Das Ende des «moralischen Halts». Ausbildungspflicht für Tourenleiter

Das Ende des « moralischen Halts »

Die 3500 Tourenleiterinnen und Tourenleiter des SAC werden besser. Auf den Jahreswechsel hin gilt für sie erstmals die Aus- und Fortbildungspflicht. Ein Rückblick auf 75 Jahre Tourenleiterausbildung.

Am 22. Juli 1934 sitzen 24 Kursleiteraspi-ranten aus 18 Sektionen im Garten eines Hotels in Meiringen. Dr. Rudolf Wyss, der Kursleiter des CC 1, erscheint. Man trinkt Kaffee. « Nach einer kurzen Seil-inspektion besteigen wir die Postauto-mobile, fahren nach der Handeck und steigen mit dem Gelmerbähnchen über die glatten Granitbuckel hinauf zum prächtigen Gelmerstausee. Leider hat sich das Wetter verschlimmert, so dass wir bei Regen den Weg hinauf zur Hütte erledigen müssen », berichtet ein Mitglied der Sektion Bern in den ALPEN 1934. Ein schlechter Start also für den zweiten « Turenleiterkurs » des Schweizer Alpen-Clubs im Gelmergebiet. Die Geschichte der Ausbildung der SAC-Tourenleiter hat erst in den 1930er-Jahren begonnen. Bis dahin gab es keine formelle, vom Zentralverband koordinierte Ausbildung für Tourenleiter, auch wenn sich der SAC um eine sorgfältige Ausbildung seiner Mitglieder bemüht hat. Das belegen zum Beispiel diverse Lehrbücher zum Thema Bergsteigen, die herausgegeben wurden.

Zu Nutz und Frommen des Bergsteigertums

Eine Woche lang lernten also die angehenden « Turenleiter », was zum Bergsteigen nötig ist. « Am Montag bearbeiteten wir den Gletscher mit Stufenschlag », rapportiert Tourenleiteraspirant Dähler. Wobei sich herausgestellt habe, dass « viele Pickel ganz mangelhaft geschmiedet waren ». Am Nachmittag erklärt Dr. Wyss, wie Kompass und Karten zu gebrauchen sind. Es folgte Gehen mit und ohne Steigeisen. Am Mittwoch heulte um die Gelmerhütte der Schneesturm. Zeit, um Knoten zu üben und ein Referat über Wetterkunde anzuhören. 1 CC = Central Comitee, heute Zentralvorstand ( ZV ) Am Donnerstag herrschte Kaiserwetter, das man zu Kletterübungen an den Gelmerhörnern nutzte, « ein überaus reicher Genuss », berichtet der Chronist. Nach dem « auf und ab und kreuz und quer auf einer Felsplatte » folgt am Freitag die Rettung eines « Turisten » aus einer Gletscherspalte. Wobei sich selten einer fand, « der den Eingestürzten allein aus der Spalte bringt ». Das sei nur mit der Steigbügeltechnik möglich. Nach Abseilübungen, die auf grosses Interesse gestossen sind, wurde die Kurswoche mit einem gemütlichen Abend in der Hütte beendet. « Dr. Wyss wirft einen Rückblick auf unsere Übungen, die trotz des schlechten Wetters gut verlaufen sind, und hofft, dass wir unser Gelerntes hineintragen in die Sektionen zu Nutz und Frommen des edlen Bergsteigertums », schliesst Dähler seinen Bericht. Wenn es nun gelinge, in diesem « Geiste in unseren Sektionen weiter zu instruieren, dann wird der SAC gute Früchte ernten können ».

