Das ewige Dilemma: nutzen oder schützen? Naturpärke

In der ganzen Schweiz werden derzeit Naturpärke konzipiert. Man setzt auf den « touristischen Mega trend » Natur. Die alte Frage nach der richtigen Balance zwischen Nutzung und Schutz wird kontrovers diskutiert.

Zur Beruhigung gleich eins vorneweg: Für Bergsportlerinnen und Wanderer sollten die neuen Regionalen Naturpärke ( s. S. 34 ) keine zusätzlichen Einschränkungen mit sich bringen. « Es gibt keine neuen Verbote », sagt Bruno Stephan Walder, Chef Sektion Landschaften von nationaler Bedeutung im Bundesamt für Umwelt ( BAFU ). Befinden sich in den Pärken bereits geschützte Gebiete wie Hochmoore, so gelten dort einfach die gleichen Regeln wie zuvor. Denkbar ist für Walder, dass das Parkmanagement zusammen mit den lokalen Behörden bei Bedarf eine Besucher lenkung einführt. Etwa dann, wenn der Touristenstrom dank dem Parklabel anschwillt und dadurch fragile Lebensräume gefährdet werden. Ein Gebiet mit trittemp-findlicher Vegetation zum Beispiel, in dem Pflanzen wachsen, die auf der Roten Liste stehen. Wanderer oder Bikerinnen könnten mittels Signalisa tion oder Zäunen darum herumgelenkt werden.

Solche Massnahmen lassen sich mit dem Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz ( NHG ) rechtfertigen, in dem die Regionalen Naturpärke geregelt sind. Dort steht, die Qualität von Natur und Landschaft müsse durch die Pärke « erhalten und aufgewertet » werden. Was « erhalten » bedeutet, leuchtet ein, doch was ist unter « aufwerten » zu verstehen? Walder nennt Beispiele: Hecken pflanzen, Bäche renaturieren, Alpen nicht verganden lassen. Im Siedlungsgebiet sollte die Raumplanung über die Gemeindegrenze hinaus greifen, damit « Windstille » nennt Roman Signer seinen Beitrag zur SAC-Kunstausstellung bei der Capanna Basòdino.

in eine Holzkonstruktion ein und gönnt dadurch der Fahne einen Sommer lang Ruhe. Bei der Eröffnung der Ausstellung Mitte Juni, die massgeblich von Axpo Holding AG und Pro Helvetia sowie weiteren Donatoren unterstützt wird, zeigte sich, dass sich ein Wunsch des Ku-rators Andreas Fiedler bereits erfüllt hat: Die Interventionen geben Anlass zu Diskussionen. Diese dürften sich aber kaum so platt abspielen, wie es gewisse Medien mit der Wendung « Rotsocke und Schön-geist » zu suggerieren versuchten. Die Kunstausstellung kann noch bis Ende September erwandert werden. Im SAC-Verlag ist dazu auch der begleitende Kunst- und Wanderführer Wanderziel Kunst: Ein- und Aussichten er-schienen. a Christoph Meier, Redaktor Foto: Mar co Volken nicht ein hässlicher Siedlungsbrei entsteht.

Regionale Wirtschaft stärken

Im Artikel 23 des NHG, in dem von Erhalten und Aufwerten die Rede ist, wird für die Regionalen Naturpärke noch ein zweiter Zweck genannt. In ihnen soll « die nachhaltig betriebene Wirtschaft gestärkt und die Vermarktung ihrer Waren und Dienstleistungen gefördert » werden. Ob und wie das zusammen geht, war Thema des dritten « Swiss Outdoor Forum », das Ende Mai in Visp stattfand. Das Forum ist die nationale Plattform für die Vernetzung der Akteure der Outdoor-Branche im Berggebiet. Zu seinen Zielsetzungen gehört unter anderem die « Auseinandersetzung mit der nachhaltigen Entwicklung und dem naturnahen Tourismus ». Der SAC ist Partner des « Swiss Outdoor Forum ».

