Das Grassenjoch

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Von A. Wäber.

Das Grassenjoch ( 2644 Meter. ) Zwischen den beiden Kalkketten der Gadmerflühe und des Schloss- und Geissberges erhebt sich, wie die Rückwand einer Nische etwas nach Süden zurücktretend, die Reihe der Engelberger Grassen, der mittlere Theil jener Gneisskette, welche als äusserster vorgeschobener Posten der krystallinischen Gesteine in den Unterwaldneralpen, sich vom Zusammenfluss des Wendenwassers und der Gadmeraar nordöstlich bis zur Reuss zwischen Silinen und Erstfeld hinüberzieht. Während die beiden Kalkketten nach S. in steilen Felswänden abfallen und desshalb, wenn wir das Kleingletscherli zwischen Titlis und Ochsenkopf ausnehmen, nur auf ihrer nördlichen Abdachung Gletscher tragen, ist die ihnen, zwar in gebrochener Linie, parallel laufende Gneisskette, im Verhältniss zu ihrer geringen absoluten .Höhe stark vergletschert. Nach Westen entsendet sie den Wendengletscher, nach Osten in 's Erstfeld den Glattenfirn; auf dem Nordabfall gegen das Thal der Aa breiten sich der Firnalpeli- und der Grassengletscher aus und die südlich abfallenden zahlreichen Eis- und Firnfelder senden ihre Gewässer zur Meyen-reuss, wie der Stossen-, Wichelplank-, Kuhfad- und Rossfirn, oder zur Gadmeraar, wie der Oberthalgletscher. Auffallend ist der geringe Unterschied zwischen der durchschnittlichen Grathöhe von 2800™ und der Gipfelhöhe von 3000 m; die Kette stellt sich als eine mächtige Festungsmauer dar, über welche kleine Wacht-thürmchen kaum hervorragen; wir finden also hier im Kleinen ein ähnliches Verhältniss, wie es v. Sonklar für die Hohen Tauern nachgewiesen hat, bei verhältnissmässig geringer Höhe eine mächtige und massige Erhebung mit schwacher Ausschaltung des Kammes. Die Gipfel sind meist zackige Klippen, die schwarz und schroff aus dem blinkenden Firn- und Gletschermantel aufsteigen.

Im westlichen Theile der Kette zwischen dem Wendengletscher und dem Sustenjoch erheben sich die verwitterten Urat- und Fünffingerstöcke; den östlichen beherrscht der firngepanzerte Krönte, 3108 m, ( Krönlet der Dufourkartedie Mitte nehmen die Grassen ein, welche am gleichnamigen Gipfel ( 2946 m ) ,'dem Thierberg der Dufourkarte, beginnen und sich über den Wichelplankstock ( 2976 m ) bis zum kleinen Spannort ( 3149 m ) als Wasserscheide zwischen der Engelberger Aa und der Meyenreuss fortsetzen. Von den beiden Endpunkten ziehen sich Queräste zu den Eckpfeilern der beiden Kalkketten, dem Titlis und dem Schloss- berg hinüber; aus der Mitte des östlichen Astes streben zwischen dem Spannortjoch und der Schlossberglücke die Felssäulen des Grossen Spannortes ( 3205™ ) auf. Der westliche Ast vom Grassen zum Titlis ist kürzer und der Thierberg ( " Wendenhörner der D. K. ), der demselben entsteigt, ist ein Felskopf, der die Einsattelungen zu beiden Seiten nur wenig überragt. Während das Spannort die Auflagerung des Kalkes auf dem Gneiss zeigt, gehört der Thierberg noch ganz dem Kalk der Titliskette an.

