Cabane du Trient - drei Erinnerungen

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

André Vonder Mühll, Brugg

Vorbemerkung Das Trientgebiet vermag mit seinen kühnen Zinnen, mit seinen weiten Gletschern und den grossen Hütten viele Besucher anzuziehen. Es gibt hier keine besondere Zeit für die Bergfahrt; sie ist das ganze Jahr möglich. Jugendliche und Ergraute, Skiläufer und Bergsteiger, Kletterer und Wanderer finden in dieser Gegend ein entsprechendes Ziel. Das aufzuzeigen, sollen die folgenden Gedanken versuchen.

Die Freundschaft Juli 1969. Mühsam stapft unsere Seilschaft durch den aufgeweichten Firnschnee der Hütte zu. Die Sonne gleisst, das Licht blendet, Schweiss rinnt von der Stirne, sucht seinen Weg durch die Hautfurchen, findet die Augenlider und verursacht brennenden Schmerz. Endlos scheint die Spur. Das Seil ist gerafft, der Gletscher trügerisch verschneit. Längst ist das Gespräch verstummt; jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Diese eilen voraus zur geräumigen Trienthütte am Fusse der Pointe d' Orny, sie gehen auch zurück auf das Erlebnis des heutigen Tages, auf die Besteigung der Aiguille du Tour, auf die gefundene Freundschaft, das genossene Glück. Sie gehen noch weiter zurück, in die Jugendjahre, die gezeichnet waren von Krisen und Entbehrungen. Und heute? Eine Lichtfülle, kein Wind, keine Wolke, nichts, was die Reinheit der strahlenden Gebirgswelt trübt. Gedankenversunken, gedankenverloren geht jeder einher. Der Schritt wird langsamer, knietief sinkt man ein. Kraftraubendes Waten, stundenlang...

Vor mir geht Ruedi; mit seinen fast siebzig Jahren hat er heute eine besondere Leistung vollbracht. Beim anbrechenden Tag haben wir die gastfreundliche Hütte verlassen, die hartge- frorene Spur über das Plateau du Trient benutzt. Unter den Aiguilles Dorées erlebten wir den Sonnenaufgang, aber erst unter der Purtscheller erwärmten uns ihre Strahlen. Wir gönnten uns im Frühlichtschein eine kurze Rast. Ausruhen, Verschnaufen, Betrachten, Geniessen. Der steile Firnhang unter den Aiguilles machte uns zu schaffen. Mühsam überschritten wir den gähnenden Gletscherschrund, blau-schimmerndes Eis unter hoher Schneedecke. Die Gipfelfelsen waren von der Sonne angewärmt. Herrlich, den rauhen Granit zu greifen! Die Besteigung ist unschwierig, doch bereitete die zunehmende Höhe dem Seilgefährten etwas Mühe. Die Freude verlieh uns Kraft. Das nahe Ziel lockte. Endlich war die oberste Steinplatte erreicht. Und welche Fernsicht, welche Fülle von Unterschieden: hier Bergriesen - dort Talweiten, hier gleissende Gletscher —dort verträumte Auen, hier erstarrte Welt - dort reiches Wachstum, Geborgenheit, Sattheit der Niederungen...

Und nun, auf der Rückkehr zur Hütte: das erste Glück unmittelbarer Erinnerung; das Erlebnis, kaum verklungen, wird stark, verdichtet sich zum Gedächtnis... und beim langsamen Ein-hergehen das Glück, seinen eigenen Gedanken nachgehen zu können, sich selbst zu sein in der Nähe des Freundes... eines neuen Freundes. Ruedi kam gestern in die Trienthütte. Beim Eintreten hatte er gesagt: « Zum Hüttenbesuch, um die Arbeit des JO-Leiterkurses einmal zu sehen, der Jugend wegen... » Später hatte er ergänzt: « Auch um die grossartigen Vorbereitungen zu würdigen, um die Kameradschaft zu erleben, um den Einsatz anzuerkennen... » Der Kontakt war bald gefunden; ein Wort gab das andere. Der Entschluss fiel nicht schwer: Morgen früh ziehen wir zusammen auf die Aiguille du Tour. Keine Bedenken wegen des Alters, wegen der Höhe, wegen der Länge. Begeisterung schafft Mut und Energie. Die gemeinsame Bergfahrt von heute hat es bewiesen. Die Sympathie entstand in der Begegnung, das Vertrauen erstarkte auf der langen Tour, die Käme- radschaft bewährte sich am Berg. Sie lebt hinfort als köstliche Freundschaft...

Die Jugend Karfreitag 1958. Das Postauto schlängelt sich auf schmaler Strasse von Orsières nach Champex. Ausser unserer JO haben nur wenige im gelben Wagen Platz genommen Das Wetter war bisher wenig einladend für Ostertouren. Heute ist zwar ein strahlender Tag; der Föhn brachte eine Aufhellung, doch für wie lange?

