Blanche de Perroc. 2. Besteigung der Nordwand

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

VON MAURICE BRANDT, GHM « LES AIGLONS », JURA

Miti Bild {m Der kalte Abendwind lässt uns an unsere Schlafsäcke denken; jeder zieht sich in seinen ausgewählten Unterschlupf zurück, und in Gedanken an die in schwülen Hotels zusammengepferchten Unglücklichen schlafen wir bald den Schlaf der Gerechten.

So äusserte sich Mummery im Jahre 1893!

Mummery brach zur Erstbesteigung der Aiguille du Requin auf, als sich noch an jeder Ecke alpine Probleme stellten. Heutzutage hat sich alles stark geändert: Ausgangspunkte sind nicht mehr die Hotels, sondern gastliche Hütten, wo die Mitglieder des SAC immer mit offenen Armen aufgenommen werden, aber oft mit einer schmalen Schlafstelle vorliebnehmen müssen... mit Ausnahmen, wohlverstanden! Das hat dazu beigetragen, dass wir immer mehr am Biwakieren im Freien Gefallen fanden, und darum errichteten wir am 18. August 1966 unser Zelt am Rande des Glacier de Tsarmine.

J. Braun und R. Theytaz begleiteten mich nicht nur wegen der Freude am Kampieren hieher.

Uns gegenüber erhebt sich die Nordwand der Blanche de Perroc, und, was ihren Reiz keineswegs schmälert, sie ist noch nicht oft bezwungen worden. Es ist das erstemal, dass wir uns dieser Wand nähern. Sie wurde von uns auf Grund einer Photoaufnahme anlässlich der Traversierung der Petite Dent de Veisivi durch einen Freund entdeckt. Gut verborgen, von allen Seiten her kaum zu sehen, wird sie etwa ein aufmerksamer Beobachter von Vex aus entdecken, wenn er ins Val d' Hérens einbiegt.

Von Satarma, dem Ausgangspunkt aus, zeigt sich die Wand fast nur im Profil und macht keinen überwältigenden Eindruck. Von der verlassenen Alp Veisivi aus tritt sie hingegen mit ihren 575 Metern Höhe in voller Pracht in Erscheinung. Wir haben sie genau betrachtet, als wir beherzt die vorgesehene Route in das Lichtbild einzeichneten. Alles scheint sich aufs beste zu entwickeln: Der niederschlagsreiche Sommer 1966 hat die Wand in einen dicken Schneemantel gehüllt; keine Steinschlagspuren an ihrem Fuss; ein Bergschrund, den man scheinbar links umgehen kann. Nur das Wetter bereitet uns einige Sorge; der Wetterbericht lautet zwar günstig, aber die Wolken, die den Himmel überziehen, lassen schlechtes Wetter befürchten.

Wir folgten dem steilen Pfad, der uns in der heissen Abendsonne hieher führte. Mit dem Biwakmaterial zusätzlich belastet, kamen wir nur langsam voran. Zu unserer grossen Enttäuschung fanden weder Helm noch Steigeisen im Sackinnern Platz, was einem Bergführer, dem wir begegnen, zu Vermutungen Anlass gibt. Er zieht sofort den logischen Rückschluss, dass wir die Nordwand versuchen wollen. Wir weichen mit der Antwort aus: « Ja... vielleicht, unter günstigen Bedingungen... », und damit verraten wir eben die Befürchtung, unsere Pläne enthüllt zu haben. Wie könnte man auch die Absicht geheimhalten, wenn es doch ringsherum nur diesen Schneehang gibt! Und ausgerechnet an dem behaupten wir kein Interesse zu haben.