Am Thierberg vorbei führt über den Firnalpeli-und den Wendengletscher der direkte Pass zwischen Engelberg und Gadmen. Welche von beiden Einsattlungen als Uebergang benutzt wird, ist gleichgültig und muss sich jeweilen nach der Beschaffenheit des Firns und der Zerschrundung des Gletschers richten. Beide-verbinden dieselben Gletscher, sind von einander kaum 300 m entfernt und nur durch den Maulwurfshügel des Thierbergs geschieden; sie sind deshalb wohl nur als-Varianten desselben Passes anzusehen und ein Name möchte für beide genügen. Im August 1871 hat Hr. Prof. Zähringer die westliche ( 2650 m ) zwischen den Wendenhörnern ( Thierberg ) und dem Titlis überschritten« und sehr passend Wendenjoch getauft; die östliche Einsattlung ( 2644™ ) zwischen dem Thierberg und dem Grassen wurde dem Schreiber dieser Zeilen im Juli 1875-auf Gadmer- und Engelberger-Seite übereinstimmend als Grassenjoch bezeichnet und dieser Name auch auf die ganze'Lücke zwischen Grassen und Titlis ausgedehnt. Welcher Name nun, oder ob gar beide als vollwichtig erfunden werden, das gehört vor den Richter- Das Grassenjoch.169'stuhl des topographischen Bureau's.* ) Einstweilen aber halte ich fest an der Bezeichnung Grassenjoch für den östlichen Uebergang, den ich mit Freund Löhnert, meinem Reise- und Leidensgefährten im Juli 1875, nassen Angedenkens, von Gadmen nach Engelberg überschritten habe. Da unser Weg von demjenigen Prof. Zähringer's, wie er im Itinerar skizzirt ist, in manchen Punkten abweicht, so mag eine Beschreibung desselben hier nicht am unrechten Orte sein.

Regen, Nebel, Regen, hie und da ein kurzer, trügerischer Sonnenblick und wieder Regen und Nebel, so lautet nach unserer und wohl vieler anderer Clubgenossen unliebsamer Erfahrung das meteorologische Bulletin für den Juli 1875.

Die erste Woche des trübseligen Monats, die wir zu unserem Ausflug in 's Clubgebiet bestimmt hatten, machte hievon keine Ausnahme. Am Vormittag des 6. endlich schien das Wetter in sich gehen und Besserung versprechen zu wollen; diese Anwandlung zum Guten galt es zu benützen: der herrlich klare Abend, der dem immer noch zweifelhaften Tage gefolgt war, traf uns bereits in Meyringen im heimeligen Gasthof zum Bären unseres Clubgenossen Willi.

Leider hielt der folgende Tag nicht, was der Abend versprochen hatte. Zwar strahlte die Sonne von wölkenAnmerkung. Will man die ganze Lücke mit einem Namen bezeichnen, so dürfte sich, um Verwechslung mit dem Grassenpass, der von Engelberg über den Grassengletscher, die Bärengrnbe ( 2718 ) und den Kühfadfirn auf die Kleinalp und in 's Meyenthal führt, der Name Wendenjoch empfehlen.

losem Himmel, als wir am 7. früh aufbrachen, um über Hof und Gadmen unser projektirtes Nachtquartier, die Wendenalp, zu erreichen; aber die Luft war schwül und drückend; in verrätherischer Schärfe und Klarheit blickten die Hörner und Stöcke, welche das Hasli umrahmen, zu uns herab, und der Abend fand uns statt auf der Wendenalp in dem überbescheidenen Wirthshaus von Gadmen, pfeifenqualmend und mit mehr stillem Ingrimm als beschaulicher Betrachtung über die Vergänglichkeit alles Irdischen nachdenkend. Das Blatt hatte sich rasch gewandt; dem strahlenden Morgen war ein trüber Nachmittag gefolgt; die Luft hatte ihre Durchsichtigkeit allmälig verloren; schwere Wolken zogen rings herauf und der Föhn trieb in ihnen sein -wildes Spiel. Unter diesen Umständen war es nicht gerathen, die bereits verlassenen Hütten der Wendenalp oder gar, wie wir einen Augenblick gedacht hatten, weiter oben einen schützenden Balm als Nachtquartier zu beziehen.