Verantwortung nicht tragen

Die ersten Früchte liessen nicht lange auf sich warten, einige davon aber waren eher sauer. Die Bergführer, von jeher wichtige Partner des SAC, beobachteten die Entwicklung mit Argwohn. Schliesslich drohte ihnen Konkurrenz zu erwachsen. Sie fürchteten dies nicht zu Unrecht, gab es doch Tourenleiter, die « Führungen von Gesellschaften ins Hochgebirge » übernahmen. Das CC sah sich 1938 genötigt, die Tourenleiter zu erinnern, dass nur « solche Leute gegen Entgelt im Hochgebirge Touren führen dürfen, die im Besitze des kantonalen Bergführerpatentes sind ». Laut CC verdienten die angesichts der Wirtschaftskrise teils Not leidenden Bergführer die Unterstützung des SAC. « Das CC ist der Auffassung, dass gut ausgebildete Tou- Schraubkarabiner und Halbmast - wurf – heute Standartrepertoire des Sicherns – zeigen beispielhaft, wie sich die gesamte Ausbildung im Bergsport verändert hat. Tourenleiter müssen heute aus einer ungleich grösseren Palette an Sicherungstechniken auswählen können als vor 75 Jahren. Foto: Rober t Bösch renleiter bei guten Verhältnissen in der Lage sind, mit Kameraden leichtere, bekannte Hochtouren zu führen. » Ungünstige Verhältnisse in weniger bekanntem Gebiet würden aber Gefahren nach sich ziehen. « Ein Turenleiter übernimmt bei der Führung von Hochtouren eine grosse Verantwortung, die er nicht zu tragen imstande ist », heisst es im Aufruf des CC. « Die Verantwortlichkeit für die Turenteilnehmer und ihre Angehörigen, wie für das Ansehen und Vertrauen des S.A.C. erfordern diese Vorsichtsmassnahme. » Darum sollte die Leitung bei Hochtouren immer einem patentierten Bergführer oder Skilehrer übertragen werden. Schon damals zeigt sich das Spannungsfeld, in dem die SACTourenleiter ihre freiwillige Arbeit für den Club verrichteten. Sie sollten in der Lage sein, auch Unerfahrene sicher zu führen; auf der anderen Seite mussten sie als nicht voll ausgebildete Bergführer abschätzen, ob sie die Verantwortung tragen können. Wenn es allerdings hoch hinaus ging, waren sie auf einen Bergführer angewiesen.

Von der Armee in den SAC

Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs entstand in der Armee der Gebirgsdienst. Bis dahin existierte kaum eine systematische Bergausbildung für Soldaten. Auf Anregung von SAC-Mitgliedern wurde die Gebirgsausbildung der Truppe mit Kursen in Eis und Fels vom CC unterstützt, wie Daniel Anker in seinem Lizen-ziat über die Geschichte des SAC schreibt. Lange Zeit verliess Mann sich in den Bergen schlicht auf seine Körperkraft – und den « moralischen Halt »: 1943 empfahl der SAC seinen Tourenleitern in seinem Lehrbuch Bergsteigen den Nachsteigenden über Felszacken und die Schulter zu sichern. Zeichnung aus: Bergsteigen, SAC-Verlag 1943 Heute unvorstellbar, damals die Lehrmeinung: Die Tourenleiter von 1943 lernten den Vorsteigenden mittels eines durch einen Karabiner laufenden Seils und der schieren Kraft der Hände zu sichern. Auch rund 20 Jahre später hatte sich das noch nicht wesentlich geändert.

Zeichnung aus: Bergsteigen, SAC-Verlag 1943 Um 1900 steckte die Seiltechnik noch in den Kinderschuhen: Ein Gruppenleiter im Berner Oberland hält das viel zu kurze Seil fast wie eine Blume und verlässt sich schlicht auf seine Standhaftigkeit. Wäre die Schneebrücke eingestürzt, wäre wohl die gesamte Seilschaft im Schlund des Gletschers verswunden.

Quelle: Foto von 1898 im Berner Oberland aus Alpinismus in Bildern. Geschichte und Gegenwart, Schroll-Verlag, München 1967 Aufnahmekriterium für die Gebirgstruppen war die Mitgliedschaft in einer SAC-Sektion, erinnert sich André Vonder Mühll, der seinen Leiterkurs 1955 absolviert hat. Die Ausbildung der Gebirgsspezialisten strahlte danach auf die Sektionen aus. So übernahmen sie in den Sektionen mehr und mehr Ausbil-dungsaufgaben.

