Das erste Relief der Zentralschweiz

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Zum 150. Todestag des Luzerner Topographen General Pfyffer von Wyer Mit 2 Bildern ( 118, 119.,.

Von Bruno Laube

( Luzern ) Seit Albrecht von Haller, einer der universellsten Europäer des 18. Jahrhunderts, sein berühmtes Lehrgedicht « Die Alpen » schrieb, war die Aufmerksamkeit der westlichen Kulturwelt auf die Berge der Schweiz gelenkt. Zum ersten Male war hier deutlich der Gegensatz zwischen Natur und Kultur ausgesprochen worden, der nachher durch Rousseaus Naturlehre seine gültigste Ausprägung erfuhr. Die Geschichtsschreiber unseres Landes wurden im Anschluss an solche Stimmen und an die allgemeine Kultur- und Gesellschaftskritik der Aufklärung nicht müde, den Älpler als den unverdorbenen, freien Menschen zu schildern und in einer Zeit höchster staatlicher Zersplitterung den Hort der Freiheit wieder in den Bergen der Urschweiz zu suchen. Eine ungeheure Reisebegeisterung erwachte. Pfarrherren, Lehrer und Studenten aus dem schweizerischen Mittelland wanderten über Voralpenpässe in die Bergtäler hinein und besuchten die Stätten der ersten eidgenössischen Bünde um den Urner See. Staats- und Erdbeschreibungen erzählten von der topographischen Beschaffenheit der Schweiz, Landkarten versuchten, meist noch recht hilflos, Relief und Örtlichkeiten wiederzugeben. Verschiedene Naturwissenschafter, wie etwa der Genfer Horace Benedict de Saussure, nahmen barometrische Höhenmessungen auf den Bergen vor und suchten in die Geheimnisse einzudringen, welche die vor kurzem noch mit Drachensagen und Berggeistern erfüllte Alpenwelt dem rationalen Geiste eines fortschrittsgläubigen Jahrhunderts zur Erhellung bereithielt.

Ausser den dichterischen Werken eines Haller oder Rousseau und den Forschungen der Naturwissenschaft hat kaum eine andere Schöpfung jener Zeit so starke Impulse zur Erschliessung der Schweizer Alpen ausgelöst wie das Relief der Zentralschweiz, das der Luzerner Offizier und Topograph Franz Ludwig Pfyffer von Wyer in den Jahrzehnten zwischen 1750 und 1780 angefertigt hat. Der am 18. Mai 1716 geborene Patrizier verbrachte fast die Hälfte seines langen Lebens in französischen Diensten, wo er sich in den grossen europäischen Kriegen der Zeit, dem polnischen Thronfolgekrieg und dem österreichischen Erbfolgekrieg, auszeichnete. Er stieg schliesslich zum Obersten eines Regiments empor, das seinen Namen trug. Vom französischen König zum Kommandeur des St. Ludwigsordens, eines militärischen Ver-dienstordens, ernannt, erhielt er 1768 gar noch die Beförderung zum Generallieutenant, dem zweithöchsten Offiziersrang, den Frankreich zu vergeben hatte. Ein Jahr später nahm der also Geehrte seinen Abschied und liess sich endgültig in seiner Heimatstadt Luzern nieder, deren Kleinem Rat er seit 1753 angehörte. Eines seiner beiden vornehmen Häuser, das eigentliche Wohnhaus am Mühlenplatz, war schon in früheren Jahren, wenn er seine Urlaube in der Heimat verbrachte, zum Zentrum eleganten Lebens geworden, dem seine hübsche Gattin, aus Argenteuil, mit viel Geschick vorzustehen wusste.