Im Wirthshause hatten wir Hrn. Oberst Escher, Mitglied der Sektion Uto des S.A.C. getroffen, der mit den beiden Weissenfluh einen Ausflug in 's Triftgebiet beabsichtigte. Wir hatten uns, als er bei Zeiten aufbrach, um das schirmende Dach des Gasthauses am Steingletscher zu erreichen, gegenseitigherzlich Olubisten-heil gewünscht. Leider scheint Zeus, der Wolkensammler, diesmal schwerhörig gewesen zu sein, denn das Wetter ward immer finsterer; im fahlgrauen Wolkenschleier verbargen sich Berg und Thal, und selbst die gerade gegenüber sich erhebenden Wände und Zacken des Kadlets- und des Wanghornes waren nur hie und da, wenn gerade ein Windstoss die Wolken zerriss, für Augenblicke zu erkennen. Bald ergoss sich unter Blitz und Donner der Regen, mit Schlössen untermischt, in gewaltiger Fluth: es war derselbe Tag, an dem von Genf bis an den Bodensee fast die ganze flache Schweiz von Gewitter und Hagelschlag heimgesucht wurde. Unsere Aussichten standen schlecht; mit schwerem Herzen legten wir uns zu Bette. Unsern Führern, dem Jäger Mohr von Gadmen und Johann Tännler von Meyringen, hatten wir den bestimmten Auftrag ertheilt, wenn der Regen nachlasse, uns um Mitternacht zu wecken; denn der Weg, den wir vorhatten, war lang; unsere Pläne schweiften über die ganze Reihe der Grassen bis in 's Erstfeld hinüber; sogar dem Spannort war ein Besuch zugedacht, und es galt durch frühen Aufbruch die Zeit einzuholen, die wir mit unserem unfreiwilligen Aufenthalt in Gadmen versäumt hatten. Ob sich unsere Pläne alle, oder ob auch nur etwas derselben sich ausführen lasse, darüber hegten wir allerdings im Stillen begründete Zweifel; jedenfalls aber wollten wir es probiren; zur Rückkehr blieb ja im Nothfälle immer noch Zeit genug.

Es war l/i nach Mitternacht, als Mohr uns weckte; der Regen hatte aufgehört, aber der Himmel war immer noch schwarz verhängt und hie und da erhellte ein Blitz plötzlich und grell das dunkle Thal. Um 1 Uhr 10 Minuten brachen wir auf. Bei Obermatt biegt der Weg zur Wendenalp links ab und führte uns über nasse Wiesen, dann beim spärlichen Schein der Laterne durch steinigen Wald, über Lawinenschnee und Weide zu den verlassenen Hütten, die wir um 2 Uhr 50 Min. gerade zur rechten Zeit einreichten, um vor dem neu1 ausbrechenden Gewitter Schutz zu finden.

Die Wendenalp ist ein circa 3 km langer, nicht ganz lkm breiter, nach O.N.O. sanft ansteigender Thalkessel, im N. überragt von den schroffen Wänden der Wendenstöcke ( 3044 m ) und des Ochsenkopfs ( 3012 m ), im S. von den Ausläufern der Fünffingerstöcke, dem Eoth-bergli ( 2480 m ), dem Vorbettlihorn ( 2445 m ), und dem Grätli ( 2017 m ), an welches sich zwischen dem Wendenwasser und dem Steinwasser, dem Quellbach der Gadmeraar, die Weiden und Wälder der Gschletteralp ( 1760 m ) anlehnen. Den Hintergrund bilden die Felswände und Schutthalden des Schwarzenbergs und der Uratstöcke ( 2671 m ), die den Absturz des Wendengletschers zwischen sich fassen. Der Blick thalabwärts zeigt uns die Kette der Wetterhürner. Die Alp wird mit Kühen, Ziegen und Schafen befahren. Unterhalb der Schafläger am « weissen Band », liegen dicht gedrängt in 1616 m Höhe die Hütten. Das « weisse Band » heisst eine Schicht eines gelben mageren Kalksteines, das durch seine helle'Farbe scharf von dem Schwarzgrau des andern Gesteines abstechend, sich an den Gadmerflühen und am Titlis bis in 's Engelberg hinüber verfolgen lässt.