In Visp war die Naturschutzorganisa-tion Pro Natura zugegen, die die Pärke-idee vor zehn Jahren lanciert hat. Zentralsekretär Otto Sieber nannte die abweichenden Erwartungen an die Naturpärke das « ewige Dilemma »: « Die Besucherinnen und Besucher wollen geschützte Natur, die Bevölkerung im Parkgebiet will regionale Entwicklung. » Er hält beide Interessen für berechtigt, befürchtet aber, dass der Schutzgedanke zurzeit zu kurz kommt. Vorstellungen darüber, wie Natur und Landschaft aufgewertet werden können, fehlten in den Parkplanungen, oder es seien nicht genügend Ressourcen dafür vorgesehen. Das könne auf die Dauer nicht gut gehen. Die Touristen würden fernbleiben, wenn die Pärke nicht hielten, was sie versprächen. « Wo Natur draufsteht, muss Natur drin sein », resümierte Sieber seine Position.

Urs Zenhäusern, Direktor von Wallis Tourismus, findet dagegen, der Schutz werde überbewertet, und sieht genug einmalige Natur und Landschaft. Für ihn besteht die Herausforderung darin, sie zugänglich zu machen. « Was nützt schöne Natur, wenn niemand da ist, um sie zu sehen ?», fragte er. Eine gewisse Erschliessung mit Verkehr und Gastronomie müsse auch in den Naturpärken möglich sein. « Die Natur gehört allen, nicht nur topfitten Berggängern. » Gegen den Vorwurf, die Schutzorganisationen wollten die Landschaft unter Ausschluss der Menschen stattfinden lassen, verwahrte sich Sieber. « Die Landschaft wird in der Regel mit den Menschen geschützt und entwickelt », sagte er. Es sei namentlich die traditionelle Landwirtschaft, die jene Vielfalt an Landschaften und Arten geschaffen habe, die die Attraktivität einer Region ausmache. Ohne diese Art der Bewirtschaftung käme es zu einer « Banalisie-rung der Landschaft ».

Win-win-Situation?

Andreas Weissen, der Geschäftsführer des Netzwerks Schweizer Pärke, in dem sich 27 Pärke und Parkprojekte zusammengeschlossen haben, betonte seinerseits, Pärke seien natürliche und vom Menschen gestaltete Lebensräume. Sie böten den Besucherinnen und Besuchern Naturerlebnisse, aber auch faszinierende Geschichte(n), Kontakt zur Bevölkerung und regionale Spezialitäten. Originelle, authentische Angebote zögen Reisende an, erzeugten aber auch regio- Die UNESCO-Biosphäre Entlebuch im Kanton Luzern ist bisher der einzige anerkannte Regionale Naturpark. Zum Park gehört die Schrattenfluh bei Sörenberg.

Foto: swiss-image.ch/Max Schmid Pärke von nationaler Bedeutung: Seit Dezember 2007 ist das revidierte Natur- und Hei-matschutzgesetz NHG in Kraft. Es defi niert drei Park-kategorien: Nationalpark, Regionaler Naturpark und Natur erlebnispark. Nähere Informationen fi nden sich auf der Website des Netzwerks Schweizer Pärke ( www.paerke.ch ) und des BAFU ( www.umwelt-schweiz.ch/paerke ).