Pfyffers eigentliche Liebe galt jedoch nicht den Vergnügungen der bessern Gesellschaft; er hatte vielmehr schon als junger Mann fast jeden Sommer ausgedehnte Bergfahrten unternommen, auf denen er die Bodengestalt beobachtete, zeichnete und Messungen vornahm. Obwohl er in mathematischen Belangen Autodidakt war, brachte er es dank einer starken Begabung und grösster Ausdauer zu beachtlichen Resultaten. Zunächst war das Pilatusgebiet Ziel seiner Wanderungen, auf denen ihn meist ein Gehilfe aus dem Entlebuch begleitete. Auf längern Fahrten trugen ihm Einheimische Instrumente und Proviant.

Die Zeichnungen und Messergebnisse verarbeitete er zu Hause in einem Relief, das zunächst das Gebiet zwischen dem Hergiswald und Alpnach umfasste. Kurz nach 1750 war diese erste plastische Landschaftsdarstellung der Schweiz abgeschlossen. Die äusserst gewissenhafte Arbeit, die auch die Hütten und Stege, die Wälder und Gewässer möglichst genau abzubilden suchte, fand sogleich lebhaftes Interesse auswärtiger Fachleute, so dass der Berner Bibliothekar Gottlieb Emanuel Haller 1759 schrieb, seine Zeitgenossen betrachteten die Pilatusdarstellung als bewunderungswürdig vollkommen Pfyffer hatte während des Modellierens nicht versäumt, die mit dem Berge vertrauten Älpler selbst vor sein Werk zu führen und sie um ihre Meinung zu befragen.

Schon zu Beginn des Jahrhunderts hatte sich ein anderer Luzerner, der Arzt und Naturforscher Dr. Mauriz Anton Kappeier, um eine genauere Kenntnis des Berges, seiner Vegetation und seiner Tierwelt bemüht; seine Ergebnisse lagen in einer lateinisch geschriebenen « Pilati montis Historia » vor, der ersten Monographie eines Berges, die man kennt. Gedruckt wurde sie aber erst 1767, dank unablässigen Bemühungen des aufklärungsfreundlichen Luzerner Kleinrats Felix Balthasar, der auch eine zum Teil von General Pfyffer von Wyer, zum Teil von Kappeier stammende Pilatusbeschreibung unter dem Titel « Promenade sur le mont Pilate, ou description curieuse de cette fameuse montagne » 1759 im Journal Helvétique zu Neuchâtel veröffentlichte; sie erlebte innert kürzester Zeit Nachdrucke in Deutschland und Frankreich. Alles Zeichen des besondern Interesses, das man den Alpen nun entgegenbrachte.

Pfyffer von Wyer machte sich, angespornt durch vielfältige Anerkennung, daran, sein Pilatusrelief zu erweitern und es auf die ganze Zentralschweiz aus- zudehnen. Da zuverlässige Karten für diese Gebiete fehlten und bestehende Höhenmessungen überall nachkontrolliert werden mussten, unternahm der Luzerner Topograph ausgedehnte Fahrten in die Voralpen und schliesslich auch auf einzelne Gipfel der Urner Alpen. Was für unerwartete Hindernisse dabei zu überwinden waren, erhellt ein Bericht eines Zeitgenossen, der sagt, Pfyffer sei von den misstrauischen Älplern zweimal als Spion festgenommen worden! Begreiflich, dass man in den Bauerndemokratien der Innerschweiz noch skeptisch gegen die Landesvermessung « war, da doch sogar die auf-geschlosseneren Städte diese Aufgaben nur zögernd in Angriff nahmen. Einer der genialsten Ingenieure und Topographen jener Zeit, der auch an politischer Einsicht hervorragende Genfer Micheli du Crest, beschäftigte sich eben damals auf der Feste Aarburg — wo er als Staatsgefangener der Berner steckte — mit kartographischen Problemen. Unter anderm zeichnete er das erste geometrische Alpenpanorama. Dieser Genfer stand während seiner letzten Lebensjahre mit General Pfyffer in Verbindung und erteilte ihm brieflich Ratschläge für seine Vermessungen und die Arbeiten am Relief. Dass bei den mangelhaften technischen und kartographischen Grundlagen das ständig wachsende Relief doch nicht die Abbildungstreue erreichte, wie sie unser an exakteste Gelände-wiedergabe gewöhntes Auge erwartet, kann Pfyffer gewiss nicht zum Vorwurf gemacht werden.

