Cortisol gegen Melatonin Herausforderung in der Nacht

Im April gilt es wieder ernst an der PDG, der Patrouille des Glaciers. Das legendäre Skitourenrennen fordert nicht nur durch seine Länge, die Höhe und den Höhen­unterschied. Ein Teil davon findet nachts statt. Das beeinflusst die Leistung markant.

Samstag, 23. April 2016, drei Uhr morgens in Zermatt. Während die Mehrheit der Schweizer wohlig eingepackt unter der Bettdecke schlummert, macht sich eine Schar Skitourenrennläufer mit Stirnlampe auf den Aufstieg, um die 3994 Höhenmeter nach Verbier zu bezwingen. Sie sind weit davon entfernt, sich der Ruhe der morgendlichen Stunde anzupassen. Nein, sie schalten auf Turbo im Versuch, den Rekord von 5:52:20 h zu brechen. Diesen haben die Schweizer Florent Troillet, Martin Anthamatten und Yannick Ecœur 2010 aufgestellt.

Kampf gegen die eigene Natur

Die Patrouille des Glaciers (PDG), das selbst ernannte «Rennen aller Super­lative», ist alles andere als ein Zuckerschlecken. Zu den 110 Strecken­kilo­metern kommen die Höhe – allen voran die Passage der Tête Blanche (3600 m) –, die Kälte und die Nacht hinzu. Die Teilnehmer müssen sich über mehrere Stunden ihren Weg durch die Finsternis bahnen. Und ­genau das ist eine der Besonderheiten dieses Wettkampfes.

Das Rennen bei Nacht ist deshalb so schwierig, weil der menschliche Körper nachts auf Schlaf programmiert ist. «Der zirkadiane Rhythmus, also der biologische 24-Stunden-Rhythmus, ist unter anderem auch an die Lichtverhältnisse gebunden», sagt Caroline Praz, Doktorandin an der Lausanner Universität (UNIL). «Das heisst, unser Körper schüttet tagsüber Cortisol aus und nachts Melatonin, um uns zum Schlafen zu bringen.» Im Rahmen ihrer Arbeit über Physiologie und Biomechanik beim Skialpinismus untersucht sie die Prozesse bei der PDG 2012: «Etliche andere Systeme im Körper werden vom zirkadianen Zyklus beeinflusst. In der Nacht ist uns weniger warm, wir gehen selten oder gar nicht auf die Toi­lette, wir haben weniger Hunger usw. Folglich ist auch un­sere sportliche Leistung davon beeinflusst.»

Nur eine Nacht

Mehrere Studien haben bereits gezeigt, dass es je nach Zyklusmoment Leistungsunterschiede gibt. «Die meisten Untersuchungen befassen sich mit den Konsequenzen bei einer Zeitverschiebung oder mit dem Unterschied, wenn man frühmorgens oder spätabends trainiert. Bei einigen zeigte sich ein Leistungsunterschied von bis zu 10%», betont Caroline Praz. Es gebe aber bis heute nur wenige Untersuchungen, die sich mit sportlichen Aktivitäten in der Nacht befassen. Eine davon wurde von Grégoire Millet, Professor am Institut für Sportwissenschaften der UNIL, anhand des Tor des Géants durchgeführt.

Die Teilnehmer dieses Wettrennens müssen zu Fuss 330 Kilometer und 24 000 Höhenmeter Aufstieg in maximal 150 Stunden bestreiten. «Wir haben festgestellt, dass die Wettkämpfer in der Nacht im Schnitt 14% langsamer unterwegs waren als tagsüber», erklärt der Wissenschaftler.

«Aber für ein nächtliches Ausdauer­rennen wie die PDG lassen sich nicht die gleichen Schlüsse ziehen», sagt ­Caro­line Praz. «Im Fall der PDG sprechen wir von ­einem punktuellen Anlass, der sich während einer einzigen Nacht abspielt. Der damit verbundene physische und psychische Stress ist derart stark, dass eine erhöhte Cortisol- und Adrenalinausschüttung stattfindet, die den eventuellen Leistungsabfall ausgleichen soll.»

Florent Troillet bestätigt: «Auf rein physischem Niveau habe ich nie einen Unterschied zwischen der PDG und einem Tag-Skitourenrennen festgestellt.» Der ehemalige Weltmeister in dieser Disziplin erinnert sich an seine Profizeit: «Die Patrouille war das oberste Ziel der Saison. Am Tag X entlud sich meine ganze Energie, und ich fühlte mich trotz der Nacht vom Start weg komplett wach.»

Schwere Orientierung im Dunkeln

Die Nacht hat noch einen anderen Nachteil, der den Teilnehmern der PDG das Leben schwer macht. «In der Dunkelheit verschiebt sich die Distanzwahrnehmung komplett. Einigen Wettkampfteilnehmern wird es richtiggehend schwindlig, als ob ein dichter Nebel herrscht», bemerkt Bernhard Hug, Disziplinenchef des SAC Swiss Teams. Es überrascht deshalb nicht, dass den Athleten vor allem der Abstieg oder die Abfahrt Probleme bereiten. Die Zahlen sprechen für sich: «Die Studie, die während des Tor de Géants durchgeführt wurde, zeigt, dass das Tempo bei abfallenden Streckenabschnitten in der Nacht um 25% bis zu 30% langsamer war als am Tag», berichtet Grégoire Millet.

Kürzere Nacht für 2016

In diesem Zusammenhang freut sich Florent Troillet, dass der Start der Profis beim PDG 2016 um eine halbe Stunde verschoben wird. Damit sind die Teilnehmer weniger lang in der Nacht unterwegs. Troillet ist wichtig, dass «die Wettkämpfer die Wichtigkeit der Beleuchtung nicht unterschätzen. Es ist unerlässlich, sich mit einer sehr starken Stirnlampe auszurüsten». Auch wenn das bedeutet, dass man ein paar Gramm mehr im Gepäck mittragen muss …

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