Das Gold der Erinnerung

Hinweis: Dieser Artikel ist nur in einer Sprache verfügbar. In der Vergangenheit wurden die Jahresbücher nicht übersetzt.

A. Pfiff/i, Zürich Ihr Matten lebt wohl, Ihr sonnigen Weiden...

Ist es soweit? Zeit zum Aufhören? Ist unser Sommer in den Bergen endgültig dahin?

Die vom Seil bis aufs rote Fleisch aufgerissene Hand wird notdürftig verbunden. Der Rückzug aus der Wand kann beginnen. Ein unglaubliches Glück stand uns bei, uns: drei Bergfreunden mit angegrauten Schläfen, die dem grossen Spiel, der Bewährung im schweren Fels, immer noch verfallen sind.

Angeschmiegt an die senkrechte, hellgraue Kalkwand, mit gutem Tritt und Hakensicherung, das ockergelbe Grilonseil zusätzlich um einen armdicken Bergföhrenstrunk geführt, liess ich meinem Kameraden den Vortritt, weil ...ja, weil die Exponiertheit mir zu schaffen machte und mich unsicher werden liess. « Es wird schon gehen, du kannst das sicher; es sind ja nur noch ein paar Meter bis zum nächsten Band; so schwer scheint 's nicht zu sein, bestimmt nicht! Pass aber auf! » - Schafft er es wirklich? Und wenn er stürzt? Kann ich ihn haltenFünfzehn Meter weiter unten steht seine Frau auf dem schmalen Einstiegsband, dann eine gähnende Leere und weit unter ihr das kalte, grauweisse Karfeld. « Gut so, noch zwei Meter! » - Da, Himmel! Wie kann er nur! Ein hässliches Gepolter, der Schreck greift mir ans Herz, das Seil fährt durch die Hand, brennt, strafft sich - und hält, wirklich, es hält, und ich stehe noch da, den Gestank zerberstender Felsbrocken in der Nase. « Mama, Mama! » verklingt ein Ruf aus tiefster Seelenangst vom Band herauf. « Het's der öppis gmacht? » - eine bange Frage — und die erlösende Antwort: « I glaub nid... der verfluchte Block... lass mich langsam noch etwas weiter hinab... gut so, ich stehe... meine Glieder scheinen ganz zu sein. » — Übervorsichtig, mit umständlicher Selbstsicherung, steige ich zum Gestürzten hinunter. Kleinlaut und noch ungläubig stehen wir nebeneinander auf dem schmalen Band. Wir haben Glück gehabt, wirklich Glück. Ein ausbrechender Felsblock, ein Sturz über fast 20 Meter, aufgefangen durch eine - wie es in der Fachsprache heisst - dynamische Sicherung. Das Seil weist meterlang eine metallfarbene Tönung auf, herrührend von der Reibung im Allain-Karabiner.

Langsam und vorsichtig bewegen wir uns über das Einstiegsband zurück, aus der Wand hinaus, auf ein sicheres Grasfeld. Allmählich macht sich eine nachdenkliche Erleichterung in uns breit, und es stellt sich aber auch die resignierende Frage: Ist Klettern keine Sache mehr für uns? Heisst es Abschied nehmen von der Lust am Wagnis, von der verlockenden Bewährung im schwierigen Fels, von der Freude am Gelingen? Ist der Herbst nun endgültig da?

Wie im Morgenglanze Du rings mich anglühst, Frühling, Geliebter!

Damals, vor dreissig Jahren, da hätte ich 's doch fraglos geschafft, damals, im Frühling, in der unbeschwerten Zeit jugendlichen Bergsteigens...

Die Strahlen der frühen Sonne berühren schon das hohe Ziel, weit unter mir liegt das Dach der Fergenhütte; allein schiebe ich mich, nach einem heiklen Quergang, über die exponierte Nase hinauf auf den Frühstücksplatz. Eine kurze Pause, und weiter geht 's unschwierig in der Ostwand hoch und dann wieder recht heikel zum Einstieg in einen hohen Spalt, worin man sich als schlanker Bursche gut geborgen emporwindet, schliesslich unschwer aussteigt und bald danach den Gipfel des Fergenkegels betritt. Weit ist der Blick auf Bündens Berge und Täler. Die Pfeife schmeckt, ich bin allein und restlos zufrieden mit mir.