Nationalpark Ein Nationalpark ist ein grösseres Gebiet mit einer Kernzone, in der sich Natur und Landschaft weitgehend ohne menschliche Eingriffe entwickeln können. Bisher einziger Nationalpark ist der Schweizerische Nationalpark in Graubünden, der 1914 gegründet wurde. In Graubünden und im Tessin gibt es Pläne für zwei weitere Nationalpärke ( Parco nazionale del Locarnese, Parco Adula ). Regionaler Naturpark Ein Regionaler Naturpark ist ein grösseres, teilweise besiedeltes ländliches Gebiet, das sich durch hohe Natur- und Landschaftswerte auszeichnet und dessen Bauten und Anlagen sich in das Landschafts- und Ortsbild einfügen. Als regionaler Naturpark anerkannt ist bisher einzig die UNESCO-Biosphäre Entlebuch. Acht Gebiete haben vom BAFU das Kandidatenlabel verliehen bekommen ( Parc Ela, Biosfera Val Müstair, Naturpark Thal, Regionaler Naturpark Gantrisch, Regionaler Naturpark Diemtigtal, Naturpark Thunersee Hohgant, Landschaftspark Binntal, Parc régional Chasseral ). Sieben weitere Projekte haben eine Gesuch für die Errichtung eines Parks gestellt, in sieben weitern Gebieten laufen Vorbereitungsarbeiten.

Naturerlebnispark Ein Naturerlebnispark ist ein naturnahes Gebiet, das in einer dicht besiedelten Region liegt. Es eignet sich für die didaktische Vermittlung von Naturerlebnissen und soll die Lebensqualität der städtischen Bevölkerung verbessern. Der Wildnispark Zürich verfügt über das Kandidatenlabel. In zwei weiteren Gebieten laufen Vorbereitungsarbeiten.

nalen Mehrwert in Form von Übernachtungen, Mahlzeiten und Führungen aller Art. Weissen geht von einer Win-win-Situation aus: « Die Aufwertung von Natur und Landschaft bringt der regionalen Wirtschaft etwas », sagte er. Regionen mit den nötigen Qualitäten und Poten-zialen gebe es überraschend viele, und die Park idee sei sehr populär. « Wir zeichnen die Karte mit den Parkprojek-ten jährlich zweimal neu, weil die Entwicklung so dynamisch verläuft », sagt Weissen. Die Vermarktung laufe ebenfalls sehr gut, weil Schweiz Tourismus eine Marketingplattform für die Pärke eröffnet habe. « Für die meisten Pärke kommt die Vermarktungswelle allerdings zu früh. » Noch fehle es vielerorts an den nötigen Angeboten, weil man sich in der Aufbauphase befi nde. Auf-wendig seien namentlich die Erarbeitung der Konzepte und die Berichte, die man dem Bund abliefern müsse, um das Parklabel zu bekommen.

Keine Pärke von oben

Bruno Walder vom Bundesamt für Umwelt BAFU erklärte am Outdoor-Forum, wie der Anerkennungsprozess abläuft. Ein wichtiger Punkt: Der Bund anerkennt nur Pärke, die auf regionalen Initiativen beruhen und von der lokalen Bevölkerung getragen werden. Von oben verordnete Pärke gibt es nicht. So droht beispielsweise das Projekt für einen neuen Nationalpark im Locarnese zu scheitern, weil sich die Gemeinde Cevio kürzlich dagegen ausgesprochen hat. Jäger, Fischer und Landbesitzer befürchten zu viele Einschränkungen. Erneut das « ewige Dilemma »: die unterschiedlichen Wünsche von Reisenden und Bereisten.

Diskussionen auch im SAC

Ein Spannungsfeld, das auch der SAC bestens kennt. Zurzeit manifestiert es sich in den Diskussionen um das Projekt « Alpenlandschaft Zukunft ». Anders alsNetzw erk Schw eiz er Pärke. Stand Mai 2009. Perimeter: schematisch, teilw eise pr ovisorisch. Kar tengrundlage Schw eiz er W eltatlas 2004. Zeichnung: A LPE N/CH.. " " .H.G RAF IK © Netzwerk Schweizer Pärke | Stand: Mai 2009 Perimeter: schematisch, teilweise provisorisch Kartengrundlage: Schweizer Weltatlas 2004 Zeichnung: ALPEN / CH.. " " H. GRAFIK Nationalpark: Kandidat Nationalpark: anerkannt Regionaler Naturpark: anerkannt Regionaler Naturpark: Gesuch oder Idee Regionaler Naturpark: Kandidat Naturerlebnispark: Kandidat Naturerlebnispark: Gesuch oder Idee

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