Rund zwanzig Jahre lang setzte der Luzerner seine Mussezeit an dieses Werk, das längst mehr als ein Steckenpferd eines Dilettanten war. Aus erhaltenen Bemerkungen und Skizzen geht hervor, dass Pfyffer daran dachte, dieses Geländeabbild allmählich auf das ganze Gebiet der damaligen Eidgenossenschaft auszudehnen. Dazu ist er nicht mehr gekommen Aber auch in seiner heutigen Gestalt, die fast den ganzen Kanton Luzern, Unterwaiden mit angrenzenden bernischen Gebieten, ferner grosse Teile von Uri, Schwyz und Zug umfasst, imponiert das jetzt im Gletschergarten zu Luzern aufgestellte Relief durch seine Ausmasse von zirka 7 auf 4 Meter.

Einen vorzüglichen Einblick in die Vorbereitungsarbeiten des Topographen verschafft eine Sammlung von kolorierten Zeichnungen, auf denen meist Ausblicke panoramaartig festgehalten sind; die verschiedenen Standorte wurden auf einem besondern Plan zu Dreiecken untereinander verbunden. Ein Beispiel dieser heute auf der Zentralbibliothek Luzern aufbewahrten Kollektion ist auf der beigegebenen Tafel zu sehen. Wie viele Gipfel Pfyffer betrat, um barometrische Höhenmessungen vorzunehmen und Geländeskizzen zu zeichnen, lässt sich nur mehr vermuten, Gipfel, die zu einem guten Teil bisher wohl nur von verwegenen Gemsjägern erreicht worden waren! Noch im hohen Alter soll er mehrere Male zum Titlis aufgestiegen sein.

Unzählige Schweizer und Ausländer kamen im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts dieses Reliefs wegen nach Luzern. Geistesgrössen wie der Genfer Naturforscher de Saussure, der italienische Physiker Alessandro Volta, der englische Reiseschriftsteller William Coxe, Professor Meiners aus Göttingen, Friedrich Leopold von Stolberg, einer der Begleiter Goethes auf der ersten Schweizer Reise, Frau Sophie von la Roche und andere zollten der Pfyfferschen « Landform » ( wie man das Relief nannte ) ihre Bewunderung. Volta beschrieb das Relief ausführlich in einem Bericht an den Grafen Firmian, aus dem hier ein paar Sätze erwähnt seien ( zitiert nach einer Übersetzung von Prof. Fritz Ernst ): « Um sich eine genaue Vorstellung der fraglichen Arbeit zu bilden, denke man sich eine grosse Tafel, bedeutend grösser als ein Billardtisch, einen mittlern Saal fast gänzlich füllend. Über der Tafel als Basis erheben sich im Relief Berge, Täler, Wälder, Häuser etc. Die verwendete Masse besteht aus einer Mischung von gekochtem Wachs und Sägemehl. Die metallenen Häuser sind gleich Nägeln in die Unterlage eingetrieben. Die Wälder bestehen aus Leinwand mit übergegossenem Wachs und Leim, und alles ist von solcher Festigkeit, dass man es nicht auseinanderreissen könnte. Die Bergspitzen sind aus Stein, den man am entsprechenden Ort geholt und zurechtgehauen hat. Jedes Ding erscheint in seiner natürlichen Farbe: die Flüsse und Seen himmelblau, die Wasserfälle silbern... Wer möchte alle Mühe und Arbeit zusammenzählen, die es diesem einzigartigen Mann kostete, ein Land wie die Schweiz, voller Hänge und Abgründe, sozusagen Schritt für Schritt auszumessen, zu geschweigen der Hindernisse und Gefahren, die er zu überwinden hatte? » Wohl hatte Pfyffer in Paris die Reliefsammlung französischer Festungen gesehen, die sich heute noch im Hotel des Invalides befindet. Doch über die Herstellungsweise solch plastischer Gebilde musste er eigene Versuche anstellen. Er hatte dabei eine selbständige Technik entwickelt, die eine vorzügliche Gesamtwirkung ergab, obwohl sein Bestreben, auch Einzelheiten wie Wege und Häuser wiederzugeben, die Maßstäbe da und dort stark verzerrte. So entstand schliesslich eine eigenartige Geländedarstellung, die mit ihrem Hervorheben charakteristischer Einzelzüge in einem gewissen Sinne nicht der künstlerischen Gestaltung entbehrt.

