Das Comeback der Naturfasern Hersteller setzen wieder vermehrt auf Wolle

Vor der Erfindung moderner Kunststoffe war Wolle jahrzehntelang die erste Wahl am Berg. Neue Technologien bringen das Naturprodukt nun wieder zurück auf den Markt.

Im Frühjahr 2006 begab sich der britische Alpinist und ­Autor Graham Hoyland auf eine Zeitreise: Er schlüpfte in Kleidung aus Wolle, Baumwolle, Seide und durch Kämmen der Rohwolle gewonnene, sogenannte Gabardine. Die nostalgische Bergsteigerkluft hatten britische Forensiker und Textilexperten bis ins Detail der Ausrüstung nachempfunden, die George Mallory und Sandy Irvine 1924 bei ihrem gescheiterten Versuch trugen, den Mount Everest zu bezwingen. Hoyland wollte wissen, ob die Retrokleidung einen erfolgreichen Aufstieg aufs Dach der Welt überhaupt erlaubt hätte – 29 Jahre bevor Edmund Hillary und Tenzing Norgay den Gipfel erreichten.

«Ich trug rund acht Lagen Kleidung um die Hüfte», erinnert sich Hoyland im britischen «The Alpine Journal». «Dennoch fühlte es sich warm, leicht und bequem an.» Selbst der stramme Wind auf dem Rongpu-Gletscher auf mehr als 6000 Metern Höhe konnte die Gabardine nicht durchdringen. «Nach ausgiebigen Tests dieser Art war ich zuversichtlich», schreibt Hoyland, «dass Mallory und Irvine den Gipfel mit solchen Kleidern komfortabel hätten erreichen können.» Die Hüllen aus Naturfasern seien sogar leichter ge-wesen als moderne Ausrüstung für hochalpines Gelände, und Hoyland schwärmte von der ausserordentlich guten Bewegungsfreiheit. Viele Kletterer hätten ihn auf seine stylische Ausrüstung angesprochen und wissen wollen, wo es das zu kaufen gäbe.

Hoylands Kleider aus Naturfasern waren ein Unikat. Aber vielleicht war es unter anderem das erfolgreiche Experiment am Mount Everest, das Hersteller von Outdoorbekleidung inspiriert hat: Seit einigen Jahren setzen viele Marken verstärkt auf Naturstoffe wie Wolle, Baumwolle, Hanf und aus Holz gewonnene Fasern namens Tencel. Teils werden die «alten» Materialien auch geschickt mit modernen Fasern kombiniert, um das Beste beider Welten zu vereinen.

Leicht, weich, robust

«Naturfasern, insbesondere Wolle, sind ein wachsender Trend», sagt Dagmar Signer von der Schoeller Textil AG. Ortovox zum Beispiel hat in der gesamten Kleiderkollektion auf irgendeine Art und Weise Wolle verarbeitet. Sogar das Rückenteil einiger Rucksäcke ist mit Wolle beschichtet. Und auch der Hersteller Mammut, der traditionell nicht mit Naturmaterialien in Verbindung gebracht wird, sieht in den Naturfasern laut Presse­sprecher Harald Schreiber einen Trend am Outdoormarkt, den es ernst zu nehmen gilt.

Insbesondere Merinowolle ist dank den vielen positiven ­Eigenschaften seit Jahren im Einsatz: Sie ist leicht, weich, recht robust, hat eine natürliche Atmungsaktivität und ein gutes Wärmerückhaltevermögen. Zudem kann sie viel Feuchtigkeit aufnehmen, ohne die Isolationsfähigkeit zu verlieren, und neigt nicht zu Geruchsbildung.