Unsere unfreiwillige Rast war lang; wir benützten sie zu einem tüchtigen Frühstück, von der kundigen Hand Jäger Mohr's, des Vielgewandten, kunstgerecht zubereitet. Endlich um 4 Uhr liess der Regen nach und überraschend schnell heiterte der Himmel sich auf. Dass aber dieser rosenrothen Laune nicht zu trauen sei, erkannten wir unschwer an der Schärfe der Beleuchtung, an der seltsamen Nähe der Wetterhörner und den schon am frühen Morgen stechenden Strahlen der Sonne. Wir brachen auf; unseren weitschweifenden Plänen hatten wir Valet gesagt, aber wenn Jupiter pluvius ein Einsehen thun wollte, war doch vielleicht der Uebergang nach Engelberg zu bewerkstelligen. Ein schmaler, steiniger Alpweg, belebt von Hunderten der bekannten schwarzen Alpensalamander führte uns allmälig ansteigend gegen die « Glogghiiser », zwei Felsklippen, die wie der Mythenstock vor den Flühen des Seelisberges, sich thurmartig vor der Wand der Wendenstöcke erheben, für die Gemsjäger nach Mohr's Versicherung ein nicht unwichtiger Lauerposten. Dann zog sich der Pfad in einer Höhe von circa 150 m über der Thalsohle zu den Felsen und Schutthalden des Schwarzenbergs hinüber, über welche wir ziemlich steil steigend um 5 Uhr 45 Minuten den weissen Balm erreichten, der ( wie der Name andeutet eine Unterhöhlung des Gesteins im oben erwähnten « weissen Band » ), circa 2100 m hoch am Fusse des Ochsenkopfes liegt und bei gutem Wetter ein ganz erträgliches Unterkommen bieten mag. Die Aussicht hier oben ist beschränkt aber grossartig; rechts schweift der Blick über die niedern Vorberge des Grätli und der Gschletteralp zu den eisbepanzerten Gipfeln der Trift hinüber, die wir vom Radlefshorn bis zum Steinberg übersehen. Links entsteigen dem breithingelagerten Wendengletscher die zerrissenen Uratstöcke, das Wasenhorn und der .Grassen.

War unser Weg bis dahin fast ein Spaziergang zu nennen gewesen, so wurde er von nun an rauh, stellenweise beschwerlich, aber nirgends gefährlich, vor Allem aber nass: « nasskolt, waterig, kläterig », wie Onkel Bräsig von der Wasserkunst sagt. Ueberall sprudelte das Wasser, rieselte über die Felsplatten hinab und durchweichte die Gufferhalden. Dass dieser Wasserreichthum nicht nur dem Regen, sondern vielmehr dem heute herrschenden Föhn zu verdanken war, das bewiesen uns die haselnussgrossen Hagelkörner, welche da und dort die Felsspalten erfüllten; hier oben war jedenfalls gestern Abend nicht Regen mit Schlössen vermischt, sondern richtiger Hagel gefallen.

Unter den Wänden des Ochsenkopfes und dem Absturz des Kleingletschers durch kletterten wir empor gegen die Kehle am Fusse des Punktes 3032 zwischen dem Kleingletscherli und der oberen Terrasse des Wendengletschers. Freundlich grüssend ertönte uns aus nächster Nähe der helle Ruf des Alpenflühvogels, aber es dauerte geraume Zeit, bis wir den zierlichen, erd-grauen Sänger an der dunkeln Wand des Ochsenkopfes gewahr werden konnten.