Der Abstieg über den Westgrat ist etwas leichter; immerhin heisst es aufpassen über die dachartig abfallenden Plattenwände hinunter; dann folgt der Quergang zum Einstiegsplatz zurück und hinab zur Hütte.

Am frühen Nachmittag laufe ich dann leichtfüssig nach Klosters hinaus.

Weitere Bilder, Kostbarkeiten aus dem Schatze der Erinnerung, drängen ans Licht, verklärt durch die zeitliche Ferne, durch das Abendlicht, das auf ihnen ruht, ja durch einen Anflug von Melancholie, Stimmungen im Landschaftsbild der Seele erzeugend, wie sie den Musikfreund erfüllen mögen beim Anhören romantischer Motive. Als Beispiel: das herrliche Alphornmotiv in Brahms erster Symphonie, welches er unter dem Einfluss der Bergwelt ( während eines Aufenthaltes in Thun ) komponiert hat.

Ja, schön war das Jungsein in den Bergen!

Die rechte Seite, das heisst Arm und Bein, so gut als möglich verklemmt im senkrecht aufstei-lendem Mummery-Riss am Grépon, schiebe ich mich mühsam höher. « Geht's? -Ja, es muss gehen! » Da bin ich pustend oben angelangt, und dort ist ja schon das Kanonesloch, wie Alexander Burgener ( nach Walliser Grammatik ) den folgen- den Durchschlupf taufte. Etwas leichter kommt mir - nun als zweitem am Seil - die nächste Viererstelle vor, der Râteau de Chèvre. Auf der « Vire aux Bicyclettes » wird ein Imbiss eingenommen, und schliesslich, nach Überwinden des schwierigen Schlussrisses, stehen wir neben der kleinen Madonna auf dem Gipfel, zufrieden mit uns, mit dem Erreichten, mit dem Leben. So war es auch auf dem unerwartet bequemen Gipfelplatz nach der luftigen, ausgesetzten Schlusswand derGuglia di Brenta, wo man eine Glocke zum Erklingen bringen kann und sich - damals -einschrieb als 389.Besteiger. Ein weiteres Bild: die herrlich steile Schleierkante. Mein Freund hisst sich senkrecht über mir, vorsichtig von Haken zu Haken einklinkend, höher, während ich seinen Manchesterhosenboden sozusagen im freien Raum von unten bewundere. Der gleiche Freund übrigens, der sich am Salbitschijen-Süd-grat, am Südwestgrat des Schreckhorns und auf vielen andern Touren bestens bewährt hat. Es bleiben unvergessliche Eindrücke von warmem Fels, Sonne, von frischem Gratwind, und es bleibt das Erlebnis bester Bergkameradschaft. Die Verbindung durchs Seil auf schweren Fahrten vermittelt ein ganz besonderers Zusammengehörigkeitsgefühl, das recht oft zu einer Freundschaft fürs Leben wird. Wie könnte ich ihm jemals gram sein, dem Freund, der mit mir spät nachmittags nach dem langen Aufstieg im tiefen Schnee durch den Korridor des Grand Combin eine Abfahrtsspur zeichnete, mich auf die Syrène in den Calanques führte und mit mir frühmorgens auf dem Grossglockner stand!

Freund wird uns aber auch der bezwungene Berg, dauernde in sich ruhende Selbstbestätigung, warm aufleuchtende Erinnerung beim Wiedersehn an damals. Trost für das Alter, un-verlierbarer Schatz.Ambivalent dagegen ist das Gefühl zum Berg, der uns abwies: Seltsamer Beginn einer Bergfahrt; noch in Sichtweite der Gambahütte seilen wir uns auf den Frêney-Gletscher ab, dann lavieren wir hin und her durch ein Spaltengewirr, turnen über Séracs und erreichen endlich den Fuss des von einem grossen Stein-schlagkanal durchzogenen Couloirs, das steil hinauf zur Scharte der « Dames Anglaises » führt. In den linken Begrenzungsfelsen suchen wir unsern Weg und erreichen gegen Abend das Biwak in der Scharte. Der unübersichtliche Weiterweg wird rekognosziert und beeindruckt uns durch seine Steilheit. Dann Düsterkeit im engen Bivacco, während draussen Wind, ja Sturm einsetzt. Kleine Steinchen prallen auf das Blechgehäuse und belasten das Gemüt, Einträge im Hüttenbuch sprechen von Verschollenen und Abgestürzten.