Frühe Ausbildungspflicht in der JO

Parallel dazu existierte seit den 1950er-Jahren eine Ausbildung für Kursleiter im Bergsteigen, die in der JO unterrichteten. Diese Ausbildung der Eidgenössischen Sportschule Magglingen war zum Teil reglementiert. « Der Zwang zu Aus- und Weiterbildung liess sich in der Jugendorganisation ( JO ) durchsetzen, weil die Kurse und Touren durch die Militärver-sicherung gedeckt waren », erzählt der spätere JO-Ausbildungsleiter Vonder Mühll. Aus diesem Grund konnten die JO-Leiter auch zu Wiederholungskursen verpflichtet werden, die alle drei Jahre zu absolvieren waren.

Über eine generelle Ausbildungspflicht für Tourenleiter machte man sich im SAC zu dieser Zeit noch wenig Gedanken. So wurden weiterhin Tourenleiter herangezogen, die « nicht über eine rigorose Ausbildung verfügten », wie die ALPEN im Jahrbuch 1957 berichteten. Als Qualifikation genügte es unter Umständen, « wenn einer genügend Zeit hatte und bereit war, die Tour zu führen », so André Vonder Mühll. Nur eine Elite der Tourenleiter wurde in den sogenannten Leiterkursen B für schwierigeres Terrain ausgebildet, diese haben die Fähigkeit erreicht, Mitglieder auf Hochtouren zu führen, sie sind härter geschult und ausgewählt, ist in den ALPEN zu lesen. Die Ausbildung für das Gros der Tourenleiter blieb jedenfalls weiter freiwillig, was sich zum Teil auch negativ am Berg zeigte. André Vonder Mühll berichtet beispielsweise vom fragwürdigen « moralischen Halt », mit dem ein Seilschaftsführer seine Gruppe an der Gelmerspitze abgesichert habe. Er verzichtete darauf, sich am Standplatz selber abzusichern. Dass es nicht mehr Unfälle gab, bezeichnet Vonder Mühll, der in den 1980er-Jahren auch Geschäftsführer des SAC wurde, « als reines Glück ». Der Zentralvorstand begann in dieser Zeit, die mangelnde Ausbildung als heikles Thema zu betrachten. Eine Umfrage ergab nämlich, dass lediglich eine Minderheit der Leiter genügend ausgebildet war, um unerfahrene Menschen in alpines Gelände zu führen.

Immerhin wurde versucht, die Tourenleiter auf sanftem Weg zu einer Ausbildung zu animieren. Etwa indem ein Abzeichen geschaffen wurde, das ausgebildeten Tourenleitern abgegeben wurde. Aber ein Reglement, das die Ausbildung zur Pflicht macht, verabschiedete die Abgeordnetenversammlung erst 2006. Es regelt erstmals in der Geschichte des SAC die Ausbildung, über die jene Personen verfügen müssen, welche die Verantwortung für eine Gruppe übernehmen. Sei es auf Hochtouren oder bei einer Ski-tour. a Peter Camenzind, Redaktor 1943 genügten fürs Bergsteigen ein Hanfseil, einige Metallhaken, Schnappkarabiner und ein Hammer zum Hinein- und Herausschlagen der Haken– natürlich neben rechten Schuhen, dem Pickel und einem Rucksack. Dementsprechend kurz war auch das Kapitel über das richtige Material im Lehrbuch des SAC.

Zeichnung aus: Bergsteigen, SAC-Verlag 1943 Dieses Material wurde 1978 bei der Erstbegehung der Reculée des Planches bei Arbois ( Jura ) verwendet. Nylonseile haben die Hanfseile verdrängt, was ein Segen für die Tourenleiter und Bergsteigerinnen und Bergsteiger war.

Foto: Claude und Yves Rémy, Die ALPEN 1978

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