Neben mir sitzt ein untersetzter, schwarzschop-figer Mann. Seine scharfen Augen werfen mir einen prüfenden, zugleich fragenden Blick zu. Er schaut um sich, misst auch die Junioren mit Ken-neraugen und sagt nach kurzer Weile: « Wir werden den langen Weg durch die Combe d' Orny wählen. Die Hänge von La Breya sind lawinengefährlich. Es wird zu spuren geben. Macht euch auf einen mühsamen Aufstieg gefasst! » Ganz gelassen verkündet er die bevorstehenden Schwierigkeiten. Von diesem kleinen Rémy geht die Sage um, er habe vor dem Hüttendienst Trägerarbeit geleistet, keine Last sei ihm zu schwer gewesen. Er habe oft sein eigenes Körpergewicht in die Hütte gebastet. Ob er deshalb so klein geblieben ist, dieser zähe, ausdauernde, verschlossene Walliser?

In Champex werden die Rucksäcke begutachtet, Ausrüstung, Rettungsmaterial und Verpflegung gleichmässig verteilt und die Lasten aufgenommen. Langsam ziehen wir eine weisse Spur über den See; dann führt der Weg durch kupiertes, bewaldetes Gelände. Bald erreichen wir die Steilhänge der Combe. Knietief sinken wir mit den Ski im pulverigen Neuschnee ein. Die Spur führt durch eine stille, unberührte Gegend. Nur die Felle singen leicht unter den Brettern. Wir verlassen die Baumgrenze. Eine mächtige Lärche steht einsam als letzter Wächter am Rand der Steilstufe. Die Felsen rücken näher. « Wie lange sind wir schon unterwegs? » — Keine Antwort. Keiner hat auf die Uhr geschaut. Wir mühen uns aufwärts, vorwärts. Noch steht die Sonne hoch; ihr entgegen ziehen wir, hinauf, hinauf... Mittag ist schon längst vorüber. Auf dem Gletscher wird eine ausgedehntere Rast eingeschaltet. Der Hüttenwart spricht kaum, nimmt aber gern einen Schluck heissen Kaffee aus der Bordeflasche, und weiter geht 's. Die Rucksäcke drücken bald wieder. Die Gegend wird weiter; links erheben sich die Clochers du Portalet wie ein mächtiger Felsobelisk, zur Rechten grüsst die kleine Ornyhütte.Verträumt scheint sie aus dem letzten Jahrhundert zu rufen: « Kommt her, hier ist gut rasten! » -Doch wir wollen weiter, hinauf zur Trienthütte, unserm Tagesziel. Weit oben vereinigt sich der Ornygletscher mit dem tiefblauen Himmel Weiter, weiter — Stunde um Stunde zerrinnt. Im Gebirge zählt die Zeit kaum...

Die lauten Stimmen sind verklungen. Die fröhliche Schar der Jugendorganisation geht still einher, jeder für sich. Gelegentlich verkündet ein Ächzen, dass man mit sich kämpft. Hier gilt Ausdauer und Bewährung, hier wird die überschäumende Kraft erprobt.

Es wird kälter. Der Tag neigt sich; die Sonne taucht die gleissenden Firnen in letzte Glut. Aus dem Tal steigt blaue Finsternis. Endlich ist die Hütte zu erkennen. Wir stehen auf dem Col d' Orny und haben noch eine knappe Halbstunde vor uns. Der Hüttenwart zieht voraus. Wir rasten nochmals. Was tut es, wenn wir das letzte Stück bei Dunkelheit gehen? Am Himmel blinken die ersten Sterne; die Hütte ist nah, Freude erwacht. Wir haben das Ziel erreicht.

Die Trienthütte ist kalt, winterfeucht, unwirtlich und doch so einladend nach den Mühsalen des Aufstieges. Wir sind die ersten Gäste seit langem. Das Wetter war allzu schlecht in letzter Zeit. Für alle gibt 's Arbeit. Der Hüttenwart steht am Herd und braut einen heissen Tee, wir räumen auf und legen Hand an.

Wir haben Zeit, viel Zeit. Zwei Tage wütet der Sturm, Schnee fällt in dichten Flocken, wird vom Wind verfrachtet und gepeitscht. Wir können kaum vor die Hütte treten. Der Föhn brachte nur eine eintägige Aufhellung, gerade genug, um uns den langen Aufstieg zu ermöglichen. Doch die Jugend ist unverzagt. Sie bleibt frohgemut und zuversichtlich. Lieder erklingen, Karten wechseln, und in einer Ecke vertiefen sich gar zwei in ein Schachspiel. Zeit, um aus der Geschichte der Trienthütte etwas zu erfahren. Vergilbte, abgegriffene Bücher auf einer Holzlade geben Auskunft:

Die Trienthütte wurde 1935 erbaut. Sie ersetzte die 30 Jahre zuvor erstellte Cabane Dupuis am Col d' Orny. Die Sektion Les Diablerets hatte in dieser unvergleichlichen Bergarena schon um die Jahrhundertwende herum die Schutzhütte gebaut. Schicksal dieser Unterkunft am Col d' Orny: Sie genügte selten, um alle müden Bergsteiger aufzunehmen; zudem setzten Sturmwind und Eis dem einfachen Holzbau arg zu. Eine neue Hütte - eben die Trienthütte - wurde als massiver Steinbau hundert Meter höher erstellt. Er bietet mehr als hundert Personen Platz. Der SFAC hatte aus eigenen Mitteln einen namhaften Beitrag an die Kosten geleistet und erhielt dauerndes Gastrecht in der herrlichen Bergwelt. Die damalige Zentralpräsidentin war selbst mitgezogen, den geeigneten Platz für den Neubau auszuwählen. Für all die « Historien » zeigen die Junioren zwar kein besonderes Interesse.Versteht sich! Jugend will leben und erleben. Jetzt verbieten zwar Sturm und Schneegestöber die ersehnte Bergfahrt. Und morgenAm Ostermontag schien die Sonne. Zum Abschied hatte sich der Himmel reingefegt. Glücklich zogen wir unsere Spur über das Plateau und unter den goldenen Felsen der Aiguilles durch den Schnee. In stiebender Fahrt erreichten wir den Glacier des Grands und glitten beschwingt über die Hänge von La Chaux nach La Forclaz hinunter. Aufstieg, Hüttenleben und Schlussfahrt boten ein reiches Erlebnis und wurden nur allzu rasch zur bleibenden Erinnerung...

Der Brief Auf meinem Schreibtisch liegt ein alter Brief. Er ist vor mehr als fünfzig Jahren geschrieben worden. Ein purpurner Tellenkopf ziert den Umschlag, die Frankatur von 20 Rappen mit dem deutlichen Stempel- Champex ( Valais ) 10. VIII. 18. Ein unscheinbarer Brief; doch für mich birgt er einen köstlichen Inhalt. Es ist die anschauliche Schilderung meiner Mutter, als sie eine Reisegesellschaft auf die Aiguille du Tour begleiten durfte. Der Brief enthält reizende Reminiszenzen. Sie muten mich vielfach an wie weit-entrückte Erinnerungen aus einer fernen Welt. Die Teilnehmer hatten Bergstöcke, keine Pickel. Sie trugen dicke, wollene Strümpfe, die nach geraumer Weile auf der blossen Haut Juckreize verursachten. Unterwegs wurde etwas Brot und Schokolade verzehrt. Die Mahlzeiten fanden entweder im Hotel in Champex oder in der kleinen Ornyhütte statt. Und doch gibt der Brief die vielfältigsten Eindrücke wieder und berichtet von dem genossenen Glück auf hohen Bergen. Damals schien es Mode zu sein, in Gesellschaft einen Gletscher aufzusuchen und schwindelerregende Klüfte der Berge zu erleben. Das Gebiet von Trient war besonders anziehend: Das blumenreiche Val d' Arpette, der steile Weg nach Orny, der weite Gletscher, die einfache Besteigung der Aiguille du Tour lockten viele Wanderlustige an.

Diese Karawanen fielen seit jeher auf. Sie standen auch immer in gewaltigem Gegensatz zu den tüchtigen Kletterern und Skiläufern und wurden vom Bergsteiger still belächelt und gelegentlich gewiss auch verurteilt und verwünscht. Das ist während der Ferienzeit verständlich, wenn selbst die geräumigsten Unterkünfte keinen Platz für alle Schutzsuchenden bieten. Doch das ist kaum eine Erscheinung unseres Jahrzehntes. Im Jahrbuch des SAC von 1901 hält die Sektionschronik fest: « On reproche quelquefois à Orny ( et Trient ) d' être une cabane à l' usage des pensionnats de demoiselles, qui viendraient y faire d' agréables pique-niques, ou de petites promenades, et redescendraient au plus tôt. Le grand nombre des ascensions effectuées depuis la cabane indique que cette opinion est parfaitement erronée... » Also schon vor einem Menschenalter gab es kunterbunte Gesellschaften und forsche Berggänger! Und wenn heute Schulreisen oder Wandergruppen in diesem Gebiet anzutreffen sind, bezeugt es, dass die Gegend nichts von ihrer Erhabenheit und Grösse, von ihrer Einmaligkeit und Vielfalt eingebüsst hat. Die stürmische Entwicklung des Tourismus mit all seinen technischen Errungenschaften und Einrichtungen hat das Gebiet von Trient noch nicht erreicht. Wohl bestehen Projekte und Pläne zum Bau einer Seilbahn und einer Gipfelstation auf Pointe d' Orny, doch hoffen wir, dass dieses herrliche Gebiet noch lange dem Bergsteiger unangetastet erhalten bleibe. Hier ist ein Reichtum für alle, Fahrten und Erinnerungen kreuzen sich, Freundschaften entstehen, Jugend erlebt und ist begeistert.

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