Um 7 Uhr betraten wir den Gletscher, der fast eben und spaltenlos, von noch ziemlich festem Schnee überdeckt, ganz allmälig nach N. O. gegen die Lücke zwischen dem Grassen und dem Titlis ansteigt, und um 8 Uhr 30 Minuten war die Passhöhe erreicht. Wie oben angedeutet, hatten wir uns dem östlichen Uebergang zugewendet und machten nun im gelben Felsgetrümmer am Ostfusse des Thierberges Halt zur Orientirung und zur wohlverdienten Rast und Erquickung.

Auch hier ist die Aussicht eine beschränkte. Uns zur Linken steigt wie ein riesiger Thurm, jäh und scharfkantig, der Titlis auf. Wer gewohnt ist, den Gipfel von Engelberg oder von entfernteren westlich und nördlich gelegenen Punkten zu sehen, wo er sich zahm und ein bischen philisterhaft mit der weissen Firnhaube auf dem runden Kopfe darstellt, der würde kaum in dem trotzigen Felsthurm den alten friedlichen Bekannten erkennen, und die Besteigung des Gipfels, die von Engstlen oder Engelberg aus heute zu den Damentouren gehört, wäre direkt vom Wendenjoch jedenfalls unmöglich. Dagegen wird er unter Jäger Mohr's Leitung jetzt nicht selten von S., vom Schwarzenberg aus, erklettert; der Abstieg nach dieser Kichtung dagegen ist so viel bekannt noch nicht gemachtworden. Rechts von uns dehnt sich im wallenden Eismantel, den schwarze Klippenreihen hie und da durchbrechen, die Reihe der Grassen aus. Der gleichnamige Gipfel ( 2946 m ) bildet ein Dreikant, dessen West- und Südseite schroff und felsig abfallen, während die firnbekleidete Nordostseite bequemen Anstieg gewähren mag. Für uns hiengen bei dem rasch sich wieder trü-benden Wetter auch diese Trauben zu hoch. An die Reihe der Grassen schliessen sich im Osten die wildzackigen Pfeiler und Säulen der Spannörter und nördlich von ihnen weist der Schlossberg seine graue kahle Mauer. Zu unsern Fussen liegt fast 1500 m tiefer der grüne Thalboden der Aa und der Surenenalp. Den Passweg der Sureneneck können wir bis zu seiner Höhe verfolgen, und über derselben sehen wir den Blackenstock, den Brunnistock und die rothbraune breite Kuppe des Urirothstockes aufsteigen, der nach dieser Seite, weit verschieden von dem klassischen Bilde, den er im Hintergrund des Urnersees gewährt, ein mürrisches, Terdriessliclies Gesicht zeigt. Es fehlt eben all diesen Gipfeln bis zum Schlossstock, Wissigstock und Koth-schutz herüber, auf der Südseite der Schmuck des Gletschers und Firns, und dafür vermögen weder die grossartig schroffen Wände, noch die kühnen Gipfelformen ausreichenden Ersatz zu bieten. Mit dem Weissberg ( 2530 m ) und dem Stotzigberg ( 2745 m ), westlicher mit dem Engelberg beherrschenden Hahnen ( 2611 m ) schliesst die Rundsicht ab.

Um 9 Uhr 45 Minuten verliessen wir die Pass-höhe* ), nicht ohne zur Erinnerung ein Sträusschen von Thlaspi rotundifolium, dem einzigen Blümchen, das der Felsen bot. gepflückt zu haben. An's Seil gebunden, ging es nun den steilen schneebedeckten Firnalpeligletscher in kurzen Zickzacks hinunter. Stufen zu hacken, war nur an wenigen Stellen nothwendig.