Der Felsriegel unter der Gipfelhaube dämpft etwas unsere Überzeugung, dass das Unternehmen günstig verlaufen werde. Doch heute lässt sich diese Frage auch nicht durch aufmerksame Beobachtung beantworten. Der morgige Tag wird die Lösung des Problems bringen, das uns allen im Moment noch etwas Sorge bereitet, ohne dass wir es uns selbst eingestehen. Vorläufig sind wir aber auf der Suche nach einer Trinkwasserquelle. Neben unserem orangefarbigen Zelt, eingehüllt in unsere Duvetwesten, kosten wir im Anblick des Panoramas von Arolla, des Petit Mont Collon, Pigne d' Arolla, Mont Blanc de Cheilon, deren Nordwände längst verblasste Erinnerungen auffrischen, die kostbaren Stunden der Abenddämmerung. Die Nacht ist hereingebrochen, die Flamme unseres Kochers verbreitet mit ihrem bläulichen Schein das Gefühl einer bescheidenen Gemütlichkeit in unserer Einsamkeit. Die abendliche Frische lässt uns unser Zelt aufsuchen, wo wir uns sorgfältig einrichten. Nur zu gut, denn mangels eines Weckers lassen wir eine kostbare Stunde verstreichen, so tief schlafen wir. Hastig treffen wir unsere Vorbereitungen, wobei alles drunter und drüber geht, und brechen zum überaus harmlosen Glacier de Tsarmine auf. Es ist schon lange Tag, als der steiler werdende Hang und einige vereinzelte Blöcke auf dem Schnee uns zu einem Halt einladen; von hier aus können wir die Wand, die wir für die Besteigung vorgesehen haben, aus der Nähe prüfen. Der Bergschrund scheint einen Durchgang auf der linken Seite aufzuweisen; wir schnallen die Steigeisen an, um ihn aus der Nähe anzusehen. Unangeseilt sucht jeder für sich allein den leichtesten Weg zur Gletscherzunge des Bergschrundes. Kein Geröll liegt auf dem Schnee, und es sind auch keine Steinschläge feststellbar; wir bleiben während der ganzen Tour davon verschont. Nun seilen wir uns mit 40 Metern Abstand an, und mit einigen Eisschrauben und Karabinern am Gürtel bemüht sich der Seilschaftsführer mit grösster Sorgfalt, zwischen dem nackten Fels und einem Wulst harten Schnees in keineswegs leichtem Durchgang den Bergschrund zu überwinden. Dieser Übergang hat seine besondere Bedeutung: Die Verbindung mit der Umwelt ist abgeschnitten; wir streben schon dem Gipfel zu, der beinahe 600 Meter über uns liegt. Und in einer solchen Wand ist es ein Aufbruch ins Unbekannte. Wenn die Bedingungen noch nicht beurteilbar sind, glaubt man jedoch, der Aufstieg sei schon so gut wie gelungen. Ausserdem scheint alles so leicht, wenn das erste Hindernis überwunden und der Abgrund noch unerheblich ist. Von hier aus gesehen, ist der Gipfel nicht sehr weit entfernt, und unsere Blicke haften an drei zackigen Blöcken, die aus der Wand herausstechen und sich vom Himmel abheben. Der noch wolkenlose Himmel bedeckt sich sehr rasch, obschon der Wetterbericht einen schönen Tag prophezeit hat.