Schweizer Wolle statt Daune

Die viel gröbere Schweizer Schafschurwolle taugt im Gegensatz zur Merinowolle nicht für Funktionsunterwäsche. «Dagegen eignet sie sich aufgrund ihrer hohen Bauschkraft ­ideal als Isolationsmaterial», sagt Martina Schweiger, Ju­nior-Marketingmanagerin von Ortovox. Zur Stabilisierung mischen einige Hersteller eine maisbasierte Faser unter die heimische Wolle. So kann diese überall dort zum Einsatz kommen, wo traditionell Daune verwendet wird. «Diese Wolle-Maisfaser-Füllung wärmt auch dann, wenn sie nass ist», sagt Schweiger. Denn Wollfasern können bis zu 35% ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne dass sie sich nass anfühlen.

Im Trend liegt auch das Holzfasergarn Tencel aus Eukalyptus. Laut Schweiger zeichnen sich diese Fasern durch ihre glatte Oberfläche aus – sind also angenehm auf der Haut zu tragen – sowie durch eine grosse Verdunstungskälte. Die kühlende Holzfaser, gemischt mit Merino, eigne sich daher bestens für hohe Temperaturen.

Am nächsten an die ursprünglichen Jacken von Mallory und Irvine kommen wahrscheinlich die Produkte von Roughstuff. Die Firma aus Gütersloh in Nordrhein-Westfalen setzt auf Loden. «Aus Loden können wir auch sehr robuste, nahezu Wasserdichte und warme Bekleidung herstellen», sagt Firmengründer Tobias Stork. «Der Everest wurde damals auch mit Baumwoll- und Wollbekleidung erstbestiegen und nicht mit Daunenoveralls.»

Hanf und recyceltes Polyester

Je nach erwünschter Funktionalität werden andere Fasern kombiniert. Die deutsche Firma bleed aus Oberfranken etwa setzt bei T-Shirts, die direkt auf der Haut getragen werden, auf Biobaumwolle und Tencel: «Die Holzfaser sorgt für die atmungsaktiven und schnell trocknenden Eigenschaften, aus der Baumwolle ziehen wir den Tragekomfort», sagt Michael Spitzbarth, Gründer und CEO von bleed.

Teils werden die Naturfasern auch mit Synthetik gemischt. bleed etwa mischt Hanf und recyceltes Polyester. «Hanf macht als Obermaterial auch für funktionale Jacken sehr viel Sinn, da es extrem strapazierfähig ist und Feuchtigkeit leiten kann», sagt Spitzbarth. Auch Schoeller kombiniert Naturfasern mit Synthetik, etwa mit Polyamiden für hohe Strapazierfähigkeit sowie mit Elastan für die Bequemlichkeit und den Tragekomfort. «In den letzten Jahren ist noch die Kombination von Wollgeweben mit Membrantechnologie dazugekommen», sagt Signer von der Schoel­ler Textil AG. Auch beim Hersteller Icebreaker, dessen Shirts und Hosen traditionell aus 100% Merinowolle gefertigt sind, kommt mittlerweile Mischgewebe mit Tencel und Nylon zum Einsatz.

Ein genereller Vorteil der Kunstfaser ist die Abriebfestigkeit. «Darum verwenden wir für Produkte, die besonders abriebfest sein sollen, eine Mischung aus Merinowolle und Cordura», sagt Schweiger von Ortovox. Auch Mammut springt auf den Trend gemischter Fasern auf und bringt im Sommer 2016 eine Wanderkollektion aus «Stormcotton» auf den Markt. Das Material besteht zu 95% aus Baumwolle und zu 5% aus Elastan. «Es ist atmungsaktiv, schnell trocknend und wasserabweisend», sagt Mammut-Pressesprecher Schreiber. In einigen Isolationsjacken setzt Mammut auf eine Mischung von Schaf- und Yakwolle. «Die Trocknungszeit der Mammut Alpine Wool YAK fällt bei identischem Flächengewicht um ein Vielfaches kürzer aus als die eines Kunstfaservlieses aus Polyester», sagt Schreiber.

Trotz allem unterlegen

Damit Daunenjacken auch in nasskalter Witterung funk­tionieren, verwendet Mammut das von PrimaLoft entwickelte «Silver Down Blend», ein Daunen-Kunstfaser-Gemisch. «Im Zusammenspiel von Entendaune und Mikrofaser behält diese Füllung auch im nassen Zustand nahezu die vollständige Bauschkraft», sagt Schreiber. «Zudem absorbiert sie 90% weniger Wasser als natürliche Daune.»