Als die innerlich längst morsche alte Eidgenossenschaft unter wenigen Schlägen der französischen Heere zusammenbrach, fand das Relief des ehemaligen Generallieutenants mit einem Male ein Interesse, an das sein Bildner kaum gedacht haben mochte: die Heerführer Napoleons suchten sich seiner für ihre Kämpfe im Innern der Schweiz zu bedienen! So hatte also das Misstrauen der Älpler gegen Terrainvermessungen doch seine Berechtigung. General Lecourbe soll das Relief benützt haben, als Suworoff über den Gotthard vordrang. Napoleon selbst suchte es zu erwerben, als er sich 1802 um eine vollständige Vermessung der Schweiz bemühte. Damals befand sich ein Teilrelief der Schweiz in Paris, das ebenfalls der Pfyfferschen « Landform » seine Entstehung verdankte. Der Aarauer Kaufmann Johann Rudolf Meyer hatte nämlich beim Betrachten von Pfyffers Arbeit den Entschluss gefasst, eine Karte der Eidgenossenschaft aufnehmen zu lassen. Mit Hilfe des Zeichners Weiss aus Strassburg und des Engelbergers Joachim Eugen Müller kam dieses Werk in den 1790er Jahren zustande, so dass Meyer 1796 bis 1801 die erste « Landeskarte der Schweiz und ihrer Bundesgenossenschaft » in 16 Blättern herausgeben konnte.Von Meyers Mitarbeitern war auch das erwähnte Teilrelief erstellt worden, das Napoleon vorlag. Pfyffer selbst hatte ebenfalls an einer Landkarte gearbeitet, die allerdings nur den Kanton Luzern umfasste. Das in seiner Heimatstadt nicht mehr erhaltene Blatt ist wahrscheinlich 1803 nach Paris gelangt, als Geniehauptmann Virvaux dem General Ney den An- kauf des Reliefs empfahl. Der Zuger Josef Clausner hatte schon vorher eine perspektivische Karte nach dem Relief gestochen, die einen bessern Begriff davon gibt als die 1777 von B. A. Dunker gezeichnete Ansicht, welche sich als Stich in Beat Fidel Zurlaubens « Tableaux historiques » findet.

Seitdem die Patrizier Luzerns Ende Januar 1798 die Leitung des Staates niedergelegt und unter dem Einfluss einer Jüngern Generation revolutions-begeisterter Franzosenfreunde die Umgestaltung der Eidgenossenschaft freiwillig eingeleitet hatten, lebte der über achtzigjährige Franz Ludwig Pfyffer von Wyer zurückgezogen und in grosser Einfachheit. Frankreich zahlte seine Pension nicht mehr aus, und beim Einfall der französischen Truppen verlor er erst noch einen Teil des Vermögens. In einer ihm innerlich entfremdeten Umgebung mag er wie so manch anderer Vertreter der ehemals führenden Geschlechter Luzerns ein freudloses Alter verlebt haben. Am 7. November 1802 ist er in seiner Geburtsstadt gestorben und dort zu Grabe getragen worden.

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