Wir schwenken etwas nach links hinüber, indem wir zwischen den schneedurchsetzten Felsen unsern Weg suchen. Die Seillängen von 40 Metern folgen sich, die Bedingungen sind ausgezeichnet, Stufenschlagen ist nicht nötig, der nicht zu harte Schnee erlaubt ein leichtes Vorrücken. Etwa in der Mitte der Wand steuern wir einem Felsvorsprung zu, den wir in der Hoffnung anpacken, dort einen bequemen Rastplatz zu finden. Bei dieser Gelegenheit stellen wir fest, dass sich die Wolkendecke auf uns herabsenkt und dass wir unabwendbar bald in sie eintauchen werden... Der Gipfel ist schon verschwunden, als wir noch flüchtig eine Seilschaft erblicken, welche nach der Traversierung der Petite Veisivi den Col de Tsarmine erreicht hat. Da wir uns in dieser Lage keineswegs zur Eile antreiben lassen, beenden wir in aller Ruhe unsere Rast, ohne Rücksicht auf die Umstände, die uns im übrigen nicht am Weitergehen hindern. Durch eine Hangtraverse nach rechts erreichen wir schon den Schneehang, wo einige Spuren von Eis auftreten. Es wird immer steiler; der Plattengürtel, der den Gipfel versperrt, spielt mit dem Nebel Verstecken und ist nicht gewillt, uns eine Durchgangsstelle zu offenbaren. Aber nur wenn wir uns auf den Standplätzen zusammenfinden, gewahren wir, dass wir zu dritt in diesem Wattenebel stecken. Meistens sind wir voneinander isoliert, denn die Sicht wird immer beschränkter. Der Pickel tritt in Aktion; der sehr steile Hang ist vereist und Eisschrauben bilden die Standplätze. Die Platten türmen sich vor uns auf, und es scheint möglich, sie durch eine Traversierung nach rechts oben zu bezwingen. Eine Schneezunge bildet die Verbindung mit der Gipfelhaube. Um drei prächtige Seillängen rücken wir in einer aussergewöhnlichen Stimmung vor, im Nebel und auf einer dünnen Eis- und Schneeschicht, welche die Platten bedeckt. Eine heikle Arbeit, die darin besteht, die Schneedecke nicht einbrechen zu lassen, denn darunter kommen äusserst glatte, abschüssige Platten zum Vorschein. Dank der gegenwärtig besonders günstigen Verhältnisse ist dieser Übergang ohne ausserordentliche Schwierigkeiten möglich. Wir nehmen den direkten Aufstieg in gerader Linie wieder auf, und eine letzte Seillänge im Eis führt uns zu den drei Granitpfeilern, welche im letzten Moment auftauchen. Sie erweisen sich als sehr bequeme Sitze; auf jedem von ihnen lässt sich einer von uns Strolchen nieder und lässt seine Beine ins Leere baumeln. Hier endet die Wand; wir wenden uns zusammen dem felsigen Gipfel zu, welcher sich unvermittelt enthüllt, in dem Moment, wo wir aus dem Nebel treten und den Himmel sehen, an dem sich gewitterschwangere Wolken auftürmen. Stunden sind verflossen, seit wir den Bergschrund überschritten haben; es ist 13 Uhr, und wir verlassen so rasch als möglich den Gipfel, weil wir ein Gewitter befürchten. Wir hatten vorgesehen, die Grande Dent de Veisivi zu traversieren, aber es ist am vernünftigsten, so rasch als möglich abzusteigen. Wir müssen dem Felsgrat bis zum Hauptgipfel folgen; der Übergang ist unterhaltsam, der Fels von guter Qualität. So glauben wir auf dem WSW-Grat hinunterzukommen und unser Biwak mit einer Flankenquerung in den Geröllhalden zu erreichen.

Schneefall hat eingesetzt, hartnäckig, unaufhörlich, ausdauernd, nass. Nebel hängt überall, die Orientierung ist schwierig und gewagt. Seit dem Gipfel ist der Fels glitschig, und wir müssen sehr bald abseilen. Wir steigen ab, so gut es geht, unbekümmert um die Route und durch den Nebel behindert. Einmal geraten wir in eine Sackgasse und müssen wieder aufsteigen; bald sind wir überzeugt, dass ein Biwak nicht mehr zu umgehen sein wird, denn wir befinden uns schon über sechs Stunden im Abstieg, und es ist mehr als 19 Uhr. Ein unerwartetes Band erlaubt uns aber auf einmal, leichte Geröllfelder zu gewinnen, was unsere Hoffnung wieder belebt, den Talgrund doch noch zu erreichen. An der Waldgrenze zerreisst der Nebel, und der Regen, der auf den Schnee folgte, hört auf. Erlengebüsch und hohes Gras bleiben uns nicht erspart, so dass wir vollständig durchnässt in der Nacht in Pramousse anlangen.

Unser orangefarbiges Zelt blieb noch drei Tage oben im Schnee begraben, bis es ein Walliser Freund fand und zurückbrachte.Übersetzung: Jakob Meier )

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