Natürlich gibt es Situationen, in denen Naturfasern an ihre Grenzen kommen. Für Schreiber etwa sind zumindest reine Naturfasern bei hochalpinen Tätigkeiten nur limitiert einsetzbar: «In puncto Wasserdichte, Gewicht und Packmass sind sie den künstlichen Fasern unterlegen.»

Auch die Retrokleidung von Mallroy hatte Nachteile, wie Hoyland herausfand: Mit eiskalten, steifen Fingern sei es enorm schwierig gewesen, die Knöpfe zu schliessen. Zudem hätten moderne Daunenoveralls eine deutlich bessere Isolationsleistung als die Naturkleider. «Meiner Meinung nach sind sie warm genug, um auf den Gipfel zu kommen, solange man immer in Bewegung bleiben kann», schreibt Hoyland. Ein Notbiwak oder starken Schneefall könne man damit auf dieser Höhe aber kaum überleben.

Nicht per se umweltfreundlicher

Der Einsatz von Naturfasern garantiert noch keine umweltfreundlich, fair und artgerecht produzierte Kleidung. Viele Hersteller setzen daher auf diverse Labels und Standards. Weit verbreitet ist das System der Firma bluesign technologies aus St. Gallen. Bluesign hat zum Ziel, den Rohstoffverbrauch in der ganzen Lieferkette zu reduzieren. Zudem legt sie Richtlinien für eine umweltfreundliche und sichere Produktion fest. Bei Mammut etwa erfüllen viele Materialien den bluesign-Standard, ebenso bei Schoeller und Patagonia. The Northface hat den Responsible Down Standard (RDS) entwickelt, der eine lückenlose Rückverfolgung der Daunen garantiert.

Die Firma bleed setzt auf den Global Organic Textile Standard (GOTS), der neben Ökologie auch soziale Verantwortung einschliesst. «Alle unsere Materialien sind entweder biologisch abbaubar oder lassen sich recyceln», sagt Michael Spitzbarth, Gründer und CEO von bleed.

Der italienische Hersteller Reda Rewoolution stellt seine Produkte nach dem Eco-Management and Audit Scheme (EMAS) her. EMAS ist ein Umweltmanagementsystem auf Unternehmens­ebene der Europäischen ­Union und gilt als weltweit anspruchsvollstes System seiner Art. «Es ist aber schwierig, zu beurteilen, ob die Naturprodukte letztlich wirklich ökologischer sind als synthetische Kleidung», sagt Dagmar Signer von ­Schoeller. Zu viele Parameter würden eine Rolle spielen, etwa die Transportwege, die Reinigung und Aufbereitung der Fasern sowie der Einsatz von Chemikalien und Farben.

Egal ob Naturfaser oder Synthetik: Der wohl bedeutendste Faktor für die Nachhaltigkeit der Outdoorbekleidung ist deren Lebensdauer. «Je länger ein Produkt lebt und je öfter man es reparieren kann, desto ökologischer wird sein Profil», sagt Aiko Bode, Chief Sustainability Officer von Fenix, zu dem auch Fjällräven gehört. Fjällräven setze daher nicht nur auf Recycling, sondern auch auf zeitloses Design, das nicht Gefahr läuft, aus Modegründen aussortiert zu werden. Auch Roughstuff möchte seine Lodenprodukte so lang wie möglich im Gebrauch halten. «Dazu bieten wir unseren Kunden einen Reparatur- und Änderungsservice an», sagt Firmengründer Tobias Stork. «Ebenso versorgen wir sie mit Ersatzstoffen und Ersatzteilen.» Und da Loden zu 100% aus Schurwolle besteht, lässt er sich einfach recyceln. Bei Mischgeweben, wie sie aus Funktionalitätsgründen im Trend liegen, ist das hingegen schwierig bis unmöglich.

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