Während links am Fusse der ïitliswand der Gletscher bös zerschrundet erschien, bot er auf unserem Wege keine nennenswerthen Spalten. Wir zogen uns rechts einem kleinen Fluhsatz nach, der sich unterhalb des Thierberges nordöstlich gegen den Punkt 2535 der Exkursionskarte hinzieht und im Gegensatz zu dem Kalkgestein des ersteren den Hornblendgneiss der Grassen aufweist. Ungefähr bei Punkt 2105 verliessen wir den Gletscher und wanderten über bröckDieselbe ist nicht, wie auf der Exkursionskarte, ein Schneejoch: ein Trümmerwall erstreckt sich vom Titlis bis zum Thierberg und von diesem fast bis zur Kordkante des Grassen.

liges Gestein und Schutt dem Gletscherwasser nach bis zum Firnalpeli. Der Abhang ist steil; sein Gefälle beträgt von der Passhöhe bis zur Aa fast 50°/o. Der Weg da hinunter behagte mir nicht; lockeres Gestein, tiefer unten endloses Gestrüpp abgeblühter Alpenrosen, unter dem Fusse plötzlich nachgebend oder ihm eine tiefe Grube zwischen den .Steinen tückisch verbergend. Am Firnalpelibach überraschten wir eine friedliche Steinhühnerfamilie; nach allen Richtungen flohen die Küchlein auseinander, während die besorgte Mutter mit ängstlichem Hin- und Herflattern die Aufmerksamkeit von den Kleinen abzuwenden suchte. Arme Mutter! Deine Angst ist thöricht. Wir denken nicht daran, dich und die Deinen zu störenDer letzte Abstieg führt durch Wald, ohne die Alphütten der Herrenrüti zu berühren, zur Aa hinab, die auf guter Holzbrücke um 1 Uhr überschritten ward. Jenseits winkte uns vom Dach der Hütten bei 1180 m eine rothe Fahne, und schien dem lechzenden Gaumen Labung zu versprechen. Schon weit oben hatten wir das Zeichen erblickt und uns dessen gefreut. Wir eilten hinauf, leider vergebens, denn nirgends liess sich ein menschliches Wesen erblicken, und nach langem Suchen mussten wir enttäuscht unseres Weges fürbas ziehen. Allen hungrigen und durstigen Clubgenossen aber, machen wir es uns zur Pflicht, diese Fahne als ein falsches, verrätherisches Zeichen zu signalisiren, jenen Irrfeuern vergleichbar, welche arglistige Strandräuber am Felsufer anzünden, um die Schiffe aus der richtigen Bahn zu lockenünser Durst aber komme über den bösen Senn!

12 Im Geschwindschritt ging es nun thalabwärts, Engelberg zu und dem Unwetter voraus, das schwere Wolkenmassen rings aufthürmend wieder loszubrechen drohte. Einen Augenblick hielten wir uns am Tätschbache aufT weniger um dessen Wasserfall zu bewundern, als um vor dem Einzug ins Dorf etwas Toilette zu machen. Verlorene Mühe! Wir hatten kaum den Feldweg erreicht, der über Ackerhaus und Städeli zum Kloster führt, als der Regen wieder anfieng und uns gehörig durchfeuchtete, bevor wir das schützende Dach des Engels erreicht hatten. Dass wir hier, nässetriefend wie wir waren und trotz unserer stark mitgenommenen Bergtoilette, freundlich aufgenommen und beherbergt wurden, versteht sich beim Engel von selbst.

Das Wetter versprach keine Besserung; seine gute Anwandlung war leider wieder nur eine flüchtige gewesen. So blieb uns nichts anderes übrig, als von unseren ferneren Plänen, Besteigung des Spannorts von Engelberg aus, oder Uebergang über den Titlis zur Wendenalp, abzustehen, unsere Führer zu entlassen und am folgenden Morgen mit der Post thalabwärts zu fahren. Mit beiden Führern waren wir zufrieden. Mohr's Lokalkenntnisse gehen zwar nicht weit über die Trift- und Engelbergergebirge hinaus; mit diesen aber ist er als Jäger vollständig vertraut, wie vielleicht wenig Andere. Joh. Tännler, der wie wir zum ersten Male unter Mohr's kundiger Leitung das Grassenjoch überschritt, ist wohl mehreren Mitgliedern der Sektion Bern vom Ausflug aufs Dossenhorn her noch in guter Erinnerung. Beide haben sich bei unserem Uebergang als zuverlässige, sorgsame und zuvorkommende Führer bewährt.

