«Bummelhütte» – kein Schimpfwort mehr. Wanderziel Hütte

« Bummelhütte » – kein Schimpfwort mehr

Für den SAC-Führer « Wanderziel Hütte » besuchte Dres Balmer innert zweier Jahre 50 SAC-Hütten in allen Landesteilen. Dabei erlebte er Geschichte und grub Geschichten aus.

Ursprünglich waren die SAC-Hütten gedacht als Sprungbretter für eine möglichst rationelle Gipfelbesteigung. Niemand rüttelte an diesem Grundsatz.. " " .B.is die Dammahütte kam. Die Clubisten wollten 1914 einen abgelegenen Bauplatz finden, « in erhabener Stille » sollte sie stehen, auf dass sie garantiert nicht eine « Bummelhütte » werde. Dieser Vorsatz erwies sich als Bumerang. Nur wenige Alpinisten kamen zur Hütte, denn die Bergtouren von hier waren zu anspruchsvoll, und entsprechend harzig lief das Geschäft in den ersten Jahren. Zum Glück stiegen die Sommerfrischler von der Göscheneralp herauf und brachten Betrieb. Und siehe da: Sie waren willkommen. Das waren erste Anzeichen für eine Veränderung in der Gästestruktur, die heute in vollem Gang ist: Neben den Alpinisten kommen immer mehr Wanderer, denen die Hütten Ziel genug sind. So entsteht langsam eine eigene Hütten-kultur, und jede der 153 SAC-Hütten hat ihre spezielle.

Wohl genährt und ausgeschlafen

Hüttenkultur ist Baugeschichte. Niemand wusste um 1860, wie eine Hütte auf 2500 oder 3000 m Höhe zweckmässig zu bauen war. Sollte man Holz oder Stein verwenden, die Hütte an eine Felswand oder frei stehend bauen? Die Diskussion, wie komfortabel eine Hütte sein darf, ist so alt wie der SAC. Der Baumeister und brillante Architekturkritiker Julius Becker griff da kräftig ein und vertrat einen modernen Standpunkt: Eine Hütte muss alles bieten, damit der Alpinist seine Bergfahrt wohl genährt und ausgeschlafen antreten kann. Wie stark sich diese Bedürfnisse änderten, zeigt das Beispiel Dossenhütte. 1937 hatte man genug vom kratzigen Strohlager. Matratzen mussten her. Clubmitglieder der Sektion St. Gallen luden sich je ein 20 kg schweres Stück auf den Rücken und marschierten zur Hütte. Wie sich einer erinnert, sah das wie riesige Kolo-radokäfer 1 aus, die die Dossenwand hin- aufkraxelten.

Was nicht sein durfte

Hüttenkultur ist aber auch Sittengeschichte. Früher gab es in gewissen Hütten Damenzimmer. Heute schauen Männer und Frauen selber, wie sie nebeneinander zurechtkommen. Beim Wechsel gab es noch Hüttenwanderinnen, die mit ihren riesigen Rucksäcken, mitgebrachten Badetüchern und Liegematten Zwischenwände errichten zum Schutz der holden Weiblichkeit vor der bösen Männerwelt. Die aber war ohnehin so erschöpft, dass sie nach zehn Minuten schnarchte. Und das Trinken und Rauchen? Bei meinen Besuchen bekam ich den Eindruck, dass früher mehr Alkoholisches und weniger Wasser getrunken wurde. Rauchen jedenfalls tun heutzutage in den meisten Hütten nur noch Kamine bei schlechtem Wetter.

Hüttenkultur, das ist auch die Mentalität der Einheimischen: Vom Tal A gehe ich hinauf in eine Hütte, um am nächsten Tag über einen Pass ins benachbarte Tal B zu steigen. Ich sitze am Tisch mit Einheimischen aus dem Tal A, und ich frage sie, ob sie morgen auch ins Tal B wandern. Sie schauen mich an, als ob ich etwas Ungehöriges gefragt hätte. Ganz sicher würden sie denen im Tal B nicht auch noch Geld bringen. Was ich mir überhaupt vorstelle? Sie gehen bis zum Gebirgspass und dann wieder hinunter nach Hause ins Tal A. Aber auch das ist ganz stark im Wandel begriffen.

Von gefährlich bis gruselig

Hüttenkultur ist nicht zuletzt Geschichte. Und Geschichte besteht aus Geschichten, von denen jede Hütte viele zu erzählen hat. So weiss man von der Cabane Rambert zu berichten, dass um das Jahr 1915 eine junge Frau und ihre zwei Begleiter mit Ski, aber ohne Felle versuchten, im Winter zur Hütte zu gelangen. Mit knapper Not erreichten sie um Mitternacht bei starkem Schneefall die rettenden vier Wände. Instinktiv harrten sie dort aus, 1 Koloradokäfer sind auch unter dem Namen Kartoffelkäfer bekannt.

Ungefähr 15 Tonnen wog die für 21 Personen gedachte Ramberthütte. 1895 schleppten Dorfbewohner jeden Balken hoch.

Solarpanel an der Fassade der Ramberthütte zeugen vom jüngsten Fortschritt. Inzwischen können bis zu 46 Personen bei elektrischem Licht abends noch gemütlich schmökern und plaudern.

Foto: Dres Balmer Foto: SA C-Ar chiv/Klubhütten-Album 1911 Hüttenfestival literarisch Noch immer besteht reichlich Zeit, um am Hüttenfestival 2006 teilzunehmen. Auf dem Programm stehen noch einige Leckerbissen an. Beispielsweise auch literarische: Ende Juli starten die Schauspieler Gian Rupf und René Schnoz zu ihrer « Literarischen Bergfahrt » in mehreren Berner und Walliser Hütten. Weitere literarische Köstlichkeiten bieten die Dossen-, Gelmer-, Gel-ten-, Gleckstein-, Lämmeren-, Etzli-, Salbit-, Voralp-, Martinsmad-, Fergen- und Terrihütte. Möchten Sie wissen, was und wann? Die aktuellen Informationen zu allen Veranstaltungen finden Sie auf www.sac-cas.ch. Oder blättern Sie in Ihrem Hüttenfestivalführer.

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