – heute Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften – bereits 1915, in Piora ein grosses Forschungsprogramm zu initiieren.

Eindrückliche Entwicklung Professor Peduzzi, Direktor des « Centro di Biologia Alpina di Piora », untersucht bereits seit 20 Jahren zusammen mit seinen Mitarbeitern die Seen von Piora. Da für die seit den Achtzigerjahren jährlich organisierten Kurse anfänglich praktisch keine Infrastruktur vorhanden war, reifte die Idee, eine Unterkunft und ein Labor zu bauen, um die Bedingungen für die Forscher zu verbessern.

1986 wurde die Gründung einer Tessiner Universität vom Stimmvolk an der Urne abgelehnt. Die Universitäten Genf und Zürich boten danach den Tessiner Wissenschaftern, die auf der Alpensüdseite die akademische Arbeit fördern wollten, ihre Hilfe an. So entstand das « Centro di Biologia Alpina di Piora » – das Zentrum für alpine Biologie –, das 200 Jahre Forschung im Val Piora fortsetzt. 1989 wurde eine Stiftung ins Leben gerufen, in der der Kanton Tessin und die Universitäten Genf und Zürich Einsitz haben. Am Umbau von zwei Alphütten aus dem 16. Jahrhundert beteiligte sich die Eidgenossenschaft im Rahmen des Heimatschutzes an den Kosten. Das Zentrum bietet nun die Infrastruktur zum Wohnen und wissenschaftlichen Forschen sowie für den Unterricht: Im einen der Gebäude sind ein Labor, eine Bibliothek und ein Unterrichtsraum untergebracht, im anderen Schlafräume, Küche und Esssaal. Vor zwei Jahren wurden in einem Nachbargebäude zwei zusätzliche Räume eingerichtet. Das Zentrum wird vom Kantonalen Labor

Fo to s: Se rge Pfi st er DIE ALPEN 9/2003

für Bakteriologie in Lugano verwaltet. Es ist nur von Juni bis Oktober geöffnet, denn das Tal ist im Winter mit Fahrzeugen nicht erreichbar.

Ein Ort der Begegnung und Entdeckung Das « Centro » ist ein Ort der Begegnung: So kann man hier an einem einzigen Tag Studenten aus Genf, Assistenten aus Lugano, einen Professor aus Dijon und eine Schulklasse mit ihrem Lehrer aus Bellinzona antreffen. Die Jungen entdecken ein Forschungsgebiet, die Älteren bilden sich weiter. Alle schätzen es, in der Natur arbeiten zu können, an einem idealen Ort ein grossartiges und trotzdem fragiles Ökosystem kennen und respektieren zu lernen. Das Zentrum ist Mittelpunkt für wissenschaftliche Forschung, finanziert von den Universitäten und vom Nationalfonds, für Seminare und Praktika, für Lehrerweiterbildung usw. Die alpine Lebenswelt stösst auf immer grösseres Interesse, und das Zentrum wächst. Es bestehen auch Kontakte mit anderen alpinen Forschungsstellen wie dem Labor auf dem Jungfraujoch ( BE ), der Fondation Bosch ( VS ) und dem Institut auf dem Weissfluhjoch ( GR ). Mündet diese Vernetzung am Ende in einer alpinen Universität, welche die Kantone Bern, Tessin, Wallis und Graubünden zusammenführt?

Züge, Staumauern und Bakterienfilter Die alpine Umwelt erfordert durch ihre extremen Bedingungen von allen Organismen grosse Anpassungen. Deshalb ist das Studium von Flora und Fauna der Alpen so interessant. Der Lago Cadagno und der Lago Ritóm sind seit dem 17. Jahrhundert bekannt für ihren Fischreichtum. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts entdeckte man zudem im tiefen Wasser Schwefel, der an der Oberfläche nicht festzustellen war. Dieser Schwefel gab Anlass zu Sorgen der Ingenieure, die das Wasser des Ritómsees für die Gewinnung von Elektrizität nutzen wollten. Denn als während des Ersten Weltkriegs die Versorgung mit Kohle für den Betrieb der Gotthardbahn immer schwieriger wurde, beschloss man, auf elektrische Energie umzustellen. Als ideal erwies sich dazu der Ritómsee, konnte doch eine Turbine 850 m tiefer und in einer Entfernung von nur zwei Kilometern Luftlinie in Piotta in Betrieb genommen werden. Die Frage stellte sich, ob dieser Schwefel die Leitungen angreifen würde. Mit dem Bau der Staumauer und dem sich verändernden Wasserstand verschwand das Phänomen auf unerklärliche Weise.

Im Lago Cadagno dagegen, dessen Wasserspiegel im Verlauf des Jahres übrigens um mehr als drei Meter variie-

Der Lago Cadagno ( 1923 m ) und der Piz Corandini ( 2659 m ) bilden einen majestätischen Rahmen für das biologische Forschungszentrum.

Die beiden grössten Seen des Val Piora: Ritóm ( 1850 m ) und Cadagno ( 1923 m ) Unter dem Pizzo Taneda ( 2667 m ) liegen Cadagno und der gleichnamige See. Das Gebäude mit dem roten Dach ist ein Restaurant, wo sich Hirten, Käser und Biologen begegnen.

ren kann, ist der Schwefel aus dem tiefen Wasser nicht verschwunden. Man weiss mittlerweile, dass das Wasser in der Tiefe aus unterirdischen Quellen stammt, was den Gehalt an Schwefel und anderen Mineralien und seine höhere Dichte im Vergleich mit dem Oberflächenwasser aus den Bächen erklärt. Der Dichte-unterschied führt zu einer Trennung des Wassers in zwei Schichten. In der Grenzzone entdeckte man eine besondere Bak-terienart, genannt « Chromatium okenii », die die Fähigkeit hat, den für andere Bakterien giftigen Schwefel zu assimilieren. Dieser bakterielle Filter hat zwei positive Auswirkungen: Einerseits gibt es im Oberflächenwasser keinen Schwefel, und andererseits wird die Nahrungskette durch unzählige Bakterien bereichert, was wiederum die Fischer freut. Der Lago Cadagno ist fast einzigartig. In den Alpen gibt es nur noch den Lac de la Girotte in Hochsavoyen, der die gleichen biologischen Besonderheiten aufweist. Dies ist daher eine Art von Biodiversität, von der man kaum spricht: die mikro-bielle Biodiversität – unsichtbar, aber dennoch präsent und schützenswert. Ein Tal der Wunder Selbst wenn einem Bakterien nicht gerade ans Herz gewachsen sind, lohnt sich ein Besuch im Val Piora, denn hier findet jedermann etwas nach seinem Geschmack. Wer Käse liebt, wird sich am Piorakäse erfreuen, Ornithologen legen sich auf die Lauer nach dem Rotsternigen Blau-kehlchen 1, Botaniker machen sich auf die Suche nach Fleisch fressenden Moorpflanzen, gewöhnliche Wanderer entdecken mit etwas Glück ein weisses Murmeltier, das man hier schon seit drei Generationen beobachtet, und die Fischer ziehen reihenweise Fische aus dem See, wenn sie Glück haben. a

Serge Pfister, Carouge/VD ( ü ) 1 Luscinia svecica svecica Zurück im Labor untersuchen die Forscher die im Feld gesammelten Proben.

Fo to s:

Se rge Pfi st er Ein mikrobiologisches Labor in einem Stall aus dem 16. Jahrhundert: Alt und Neu in harmonischer Eintracht D I E A L P E N 9 / 2 0 0 3

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