Das Handy fehlt ja gar nicht mehr Sozialeinsatz auf der Chamanna Jenatsch

Eine 270 Meter lange Wasserleitung in steinigem Boden vergraben ist Knochenarbeit, erst recht wenn eine Front auf 2650 Metern naht. Wie 19 Jugendliche die Komfort-zone verlassen und erst noch Spass daran haben.

Donnerstag, 13. September 2012. Chamanna Jenatsch, 2652 Meter über Meer im hintersten Val Bever. Kein Handyempfang, kein Internet, kein warmes Wasser. Ein eisiger Wind pfeift um die Ecken, Schneeflocken wirbeln durch die Luft. Draussen vor der Hütte lauscht eine Gruppe Eltern mit eingezogenen Köpfen den Worten von Hüttenchef Roli Bühler. Dazwischen stehen die Jugendlichen der Sekundarschule Neftenbach. Trotz dem garstigen Wetter glühen ihre Wangen, die Augen glänzen vor Stolz, die Eltern kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das scheinbar Unmögliche ist geschafft! Exakt 273 Meter Wasserleitung haben die Jugendlichen vergraben, in der Chamanna Jenatsch fliesst nun Quellwasser. 30 Zentimeter tief in steinigem Boden, durch eisigkalte Bergbäche und unwirtliche Geröllhalden. Ein nicht ganz alltägliches Projekt mit nicht ganz alltäglichen Herausforderungen für Schüler, Betreuer und Hüttenwarte nimmt mit dem ersten weissen Kuss des Winters ein versöhnliches Ende. Auch wenn es nicht immer danach ausgesehen hat.

Grosse Skepsis: keine Dusche

Die Rückblende: Winterthur, Dienstag, 3. Juli 2012, 7.30 Uhr. Es regnet in Strömen: Die Sekundarklasse von Cécile Schiess und Daniel Weibel aus Neftenbach bei Winterthur muss zum Einwandern auf der Klewenalp ob Beckenried antraben. Es ist keine alltägliche Klasse: In Neftenbach sind die Klassen der 1. bis 3. Sek durchmischt, die Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahre alt. Beim sogenannten altersdurchmischten Lernen lernen jüngere von älteren Schülern. Auch einige Eltern sich mitgekommen. Sie sind bereits Anfang November 2011 über das ambitionierte Projekt informiert worden, Anfang Juni durften alle zu vergünstigten Konditionen bei Bächli Bergsport neue Ausrüstungen einkaufen. «Es war für uns entscheidend, die Eltern so früh wie möglich ins Projekt mit einzubeziehen», erzählt Cécile Schiess.

Und nun die Hauptprobe: mit gepacktem Rucksack sechs Stunden unterwegs, draussen bei Wind und Wetter. Darum wird trotz kühlem Nass losmarschiert: Von der Bergstation Niederrickenbach Richtung Brisenhaus, dort soll eine Suppe auf dem Tisch stehen, danach wäre die Besichtigung der SAC-Hütte angesagt. Die Schülerinnen und Schüler machen lange Gesichter, als sie erfahren: In der Chamanna Jenatsch gibt es keine Duschen. Und schlimmer noch: keinen Handyempfang. Um eine SMS abzusetzen, ist ein Fussmarsch von 45 Minuten hinauf zum Vadret d’Err nötig.

Es scherbelt aus dem Hosensack

Die Handys sind auch auf dem Weg zum Brisenhaus allgegenwärtig. Trotz Verbot scherbelt aus manchem Hosensack Musik. Beim Brisenhaus steht die Klasse vor verschlossenen Türen. Mit dem Besuch hat man bei diesem Wetter nicht gerechnet, obschon die Gruppe angemeldet hatte, sie komme bei jedem Wetter. Die Gesichter werden noch länger. Zum Glück findet die Gruppe im Alphüttebeizli von Josef «Silbi» Käslin Unterschlupf. Für Hüttenchef Roli Bühler war der erste Schritt zum Projekt Jenatsch ein Erfolg: «Ich hatte insgeheim gehofft, dass es regnen würde, denn nur so konnten wir mit den Schülern die Ausrüstung wirklich testen.»

Berge für die Flachland-Munggen

Nach den Sommerferien geht es Schlag auf Schlag: Am 6. September fliegt der Heli mit Baumaterial und drei Kilogramm Gepäck pro Jugendlichen auf die Chamanna Jenatsch. Vier Tage später trifft der Bautrupp ein: Sponsoren haben ein eigenes Lagershirt finanziert. «Flachland-Mungg» steht gross auf der Brust. Ob die für den Kraftakt auf über 2500 Metern taugen?

Der sorgfältig erstellte Arbeitsplan für den Sozialeinsatz wird schon am Montag über den Haufen geworfen, denn am Abend ist klar: Am Mittwoch bringt eine Schlechtwetterfront Schnee und Regen. Der Dienstag muss also voll ausgenützt werden. Alle müssen mit anpacken. Das Tagesziel von 180 Metern Wasserleitung ist hoch gesteckt! Im oberen Teil führt die Leitung durch eine Geröllhalde: «Zuerst haben wir Steine entfernt, um einen Kanal zu machen, dann diesen mit kleinen Steinen befestigt und die Leitung mit grösseren Brocken wieder geschützt», erklären Tristan (16) und Pascal (15). Hüttenwart Fridolin Vögeli kontrolliert genau: «Es dürfen keinesfalls Gegensteigungen entstehen», erklärt er den Schülerinnen und Schülern. Teils wird die Leitung 30 Zentimeter tief im Boden vergraben. Über Rinnen werden steinerne Aquädukte gebaut, auch ein Bachbett muss ausgehoben werden. «Es war anstrengend, aber wir haben gemerkt, dass es mehr Spass macht, wenn wir motiviert zupacken», sagen Laura und Linda (12) nach der Arbeit.

«Wir waren voll mit Schlamm»

Am Mittwoch schneit und regnet es. Noch fehlen 70 Meter Leitung, aber keine Spur von «Flachland-Munggen». Nach dem Mittagessen krampft noch ein harter Kern mit dem Sturm und dem Geröll. Kurz nach 15 Uhr ist der letzte Grasziegel wieder an Ort und Stelle. Von Kopf bis Fuss mit Schlamm eingedeckt quälen sich Manon und Tina (14) beim Haarewaschen mit eiskaltem Bergwasser. «Wir waren so voll mit Schlamm, wir mussten die Haare waschen! Aber wir haben wahnsinnig gekreischt», sagen beide lachend. Also habt ihr die Dusche doch nicht vermisst? «Nein», gesteht Manon, «aber warmes Wasser wäre schön gewesen.» Und sonst, was hat gefehlt? «Trinkwasser ab dem Hahn, statt immer nur Tee», findet Tristan. Erstaunlich: Handy und Internet fehlten scheinbar keinem. «Wir sind einfach zu verwöhnt von zu Hause», analysiert Tina.

Und was fehlt unten im Tal? «Der Zusammenhalt und die gute Stimmung! Gämsch und Tschau Sepp, die Aussicht, die frische Luft und die feinen Suppen!», sagen die Schülerinnen und Schüler. Und welchen Eindruck hatten die Hüttenwarte? «Es war nicht immer einfach», sagt Claudia Drilling, «aber wir werden sie trotzdem vermissen.» Und das Leiterteam ist sich einig: Wenn nur einer oder eine wieder einmal hier hinaufkomme und dann sagen könne: «Dank uns habt ihr Trinkwasser!», dann habe sich der Sozialeinsatz gelohnt.

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