Mit unserem Wege über das Grassen- oder Wendenjoch lassen [sich unschwer zwei Varianten verbinden. Die eine derselben, Prof. Zähringer's Weg, führt vom Wendengletscher statt der Titliskette, den Uratstöcken entlang und erreicht über die Gschletteralp das freundliche Wirthshaus am Stein. Es hat dieser Weg dem unsrigen gegenüber den Nachtheil, dass er den Lawinen und Steinschlägen der Urathörner ausgesetzt ist, während die kompaktere Gesteinsart der Titliskette und der schneefreie S. Absturz derselben diese Gefahr gar nicht oder nur im geringsten Maasse bieten. Nach Prof. Zähringer's Angabe im Jahrbuch VII, pag. 503, ist auch der Uebergang am linken Ufer des Gletschers nach Stein um etwa eine Stunde länger als der unsrige. Abgesehen von allen Halten, erfordert der Weg längs der rechten Thalwand circa 9 Stunden durchaus nicht angestrengten Marsches: l' /2 bis zur Wendenalp, 1 x/4 zum weissen Balm, 1zum Gletscher, 1 zur Passhöhe, 2 xj-i bis zur Aabrücke bei Herrenrüti und ll/i bis Engelberg. Eine andere Variante mit Umgehung der Gschletteralp direkt vom Stein zum Wendengletscher haben am 21. Juli 1875 die Herren F. C. V. Bastow und T. A. Lancey ausgeführt. Sie verliessen um 4 Uhr 30 Minuten den Stein und erreichten direkt nordwärts über den Oberthalgletscher ansteigend, um 6 Uhr 30 Minuten eine Lücke im Grat der Urathörner* ), wahrscheinlich zwischen Punkt 2740 und 2890 der Exkursionskarte. In einer Stunde stiegen sie über steile verwitterte Felsen zu dem kleinen namen- losen Gletscher hinab, der durch einen jähen Eissturz oberhalb des Vorder-Uratstockes 2671 mit dem Wendengletscher in Verbindung steht. Sowohl die Felsen des Stockes, wie der Eissturz erwiesen sich als ungangbar. Der Abstieg wurde deshalb an dem rechten Ufer des Eissturzes unterhalb des Vorder-Uratstockes gesucht und gefunden. Der Fels war schwierig, und es kostete 4 l/ï Stunden unablässiger Anstrengung, um von der Lücke bis an das untere Ende des Wendengletschers zu gelangen, das um 11 Uhr erreicht wurde. Bei reichlichem und gutem Schnee könnte man indessen vielleicht über den oberen Eissturz mit Leichtigkeit zum Wendengletscher hinabgleiten ( Alpine Journal N° 50, November 1875 ). Die Möglichkeit dieser Rutschpartie bleibt aber immerhin sehr problematisch, und es wird deshalb diese Variante wohl selten den Umweg über die Gschletteralp ersparen können, ganz abgesehen von der unmittelbaren Nähe der arg ausgewitterten Fünffinger- und Uratstöcke, die ihrer Steinschläge wegen in verdientem schlechtem Rufe stehen.

Alles in Allem genommen glaube ich, unser Weg am rechten Gletscherufer sei die kürzeste und sicherste unter den drei Varianten und nicht die am wenigsten lohnende.

Wer aber, wie wir es ursprünglich beabsichtigt hatten, von der Jochhöhe nicht nach Engelberg absteigen, sondern der Grassenkette entlang zum Spannortjoch und ins Erstfeld gelangen will, der thut jedenfalls wohl daran, sein Nachtquartier nicht in Gadmen, sondern auf der Wendenalp oder bei sicherem Wetter im weissen Balm aufzuschlagen.

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