War es klug, nach der Matterhorntraversie-rung bei unsicher werdender Wetterlage noch hier heraufzusteigen? Was bringt uns der nächste Tag? Sind wir in einer Mausefalle? Das Bild von Frau und Kind taucht auf, bedrängt das Herz, lässt den Wunsch aufkommen, weit weg und in Sicherheit zu sein. Die bange Nacht endet, der Morgen zeigt sich mit fahlem Licht, in düsteren Wolken verliert sich das Gipfelmassiv des Mont Blanc über uns. Der Westwind verheisst nichts Gutes. Rückzug? Jetzt, wo wir schon so weit oben sind? Wir beugen uns dem Gebot der Klugheit, steigen vorerst die am Vorabend rekognoszierten zwei Seillängen hoch, um als Abstieg das Couloir der Variante Graham Brown durch die Wand der Punta Gugliermina zu benützen. Gegen Mittag überqueren wir erleichtert den Colle dell'Inno-minata, jenen Übergang, der später durch die Tragödie der Seilschaften Bonatti und Mazeaud beim Rückzug vom Frêney-Pfeiler seinen tragischen Klang erhalten wird.

« Avete fatto bene », begrüsst uns die Hüttenwirtin der Gambahütte. Wir steigen zu Tal, abgewiesen von der Ungunst des Wetters, marschieren heimwärts durchs Val Veni, vorbei an einem verlassenen Weiler, der sich Peuterey oder nach italienischer Schreibweise Peteret nennt.

Warum das Wagnis? Chi lo fa fare? Ja, kann man es erklären? Weil man nicht anders kann, weil es den Bergsteiger lockt und ruft, selbst oder erst recht nach vergeblichem Bemühen.

Kühn ist das Mühen Und herrlich der Lohn gilt nicht nur für die mädchenerobernden Soldaten in Goethes Faust, sondern auch für die Bergsteiger, die um ihr hohes Ziel kämpfen. Es geht ja nicht nur um den Sieg über den Berg, sondern auch darum, einen Erfolg über sich selbst zu erringen. Da bin ich, habe etwas geleistet, über mir der blaue Himmel und vor mir Gottes weite Welt. Tief unten liegen die Niederungen des Alltags, das Gewimmel der Menschenmassen, der Jahrmarkt des Lebens. Hier oben zählt kein Tun-Als-Ob, keine Überheblichkeit, kein Rangunter-schied, hier zeigt sich dein wahres Gesicht. Was zählt, ist dein Mut, deine Ausdauer und deine Kameradschaftlichkeit.

Zwei Seelen wohnen nun aber auch in der Brust des echten Bergsteigers: die Lust an der Tat und - nicht minder beglückend — die Freude an der Schönheit unserer Bergwelt. Grossartig ist das Meer — beglückend indessen die Natur der Berge in ihrer wechselvollen Pracht. Hier, wo oft jede Wegbiegung dem Wanderer ein neues Bild, einen neuen Ausblick freigibt, wo die Blumen in besonders kräftigen Farben leuchten und wo die Gipfelrast wartet mit ihrem Ausblick auf den leuchtenden Glanz naher und ferner Berge, hinüber zur charakteristischen Haube des Galenstockes, zu den Gotthardgipfeln, zum klotzigen Tödi und zur Berninagruppe im fernen Blau; im westlichen Dunst das Finsteraarhorn und das majestätische Weisshorn.

Wir staunen und sinnen, und manche Erinnerung drängt sich auf bei dieser Schau, hoch über dem tiefen Tal, aus welchem das Rauschen des Baches bald stärker, bald schwächer zu uns herauf dringt.

Der Glanz, das Firnelicht verbleibt, und in der Erinnerung hellen sich auch die Schatten auf. Ja selbst dann, wenn die Schönheit des Bergerlebnisses eine Illusion wäre, wie naturferne Leute es etwa behaupten und wie es uns selbst etwa vorkommen mag bei ermüdenden Abstiegen, bei Kälte

Feedback